Distale Radiusfraktur – FSP-Fall

Orthopädie & Chirurgie Chirurgisch Häufig Prüfungsrelevant 📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13

FSP-Fall zur distalen Radiusfraktur: Diagnostik, Therapie und Prüfungswissen zur häufigsten Fraktur des Menschen nach Sturz auf die Hand.

0 · Auf einen Blick

  • Leitsymptom: Schmerzen, Schwellung, Fehlstellung am Handgelenk nach Sturz
  • Diagnostischer Standard: Röntgen des Handgelenks in 2 Ebenen
  • Erste Maßnahme: Ruhigstellung, Kühlung, Analgesie, ggf. Reposition
  • Wichtigste Kontraindikation: Mehrfache Repositionsversuche (CRPS-Risiko↑)
  • Prognose: Bei adäquater Therapie gut; bei Gelenkbeteiligung Arthroserisiko

1 · Leitfall

Notaufnahme J., w Handgelenkschmerzen nach Sturz
"Ich bin heute Morgen auf dem Glatteis ausgerutscht und habe mich mit der Hand abgestützt. Seitdem habe ich starke Schmerzen im Handgelenk und kann die Hand kaum bewegen."
2 · Krankheitsbild

Definition

Die distale Radiusfraktur ist ein Bruch der Speiche bis 3 cm proximal des radiokarpalen Gelenks. Sie ist die häufigste Fraktur des Menschen und macht ca. 25% aller Knochenbrüche aus.

Pathophysiologie

Typischer Unfallmechanismus ist der Sturz auf die ausgestreckte Hand (FOOSH = Fall On OutStretched Hand). Bei Dorsalextension der Hand entsteht die Colles-Fraktur (80-90%), bei Palmarflexion die Smith-Fraktur (10-20%). Der distale Radius weist 2 cm proximal des Handgelenks eine Zone geringerer Stabilität auf (Locus minoris resistentiae).

Epidemiologie

Inzidenz Frauen: 309-767/100.000; Männer: 79-202/100.000
Typisches Alter Biphasisch: ~6 Jahre (Kinder) und >60 Jahre (Osteoporose)
Geschlecht w > m (ab 50. LJ deutlich häufiger bei Frauen)

Risikofaktoren

Nicht modifizierbar:
  • Alter >60 Jahre
  • Weibliches Geschlecht
  • Osteoporose
Modifizierbar:
  • Sturzrisiko (Gangunsicherheit, Medikamente)
  • Vitamin-D-Mangel
  • Bewegungsmangel
3 · Anamnese

Gezielte Fragen

Bereich Frage Warum wichtig
Unfallhergang Wie genau ist der Unfall passiert? In welcher Stellung war die Hand? Differenzierung Colles vs. Smith; Hochenergie- vs. Niedrigenergietrauma
Symptome Haben Sie Kribbeln oder Taubheit in den Fingern? N. medianus-Kompression ausschließen
Vorerkrankungen Ist bei Ihnen Osteoporose bekannt? Hatten Sie schon Knochenbrüche? Osteoporose beeinflusst Therapie und Prognose
Medikamente Nehmen Sie Blutverdünner ein? Relevant für OP-Planung und Blutungsrisiko
Funktion Sind Sie Rechts- oder Linkshänder? Was arbeiten Sie beruflich? Funktioneller Anspruch beeinflusst Therapieentscheidung

Beispieldialog

Arzt:

Guten Tag, ich bin . Was führt Sie zu uns?

Patientin:

Ich bin heute Morgen auf dem Glatteis gestürzt und habe starke Schmerzen im rechten Handgelenk.

Arzt:

Das tut mir leid. Können Sie mir genau beschreiben, wie Sie gestürzt sind? In welcher Position war Ihre Hand?

Patientin:

Ich habe mich reflexartig mit der ausgestreckten Hand abgefangen. Danach hatte ich sofort starke Schmerzen.

Arzt:

Haben Sie Kribbeln oder Taubheit in den Fingern bemerkt?

Patientin:

Nein, nur die Schmerzen und eine Schwellung.

Prüfungsfokus

  • Unfallmechanismus erfragen: Extension (Colles) vs. Flexion (Smith)
  • DMS-Kontrolle: Durchblutung, Motorik, Sensibilität
  • Osteoporose-Anamnese bei älteren Patienten
4 · Befund

Körperliche Untersuchung

Methode Erwarteter Befund
Inspektion Schwellung, Hämatom; ggf. Fourchette-Stellung (dorsale Abkippung) oder Bajonett-Stellung (radiale Abkippung)
Palpation Druckschmerz über distalem Radius, tastbare Stufenbildung, ggf. Krepitation
Funktionsprüfung Schmerzhafte Bewegungseinschränkung in Extension/Flexion und Pro-/Supination
DMS-Kontrolle Durchblutung, Motorik, Sensibilität (v.a. N. medianus!) prüfen

Labor

Parameter Veränderung Bedeutung
Routinelabor Nach Bedarf Präoperativ: BB, Gerinnung, Elektrolyte
Vitamin D, Ca²⁺ Ggf. ↓ Bei V.a. Osteoporose

Bildgebung

Methode Typischer Befund Wann einsetzen
Röntgen 2 Ebenen Frakturlinie, Dislokation, Gelenkbeteiligung; Böhler-Winkel beurteilen Immer (Goldstandard)
CT Detaillierte Darstellung intraartikulärer Frakturen Bei komplexen Frakturen zur OP-Planung
MRT Bandläsionen (z.B. SL-Band) Bei V.a. ligamentäre Begleitverletzungen

Goldstandard

Röntgen des Handgelenks in 2 Ebenen (a.p. und seitlich)

5 · Therapie

Akuttherapie

Maßnahme Details
PECH-Schema Pause, Eis, Compression, Hochlagerung
Analgesie Leitliniengerechte Schmerztherapie (z.B. NSAR, Metamizol)
Ruhigstellung Provisorische Schienung bis zur definitiven Versorgung
Reposition Bei Dislokation: Geschlossene Reposition unter Bruchspaltanästhesie oder Kurznarkose

Konservative Therapie

Indikation: Stabile, nicht oder gering dislozierte Frakturen

  • Unterarmgips oder dorsale Gipsschiene für 4-6 Wochen
  • Röntgenkontrolle nach 1 Woche zum Ausschluss sekundärer Dislokation
  • Fingerübungen ab sofort zur Vermeidung von Kontrakturen

Operative Therapie

Indikationen:

  • Instabile Frakturen (Instabilitätskriterien erfüllt)
  • Intraartikuläre Frakturen mit Gelenkstufe >2mm
  • Sekundäre Dislokation im Gips
  • Offene Frakturen
Verfahren Indikation
Palmare Plattenosteosynthese Standardverfahren bei den meisten dislozierten Frakturen
K-Draht-Osteosynthese Einfache extraartikuläre Frakturen, Kinder
Fixateur externe Offene Frakturen, Trümmerfrakturen, Weichteilschaden

Nachbehandlung

  • Physiotherapie zur Wiederherstellung der Beweglichkeit
  • Röntgenkontrollen im Verlauf
  • Bei Osteoporose: Abklärung und ggf. medikamentöse Therapie
6 · Arztbrief

Anamnese:
Die -jährige Patientin stelle sich nach einem Sturzereignis in unserer Notaufnahme vor. Sie sei am Vormittag auf dem Glatteis ausgerutscht und habe sich mit der rechten Hand abgestützt. Seitdem bestünden starke Schmerzen und eine Schwellung im Bereich des rechten Handgelenks. Ein Kribbeln oder eine Taubheit in den Fingern bestehe nicht. An Vorerkrankungen sei eine Osteoporose bekannt.

Körperliche Untersuchung:
Bei der Inspektion zeige sich eine deutliche Schwellung über dem distalen rechten Unterarm mit Fourchette-Stellung. Die Palpation sei über dem distalen Radius druckschmerzhaft. Die periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität seien intakt.

Bildgebung:
Im Röntgen des rechten Handgelenks in zwei Ebenen zeige sich eine dislozierte extraartikuläre distale Radiusfraktur mit dorsaler Abkippung (Typ Colles, AO 2R3A2.2). Eine intraartikuläre Beteiligung sei nicht nachweisbar.

Diagnose:
Distale Radiusfraktur rechts, AO 2R3A2.2 (Colles-Fraktur)

Therapie und Verlauf:
Es sei eine geschlossene Reposition unter Bruchspaltanästhesie erfolgt. Die Röntgenkontrolle nach Reposition habe eine achsengerechte Stellung gezeigt. Die Ruhigstellung sei mittels dorsaler Unterarmgipsschiene erfolgt. Die Patientin sei zur Röntgenkontrolle in einer Woche einbestellt worden.

Procedere:
Röntgenkontrolle in 7 Tagen, bei sekundärer Dislokation operative Versorgung. Analgesie nach Bedarf. Fingerübungen ab sofort. Osteoporose-Abklärung empfohlen.

7 · Übergabe (SBAR)
S – Situation:

Frau , Jahre, stationäre Aufnahme nach distaler Radiusfraktur rechts.

B – Background:

Sturz auf Glatteis heute Morgen, Abstützen mit rechter Hand. Bekannte Osteoporose. Keine Antikoagulation.

A – Assessment:

Dislozierte distale Radiusfraktur Typ Colles (AO 2R3A2.2). Geschlossene Reposition durchgeführt, achsengerechte Stellung erreicht. DMS intakt. Dorsale Unterarmgipsschiene angelegt.

R – Recommendation:

Röntgenkontrolle morgen früh. DMS-Kontrollen alle 4 Stunden. Analgesie nach Bedarf. Hochlagerung. Bei zunehmender Schwellung, Parästhesien oder Schmerzzunahme sofortige Vorstellung.

8 · Differentialdiagnosen
Differentialdiagnose Unterscheidungsmerkmal Ausschluss durch
Skaphoidfraktur Druckschmerz in Tabatière, weniger Schwellung Röntgen mit Kahnbeinquartett, ggf. CT
Ulnafraktur (Proc. styloideus) Druckschmerz ulnarseitig Röntgen (oft Begleitverletzung!)
Handgelenkdistorsion Keine Fehlstellung, weniger Schwellung Röntgen unauffällig
Galeazzi-Fraktur Radiusschaftfraktur + Luxation DRUG Röntgen des gesamten Unterarms
SL-Band-Ruptur Scapholunaere Dissoziation ohne Fraktur MRT, gehaltene Aufnahmen
⚠️ 9 · Komplikationen

Akute Komplikationen

  • Kompartmentsyndrom → Notfall-Fasziotomie
  • N. medianus-Kompression → akutes Karpaltunnelsyndrom
  • Gefäßverletzung → A. radialis/ulnaris
  • Sekundäre Dislokation → operative Versorgung

Spätkomplikationen

  • CRPS (M. Sudeck) – Inzidenz ca. 3%, Risiko↑ bei mehrfachen Repositionsversuchen
  • Posttraumatische Arthrose – v.a. bei intraartikulären Frakturen
  • Fehlstellung – Bewegungseinschränkung, Schmerzen
  • Sehnenrupturen – z.B. M. extensor pollicis longus
  • Karpale Instabilität – bei Begleitverletzungen der Bänder
10 · Red Flags
Warnzeichen Bedeutet Sofortmaßnahme
Pulslosigkeit/Blässe Gefäßverletzung/-kompression Sofortige Reposition, Gefäßchirurgie
Starke Schmerzen trotz Analgesie V.a. Kompartmentsyndrom Gips spalten, Kompartmentdruckmessung, ggf. Fasziotomie
Sensibilitätsstörung D1-D3 N. medianus-Kompression Gips spalten, ggf. operative Dekompression
Offene Fraktur Infektionsrisiko Sterile Abdeckung, Antibiotika, Not-OP
Zunehmende Schwellung im Gips Drohende Durchblutungsstörung Gips spalten, Hochlagerung
11 · Quiz

Wichtigste Punkte

  1. Häufigste Fraktur des Menschen, typisch nach Sturz auf ausgestreckte Hand
  2. Goldstandard: Röntgen in 2 Ebenen; DMS-Kontrolle obligat
  3. Mehrfache Repositionsversuche vermeiden (CRPS-Risiko)
Frage 1 (Diagnostik): Welche Bildgebung ist der Goldstandard bei V.a. distale Radiusfraktur?
A) CT des Handgelenks
B) MRT des Handgelenks
C) Röntgen des Handgelenks in 2 Ebenen
D) Sonographie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Das Röntgen in 2 Ebenen (a.p. und seitlich) ist der Goldstandard. CT nur bei komplexen Frakturen zur OP-Planung.
Frage 2 (Diagnostik): Bei einer distalen Radiusfraktur sollte welcher Nerv besonders auf seine Funktion geprüft werden?
A) N. radialis
B) N. medianus
C) N. ulnaris
D) N. musculocutaneus
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Der N. medianus verläuft durch den Karpaltunnel und kann bei distalen Radiusfrakturen komprimiert werden. Die Sensibilität von D1-D3 sollte immer geprüft werden.
Frage 3 (Therapie): Wie lange sollte eine konservativ behandelte stabile distale Radiusfraktur typischerweise ruhiggestellt werden?
A) 1-2 Wochen
B) 4-6 Wochen
C) 8-10 Wochen
D) 12 Wochen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Die konservative Therapie erfolgt mittels Gipsruhigstellung für 4-6 Wochen mit Röntgenkontrolle nach 1 Woche.
Frage 4 (Therapie): Welches ist das Standardverfahren zur operativen Versorgung einer dislozierten distalen Radiusfraktur beim Erwachsenen?
A) Fixateur externe
B) K-Draht-Osteosynthese
C) Palmare winkelstabile Plattenosteosynthese
D) Marknagelung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Die palmare winkelstabile Plattenosteosynthese ist das Standardverfahren für dislozierte Frakturen beim Erwachsenen.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Eine Patientin mit distaler Radiusfraktur im Gips klagt über zunehmende Schmerzen und Parästhesien trotz Analgesie. Die Finger sind blass und kühl. Was ist die wichtigste Erstmaßnahme?
A) Erhöhung der Schmerzmedikation
B) Gips spalten und Arm hochlagern
C) MRT anordnen
D) Abwarten und kühlen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Die Symptome deuten auf ein drohendes Kompartmentsyndrom oder eine Durchblutungsstörung. Der Gips muss sofort gespalten werden!
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Warum sollten mehrfache Repositionsversuche bei der distalen Radiusfraktur vermieden werden?
A) Erhöhtes Infektionsrisiko
B) Erhöhtes Risiko für CRPS (M. Sudeck)
C) Erhöhtes Pseudarthroserisiko
D) Erhöhtes Thromboserisiko
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Mehrfache Repositionsversuche erhöhen das Risiko für ein komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS, M. Sudeck) signifikant.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Bei Druckschmerz in der Tabatière nach Sturz auf die Hand sollte an welche Diagnose gedacht werden?
A) Distale Radiusfraktur
B) Skaphoidfraktur
C) Bennett-Fraktur
D) Kahnbeinluxation
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Druckschmerz in der Tabatière (anatomische Schnupftabakdose) ist pathognomonisch für eine Skaphoidfraktur und erfordert spezielle Diagnostik.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Welche Begleitverletzung sollte bei einer distalen Radiusfraktur mit dislozierter Fraktur des Processus styloideus ulnae ausgeschlossen werden?
A) Kahnbeinfraktur
B) TFCC-Läsion
C) SL-Band-Ruptur
D) Lunatumnekrose
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Eine dislozierte Fraktur des Proc. styloideus ulnae ist ein Hinweis auf eine TFCC-Läsion (Triangular Fibrocartilage Complex) und Instabilität des DRUG.
12 · Fachbegriffe
Fachbegriff Erklärung für Patienten
Distale Radiusfraktur "Ein Bruch der Speiche nahe am Handgelenk"
Colles-Fraktur "Ein typischer Bruch nach Sturz auf die ausgestreckte Hand, wobei das Bruchstück nach hinten verschoben ist"
Reposition "Das Einrichten des Bruchs, also die Knochen wieder in die richtige Position bringen"
Plattenosteosynthese "Eine Operation, bei der der Bruch mit einer Metallplatte und Schrauben fixiert wird"
CRPS "Ein chronisches Schmerzsyndrom, das nach Verletzungen auftreten kann mit Schmerzen, Schwellung und Bewegungseinschränkung"
DMS-Kontrolle "Prüfung von Durchblutung, Beweglichkeit und Gefühl in der Hand"

Zusammenfassung

Die distale Radiusfraktur ist die häufigste Fraktur des Menschen und entsteht typischerweise durch Sturz auf die ausgestreckte Hand. Die Diagnose erfolgt durch Röntgen in 2 Ebenen. Die Therapie richtet sich nach Stabilität und Dislokation: konservativ mittels Gips oder operativ mittels Plattenosteosynthese. Wichtig: DMS-Kontrolle, keine mehrfachen Repositionsversuche (CRPS-Risiko), bei Osteoporose weitere Abklärung.

Verwandte Fälle

Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.