Eisenmangelanämie

Hämatologie & Onkologie Häufig Konservativ Prüfungsrelevant 📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13

FSP-Fall zur Eisenmangelanämie: Typische Klinik mit Müdigkeit und Blässe, Ferritin- und Transferrinsättigung-Diagnostik, orale Eisensubstitution und Ursachensuche.

0 · Auf einen Blick

  • Leitsymptom: Blässe, Müdigkeit, Belastungsdyspnoe
  • Diagnostischer Standard: Ferritin ↓ (<30 µg/L), Transferrinsättigung ↓ (<20%)
  • Erste Maßnahme: Ursachensuche (GI-Blutung? Menorrhagie? Malabsorption?)
  • Wichtigste Kontraindikation: Eisenüberladung, Hämochromatose
  • Prognose: Sehr gut bei Ursachenbeseitigung und konsequenter Substitution

1 · Leitfall

Hausarztpraxis J., w Müdigkeit und Schwindel
"Herr Doktor, seit einigen Wochen bin ich ständig müde und manchmal wird mir schwindelig. Ich habe auch bemerkt, dass ich beim Treppensteigen schnell außer Atem komme. Außerdem fallen mir mehr Haare aus als sonst."
2 · Krankheitsbild

Definition

Die Eisenmangelanämie ist eine mikrozytäre, hypochrome Anämie infolge eines absoluten Eisenmangels mit erschöpften Eisenspeichern. Sie ist die weltweit häufigste Anämieform und entsteht durch ein Missverhältnis zwischen Eisenbedarf und -zufuhr bzw. -resorption.

Pathophysiologie

Eisen ist essentiell für die Hämoglobinsynthese. Bei Eisenmangel durchläuft der Körper drei Stadien: 1) Speichereisenmangel (Ferritin↓), 2) Eisendefizitäre Erythropoese (Transferrinsättigung↓), 3) Manifeste Eisenmangelanämie (Hb↓, MCV↓, MCH↓). Das Hormon Hepcidin reguliert die intestinale Eisenresorption und Freisetzung aus Speichern.

Epidemiologie

Prävalenz 10-15% der Frauen im gebärfähigen Alter
Typisches Alter Prämenopausale Frauen, Kleinkinder, Schwangere
Geschlecht w > m (ca. 3:1)

Risikofaktoren

Nicht modifizierbar:
  • Weibliches Geschlecht
  • Schwangerschaft/Stillzeit
  • Wachstumsphase
Modifizierbar:
  • Vegetarische/vegane Ernährung
  • Chronische Blutungen
  • Malabsorption (Zöliakie, CED)
3 · Anamnese

Gezielte Fragen

Bereich Frage Warum wichtig
Symptome Haben Sie Müdigkeit, Schwindel oder Herzrasen bemerkt? Typische Anämiesymptome erfassen
Blutung Haben Sie Blut im Stuhl bemerkt oder schwarzen Stuhl? GI-Blutung als häufige Ursache
Menstruation Wie stark ist Ihre Regelblutung? Wie viele Binden/Tampons? Hypermenorrhoe als Hauptursache bei Frauen
Ernährung Ernähren Sie sich vegetarisch oder vegan? Alimentärer Eisenmangel
Vorerkrankungen Haben Sie Magen-Darm-Erkrankungen wie Zöliakie? Malabsorption ausschließen

Beispieldialog

Arzt:

Guten Tag, ich bin . Was führt Sie zu uns?

Patientin:

Ich bin seit Wochen so müde und beim Treppensteigen bekomme ich kaum noch Luft.

Arzt:

Haben Sie auch Schwindel oder Herzrasen bemerkt?

Patientin:

Ja, manchmal wird mir schwarz vor Augen, besonders wenn ich schnell aufstehe.

Arzt:

Wie ist Ihre Regelblutung? Würden Sie sie als stark bezeichnen?

Patientin:

Ja, sehr stark. An manchen Tagen muss ich stündlich die Binde wechseln.

Prüfungsfokus

  • Immer nach Blutungsquellen fragen (GI, gynäkologisch)
  • Ernährungsanamnese bei jungen Frauen wichtig
  • Pica-Syndrom (Essen von Erde, Eis) als Hinweis auf schweren Eisenmangel
4 · Befund

Körperliche Untersuchung

Methode Erwarteter Befund
Inspektion Blässe (Konjunktiven, Mundschleimhaut, Nagelbett), brüchige Nägel (Koilonychie), Mundwinkelrhagaden
Palpation Tachykardie, evtl. Splenomegalie bei chronischer Anämie
Auskultation Funktionelles Herzgeräusch bei schwerer Anämie
Vitalzeichen Tachykardie, ggf. Hypotonie

Labor

Parameter Veränderung Bedeutung
Hämoglobin ↓ (<12 g/dL ♀, <13 g/dL ♂) Manifeste Anämie
MCV, MCH ↓ (mikrozytär, hypochrom) Typisch für Eisenmangel
Ferritin ↓ (<30 µg/L) Speichereisen erschöpft
Transferrinsättigung ↓ (<20%) Eisendefizitäre Erythropoese
Retikulozyten ↓ oder normal Hypoproliferative Anämie

Bildgebung

Methode Typischer Befund Wann einsetzen
ÖGD Erosionen, Ulzera, Angiodysplasien Bei V.a. GI-Blutung, Männer, postmenopausale Frauen
Koloskopie Polypen, Karzinom, CED Bei okkultem Blut im Stuhl, ab 40 J.
Abdomen-Sono Myome, Organvergrößerung Screeninguntersuchung

Goldstandard

Ferritin <30 µg/L + Transferrinsättigung <20% = Eisenmangelanämie gesichert

Cave: Bei Entzündung kann Ferritin falsch-normal sein → dann sTfR, Ferritinindex oder Retikulozyten-Hb bestimmen!

5 · Therapie

Akuttherapie

Maßnahme Details
Ursachenbehandlung Blutungsquelle sanieren, Grunderkrankung behandeln
Orale Eisensubstitution Fe(II)-Präparat 100 mg/Tag nüchtern, ggf. alternierende Gabe
Parenterale Eisengabe Bei Unverträglichkeit, Malabsorption: Eisen-Carboxymaltose i.v.
Transfusion Nur bei symptomatischer schwerer Anämie (Hb <6-7 g/dL)

Langzeittherapie

Maßnahme Details
Therapiedauer 3-6 Monate nach Hb-Normalisierung bis Ferritin >100 µg/L
Kontrollen Retikulozyten nach 1 Woche, Hb nach 2-4 Wochen, Ferritin nach 3 Monaten
Ernährungsberatung Eisenreiche Kost, Vitamin C zur Resorptionsförderung
Rezidivprophylaxe Ursachenbeseitigung, bei Hypermenorrhoe ggf. hormonelle Therapie

Prüfungsfokus

  • Orale Eisentherapie: Fe(II) 100 mg/Tag nüchtern, Resorption durch Vitamin C verbessert
  • Alternierende Gabe (jeden 2. Tag) bei leichtem Eisenmangel wegen Hepcidin-Anstieg
  • Therapieerfolg: Retikulozytenanstieg nach 7-10 Tagen, Hb-Anstieg ~1 g/dL nach 2 Wochen
6 · Arztbrief

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

wir berichten über unsere gemeinsame Patientin ( Jahre), die sich wegen zunehmender Müdigkeit und Belastungsdyspnoe in unserer Praxis vorstellte.

Anamnese:
Die Patientin berichte, seit mehreren Wochen an ausgeprägter Müdigkeit und Schwindel zu leiden. Sie habe zudem eine Belastungsdyspnoe beim Treppensteigen bemerkt. Die Menstruation sei seit einigen Monaten verstärkt mit stündlichem Bindenwechsel an starken Tagen. Vorerkrankungen seien nicht bekannt.

Befund:
Bei der klinischen Untersuchung zeige sich eine blasse Haut- und Schleimhautfarbe. Die Herzfrequenz sei mit 98/min leicht erhöht. Laborchemisch finde sich ein Hb von 9,2 g/dL, MCV 72 fL, MCH 24 pg, Ferritin 8 µg/L und eine Transferrinsättigung von 12%.

Diagnose:
Eisenmangelanämie bei Hypermenorrhoe (ICD-10: D50.0)

Therapie:
Wir haben eine orale Eisensubstitution mit Eisen(II)-sulfat 100 mg täglich nüchtern eingeleitet. Eine gynäkologische Vorstellung zur Abklärung der Hypermenorrhoe sei erfolgt.

Procedere:
Wir bitten um Laborkontrolle (Blutbild, Ferritin) in 4 Wochen. Die Eisensubstitution solle bis zum Erreichen eines Ferritinwertes von >100 µg/L fortgeführt werden.

Mit kollegialen Grüßen

7 · Übergabe (SBAR)
S – Situation:

, Jahre, Vorstellung wegen Müdigkeit und Schwindel seit mehreren Wochen.

B – Background:

Keine relevanten Vorerkrankungen. Hypermenorrhoe mit stündlichem Bindenwechsel. Vegetarische Ernährung.

A – Assessment:

Eisenmangelanämie: Hb 9,2 g/dL, Ferritin 8 µg/L, Transferrinsättigung 12%. Mikrozytär, hypochrom.

R – Recommendation:

Orale Eisensubstitution eingeleitet. Gynäkologische Mitbeurteilung. Laborkontrolle in 4 Wochen. Bei fehlendem Ansprechen: Ursachensuche erweitern (ÖGD, Koloskopie).

8 · Differentialdiagnosen
Differentialdiagnose Unterschied Ausschluss
Thalassämie Ferritin normal/erhöht, Mentzer-Index <13 Hb-Elektrophorese
Anämie chronischer Erkrankungen (ACD) Ferritin normal/erhöht, CRP erhöht sTfR normal, Entzündungszeichen
Sideroblastische Anämie Ferritin erhöht, Ringsideroblasten Knochenmarkpunktion
Vitamin-B12-/Folsäuremangel Makrozytär (MCV erhöht) Vitamin B12, Folsäure im Serum
⚠️ 9 · Komplikationen

Akute Komplikationen

  • Kardiale Dekompensation → bei schwerer Anämie und vorbestehender Herzinsuffizienz
  • Synkope → durch zerebrale Minderperfusion
  • Anginöse Beschwerden → bei KHK durch reduzierten O₂-Transport

Spätkomplikationen

  • Plummer-Vinson-Syndrom → Schleimhautatrophie mit Dysphagie
  • Entwicklungsverzögerung → bei Kindern mit chronischem Eisenmangel
  • Kognitive Einschränkungen → Konzentrations- und Lernschwäche
  • Restless-Legs-Syndrom → bei chronischem Eisenmangel
10 · Red Flags
Warnzeichen Bedeutet Sofortmaßnahme
Hb <7 g/dL + Symptome Schwere Anämie, Transfusionsbedarf Stationäre Aufnahme, EK-Gabe
Teerstuhl/Bluterbrechen Akute GI-Blutung Notfall-ÖGD, Kreislaufstabilisierung
Gewichtsverlust + Eisenmangel Malignom ausschließen ÖGD + Koloskopie dringend
Kein Therapieansprechen Persistierende Blutung, Malabsorption, Fehldiagnose Ursachensuche erweitern
11 · Quiz

Wichtigste Punkte

  1. Ferritin <30 µg/L = Eisenmangel bewiesen
  2. Transferrinsättigung <20% = eisendefizitäre Erythropoese
  3. Immer Blutungsquelle suchen (GI, gynäkologisch)
Frage 1 (Diagnostik): Welcher Laborparameter ist der sensitivste Marker für einen Speichereisenmangel?
A) Serumeisen
B) Ferritin
C) Hämoglobin
D) MCV
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Ferritin
Ferritin korreliert direkt mit dem Speichereisen. Ein Ferritin <30 µg/L beweist einen Eisenmangel. Serumeisen ist zu starken Tagesschwankungen unterworfen.
Frage 2 (Diagnostik): Eine 45-jährige Patientin mit rheumatoider Arthritis hat einen Hb von 10 g/dL, MCV 78 fL, Ferritin 150 µg/L und CRP 45 mg/L. Welcher Parameter hilft bei der Differenzierung zwischen Eisenmangel und Anämie chronischer Erkrankungen?
A) Retikulozytenzahl
B) Löslicher Transferrinrezeptor (sTfR)
C) Serumeisen
D) Bilirubin
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Löslicher Transferrinrezeptor (sTfR)
Der sTfR ist bei echtem Eisenmangel erhöht, bei ACD normal. Bei Entzündung kann Ferritin falsch-normal sein, daher ist der sTfR oder der Ferritinindex diagnostisch wegweisend.
Frage 3 (Therapie): Wie sollte orales Eisen leitliniengerecht eingenommen werden?
A) 3x täglich zu den Mahlzeiten
B) 1x täglich nüchtern, ggf. alternierend
C) 2x täglich mit Milch
D) 1x wöchentlich hochdosiert
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) 1x täglich nüchtern, ggf. alternierend
Fe(II) 100 mg täglich nüchtern. Bei leichtem Eisenmangel ist eine alternierende Gabe (jeden 2. Tag) empfohlen, da tägliche Gabe zu Hepcidin-Anstieg führt und die Resorption nachfolgender Dosen reduziert.
Frage 4 (Therapie): Wann ist eine parenterale Eisensubstitution indiziert?
A) Bei jedem Eisenmangel zur schnelleren Wirkung
B) Bei Unverträglichkeit, Malabsorption oder dringender OP
C) Nur bei Kindern
D) Nur bei Schwangeren
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Bei Unverträglichkeit, Malabsorption oder dringender OP
Parenterale Eisengabe (z.B. Eisen-Carboxymaltose) bei: GI-Unverträglichkeit, Malabsorption (Zöliakie, CED), dringlicher präoperativer Korrektur, oder wenn orale Therapie versagt.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Ein 65-jähriger Mann stellt sich mit Hb 7,5 g/dL und Teerstuhl vor. Was ist die wichtigste Sofortmaßnahme?
A) Orale Eisensubstitution beginnen
B) Ambulante Koloskopie planen
C) Stationäre Aufnahme mit Notfall-ÖGD
D) Ferritin bestimmen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C) Stationäre Aufnahme mit Notfall-ÖGD
Teerstuhl bei schwerer Anämie ist ein Notfall! Sofortige stationäre Aufnahme, Kreislaufstabilisierung, ggf. Transfusion und Notfall-ÖGD zur Blutungsquellensuche.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Ab welchem Hb-Wert sollte bei symptomatischer Anämie eine Transfusion erwogen werden?
A) <12 g/dL
B) <10 g/dL
C) <8 g/dL
D) <6-7 g/dL
✅ Antwort anzeigen
Richtig: D) <6-7 g/dL
Transfusionsindikation bei symptomatischer Anämie mit Hb <6-7 g/dL oder bei kardialen Risikopatienten früher. Restriktive Transfusionsstrategie ist Standard.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Ein Patient mit mikrozytärer Anämie hat ein Ferritin von 180 µg/L. Welche Diagnose ist wahrscheinlicher als Eisenmangel?
A) Vitamin-B12-Mangel
B) Thalassämie
C) Folsäuremangel
D) Hämolytische Anämie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B) Thalassämie
Bei Thalassämie ist das Ferritin normal bis erhöht bei mikrozytärer Anämie. Der Mentzer-Index (MCV/Erythrozyten) <13 spricht für Thalassämie, >13 für Eisenmangel. Bestätigung durch Hb-Elektrophorese.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Welches Zeichen spricht gegen eine Eisenmangelanämie und für eine Anämie chronischer Erkrankungen?
A) Niedriges Ferritin
B) Niedriges MCV
C) Normaler löslicher Transferrinrezeptor bei erhöhtem CRP
D) Niedrige Transferrinsättigung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C) Normaler löslicher Transferrinrezeptor bei erhöhtem CRP
Bei ACD ist der sTfR normal (kein echter Eisenmangel der Erythropoese), während er bei Eisenmangelanämie erhöht ist. CRP-Erhöhung und normales/erhöhtes Ferritin sprechen für ACD.
12 · Fachbegriffe
Fachbegriff Erklärung für Patienten
Eisenmangelanämie "Blutarmut durch Eisenmangel – Ihr Körper kann nicht genug rote Blutkörperchen bilden."
Ferritin "Das ist der Speicherwert für Eisen in Ihrem Körper."
Transferrinsättigung "Zeigt, wie viel Eisen gerade im Blut transportiert wird."
Mikrozytär "Ihre roten Blutkörperchen sind kleiner als normal."
Hypochrom "Die roten Blutkörperchen enthalten weniger Farbstoff als normal."
Koilonychie "Löffelnägel – die Fingernägel sind nach innen gewölbt, ein Zeichen für Eisenmangel."

Zusammenfassung

Die Eisenmangelanämie ist die weltweit häufigste Anämieform. Die Diagnose erfolgt durch Ferritin <30 µg/L und Transferrinsättigung <20%. Entscheidend ist die Ursachensuche (Blutung, Malabsorption, erhöhter Bedarf). Die Therapie besteht aus oraler Eisensubstitution über 3-6 Monate nach Hb-Normalisierung. Bei Unverträglichkeit oder Malabsorption ist die parenterale Gabe indiziert.

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.