Akute Pankreatitis

Gastroenterologie Häufig Notfall Prüfungsrelevant 📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13

Fall zur akuten Pankreatitis: Gürtelförmiger Oberbauchschmerz, Lipase-Diagnostik, Atlanta-Klassifikation, aggressive Volumentherapie und ERCP-Indikation bei Cholangitis

0 · Auf einen Blick

  • Leitsymptom: Akuter gürtelförmiger Oberbauchschmerz mit Ausstrahlung in den Rücken
  • Diagnostischer Standard: 2 von 3 Kriterien (Schmerz + Lipase ≥3× + Bildgebung)
  • Erste Maßnahme: Volumentherapie, Analgesie, Nahrungskarenz initial → frühzeitige enterale Ernährung
  • Wichtigste Ätiologien: Gallensteine (40-50%) und Alkohol (30-40%) = "GET SMASHED"
  • Prognose: Milde Form 1-3% Letalität; schwere nekrotisierende Form bis 30% Letalität

1 · Leitfall

Notaufnahme J., m Starke Oberbauchschmerzen
"Herr Doktor, ich habe seit heute Nacht furchtbare Schmerzen im Oberbauch! Die ziehen bis in den Rücken durch wie ein Gürtel. Mir ist ständig übel und ich habe mehrfach gebrochen. Gestern Abend war ich noch auf einer Feier und habe einiges getrunken..."
2 · Krankheitsbild

Definition

Die akute Pankreatitis ist eine primär sterile Entzündung der Bauchspeicheldrüse mit unphysiologischer Enzymaktivierung, die zu Ödembildung, Gefäßschädigung und Zelluntergang führt. Die Diagnose wird gestellt, wenn mindestens 2 von 3 Kriterien erfüllt sind:

  1. Typische abdominelle Schmerzen
  2. Serum-Lipase ≥3-fach über dem oberen Normwert
  3. Charakteristische bildmorphologische Befunde

Pathophysiologie

Die Autodigestion des Pankreas entsteht durch vorzeitige Aktivierung von Trypsinogen zu Trypsin im Pankreas. Dies führt zur Aktivierung weiterer Proenzyme (Elastase, Phospholipase A₂) und löst eine Kaskade aus Entzündung, Ödem, Nekrose und systemischer Entzündungsreaktion (SIRS) aus. Bei schweren Verläufen kommt es zu Organversagen und ggf. infizierter Nekrose.

Ätiologie – "GET SMASHED"

Buchstabe Ursache Häufigkeit
G Gallensteine (biliär) 40-50%
E Ethanol (Alkohol) 30-40%
T Trauma, Tumor selten
S Steroide, Skorpionstich selten
M Mumps, Medikamente (Azathioprin, Valproat) ~5%
A Autoimmun selten
S Spider bite (Spinnenbiss) sehr selten
H Hypertriglyceridämie, Hyperkalzämie, Hypothermie ~10%
E ERCP (iatrogen) 3-5%
D Drugs (Medikamente) ~5%

Idiopathisch: 10-20% der Fälle bleiben ohne identifizierbare Ursache.

Epidemiologie

Inzidenz 13-43/100.000 Einwohner/Jahr (steigend)
Altersgipfel Biliär: 50-70 J.; Alkohol: 30-50 J.
Geschlecht Biliär: w > m; Alkohol: m > w
Letalität Mild: 1-3%; Schwer: 10-30%

Schweregrad-Klassifikation (Revidierte Atlanta-Klassifikation 2012)

Schweregrad Definition Letalität
Mild Kein Organversagen, keine Lokalkomplikationen 1-3%
Moderat schwer Transientes Organversagen (<48h) ODER Lokalkomplikationen ~8%
Schwer Persistierendes Organversagen (>48h) 20-40%
3 · Anamnese

Gezielte Fragen

Bereich Frage Warum wichtig
Schmerzcharakter Wo genau sind die Schmerzen? Strahlen sie aus? Typisch: Oberbauch, gürtelförmig in den Rücken
Schmerzbeginn Wann haben die Schmerzen begonnen? Plötzlich oder langsam? Akuter Beginn typisch; schleichend → eher chronisch
Alkoholkonsum Haben Sie in den letzten Tagen Alkohol getrunken? Wie viel? Alkohol = zweithäufigste Ursache (30-40%)
Gallensteine Sind bei Ihnen Gallensteine bekannt? Hatten Sie schon Koliken? Biliäre Genese = häufigste Ursache (40-50%)
Fettstoffwechsel Haben Sie erhöhte Blutfettwerte? Hypertriglyceridämie kann Pankreatitis auslösen
Medikamente Welche Medikamente nehmen Sie ein? Azathioprin, Valproat, Diuretika → medikamentöse Pankreatitis
ERCP Hatten Sie kürzlich eine Magenspiegelung oder ERCP? Post-ERCP-Pankreatitis in 3-5% der Fälle
Vorgeschichte Hatten Sie schon einmal eine Bauchspeicheldrüsenentzündung? Rezidive häufig, V.a. chronische Pankreatitis

Beispieldialog

Arzt:

Guten Tag, Herr Krause. Ich bin . Was führt Sie zu uns?

Patient:

Ich habe seit heute Nacht furchtbare Bauchschmerzen, vor allem hier oben. Die gehen bis in den Rücken durch.

Arzt:

Können Sie mir zeigen, wo genau? Und wie würden Sie den Schmerz beschreiben?

Patient:

Hier in der Mitte, wie ein breiter Gürtel. Es ist ein dauerhafter, bohrender Schmerz.

Arzt:

Haben Sie in den letzten Tagen Alkohol getrunken?

Patient:

Ja, gestern Abend war ich auf einer Geburtstagsfeier. Da habe ich schon einiges getrunken, vielleicht zehn Bier.

Arzt:

Sind bei Ihnen Gallensteine bekannt oder hatten Sie schon mal solche Beschwerden?

Patient:

Nein, Gallensteine nicht. Aber so etwas Ähnliches hatte ich vor zwei Jahren schon mal, da war ich auch im Krankenhaus.

Prüfungsfokus

  • Immer nach Alkoholkonsum und Gallensteinen fragen!
  • Gürtelförmige Ausstrahlung in den Rücken ist KLASSISCH
  • Rezidivierende Episoden → V.a. chronische Pankreatitis
4 · Befund

Vitalzeichen

Temperatur Oft erhöht (Fieber bei SIRS oder infizierter Nekrose)
Puls Tachykardie (>90/min = SIRS-Kriterium)
Blutdruck Bei schwerem Verlauf Hypotonie (Volumenmangel, Schock)
Atemfrequenz Tachypnoe (>20/min = SIRS-Kriterium)

Körperliche Untersuchung

Befund Beschreibung Bedeutung
"Gummibauch" Prall-elastische Abwehrspannung im Oberbauch Typisch für akute Pankreatitis (60%)
Druckschmerz Epigastrium Maximaler Druckschmerz im Oberbauch Fast immer vorhanden
Meteorismus Aufgetriebenes Abdomen, verminderte Darmgeräusche Paralytischer Ileus als Begleitphänomen
Cullen-Zeichen Periumbilkale Ekchymose (bläuliche Verfärbung) Hinweis auf hämorrhagisch-nekrotisierenden Verlauf
Grey-Turner-Zeichen Flankenekchymose (bläuliche Verfärbung) Hinweis auf retroperitoneale Blutung (schlechte Prognose!)
Ikterus Gelbfärbung von Skleren und Haut Hinweis auf biliäre Genese (Choledocholithiasis)

Labor

Parameter Veränderung Bedeutung
Lipase ↑↑↑ (≥3× oberer Normwert) Diagnostisches Hauptkriterium! Spezifischer als Amylase
Amylase ↑↑ Weniger spezifisch, normalisiert sich schneller
CRP ↑ (prognostisch relevant) CRP >150 mg/l nach 48h → schwerer Verlauf
Leukozyten ↑ (>12.000 oder <4.000 = SIRS) Entzündungsreaktion, SIRS-Kriterium
Harnstoff ↑ (Anstieg in 24h) Prognostischer Marker (Volumenmangel, Nierenversagen)
Hämatokrit ↑ (Hämokonzentration) Zeichen für Volumenmangel → aggressiv rehydrieren!
Bilirubin, γ-GT, AP ↑ bei biliärer Genese Cholestase → V.a. Choledocholithiasis
LDH, GOT ↑ bei Nekrose Marker für Gewebsuntergang
Kalzium ↓ (Hypokalzämie) Schlechter prognostischer Marker (Ranson-Kriterium)
Triglyceride Evtl. ↑↑↑ >1000 mg/dl → Hypertriglyceridämie als Ursache

Bildgebung

Methode Typischer Befund Wann einsetzen
Abdomen-Sonographie Vergrößertes, echoarmes Pankreas, peripankreatische Flüssigkeit, Gallensteine 1. Wahl! Immer bei Aufnahme (Gallensteinnachweis!)
CT Abdomen mit KM Nekrosen (minderperfundiert), Flüssigkeitsansammlungen, Komplikationen Frühestens 72-96h nach Symptombeginn; bei V.a. Komplikationen
MRT/MRCP Gangdarstellung, Nekrosen, Flüssigkeitsverhalte Alternative zu CT; bei V.a. Choledocholithiasis
Endosonographie Mikrolithiasis, kleine Steine im Gallengang Bei unklarer Ätiologie, V.a. biliäre Genese

Goldstandard

Lipase ≥3× oberer Normwert ist das wichtigste Laborkriterium! CT erst nach 72-96h sinnvoll (Nekrosen vorher nicht beurteilbar). Sonographie bei Aufnahme zum Gallensteinnachweis!

5 · Therapie

Basistherapie (alle Patienten)

Maßnahme Details
Volumentherapie Aggressiv! Kristalloide (Ringer-Laktat bevorzugt), 5-10 ml/kg/h in den ersten 12-24h; Ziel: Urinproduktion >0,5 ml/kg/h
Analgesie Oberstes Behandlungsziel! Metamizol 1g i.v., Opioide bei Bedarf (Piritramid, Pethidin); KEINE NSAID bei Niereninsuffizienz
Ernährung Frühzeitig enteral! Innerhalb 24-48h oral/enteral beginnen; parenteral nur wenn enteral nicht möglich
Thromboseprophylaxe NMH (z.B. Enoxaparin 40mg s.c. 1×/d)
Monitoring Vitalzeichen, Urinausscheidung, Labor (Lipase, CRP, Harnstoff)

Antibiotikatheapie

Situation Empfehlung
Prophylaktisch NICHT empfohlen! Keine prophylaktische AB-Gabe bei steriler Nekrose
Infizierte Nekrose Indiziert! z.B. Meropenem 3×1g i.v. oder Imipenem; gute Pankreasgängigkeit
Cholangitis Indiziert! z.B. Piperacillin/Tazobactam + notfall-ERCP

Therapie bei biliärer Pankreatitis

Situation Maßnahme Timing
Cholangitis + biliäre Pankreatitis Notfall-ERCP mit Sphinkterotomie Innerhalb 24h!
Biliäre Pankreatitis OHNE Cholangitis Keine Notfall-ERCP! Konservativ behandeln -
Cholezystektomie Laparoskopische Cholezystektomie zur Rezidivprophylaxe Während desselben Aufenthalts (mild) oder nach 6 Wochen (schwer)

Therapie bei Nekrosen

Typ Maßnahme
Sterile Nekrose Konservativ! Keine Intervention, keine prophylaktischen Antibiotika
Infizierte Nekrose Antibiotika + minimalinvasive Drainage (Step-up-Approach)
Walled-off-Nekrose (WON) Endoskopisch (EUS-gestützt) oder perkutan drainieren; offene OP als letztes Mittel

Prüfungsfokus – Therapie

  • Volumen: Aggressiv in den ersten 24h!
  • Ernährung: Enteral > parenteral, frühzeitig beginnen
  • Antibiotika: NUR bei infizierter Nekrose oder Cholangitis
  • ERCP: NUR bei Cholangitis indiziert, nicht routinemäßig!
6 · Arztbrief

Entlassungsbrief

Patient: , Jahre, männlich

Stationärer Aufenthalt: [Datum] bis [Datum]

Diagnosen

  1. Akute Pankreatitis, äthyltoxischer Genese, moderater Schweregrad (Atlanta-Klassifikation)
  2. Transientes akutes Nierenversagen (AKIN I)
  3. Chronischer Alkoholabusus

Anamnese

Der Patient habe sich mit seit ca. 12 Stunden bestehenden starken Oberbauchschmerzen vorgestellt. Die Schmerzen seien gürtelförmig in den Rücken ausstrahlend. Begleitend bestehe Übelkeit mit mehrfachem Erbrechen. Der Patient berichte von erhöhtem Alkoholkonsum am Vorabend. Gallensteine seien nicht bekannt. Eine ähnliche Episode habe bereits vor zwei Jahren stattgefunden.

Befund bei Aufnahme

Reduzierter AZ, adipöser EZ. Temperatur 38,2°C, Puls 105/min, RR 95/60 mmHg. Abdomen: Druckschmerz im Epigastrium mit prall-elastischer Abwehrspannung ("Gummibauch"). Keine Abwehrspannung im Unterbauch. Darmgeräusche vermindert. Kein Ikterus.

Diagnostik

Labor bei Aufnahme: Lipase 2.450 U/l (Norm <60), CRP 85 mg/l, Leukozyten 14.800/µl, Kreatinin 1,8 mg/dl, Harnstoff 65 mg/dl, Hämatokrit 48%. Leberwerte und Bilirubin normwertig. Sonographie: Pankreas vergrößert und echoarm, peripankreatische Flüssigkeit, keine Gallensteine. CT Abdomen (Tag 4): Ödematöse Pankreatitis mit peripankreatischen Flüssigkeitsansammlungen, keine Nekrosen.

Therapie und Verlauf

Es erfolgte die stationäre Aufnahme zur intensivierten Überwachung. Unter aggressiver Volumentherapie mit Ringer-Laktat (initial 5 l in den ersten 24h), analgetischer Therapie mit Metamizol und Piritramid sowie frühzeitiger enteraler Ernährung ab Tag 2 zeigte sich eine schrittweise Besserung. Das Kreatinin normalisierte sich unter Volumengabe. CRP-Maximum 210 mg/l an Tag 3, im Verlauf rückläufig. Keine Antibiotikatherapie notwendig. Der Patient konnte bei rückläufigen Entzündungsparametern und komplikationslosem Kostaufbau nach 8 Tagen entlassen werden.

Procedere / Empfehlungen

  • Strikte Alkoholkarenz! – Suchtberatung empfohlen (Kontakt wurde vermittelt)
  • Wiedervorstellung beim Hausarzt in 1 Woche zur Laborkontrolle (CRP, Lipase, Nierenwerte)
  • Bei erneuten Oberbauchschmerzen sofortige Wiedervorstellung in der Notaufnahme
  • Ernährung: Leichte Vollkost, fettarm, kleine Mahlzeiten
  • Schmerzmedikation bei Bedarf: Metamizol 500mg bis 4×täglich

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

7 · Übergabe

S – Situation

Herr , Jahre, Notfallaufnahme wegen akuter Oberbauchschmerzen seit 12 Stunden. Verdacht auf akute Pankreatitis bei äthyltoxischer Genese.

B – Background

Typische Anamnese mit gürtelförmigem Oberbauchschmerz und Ausstrahlung in den Rücken nach Alkoholexzess. Bekannter chronischer Alkoholabusus. Ähnliche Episode vor 2 Jahren. Keine bekannten Gallensteine. Keine relevanten Vorerkrankungen. Allergien: keine bekannt.

A – Assessment

Klinisch: Reduzierter AZ, Gummibauch, Tachykardie, Hypotonie. SIRS-Kriterien erfüllt (Temp 38,2°C, Puls 105). Labor: Lipase 2.450 U/l (>40× Norm), CRP 85, Leukos 14.800, Kreatinin 1,8. Sono: Vergrößertes echoarmes Pankreas, keine Steine. Diagnose: Akute Pankreatitis, äthyltoxisch, mit transientem Nierenversagen.

R – Recommendation

Aufnahme zur intensivierten Überwachung. Aggresssive Volumentherapie mit Ringer-Laktat 250 ml/h, Ziel-Urin >0,5 ml/kg/h. Analgesie mit Metamizol + Piritramid. Nahrungskarenz zunächst, frühzeitig enterale Ernährung ab Tag 2 anstreben. Keine Antibiotika. Labor-Kontrolle in 12h (CRP, Lipase, Kreatinin). CT frühestens Tag 4 bei ausbleibender Besserung.

8 · Differentialdiagnosen
Differentialdiagnose Unterscheidungsmerkmal Ausschluss durch
Akute Cholezystitis Schmerz mehr rechter Oberbauch, Murphy-Zeichen positiv Sono (Gallenblasenwandverdickung, Steine), Lipase normal
Perforiertes Ulkus Akutester Schmerzbeginn, brettharter Bauch, Peritonitis Röntgen/CT: freie Luft; Lipase meist normal
Akuter Myokardinfarkt Kann mit epigastrischem Schmerz präsentieren (Hinterwand!) EKG, Troponin; Lipase normal
Mesenterialischämie Ältere Patienten, VHF, "Schmerz out of proportion" CT-Angiographie, Laktat ↑
Ileus Kolikartiger Schmerz, Erbrechen, keine Stuhl-/Windabgang Röntgen/CT (Spiegelbildung), Lipase normal
Aortenaneurysma-Ruptur Rückenschmerz, Schock, pulsatiler Tumor CT-Angiographie, Sono
Diabetische Ketoazidose Kann Lipase erhöhen! Kußmaul-Atmung, Ketongeruch BGA (Azidose), BZ, Ketone im Urin
⚠️ 9 · Komplikationen

Lokalkomplikationen

  • Akute peripankreatische Flüssigkeitsansammlung (APFC) → <4 Wochen, ohne Kapsel
  • Pankreaspseudozyste → >4 Wochen, mit Kapsel, kein solider Anteil
  • Akute nekrotische Ansammlung (ANC) → Nekrose <4 Wochen, ohne Kapsel
  • Walled-off-Nekrose (WON) → Abgekapselte Nekrose >4 Wochen
  • Infizierte Nekrose → Gaseinschlüsse im CT, septischer Verlauf → Intervention!

Systemische Komplikationen

  • SIRS / Sepsis → Häufig in den ersten 1-2 Wochen
  • Organversagen (Lunge, Niere, Kreislauf) → Modifizierter Marshall-Score
  • ARDS → Lungenversagen durch Entzündungsmediatoren
  • Akutes Nierenversagen → Durch Volumenmangel und Inflammation
  • DIC → Disseminierte intravasale Gerinnung
  • Pfortaderthrombose → Durch lokale Entzündung

Spätkomplikationen

  • Exokrine Insuffizienz → Maldigestion, Steatorrhoe
  • Endokrine Insuffizienz → Pankreopriver Diabetes mellitus
  • Chronische Pankreatitis → Nach rezidivierenden Episoden
  • Milzvenenthrombose → Mit portaler Hypertension
10 · Red Flags
Warnzeichen Bedeutet Sofortmaßnahme
Persistierendes Organversagen >48h Schwere Pankreatitis, Letalität 20-40% Intensivstation, ggf. Organersatztherapie
Cullen-/Grey-Turner-Zeichen Hämorrhagisch-nekrotisierende Pankreatitis CT, Intensivüberwachung
Hohes Fieber + septischer Verlauf V.a. infizierte Nekrose CT (Gasnachweis?), Antibiotika, ggf. Drainage
Cholangitis (Charcot-Trias) Fieber + Ikterus + Oberbauchschmerz bei biliärer Genese Notfall-ERCP innerhalb 24h!
⚠️ CRP >150 mg/l nach 48h Prädiktor für schweren Verlauf Engmaschiges Monitoring, CT planen
⚠️ Ansteigender Harnstoff Unzureichende Volumentherapie, drohendes Nierenversagen Volumengabe intensivieren
11 · Quiz

Wichtigste Punkte

  1. Diagnose: 2 von 3 Kriterien (Schmerz + Lipase ≥3× + Bildgebung)
  2. Häufigste Ursachen: Gallensteine (40-50%) und Alkohol (30-40%)
  3. Therapie: Volumen aggressiv, Analgesie, frühzeitige enterale Ernährung
Frage 1 (Diagnostik): Welcher Laborparameter ist der spezifischste Marker für die akute Pankreatitis?
A) Amylase
B) Lipase
C) CRP
D) LDH
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Lipase
Die Lipase ist spezifischer als die Amylase und bleibt länger erhöht. Bei ≥3-fachem oberen Normwert ist sie diagnostisch. Die Amylase normalisiert sich schneller und kann auch bei anderen Erkrankungen erhöht sein.
Frage 2 (Diagnostik): Wann sollte ein CT des Abdomens bei akuter Pankreatitis durchgeführt werden?
A) Sofort bei Aufnahme zur Diagnosesicherung
B) Innerhalb von 24 Stunden
C) Frühestens 72-96 Stunden nach Symptombeginn
D) Nur bei chirurgischer Intervention geplant
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C) Frühestens 72-96 Stunden nach Symptombeginn
Nekrosen sind erst nach 72-96h im CT beurteilbar. Ein früheres CT unterschätzt das Ausmaß der Nekrose und hat keinen therapeutischen Nutzen. Bei Aufnahme: Sonographie zum Gallensteinnachweis!
Frage 3 (Therapie): Welche Aussage zur Volumentherapie bei akuter Pankreatitis ist korrekt?
A) Zurückhaltende Volumengabe wegen Ödembildung
B) Aggressive Volumengabe mit 5-10 ml/kg/h in den ersten 12-24h
C) Nur Volumengabe bei Hypotonie
D) Ausschließlich kolloidale Lösungen verwenden
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Richtig: B) Aggressive Volumengabe mit 5-10 ml/kg/h in den ersten 12-24h
Die aggressive Volumentherapie mit Kristalloiden (Ringer-Laktat bevorzugt) ist die wichtigste therapeutische Maßnahme. Ziel ist eine Urinproduktion >0,5 ml/kg/h.
Frage 4 (Therapie): Bei welcher Konstellation ist eine Notfall-ERCP bei biliärer Pankreatitis indiziert?
A) Bei jeder biliären Pankreatitis
B) Nur bei begleitender Cholangitis
C) Nur bei Nachweis von Gallensteinen
D) Erst nach Abklingen der akuten Entzündung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Nur bei begleitender Cholangitis
Die Notfall-ERCP ist nur bei Cholangitis (Charcot-Trias: Fieber + Ikterus + Schmerz) indiziert und sollte innerhalb von 24h erfolgen. Bei biliärer Pankreatitis ohne Cholangitis: konservative Therapie!
Frage 5 (Notfall): Was bedeuten das Cullen- und Grey-Turner-Zeichen?
A) Leichte ödematöse Pankreatitis
B) Biliäre Genese der Pankreatitis
C) Hämorrhagisch-nekrotisierende Pankreatitis
D) Infizierte Pseudozyste
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C) Hämorrhagisch-nekrotisierende Pankreatitis
Cullen-Zeichen (periumbilkale Ekchymose) und Grey-Turner-Zeichen (Flankenekchymose) sind Zeichen einer retroperitonealen Blutung und weisen auf einen schweren nekrotisierenden Verlauf mit schlechter Prognose hin.
Frage 6 (Notfall): Wann ist eine Antibiotikatherapie bei akuter Pankreatitis indiziert?
A) Prophylaktisch bei allen Patienten
B) Bei CRP >100 mg/l
C) Nur bei infizierter Nekrose oder Cholangitis
D) Bei allen nekrotisierenden Verläufen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C) Nur bei infizierter Nekrose oder Cholangitis
Prophylaktische Antibiotika sind NICHT empfohlen! Antibiotika nur bei nachgewiesener oder hochgradig vermuteter Infektion (Gaseinschlüsse im CT, septischer Verlauf) oder begleitender Cholangitis.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Ein 55-jähriger Patient mit plötzlichen Oberbauchschmerzen hat eine Lipase von 180 U/l (Norm <60). Welche Differentialdiagnose sollte trotzdem ausgeschlossen werden?
A) Gastritis
B) Akuter Myokardinfarkt
C) Refluxösophagitis
D) Obstipation
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Akuter Myokardinfarkt
Der Hinterwandinfarkt kann mit epigastrischen Schmerzen präsentieren! Die Lipase kann auch bei Infarkt leicht erhöht sein. Immer EKG und Troponin bei Oberbauchschmerzen, besonders bei Risikopatienten!
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Welche beiden Ursachen sind zusammen für 70-90% aller akuten Pankreatitiden verantwortlich?
A) ERCP und Trauma
B) Gallensteine und Alkohol
C) Hypertriglyceridämie und Medikamente
D) Autoimmun und idiopathisch
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Gallensteine und Alkohol
Gallensteine (40-50%) und Alkohol (30-40%) sind die beiden häufigsten Ursachen. Merke: "GET SMASHED" für alle Ätiologien der akuten Pankreatitis!
12 · Fachbegriffe
Fachbegriff Erklärung für Patienten
Pankreatitis "Eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse – das Organ liegt hinter dem Magen."
Lipase "Ein Enzym aus der Bauchspeicheldrüse. Wenn es im Blut stark erhöht ist, zeigt das die Entzündung an."
Nekrose "Abgestorbenes Gewebe – bei einer schweren Entzündung kann Gewebe zugrunde gehen."
Pseudozyste "Eine Flüssigkeitsansammlung, die nach der Entzündung entstehen kann – sie hat keine echte Zystenwand."
ERCP "Eine Spiegelung, bei der wir den Gallengang und die Bauchspeicheldrüse darstellen und behandeln können."
Biliär "Von den Gallenwegen ausgehend – oft sind Gallensteine die Ursache."
Organversagen "Wenn wichtige Organe wie Lunge, Niere oder Herz nicht mehr richtig arbeiten."
Enterale Ernährung "Ernährung über den Magen-Darm-Trakt – entweder normal essen oder über eine Sonde."

Zusammenfassung

Die akute Pankreatitis ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, meist ausgelöst durch Gallensteine oder Alkohol. Die Diagnose basiert auf typischen Schmerzen, erhöhter Lipase und Bildgebung. Die Therapie besteht aus aggressiver Volumensubstitution, suffizienter Analgesie und frühzeitiger enteraler Ernährung. Antibiotika sind nur bei infizierter Nekrose oder Cholangitis indiziert. Die ERCP ist nur bei begleitender Cholangitis eine Notfallindikation.

Verwandte Fälle

Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.