FSP Sachsen 2024-05-28 — Fieberkrampf (Kind)

🎓 PrĂŒfungsart FSP
📍 Bundesland Sachsen
đŸ„ Ärztekammer SĂ€chsische LandesĂ€rztekammer
📅 Datum Mai 2024
⏱ Dauer 60 min
🎯 Ergebnis ✓ Bestanden

Meine FSP-PrĂŒfung in Leipzig — Mai 2024. Fall: Komplizierter Fieberkrampf bei einem 2,5-jĂ€hrigen Kind — Anamnese mit den Eltern.

Teil 1 — AnamnesegesprĂ€ch (20 Min)

Patient: 2,5-jÀhriger Junge, Emil Wagner, vorgestellt durch seine Mutter (32 J., Frau Wagner). Vorstellungsgrund: Das Kind hatte heute Mittag einen Krampfanfall mit Bewusstseinsverlust, der ca. 8 Minuten dauerte. Gleichzeitig besteht seit gestern ein fieberhafter Infekt mit Temperaturen bis 39,8°C.

Aktuelle Anamnese

Onset: Heute um 13:15 Uhr — die Mutter beschreibt, dass Emil plötzlich steif wurde, die Augen verdrehte und dann tonisch-klonische Zuckungen der ExtremitĂ€ten zeigte (generalisierten Charakter). Das Kind war wĂ€hrend des Anfalls nicht ansprechbar. Provocation: Fieber von 39,8°C seit gestern Abend, heute Morgen 40,1°C. Fieber trat vor dem Anfall auf. Quality: Tonisch-klonischer generalisierter Anfall. Wichtig: Einseitige Zuckungen rechts > links (Fokuszeichen!) — Mutter berichtet, dass der linke Arm „weniger gezuckt hat“. Duration: Anfallsdauer ca. 8 Minuten (von Mutter mit dem Handy gestoppt) — >5 Minuten ist ein wichtiges Warnzeichen. Postiktal: Nach dem Anfall war Emil ca. 20 Minuten schlĂ€frig und verwirrt (postiktaler DĂ€mmerzustand), nun wach aber weinerlich. Severity: Eltern sehr erschrocken, Mutter weinte, Vater hat Rettungsdienst gerufen. Kein zweiter Anfall seitdem.

Fieberhafter Infekt seit gestern: Rhinitis, Husten, Halsschmerzen, kein Erbrechen, kein Durchfall, kein Hautausschlag. Zuletzt vor 6 Monaten Fieber (damals kein Krampf). Keine Nackenstarre bemerkt (wichtig zur DD Meningitis).

Vegetative Anamnese

  • Appetit: Seit gestern reduziert — isst schlecht, trinkt ausreichend.
  • Gewicht: Altersgerecht, keine GewichtsverĂ€nderung.
  • Schlaf: Nachts unruhig wegen Fieber, heute gut aufgewacht.
  • Miktion: Letzte Miktion heute Morgen, normal, keine HĂ€maturie.
  • Stuhl: Gestern und heute normal.

Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien

Vorerkrankungen: Gesundes Kind, altersgerechte Entwicklung (lĂ€uft gut, spricht in SĂ€tzen). FrĂŒhgeburten: nein (SSW 40+2). Geburtskomplikationen: keine (unkomplizierte Spontangeburt, APGAR 9/10/10). Bisherige AnfĂ€lle: erstmaliges Ereignis heute. Keine Epilepsie bekannt. VollstĂ€ndig geimpft (U7a zuletzt).
Medikamente: Paracetamol-ZĂ€pfchen 250 mg gestern Abend und heute Morgen. Keine Dauermedikation.
Allergien: Keine bekannt. Keine Nahrungsmittelallergien.

Familien- und Sozialanamnese

Familie: Mutter hatte selbst als Kind FieberkrĂ€mpfe (2-3 Episoden, bis zum 5. Lebensjahr — positive Familienanamnese fĂŒr FieberkrĂ€mpfe!). Vater gesund. Keine Epilepsie in der Familie. Keine Erbkrankheiten bekannt. Geschwister: Ältere Schwester (5 J.) gesund. Sozial: Familie vollstĂ€ndig, beide Eltern berufstĂ€tig, Kind besucht Krippe. Wohnsituation: Familienwohnung, beide Eltern sehr besorgt, Vater kam direkt von der Arbeit in die Notaufnahme.

Teil 2 — Arztbrief (20 Min)

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wir berichten ĂŒber unseren gemeinsamen kleinen Patienten Emil Wagner, geb. 10.01.2022, der am 28.05.2024 nach einem Krampfanfall mit begleitendem Fieber in unsere Kinderklinik aufgenommen wurde.

Diagnose: Komplizierter Fieberkrampf (ICD-10: R56.0) — komplex aufgrund Anfallsdauer > 5 Minuten (8 min) und fokaler Komponente (rechtsbetonte Zuckungen). Akuter Atemwegsinfekt (J06.9) als Ursache des Fiebers. Ausschluss Meningitis/Enzephalitis.

Anamnese und Befund: Erstmaliger Krampfanfall bei fieberhaftem Infekt (39,8–40,1°C). Tonisch-klonisch generalisiert, Dauer 8 Minuten, fokale Komponente rechts > links. Postiktaler DĂ€mmerzustand 20 Minuten. Positive Familienanamnese (Mutter FieberkrĂ€mpfe). Klinisch: Kind wach, weinerlich, GCS 15, Fieber 38,9°C. Neurologie: altersgerecht, Pupillen isokor und lichtreagibel, kein Meningismus (Nackensteifigkeit negativ, Brudzinski negativ, Kernig negativ), Fontanelle geschlossen. HNO: Rötung des Pharynx, Rhinitis. Herz-Lunge: unauffĂ€llig. Hautbefund: kein Exanthem, kein Petechien. Labor: Blutbild unauffĂ€llig (Leukozyten 11,2 G/l mit Linksverschiebung), CRP 18 mg/l (leicht erhöht, Infekt), Na 138 mmol/l, Glukose 4,9 mmol/l, Ca 2,4 mmol/l. EEG: durchgefĂŒhrt am Folgetag — leichte Verlangsamung bilateral, kein spezifischer epileptiformer Fokus. MRT SchĂ€del (wegen fokaler Komponente): strukturell unauffĂ€llig, keine LĂ€sion.

Procedere: StationĂ€re Aufnahme zur Beobachtung und weiteren AbklĂ€rung (mindestens 24 h). Fieberbehandlung: Paracetamol 15 mg/kg alle 6 h und/oder Ibuprofen 10 mg/kg alle 8 h alternierend, ausreichend FlĂŒssigkeitszufuhr. Notfall-Anfallstherapie: Eltern ĂŒber Anfallsmanagement aufgeklĂ€rt und mit Diazepam-Rektiole 5 mg (bis 15 kg) ausgestattet fĂŒr zukĂŒnftige AnfĂ€lle > 3–5 Minuten. Keine antikonvulsive Dauerprophylaxe indiziert (nach Leitlinie nur bei sehr hĂ€ufigen Rezidiven). Vorstellung NeuropĂ€diatrie in 4–6 Wochen. ElterngesprĂ€ch ausfĂŒhrlich: gute Prognose, Rezidivrisiko ~30%, Epilepsierisiko gering erhöht (2–3% statt 1%).

Mit freundlichen kollegialen GrĂŒĂŸen

Teil 3 — Arzt-Arzt-GesprĂ€ch (20 Min)

  1. Arbeitsdiagnose? Komplizierter Fieberkrampf (komplex febrile seizure) — Kriterien: Dauer > 15 min ODER fokale Komponente ODER Rezidiv innerhalb 24 h. Hier: 8 min + fokale Komponente (rechtsbetont) → komplex, obwohl < 15 min. Differenzierung einfacher Fieberkrampf (< 15 min, generalisiert, einmalig in 24 h, vollstĂ€ndige Erholung) vs. komplizierter Fieberkrampf entscheidend fĂŒr weiteres Management.
  2. Differenzialdiagnosen? (1) Bakterielle Meningitis / Meningoenzephalitis — MUSS ausgeschlossen werden! Klinische Zeichen: Meningismus, Petechien, hochgradiges Fieber, Bewusstseinsstörung; hier kein Meningismus, keine Petechien. Lumbalpunktion bei V.a. Meningitis! (2) Erstmanifestation einer Epilepsie — EEG und Verlauf entscheidend; bei Fieberkrampf < 5 J. selten. (3) HyponatriĂ€mie/HypokalzĂ€mie/HypoglykĂ€mie — metabolische Ursachen ausschließen; hier Labor normal. (4) Zerebrale Raumforderung — selten im Kindesalter; MRT bei fokalen Zeichen. (5) FIRES (Febrile infection-related epilepsy syndrome) — selten, bei prolongierten AnfĂ€lfen > 24 h.
  3. Diagnostische Maßnahmen? Labor: Blutbild, CRP, Elektrolyte (Na, Ca, Mg), Glukose, Laktat. Lumbalpunktion: nur bei klinischen Meningismuszeichen, Petechien, unter 6 Monaten, oder bei therapieresistenten KrĂ€mpfen (cave: LP nach Status epilepticus verzögert). EEG: frĂŒhestens 24–48 h nach Anfall (aktuell verĂ€ndertes EEG postiktal). MRT SchĂ€del: bei fokalen Zeichen (wie hier), atypischem Verlauf. Keine routinemĂ€ĂŸige Bildgebung beim einfachen Fieberkrampf.
  4. Therapie mit Dosis? Akuttherapie laufender Anfall: Diazepam rektal 0,5 mg/kg (max. 10 mg), bei i.v.-Zugang: Lorazepam 0,05–0,1 mg/kg i.v. (1. Wahl), bei fehlendem i.v.-Zugang: Midazolam bukkal 0,2–0,3 mg/kg oder Diazepam rektal. Bei Status epilepticus (> 5 min oder nach 2. Benzo): Phenobarbital 15–20 mg/kg i.v. als 3. Stufe. Fieberbehandlung: Paracetamol 15 mg/kg alle 6 h oder Ibuprofen 10 mg/kg alle 8 h. Antipiretika verhindern KEINEN Fieberkrampf (nur Komfort!). Dauerprophylaxe: nicht indiziert bei unkompliziertem Verlauf. Ausnahme: Clobazam oral bei Fieber (intermittierende Prophylaxe) bei sehr hĂ€ufigen Rezidiven.
  5. Leitlinie / Notfallmanagement? S2k-Leitlinie FieberkrĂ€mpfe (GNPI/DGfN 2021). Notfallprotokoll: nach Stufenschema Benzodiazepin (Diazepam rektal → Lorazepam i.v. → Phenobarbital). Status epilepticus febrilis > 30 min: Phenytoin oder Levetiracetam i.v. als 4. Stufe, intensivmedizinische Betreuung. Wichtig fĂŒr Eltern: Anfallskalender fĂŒhren, Notfall-Diazepam-Rektiole rezeptieren und Anwendung schulen.

⚠ Beispielprotokoll — keine reale PrĂŒfung. Alle medizinischen Inhalte dienen ausschließlich zu Lernzwecken.

💡 Tipps fĂŒr die Vorbereitung

In Leipzig war besonders wichtig, die Unterscheidung einfacher vs. komplizierter Fieberkrampf sicher zu beherrschen — die Kriterien (Dauer, fokal, Rezidiv) wurden direkt abgefragt. Das Stufenschema der Akuttherapie (Diazepam rektal → Lorazepam i.v. → Phenobarbital) sollte auswendig sitzen. Wichtiger Punkt: Antipiretika verhindern KEINEN Fieberkrampf — das wurde mit einem Augenzwinkern abgefragt und war eine Falle. Das ElterngesprĂ€ch ĂŒber die gute Prognose und den Umgang mit Notfall-Rektiole hat im Arztbrief Pluspunkte gebracht.

Veröffentlicht am 28. Mai 2024

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