Meine FSP-Prüfung in Leipzig — Mai 2024. Fall: Komplizierter Fieberkrampf bei einem 2,5-jährigen Kind — Anamnese mit den Eltern.
Teil 1 — Anamnesegespräch (20 Min)
Patient: 2,5-jähriger Junge, Emil Wagner, vorgestellt durch seine Mutter (32 J., Frau Wagner). Vorstellungsgrund: Das Kind hatte heute Mittag einen Krampfanfall mit Bewusstseinsverlust, der ca. 8 Minuten dauerte. Gleichzeitig besteht seit gestern ein fieberhafter Infekt mit Temperaturen bis 39,8°C.
Aktuelle Anamnese
Onset: Heute um 13:15 Uhr — die Mutter beschreibt, dass Emil plötzlich steif wurde, die Augen verdrehte und dann tonisch-klonische Zuckungen der Extremitäten zeigte (generalisierten Charakter). Das Kind war während des Anfalls nicht ansprechbar. Provocation: Fieber von 39,8°C seit gestern Abend, heute Morgen 40,1°C. Fieber trat vor dem Anfall auf. Quality: Tonisch-klonischer generalisierter Anfall. Wichtig: Einseitige Zuckungen rechts > links (Fokuszeichen!) — Mutter berichtet, dass der linke Arm „weniger gezuckt hat“. Duration: Anfallsdauer ca. 8 Minuten (von Mutter mit dem Handy gestoppt) — >5 Minuten ist ein wichtiges Warnzeichen. Postiktal: Nach dem Anfall war Emil ca. 20 Minuten schläfrig und verwirrt (postiktaler Dämmerzustand), nun wach aber weinerlich. Severity: Eltern sehr erschrocken, Mutter weinte, Vater hat Rettungsdienst gerufen. Kein zweiter Anfall seitdem.
Fieberhafter Infekt seit gestern: Rhinitis, Husten, Halsschmerzen, kein Erbrechen, kein Durchfall, kein Hautausschlag. Zuletzt vor 6 Monaten Fieber (damals kein Krampf). Keine Nackenstarre bemerkt (wichtig zur DD Meningitis).
Vegetative Anamnese
- Appetit: Seit gestern reduziert — isst schlecht, trinkt ausreichend.
- Gewicht: Altersgerecht, keine Gewichtsveränderung.
- Schlaf: Nachts unruhig wegen Fieber, heute gut aufgewacht.
- Miktion: Letzte Miktion heute Morgen, normal, keine Hämaturie.
- Stuhl: Gestern und heute normal.
Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien
Vorerkrankungen: Gesundes Kind, altersgerechte Entwicklung (läuft gut, spricht in Sätzen). Frühgeburten: nein (SSW 40+2). Geburtskomplikationen: keine (unkomplizierte Spontangeburt, APGAR 9/10/10). Bisherige Anfälle: erstmaliges Ereignis heute. Keine Epilepsie bekannt. Vollständig geimpft (U7a zuletzt).
Medikamente: Paracetamol-Zäpfchen 250 mg gestern Abend und heute Morgen. Keine Dauermedikation.
Allergien: Keine bekannt. Keine Nahrungsmittelallergien.
Familien- und Sozialanamnese
Familie: Mutter hatte selbst als Kind Fieberkrämpfe (2-3 Episoden, bis zum 5. Lebensjahr — positive Familienanamnese für Fieberkrämpfe!). Vater gesund. Keine Epilepsie in der Familie. Keine Erbkrankheiten bekannt. Geschwister: Ältere Schwester (5 J.) gesund. Sozial: Familie vollständig, beide Eltern berufstätig, Kind besucht Krippe. Wohnsituation: Familienwohnung, beide Eltern sehr besorgt, Vater kam direkt von der Arbeit in die Notaufnahme.
Teil 2 — Arztbrief (20 Min)
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
wir berichten über unseren gemeinsamen kleinen Patienten Emil Wagner, geb. 10.01.2022, der am 28.05.2024 nach einem Krampfanfall mit begleitendem Fieber in unsere Kinderklinik aufgenommen wurde.
Diagnose: Komplizierter Fieberkrampf (ICD-10: R56.0) — komplex aufgrund Anfallsdauer > 5 Minuten (8 min) und fokaler Komponente (rechtsbetonte Zuckungen). Akuter Atemwegsinfekt (J06.9) als Ursache des Fiebers. Ausschluss Meningitis/Enzephalitis.
Anamnese und Befund: Erstmaliger Krampfanfall bei fieberhaftem Infekt (39,8–40,1°C). Tonisch-klonisch generalisiert, Dauer 8 Minuten, fokale Komponente rechts > links. Postiktaler Dämmerzustand 20 Minuten. Positive Familienanamnese (Mutter Fieberkrämpfe). Klinisch: Kind wach, weinerlich, GCS 15, Fieber 38,9°C. Neurologie: altersgerecht, Pupillen isokor und lichtreagibel, kein Meningismus (Nackensteifigkeit negativ, Brudzinski negativ, Kernig negativ), Fontanelle geschlossen. HNO: Rötung des Pharynx, Rhinitis. Herz-Lunge: unauffällig. Hautbefund: kein Exanthem, kein Petechien. Labor: Blutbild unauffällig (Leukozyten 11,2 G/l mit Linksverschiebung), CRP 18 mg/l (leicht erhöht, Infekt), Na 138 mmol/l, Glukose 4,9 mmol/l, Ca 2,4 mmol/l. EEG: durchgeführt am Folgetag — leichte Verlangsamung bilateral, kein spezifischer epileptiformer Fokus. MRT Schädel (wegen fokaler Komponente): strukturell unauffällig, keine Läsion.
Procedere: Stationäre Aufnahme zur Beobachtung und weiteren Abklärung (mindestens 24 h). Fieberbehandlung: Paracetamol 15 mg/kg alle 6 h und/oder Ibuprofen 10 mg/kg alle 8 h alternierend, ausreichend Flüssigkeitszufuhr. Notfall-Anfallstherapie: Eltern über Anfallsmanagement aufgeklärt und mit Diazepam-Rektiole 5 mg (bis 15 kg) ausgestattet für zukünftige Anfälle > 3–5 Minuten. Keine antikonvulsive Dauerprophylaxe indiziert (nach Leitlinie nur bei sehr häufigen Rezidiven). Vorstellung Neuropädiatrie in 4–6 Wochen. Elterngespräch ausführlich: gute Prognose, Rezidivrisiko ~30%, Epilepsierisiko gering erhöht (2–3% statt 1%).
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Teil 3 — Arzt-Arzt-Gespräch (20 Min)
- Arbeitsdiagnose? Komplizierter Fieberkrampf (komplex febrile seizure) — Kriterien: Dauer > 15 min ODER fokale Komponente ODER Rezidiv innerhalb 24 h. Hier: 8 min + fokale Komponente (rechtsbetont) → komplex, obwohl < 15 min. Differenzierung einfacher Fieberkrampf (< 15 min, generalisiert, einmalig in 24 h, vollständige Erholung) vs. komplizierter Fieberkrampf entscheidend für weiteres Management.
- Differenzialdiagnosen? (1) Bakterielle Meningitis / Meningoenzephalitis — MUSS ausgeschlossen werden! Klinische Zeichen: Meningismus, Petechien, hochgradiges Fieber, Bewusstseinsstörung; hier kein Meningismus, keine Petechien. Lumbalpunktion bei V.a. Meningitis! (2) Erstmanifestation einer Epilepsie — EEG und Verlauf entscheidend; bei Fieberkrampf < 5 J. selten. (3) Hyponatriämie/Hypokalzämie/Hypoglykämie — metabolische Ursachen ausschließen; hier Labor normal. (4) Zerebrale Raumforderung — selten im Kindesalter; MRT bei fokalen Zeichen. (5) FIRES (Febrile infection-related epilepsy syndrome) — selten, bei prolongierten Anfälfen > 24 h.
- Diagnostische Maßnahmen? Labor: Blutbild, CRP, Elektrolyte (Na, Ca, Mg), Glukose, Laktat. Lumbalpunktion: nur bei klinischen Meningismuszeichen, Petechien, unter 6 Monaten, oder bei therapieresistenten Krämpfen (cave: LP nach Status epilepticus verzögert). EEG: frühestens 24–48 h nach Anfall (aktuell verändertes EEG postiktal). MRT Schädel: bei fokalen Zeichen (wie hier), atypischem Verlauf. Keine routinemäßige Bildgebung beim einfachen Fieberkrampf.
- Therapie mit Dosis? Akuttherapie laufender Anfall: Diazepam rektal 0,5 mg/kg (max. 10 mg), bei i.v.-Zugang: Lorazepam 0,05–0,1 mg/kg i.v. (1. Wahl), bei fehlendem i.v.-Zugang: Midazolam bukkal 0,2–0,3 mg/kg oder Diazepam rektal. Bei Status epilepticus (> 5 min oder nach 2. Benzo): Phenobarbital 15–20 mg/kg i.v. als 3. Stufe. Fieberbehandlung: Paracetamol 15 mg/kg alle 6 h oder Ibuprofen 10 mg/kg alle 8 h. Antipiretika verhindern KEINEN Fieberkrampf (nur Komfort!). Dauerprophylaxe: nicht indiziert bei unkompliziertem Verlauf. Ausnahme: Clobazam oral bei Fieber (intermittierende Prophylaxe) bei sehr häufigen Rezidiven.
- Leitlinie / Notfallmanagement? S2k-Leitlinie Fieberkrämpfe (GNPI/DGfN 2021). Notfallprotokoll: nach Stufenschema Benzodiazepin (Diazepam rektal → Lorazepam i.v. → Phenobarbital). Status epilepticus febrilis > 30 min: Phenytoin oder Levetiracetam i.v. als 4. Stufe, intensivmedizinische Betreuung. Wichtig für Eltern: Anfallskalender führen, Notfall-Diazepam-Rektiole rezeptieren und Anwendung schulen.
⚠️ Beispielprotokoll — keine reale Prüfung. Alle medizinischen Inhalte dienen ausschließlich zu Lernzwecken.
