Herpes Zoster – FSP-Fall

Infektiologie Häufig Konservativ Prüfungsrelevant 📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13

FSP-Fall zum Herpes Zoster: Dermatomaler Bläschenausschlag, VZV-PCR als Goldstandard, antivirale Therapie innerhalb 72h und Prävention der postzosterischen Neuralgie.

0 · Auf einen Blick

  • Leitsymptom: Unilateraler, dermatomal begrenzter, schmerzhafter Bläschenausschlag
  • Diagnostischer Standard: VZV-PCR aus Bläscheninhalt (Sensitivität/Spezifität nahe 100%)
  • Erste Maßnahme: Antivirale Therapie innerhalb von 72h nach Symptombeginn
  • Wichtigste Kontraindikation: Brivudin + 5-Fluorouracil → lebensbedrohlich!
  • Prognose: Gut bei frühzeitiger Therapie; 10-20% entwickeln postzosterische Neuralgie

1 · Leitfall

Hausärztliche Praxis 68 J., m Brennende Schmerzen und Bläschen am Rumpf
"Seit drei Tagen habe ich so ein Brennen und Stechen auf der linken Seite am Rücken. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhoben. Gestern sind dann diese kleinen Bläschen aufgetaucht, die furchtbar jucken und wehtun. Nachts kann ich vor Schmerzen kaum schlafen."
2 · Krankheitsbild

Definition

Herpes Zoster (Gürtelrose) ist eine neurokutane Viruskrankheit, die durch die Reaktivierung des latent in sensorischen Spinal- und Hirnnervenganglien persistierenden Varicella-Zoster-Virus (VZV) verursacht wird. Die Erstinfektion mit VZV äußert sich als Varizellen (Windpocken).

Pathophysiologie

Nach der Primärinfektion (Varizellen) persistiert das VZV lebenslang latent in den sensorischen Ganglien. Bei nachlassender zellulärer Immunität (Alter, Immunsuppression, Stress) reaktiviert das Virus, wandert entlang der sensorischen Nervenfasern zur Haut und verursacht dort die typischen Effloreszenzen im betroffenen Dermatom.

Epidemiologie

Inzidenz Ca. 1,7 Mio. Fälle/Jahr in Europa; Lebenszeitrisiko 20-30%
Typisches Alter >50 Jahre (signifikant steigend ab 50 LJ)
Geschlecht m = w
Lokalisation 80% thorakal; weitere: trigeminal, zervikal, lumbosakral

Risikofaktoren

Nicht modifizierbar:
  • Alter >50 Jahre
  • Frühere VZV-Infektion (Voraussetzung)
  • Weibliches Geschlecht (leicht erhöht)
Modifizierbar/Erworben:
  • Immunsuppression (HIV, Chemotherapie, Transplantation)
  • Malignome (v.a. hämatologische)
  • Diabetes mellitus
  • Chronischer Stress
3 · Anamnese

Gezielte Fragen

Bereich Frage Warum wichtig
Prodromalphase Hatten Sie vor den Bläschen bereits Schmerzen, Brennen oder ein Kribbeln an dieser Stelle? 80% haben Prodromalstadium mit Schmerzen vor Exanthem
Schmerzcharakter Wie würden Sie den Schmerz beschreiben – brennend, stechend, einschießend? Neuropathischer Schmerzcharakter typisch; DD zu anderen Ursachen
Lokalisation Ist der Ausschlag auf eine Körperseite begrenzt? Unilaterale, dermatomale Begrenzung ist pathognomonisch
Augenbeteiligung Haben Sie Sehstörungen, Augenschmerzen oder Bläschen an Stirn/Nase? Zoster ophthalmicus ist Notfall → sofortige Therapie!
Ohrbeteiligung Haben Sie Hörprobleme, Ohrenschmerzen oder Gesichtslähmung bemerkt? Zoster oticus (Ramsay-Hunt-Syndrom) erfordert Intervention
Immunstatus Nehmen Sie Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen? Haben Sie Krebs oder HIV? Immunsupprimierte brauchen i.v.-Therapie; höheres Komplikationsrisiko
Medikamente Bekommen Sie eine Chemotherapie, insbesondere mit 5-Fluorouracil? Absolute Kontraindikation für Brivudin!
Varizellen Hatten Sie als Kind Windpocken? Voraussetzung für Zoster; bei Unsicherheit → Serologie

Beispieldialog

Arzt:

Guten Tag, Herr Heinrich Weber, ich bin Dr. Amira El-Sayed. Was führt Sie heute zu uns?

Patient:

Ich habe seit ein paar Tagen starke Schmerzen auf der linken Brustseite und jetzt sind auch Bläschen aufgetaucht.

Arzt:

Wann genau haben die Beschwerden begonnen und was haben Sie zuerst bemerkt – die Schmerzen oder die Bläschen?

Patient:

Die Schmerzen kamen zuerst, so vor fünf Tagen. Ich dachte, es sei ein Muskelkater. Die Bläschen sehe ich erst seit zwei Tagen.

Arzt:

Wie würden Sie den Schmerz beschreiben? Ist er eher dumpf oder eher brennend und stechend?

Patient:

Es brennt richtig, und manchmal schießt es ein wie ein Blitz. Die Haut ist auch sehr empfindlich – selbst das Hemd tut weh.

Arzt:

Ist der Ausschlag auf eine Körperhälfte begrenzt? Geht er über die Körpermitte hinaus?

Patient:

Nein, er ist nur links, wie ein Gürtel von hinten nach vorne.

Arzt:

Haben Sie auch Probleme mit den Augen oder Ohren bemerkt? Sehstörungen oder Hörprobleme?

Patient:

Nein, Gott sei Dank nicht. Nur dieser Ausschlag am Rücken und an der Seite.

Arzt:

Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein? Haben Sie Vorerkrankungen wie Diabetes oder Krebs?

Patient:

Ich nehme Tabletten gegen Bluthochdruck. Krebs habe ich keinen.

Prüfungsfokus

  • Prodromalschmerzen vor Exanthem erfragen – typisch für Zoster!
  • Immer nach Augen- und Ohrbeteiligung fragen (Zoster ophthalmicus/oticus)
  • Medikamentenanamnese: 5-FU-Therapie → Brivudin kontraindiziert!
  • Dermatomale, unilaterale Begrenzung ist pathognomonisch
4 · Befund

Körperliche Untersuchung

Methode Erwarteter Befund
Inspektion Gruppiert stehende Bläschen auf erythematösem Grund, streng unilateral, dermatomal begrenzt; verschiedene Stadien (Papeln → Vesikel → Pusteln → Krusten)
Palpation Hyperästhesie/Allodynie im betroffenen Dermatom; regionale Lymphadenopathie möglich
Neurologisch Sensibilitätsstörungen im Dermatom; bei Zoster oticus → Fazialisparese prüfen
Augenuntersuchung Bei V1-Befall: Hutchinson-Zeichen (Nasenspitze betroffen) → Zoster ophthalmicus wahrscheinlich!

Labor

Parameter Veränderung Bedeutung
VZV-PCR Positiv Goldstandard! Sensitivität/Spezifität nahe 100%
Tzanck-Test Mehrkernige Riesenzellen Schnelltest, aber unspezifisch (auch bei HSV positiv)
VZV-IgM/IgG IgM ↑, IgG ↑↑ Serologische Bestätigung; Serokonversion bei Erstinfektion
Leukozyten ↑ oder normal Leichte Leukozytose möglich
CRP ↑ (leicht) Entzündungsreaktion
HIV-Test Bei Patient <50 J. durchführen Zoster bei Jungen ist HIV-Indikator!

Bildgebung

Methode Typischer Befund Wann einsetzen
MRT Schädel Signalanhebung der Hirnnerven Bei V. a. ZNS-Beteiligung, Zoster ophthalmicus/oticus
Liquorpunktion Lymphozytäre Pleozytose, VZV-PCR positiv Bei V. a. Meningoenzephalitis
Spaltlampe Keratitis, Uveitis Bei Zoster ophthalmicus → Augenarzt!

Goldstandard

VZV-PCR aus Bläscheninhalt – Sensitivität und Spezifität nahe 100%. Bei klinisch eindeutigem Bild kann Diagnose auch klinisch gestellt werden, Laborbestätigung wird jedoch empfohlen.

5 · Therapie

Akuttherapie

Maßnahme Details
Antivirale Therapie (oral) Therapiebeginn innerhalb 72h nach Symptombeginn! Optionen: Aciclovir, Valaciclovir, Famciclovir, Brivudin – alle leitliniengerecht wirksam
Antivirale Therapie (i.v.) Aciclovir i.v. bei: Immunsuppression, Zoster ophthalmicus/oticus, ZNS-Beteiligung, disseminiertem Zoster
Analgesie Nach WHO-Stufenschema: NSAR/Metamizol → Tramadol → starke Opioide; frühzeitig beginnen!
Lokaltherapie Antiseptische Umschläge (Bläschenstadium), austrocknende Lotionen (Lotio alba), Aciclovir-Augensalbe bei Zoster ophthalmicus

Antivirale Substanzen im Vergleich

Substanz Dosierung Besonderheiten
Aciclovir (oral) Leitliniengerecht 5× täglich für 7 Tage Niedrige Bioverfügbarkeit (20%), häufige Gabe nötig
Valaciclovir Leitliniengerecht 3× täglich für 7 Tage Prodrug von Aciclovir, bessere Bioverfügbarkeit (65%)
Famciclovir Leitliniengerecht 3× täglich für 7 Tage Gute Wirksamkeit auf Schmerzdauer
Brivudin 1× 125 mg täglich für 7 Tage Höchste antivirale Potenz, nur 1× täglich; CAVE: Absolut kontraindiziert bei 5-FU-Therapie!
Aciclovir (i.v.) Leitliniengerecht 3× täglich für 7-10 Tage Standard bei Immunsuppression und komplizierten Verläufen

Schmerztherapie bei neuropathischen Schmerzen

Substanzklasse Beispiele Einsatz
Antikonvulsiva Gabapentin, Pregabalin Bei neuropathischer Komponente; einschleichend dosieren
Trizyklische Antidepressiva Amitriptylin Brennende Schmerzen, einschießende Attacken
Topisch Capsaicin-Pflaster (8%) Bei lokalisierter postzosterischer Neuralgie

Langzeittherapie / Prävention

  • Impfung (Shingrix®): STIKO-Empfehlung für alle ≥60 Jahre (Standardimpfung) und ≥50 Jahre bei Immundefizienz (Indikationsimpfung)
  • Wirksamkeit: >90% Schutz vor Zoster und postzosterischer Neuralgie, Wirkdauer >4 Jahre nachgewiesen
  • Postzosterische Neuralgie: Multimodale Schmerztherapie, ggf. Schmerzambulanz

⚠️ CAVE: Brivudin + 5-Fluorouracil

Brivudin hemmt irreversibel die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD), die für den Abbau von 5-FU verantwortlich ist. Die Kombination führt zu lebensbedrohlicher 5-FU-Toxizität (Knochenmarksdepression, GI-Toxizität). Mindestabstand: 4 Wochen zwischen Brivudin und 5-FU-Therapie!

6 · Arztbrief

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wir berichten über unseren gemeinsamen Patienten Heinrich Weber, 68 Jahre, der sich am [Datum] in unserer Sprechstunde vorstellte.

Diagnose: Herpes Zoster thoracalis links (Dermatom Th8)

Anamnese:
Der Patient habe seit fünf Tagen brennende Schmerzen im Bereich des linken Hemithorax bemerkt. Initial habe er diese als muskulär bedingt eingeordnet. Seit zwei Tagen seien gruppierte Bläschen auf erythematösem Grund aufgetreten. Der Schmerz sei brennend und einschießend, die Haut sei berührungsempfindlich. Sehstörungen oder Hörbeschwerden bestünden nicht. Der Patient leide an arterieller Hypertonie und nehme regelmäßig Antihypertensiva ein. Eine Chemotherapie oder Immunsuppression liege nicht vor.

Befund:
Bei Aufnahme zeige sich ein gruppiertes vesikulöses Exanthem auf erythematösem Grund, streng unilateral und dermatomal begrenzt im Bereich Th8 links. Die Bläschen befänden sich in verschiedenen Stadien. Eine Allodynie im betroffenen Areal sei nachweisbar. Die neurologische Untersuchung ergebe keine Auffälligkeiten. Die Augenuntersuchung sei unauffällig.

Diagnostik:
Die VZV-PCR aus Bläscheninhalt sei positiv. Das Routinelabor zeige eine diskrete Leukozytose und CRP-Erhöhung.

Therapie und Verlauf:
Es sei eine leitliniengerechte antivirale Therapie mit Valaciclovir eingeleitet worden. Zur Analgesie habe der Patient zunächst Ibuprofen erhalten. Bei Persistenz neuropathischer Schmerzen sei Gabapentin in einschleichender Dosierung hinzugefügt worden. Lokal seien antiseptische Umschläge und austrocknende Lotionen angewandt worden. Unter dieser Therapie habe sich eine deutliche Besserung eingestellt.

Procedere:

  • Fortsetzung der antiviralen Therapie für insgesamt 7 Tage
  • Bedarfsgerechte Analgesie, ggf. Gabapentin-Anpassung
  • Bei Schmerzen >4 Wochen: Wiedervorstellung zur Evaluation einer postzosterischen Neuralgie
  • Impfberatung: Shingrix®-Impfung nach Abklingen der akuten Erkrankung empfohlen

Für Rückfragen stehen wir jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Amira El-Sayed

7 · Übergabe (SBAR)

S – Situation

Herr Heinrich Weber, 68 Jahre, stationäre Aufnahme wegen Herpes Zoster thoracalis links mit starken neuropathischen Schmerzen.

B – Background

Bekannte arterielle Hypertonie. Keine Immunsuppression, keine Chemotherapie. Symptombeginn vor 5 Tagen mit Schmerzen, Bläschen seit 2 Tagen. VZV-PCR positiv bestätigt.

A – Assessment

Unkomplizierter thorakaler Zoster ohne Organbeteiligung. Therapie mit Valaciclovir und Gabapentin läuft. Schmerzkontrolle noch nicht zufriedenstellend (VAS 6/10). Keine Red Flags für Disseminierung.

R – Recommendation

Antivirale Therapie fortführen. Gabapentin-Dosis nach Schema steigern. Bei VAS >7 Tramadol als Bedarfsmedikation. Tägliche Inspektion der Läsionen. Bei Augensymptomen → sofortige augenärztliche Vorstellung.

8 · Differentialdiagnosen
Differentialdiagnose Gemeinsamkeit Unterschied Ausschluss
Herpes simplex Gruppierte Bläschen, Schmerzen Nicht streng dermatomal; HSV-1 oft labial/facial, HSV-2 genital; Rezidive häufiger PCR (HSV vs. VZV)
Kontaktdermatitis Erythem, Bläschen, Juckreiz Keine dermatomale Begrenzung; Expositionsanamnese; weniger Schmerz Anamnese (Kontakt?), keine neuralgischen Schmerzen
Erysipel Erythem, Schmerzen, Fieber möglich Scharf begrenzte Rötung ohne Bläschen; nicht dermatomal; Fieber häufiger Klinisches Bild (keine gruppierten Bläschen)
Bullöses Pemphigoid Blasen auf der Haut Größere, pralle Blasen; bilateral; ältere Patienten; keine dermatomale Verteilung Hautbiopsie, Immunfluoreszenz
Zoster sine herpete Dermatomale Schmerzen Keine Hautläsionen trotz typischer neuralgischer Schmerzen VZV-Serologie, PCR aus Liquor bei ZNS-Verdacht

Prodromalphase – DD vor Exanthem

Im Prodromalstadium (Schmerzen ohne Exanthem) können je nach Lokalisation andere Erkrankungen imitiert werden:

  • Thorakal: Myokardinfarkt, Interkostalneuralgie, Pleuritis
  • Abdominal: Cholezystitis, Pankreatitis, Appendizitis
  • Lumbal: Bandscheibenvorfall, Nierenkolik
  • Trigeminusbereich: Migräne, Glaukom, Zahnschmerzen
⚠️ 9 · Komplikationen

Akute Komplikationen

  • Zoster ophthalmicus → Keratitis, Uveitis, Sekundärglaukom, Erblindung möglich; Notfall!
  • Zoster oticus (Ramsay-Hunt-Syndrom) → Fazialisparese, Hörverlust, Schwindel
  • Zoster generalisatus → Disseminierung bei Immunsupprimierten; >20 Läsionen außerhalb des Primärdermatoms
  • Bakterielle Superinfektion → Impetiginisierung, Phlegmone, Sepsis
  • Meningoenzephalitis → Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle
  • Myelitis → Motorische Ausfälle, Blasenstörungen
  • Vaskulopathie → Schlaganfall durch VZV-assoziierte Vaskulitis

Spätkomplikationen

  • Postzosterische Neuralgie (PZN) → Schmerzen >90 Tage nach Exanthem; Risiko 10-20%, bei >85 Jahren bis 50%
  • Segmentale motorische Paresen → In 5% der Fälle
  • Narbenbildung → Besonders bei hämorrhagischem oder nekrotisierendem Verlauf
  • Chronische Augenschäden → Bei Zoster ophthalmicus ohne adäquate Therapie

Risikofaktoren für Postzosterische Neuralgie

  • Alter >70 Jahre
  • Schwere akute Schmerzen (VAS >7)
  • Ausgeprägte Prodromalsymptome
  • Kraniale oder thorakale Lokalisation
  • Hämorrhagischer Verlauf
  • Verzögerter Therapiebeginn (>72h)
10 · Red Flags
Warnzeichen Bedeutet Sofortmaßnahme
Hutchinson-Zeichen Bläschen an Nasenspitze → Zoster ophthalmicus mit hohem Risiko für Augenbeteiligung Sofortige augenärztliche Vorstellung, Aciclovir i.v.
Sehstörungen/Augenschmerzen Drohende Keratitis/Uveitis → Erblindungsrisiko Notfall-Augenarzt, i.v.-Therapie
Fazialisparese Zoster oticus (Ramsay-Hunt) → permanente Lähmung möglich Aciclovir i.v. + Prednisolon, HNO-Konsil
Disseminierte Läsionen >20 Läsionen außerhalb Dermatom → Zoster generalisatus; oft bei Immunsuppression Stationäre Aufnahme, Aciclovir i.v., Isolation
Meningismus/Verwirrtheit ZNS-Beteiligung (Meningoenzephalitis) Liquorpunktion, Aciclovir i.v. hochdosiert
Harnverhalt/Paresen Myelitis, Radikulopathie MRT Wirbelsäule, Aciclovir i.v., Neurologie
Immunsupprimierter Patient Hohes Komplikationsrisiko, Disseminierung Immer Aciclovir i.v., stationäre Überwachung
11 · Quiz

Wichtigste Punkte

  1. Antivirale Therapie innerhalb von 72h nach Symptombeginn starten
  2. VZV-PCR ist Goldstandard (Sensitivität/Spezifität nahe 100%)
  3. Brivudin niemals mit 5-Fluorouracil kombinieren (lebensbedrohlich!)
Frage 1 (Diagnostik): Ein 65-jähriger Patient stellt sich mit gruppiert stehenden Bläschen auf erythematösem Grund im Bereich Th10 links vor. Welche Untersuchung gilt als Goldstandard zur Diagnosebestätigung?
A) Tzanck-Test
B) VZV-IgM-Serologie
C) VZV-PCR aus Bläscheninhalt
D) Hautbiopsie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Die VZV-PCR aus Bläscheninhalt ist der Goldstandard mit Sensitivität und Spezifität nahe 100%. Der Tzanck-Test (A) ist unspezifisch (auch bei HSV positiv). Die Serologie (B) ist weniger sensitiv für akute Infektionen. Eine Hautbiopsie (D) ist nur bei atypischem Befund indiziert.
Frage 2 (Diagnostik): Bei einem 35-jährigen Patienten wird ein Herpes Zoster diagnostiziert. Welche zusätzliche Diagnostik ist bei diesem Patienten besonders indiziert?
A) Röntgen-Thorax
B) HIV-Test
C) Koloskopie
D) Schilddrüsenfunktion
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Herpes Zoster bei Patienten unter 50 Jahren gilt als Indikator für eine HIV-Infektion. Eine HIV-Testung sollte bei allen Zoster-Patienten <50 Jahren durchgeführt werden.
Frage 3 (Therapie): Innerhalb welchen Zeitraums nach Symptombeginn sollte die antivirale Therapie bei Herpes Zoster idealerweise begonnen werden?
A) 24 Stunden
B) 72 Stunden
C) 7 Tage
D) Nur bei Komplikationen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Die antivirale Therapie sollte innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome begonnen werden. Dies ist entscheidend für den Therapieerfolg und die Prävention der postzosterischen Neuralgie. Bei Risikopatienten ist auch ein späterer Beginn noch sinnvoll.
Frage 4 (Therapie): Bei welcher Komedikation ist Brivudin absolut kontraindiziert?
A) Metoprolol
B) 5-Fluorouracil
C) Metformin
D) Amlodipin
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Brivudin hemmt irreversibel die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD), die für den Abbau von 5-Fluorouracil (5-FU) verantwortlich ist. Die Kombination führt zu lebensbedrohlicher 5-FU-Toxizität (Knochenmarksdepression, GI-Toxizität). Mindestabstand: 4 Wochen!
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Eine 70-jährige Patientin mit Herpes Zoster im Bereich V1 zeigt Bläschen an der Nasenspitze. Wie nennt man dieses Zeichen und was bedeutet es?
A) Nikolski-Zeichen – Hinweis auf Pemphigus
B) Hutchinson-Zeichen – hohes Risiko für Augenbeteiligung
C) Murphy-Zeichen – Cholezystitis
D) Kernig-Zeichen – Meningitis
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Das Hutchinson-Zeichen (Bläschen an der Nasenspitze bei V1-Befall) weist auf eine Beteiligung des N. nasociliaris hin. Da dieser Nerv auch das Auge versorgt, besteht ein hohes Risiko für Zoster ophthalmicus mit Keratitis/Uveitis. Sofortige augenärztliche Vorstellung und i.v.-Therapie erforderlich!
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Ein immunsupprimierter Patient zeigt neben dem lokalen Zoster-Befund mehr als 20 disseminierte Läsionen am ganzen Körper. Welche Therapie ist hier indiziert?
A) Brivudin oral
B) Valaciclovir oral
C) Aciclovir intravenös
D) Lokaltherapie ausreichend
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Bei Zoster generalisatus (>20 Läsionen außerhalb des Primärdermatoms), immunsupprimierten Patienten oder viszeraler Disseminierung ist Aciclovir i.v. die Standardtherapie. Orale Therapien sind hier nicht ausreichend wirksam. Zusätzlich ist eine stationäre Überwachung und Isolation erforderlich.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Ein Patient klagt seit 3 Tagen über brennende Schmerzen im Bereich Th6 rechts, ohne sichtbare Hautveränderungen. An welche Diagnose muss gedacht werden?
A) Nur Interkostalneuralgie
B) Zoster sine herpete
C) Fibromyalgie
D) Herzinfarkt
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Beim Zoster sine herpete treten dermatomale neuropathische Schmerzen ohne sichtbare Hautläsionen auf. Die Diagnose ist schwierig und erfordert eine VZV-Serologie oder ggf. Liquor-PCR. Im Prodromalstadium des klassischen Zoster können die Schmerzen ebenfalls ohne Exanthem bestehen.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Welches klinische Merkmal unterscheidet Herpes Zoster am zuverlässigsten von einer Herpes-simplex-Infektion?
A) Vorhandensein von Bläschen
B) Schmerzhaftigkeit der Läsionen
C) Streng dermatomale, unilaterale Begrenzung
D) Positive VZV-Serologie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Die streng dermatomale und unilaterale Begrenzung des Exanthems ist pathognomonisch für Herpes Zoster. Herpes simplex zeigt keine dermatomale Verteilung, sondern tritt bevorzugt an mukokutanen Grenzen auf (labial, genital). Bläschen (A) und Schmerzen (B) kommen bei beiden vor. Die Serologie (D) ist bei beiden meist positiv.
12 · Fachbegriffe
Fachbegriff Erklärung für Patienten
Herpes Zoster "Gürtelrose – eine Viruserkrankung, die einen schmerzhaften Ausschlag mit Bläschen verursacht"
Varicella-Zoster-Virus (VZV) "Das Virus, das zuerst Windpocken und später die Gürtelrose verursachen kann"
Dermatom "Ein Hautbereich, der von einem bestimmten Nerv versorgt wird"
Postzosterische Neuralgie "Nervenschmerzen, die auch nach Abheilen des Ausschlags bestehen bleiben können"
Zoster ophthalmicus "Gürtelrose im Bereich des Auges – ein Notfall, der sofort behandelt werden muss"
Antivirale Therapie "Medikamente, die die Vermehrung des Virus stoppen"
Allodynie "Schmerzempfindung bei normalerweise nicht schmerzhaften Reizen, z.B. leichte Berührung"
Hutchinson-Zeichen "Bläschen an der Nasenspitze – ein Warnzeichen für Augenbeteiligung"

Zusammenfassung

Herpes Zoster ist eine Reaktivierung des Varicella-Zoster-Virus mit typischem unilateralem, dermatomal begrenztem Bläschenausschlag und neuropathischen Schmerzen. Die frühzeitige antivirale Therapie innerhalb von 72 Stunden ist entscheidend zur Verhinderung von Komplikationen wie der postzosterischen Neuralgie. Bei Augenbeteiligung, Immunsuppression oder disseminiertem Verlauf ist eine intravenöse Therapie erforderlich.

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.