Sprunggelenkfraktur – FSP-Fall

Orthopädie & Chirurgie Chirurgisch Häufig Prüfungsrelevant 📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13

FSP-Fall zur Sprunggelenkfraktur: Weber-Klassifikation, Diagnostik mit Röntgen, Therapie je nach Typ (konservativ vs. operativ), Red Flags und SBAR-Übergabe.

0 · Auf einen Blick

  • Leitsymptom: Schmerzen, Schwellung und Fehlstellung nach Umknicktrauma
  • Diagnostischer Standard: Röntgen OSG in 2 Ebenen + Weber-Klassifikation
  • Erste Maßnahme: Sofortige Reposition bei Luxation, Ruhigstellung, Kühlung
  • Wichtigste Kontraindikation: Belastung bei instabiler Fraktur vor Versorgung
  • Prognose: Bei anatomischer Reposition gut; Fehlstellung → posttraumatische Arthrose

1 · Leitfall

Notaufnahme J., m Starke Schmerzen im Knöchel nach Umknicken
"Ich bin beim Fußballspielen umgeknickt. Mein Fuß ist sofort angeschwollen und ich konnte nicht mehr auftreten. Er steht irgendwie schief."
2 · Krankheitsbild

Definition

Die Sprunggelenkfraktur (Malleolarfraktur) ist ein Knochenbruch des oberen Sprunggelenks (OSG), der Außenknöchel (Fibula), Innenknöchel (Tibia) und/oder die hintere Tibiakante (Volkmann-Dreieck) betreffen kann. Sie entsteht meist durch ein indirektes Trauma beim Umknicken.

Pathophysiologie

Bei Supinations- oder Pronationstrauma wird der Talus in der Sprunggelenkgabel verkippt. Die Fibulafraktur entsteht durch Hebelwirkung. Je nach Frakturhöhe relativ zur Syndesmose ergeben sich unterschiedliche Stabilitätsverhältnisse: Weber A (unterhalb) = stabil, Weber B (auf Höhe) = variabel, Weber C (oberhalb) = immer instabil.

Epidemiologie

Inzidenz 100–180 pro 100.000 Einwohner/Jahr
Typisches Alter Zweigipfelig: 20–40 Jahre (Sport) und >60 Jahre (Stürze)
Geschlecht Jüngere: m > w (Sport); Ältere: w > m (Osteoporose)

Risikofaktoren

Nicht modifizierbar:
  • Höheres Alter
  • Weibliches Geschlecht (postmenopausal)
  • Osteoporose
Modifizierbar:
  • Sportarten mit hohem Umknickrisiko
  • Alkoholkonsum
  • Ungeeignetes Schuhwerk
  • Propriozeptionsstörungen
3 · Anamnese

Gezielte Fragen

Bereich Frage Warum wichtig
Unfallmechanismus Wie genau sind Sie umgeknickt? Nach innen oder außen? Supination vs. Pronation → Weber-Typ
Belastung Konnten Sie danach noch auftreten? Hinweis auf Frakturstabilität
Geräusch Haben Sie ein Knacken gehört? Typisch für Fraktur
Vorerkrankungen Haben Sie Diabetes, Durchblutungsstörungen oder Osteoporose? Wundheilung, OP-Risiko
Medikamente Nehmen Sie Blutverdünner? OP-Planung, Thromboseprophylaxe

Beispieldialog

Arzt:

Guten Tag, ich bin . Was ist passiert?

Patient:

Ich bin heute beim Fußball umgeknickt. Es hat sofort geknackt und ich hatte starke Schmerzen.

Arzt:

In welche Richtung ist der Fuß weggeknickt?

Patient:

Nach außen, glaube ich. Danach konnte ich gar nicht mehr auftreten.

Arzt:

Haben Sie vorher schon einmal solche Verletzungen gehabt? Nehmen Sie Medikamente?

Patient:

Nein, zum ersten Mal. Ich nehme keine Medikamente.

Prüfungsfokus

  • Unfallmechanismus erfragen (Supination/Pronation)
  • Ottawa Ankle Rules anwenden
  • Begleitverletzungen ausschließen (Syndesmose, Bänder)
4 · Befund

Körperliche Untersuchung

Methode Erwarteter Befund
Inspektion Schwellung, Hämatom, Fehlstellung, offene Verletzung?
Palpation Druckschmerz über Malleolen, Syndesmose, Basis Metatarsale V
DMS-Kontrolle Durchblutung (A. dorsalis pedis), Motorik, Sensibilität
Funktionsprüfung Belastungsfähigkeit, Beweglichkeit eingeschränkt

Labor

Parameter Veränderung Bedeutung
Blutbild Präoperativ OP-Vorbereitung
Gerinnung Quick, PTT OP-Freigabe
CRP Bei V.a. Infektion Offene Fraktur?

Bildgebung

Methode Typischer Befund Wann einsetzen
Röntgen OSG 2 Ebenen Frakturlinie, Dislokation, Weber-Klassifikation Standard bei V.a. Fraktur
Röntgen Unterschenkel ganz Maisonneuve-Fraktur ausschließen Bei Weber C, hoher Fraktur
CT Genauere Fragmentdarstellung Komplexe Frakturen, Pilon-tibiale
MRT Bandverletzungen Bei unklaren Syndesmosenläsionen

Goldstandard

Röntgen OSG in 2 Ebenen mit Weber-Klassifikation

5 · Therapie

Akuttherapie

Maßnahme Durchführung
PECH-Regel Pause, Eis, Compression, Hochlagerung
Analgesie Leitliniengerecht nach Bedarf
Grobreposition Bei Luxation sofort unter Längszug
Ruhigstellung Vakuumschiene oder gespaltener Gips

Weber-Typ-abhängige Therapie

Typ Syndesmose Therapie
Weber A Intakt Meist konservativ: Orthese, frühfunktionell
Weber B Variabel Je nach Stabilität: konservativ oder ORIF
Weber C Immer verletzt Immer operativ: Plattenosteosynthese + Stellschraube

Operative Therapie

  • Indikation: Dislokation, Instabilität, Syndesmosenläsion, Weber B/C
  • Verfahren: Plattenosteosynthese Fibula, Zugschrauben, ggf. Stellschraube
  • Zeitpunkt: Idealerweise innerhalb von 6 Stunden oder nach Abschwellung

Nachbehandlung

  • Thromboseprophylaxe bis zur Teilbelastung (20 kg)
  • Ruhigstellung im Walker/Orthese für ca. 6 Wochen
  • Physiotherapie zur Mobilisierung
  • Stellschraubenentfernung nach 6–8 Wochen
6 · Arztbrief

Entlassungsbrief

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wir berichten über unseren gemeinsamen Patienten , Jahre.

Diagnose: Sprunggelenkfraktur Weber B rechts

Anamnese: Der Patient habe sich beim Fußballspielen ein Supinationstrauma des rechten Sprunggelenks zugezogen. Er sei umgeknickt und habe sofort starke Schmerzen verspürt. Eine Belastung sei nicht mehr möglich gewesen.

Befund bei Aufnahme: Das rechte Sprunggelenk habe eine deutliche Schwellung und ein Hämatom über dem Außenknöchel gezeigt. Die DMS sei intakt gewesen. Röntgenologisch habe sich eine Weber-B-Fraktur mit Dislokation dargestellt.

Therapie: Es sei eine offene Reposition und Plattenosteosynthese der Fibula durchgeführt worden. Der intraoperative Befund habe eine intakte Syndesmose gezeigt. Der postoperative Verlauf sei komplikationslos gewesen.

Procedere: Wir bitten um Thromboseprophylaxe für 4 Wochen, Teilbelastung von 20 kg im Walker, Röntgenkontrolle in 6 Wochen. Physiotherapie ab der 3. Woche.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

7 · Übergabe (SBAR)
S – Situation , Jahre, Z.n. ORIF bei Weber-B-Fraktur rechts heute.
B – Background Supinationstrauma beim Sport. Keine relevanten Vorerkrankungen. Keine Dauermedikation.
A – Assessment Postoperativ stabil, DMS intakt, Wunde reizlos, Schmerzen gut kontrolliert.
R – Recommendation Thromboseprophylaxe fortführen, Teilbelastung 20 kg, DMS-Kontrollen. Analgesie nach Bedarf. Röntgenkontrolle morgen.
8 · Differentialdiagnosen
Diagnose Unterscheidungsmerkmal Ausschluss
Außenbandruptur Keine Fraktur, Instabilität im Talusvorschub Röntgen unauffällig, MRT positiv
Maisonneuve-Fraktur Hohe Fibulafraktur, Membrana interossea gerissen Röntgen US komplett, Druckschmerz proximal
Talusfraktur Sprungbeinkörper betroffen CT, andere Schmerzlokalisation
Metatarsale-V-Basisfraktur Schmerzen lateral am Mittelfuß Palpation Basis MT V, Röntgen Fuß
OSG-Distorsion Kein Frakturnachweis, Bandzerrung Ottawa Ankle Rules negativ
⚠️ 9 · Komplikationen

Akute Komplikationen

  • Kompartmentsyndrom → sofortige Fasziotomie
  • Hautweichteilnekrose → bei verzögerter Reposition über Malleolen
  • Nervenschäden → N. peroneus superficialis
  • Gefäßverletzungen → DMS-Kontrolle!
  • Wundinfektion → Antibiotika, ggf. Revision

Spätkomplikationen

  • Posttraumatische Arthrose → bei Fehlstellung häufig
  • Chronische Syndesmoseninstabilität → rezidivierende Beschwerden
  • Pseudarthrose → bei gestörter Frakturheilung
  • Bewegungseinschränkung → Arthrofibrose
  • Implantatversagen → Stellschraubenbruch bei Belastung
10 · Red Flags
Warnzeichen Bedeutet Sofortmaßnahme
Pulslosigkeit distal Gefäßkompression/-verletzung Sofortige Reposition, Gefäßchirurgie
Sensibilitätsstörung Nervenläsion oder Kompartment Engmaschige DMS-Kontrolle
Massive Schwellung Drohende Hautnekrose, Kompartment Hochlagerung, ggf. Fasziotomie
Offene Fraktur Infektionsgefahr Steriler Verband, AB, Notfall-OP
Luxationsstellung Durchblutungsgefährdung Sofortige Grobreposition
11 · Quiz

Wichtigste Punkte

  1. Weber-Klassifikation: A (unterhalb), B (auf Höhe), C (oberhalb) der Syndesmose
  2. Weber A meist konservativ, Weber C immer operativ
  3. DMS-Kontrolle obligat, Luxation sofort reponieren
Frage 1 (Diagnostik): Welche Klassifikation wird bei Sprunggelenkfrakturen im deutschsprachigen Raum am häufigsten verwendet?
A) Lauge-Hansen-Klassifikation
B) AO-Klassifikation
C) Weber-Klassifikation
D) Garden-Klassifikation
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Die Weber-Klassifikation (nach Danis-Weber) ist im deutschsprachigen Raum Standard. Sie klassifiziert nach Höhe der Fibulafraktur relativ zur Syndesmose (A, B, C).
Frage 2 (Diagnostik): Bei Verdacht auf eine Maisonneuve-Fraktur sollte zusätzlich zum OSG-Röntgen welche Aufnahme erfolgen?
A) Röntgen Becken
B) Röntgen Unterschenkel komplett
C) MRT Sprunggelenk
D) Sonographie Achillessehne
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Richtig: B
Bei der Maisonneuve-Fraktur liegt die Fibulafraktur proximal (unterhalb Fibulaköpfchen). Daher ist eine Röntgenaufnahme des gesamten Unterschenkels notwendig.
Frage 3 (Therapie): Eine Weber-C-Fraktur wird in der Regel wie behandelt?
A) Konservativ mit Gips
B) Konservativ mit Orthese
C) Immer operativ
D) Physiotherapie allein
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Richtig: C
Bei Weber-C-Frakturen ist die Syndesmose immer verletzt. Diese erfordern eine operative Versorgung mit Plattenosteosynthese und meist einer Stellschraube.
Frage 4 (Therapie): Wie lange sollte eine Stellschraube nach Syndesmosennaht typischerweise verbleiben?
A) 2 Wochen
B) 6–8 Wochen
C) 6 Monate
D) Dauerhaft
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Richtig: B
Die Stellschraube wird nach etwa 6–8 Wochen entfernt, sobald die Syndesmose ausgeheilt ist. Belastung mit einliegender Schraube kann zu Komplikationen führen.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Bei einer luxierten Sprunggelenkfraktur mit Pulslosigkeit des Fußes ist die erste Maßnahme?
A) CT-Angiographie
B) Sofortige Grobreposition
C) Analgesie und Abwarten
D) Röntgen in 2 Ebenen
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Richtig: B
Bei Luxationsstellung mit Durchblutungsstörung ist die sofortige Grobreposition unter Längszug die erste Maßnahme, um bleibende Schäden zu vermeiden.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Welches Symptom weist auf ein drohendes Kompartmentsyndrom hin?
A) Leichte Schwellung
B) Schmerzen nur bei Belastung
C) Massiv gespannte Schwellung mit Dehnungsschmerz
D) Juckreiz
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Massive, gespannte Schwellung mit starkem Dehnungsschmerz bei passiver Bewegung der Zehen sind Warnsignale für ein Kompartmentsyndrom.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Bei einem Supinationstrauma ohne Frakturnachweis im Röntgen und positivem Talusvorschubtest liegt am ehesten vor?
A) Weber-A-Fraktur
B) Außenbandruptur
C) Achillessehnenruptur
D) Talusfraktur
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Richtig: B
Ein positiver Talusvorschubtest bei unauffälligem Röntgen spricht für eine Außenbandruptur. Die MRT kann die Diagnose sichern.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Druckschmerz über der Basis des Os metatarsale V nach Supinationstrauma spricht für?
A) Weber-A-Fraktur
B) Syndesmosenverletzung
C) Metatarsale-V-Basisfraktur
D) Talusfraktur
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Die Metatarsale-V-Basisfraktur (Jones-Fraktur) entsteht durch Zug der Peroneus-brevis-Sehne und ist eine wichtige Differentialdiagnose bei lateralem Fußschmerz.
12 · Fachbegriffe
Fachbegriff Erklärung für Patienten
Malleolarfraktur "Ein Bruch am Knöchel, also am Sprunggelenk"
Syndesmose "Die Bandverbindung zwischen Schien- und Wadenbein"
Osteosynthese "Die operative Fixierung des Bruchs mit Platten und Schrauben"
Weber-Klassifikation "Eine Einteilung des Bruchs nach der Höhe am Wadenbein"
Volkmann-Dreieck "Ein hinteres Knochenfragment am Schienbein"
Stellschraube "Eine Schraube, die das Schien- und Wadenbein vorübergehend zusammenhält"

Zusammenfassung

Die Sprunggelenkfraktur ist die häufigste Fraktur der unteren Extremität. Die Weber-Klassifikation teilt nach Frakturhöhe relativ zur Syndesmose ein. Weber A ist meist stabil und konservativ behandelbar, Weber C erfordert immer eine Operation. Entscheidend für das Outcome ist die anatomische Rekonstruktion zur Vermeidung einer posttraumatischen Arthrose.

Verwandte Fälle

Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.