Mein KP-Protokoll â LĂŒbeck, November 2023. Innere + Chirurgie + Pharmakologie. Ergebnis: Bestanden.
Rahmen & PrĂŒfer
PrĂŒfungsort: UniversitĂ€tsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus LĂŒbeck, PrĂŒfungsraum der Ărztekammer Schleswig-Holstein. Datum: 09. November 2023, 10:00â11:00 Uhr (60 Minuten, kĂŒrzeres Format da nur 3 FĂ€cher mit weniger Tiefe). PrĂŒfungskommission: Dr. med. I. Strauss (Internistin/Kardiologin, Vorsitzende), Dr. med. F. Kersten (GefĂ€Ăchirurg), Dr. med. W. Ohlendorf (Klinischer Pharmakologe, UniversitĂ€tsklinikum LĂŒbeck). Kompetente, effiziente AtmosphĂ€re â 20 Minuten je Fach, wenig Spielraum fĂŒr Ausschweifungen.
Teil 1 â Innere Medizin (~22 Min)
Fallvorstellung
Eine 42-jĂ€hrige Frau mit bekanntem Antiphospholipid-Syndrom und oraler Kontrazeptiva-Einnahme entwickelt innerhalb von 2 Tagen starke Kopfschmerzen, epileptischen Anfall und BewusstseinstrĂŒbung. CT-SchĂ€del: keine intrakranielle Blutung, keine IschĂ€mie. MRT: kortikale Venenzeichnung, MR-Venographie zeigt Thrombose des Sinus sagittalis superior.
Gestellte Fragen
- F: Welche Diagnose liegt vor und welche Risikofaktoren sind hier relevant? A: Sinusvenenthrombose (SVT) des Sinus sagittalis superior. Risikofaktoren: Antiphospholipid-Syndrom (thrombophile Diathese, ein starker Risikofaktor), orale Kontrazeptiva (Ăstrogen erhöht KoagulabilitĂ€t, relative Kontraindikation bei bekannter Thrombophilie). Weitere RF: Schwangerschaft/Wochenbett, Dehydratation, hĂ€matologische Erkrankungen, Infektionen (Mastoiditis, Meningitis).
- F: Wie therapieren Sie die SVT und warum auch bei intrakranieller Blutung? A: Therapeutische Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin (UFH) oder niedermolekularem Heparin (NMH), auch bei begleitender intrakranieller Blutung â Metaanalysen zeigen, dass Antikoagulation das Outcome verbessert (Verhinderung der Thrombusausbreitung ĂŒberwiegt Blutungsrisiko). AnschlieĂend orale Antikoagulation fĂŒr mindestens 3 Monate (6 Monate bei provozierter SVT, unbefristet bei Antiphospholipid-Syndrom).
- F: Welche bildgebende Methode ist zur Diagnose der SVT am sensitivsten? A: MRT mit MR-Venographie (MRV) ist Goldstandard â zeigt direkt den Thrombus und venöse Infarkte. CT-Angiographie als Alternative. Natives CT kann das âDense Triangle Signâ (hyperdenser Sinus) zeigen, aber hĂ€ufig unauffĂ€llig. LP bei V.a. Meningitis, die SVT auslösen kann.
- F: ErlĂ€utern Sie das Antiphospholipid-Syndrom â Diagnose und Pathophysiologie. A: Autoimmunerkrankung: Antiphospholipid-Antikörper (Lupus-Antikoagulans, Anti-Cardiolipin-IgG/IgM, Anti-beta-2-Glykoprotein-I-IgG/IgM) â Aktivierung von Endothel, Thrombozyten, Komplement â arteriell oder venöse Thrombosen + geburtshilfliche Komplikationen (Aborte, FrĂŒhgeburten). Diagnose: klinisches Ereignis + Nachweis von â„ 2 Laborkriterien in 2 Messungen im Abstand â„ 12 Wochen (Sapporo-Kriterien).
- F: Was ist das katastrophale Antiphospholipid-Syndrom (CAPS)? A: Seltene, lebensbedrohliche Variante: simultane Thrombosen in â„ 3 Organen innerhalb von 1 Woche + histologischer Nachweis kleiner GefĂ€Ăthrombosen + hohe APL-Titer. MortalitĂ€t 30â50 %. Therapie: Antikoagulation + Kortikosteroide + IVIG oder Plasmapherese.
- F: Welche Kontraindikationen fĂŒr orale Kontrazeptiva bestehen bei thrombophilen Erkrankungen? A: Absolute KI fĂŒr östrogenhaltige KOK: bekannte Thrombophilie (Faktor-V-Leiden, Protein-C/S-Mangel, AT-III-Mangel), Antiphospholipid-Syndrom, positive Eigen- oder Familienanamnese fĂŒr VTE, MigrĂ€ne mit Aura. Alternative: GestagenprĂ€parate (Minipille, Hormonspiral) ohne thrombogenes Ăstrogen.
Themen
- Sinusvenenthrombose â Ursachen und Diagnostik
- Antikoagulation auch bei ICB
- Antiphospholipid-Syndrom (Sapporo-Kriterien)
- CAPS
- KOK-Kontraindikationen
Teil 2 â Chirurgie (~20 Min)
Fallvorstellung
Ein 78-jĂ€hriger Patient mit bekannter pAVK (Stadium IIb nach Fontaine) und Diabetes mellitus Typ 2 stellt sich mit einer nicht heilenden Wunde am linken GroĂzeh vor, seit 3 Wochen, zunehmend nekrotisch. ABI (Knöchel-Arm-Index) 0,45. Kein tastbarer FuĂpuls.
Gestellte Fragen
- F: ErlÀutern Sie die Fontaine-Klassifikation der pAVK. A: Stadium I: beschwerdefrei, aber arteriosklerotische VerÀnderungen; Stadium IIa: Claudicatio intermittens > 200 m; Stadium IIb: Claudicatio < 200 m; Stadium III: Ruheschmerz (besonders nachts, Beine hÀngen lassen lindert); Stadium IV: Ulzeration/Nekrose/GangrÀn. Kritische IschÀmie = Stadium III/IV.
- F: Was ist der ABI und wie interpretieren Sie 0,45? A: Ankle-Brachial Index = systolischer Druck am Knöchel / systolischer Druck am Arm. Normal: 1,0â1,3. 0,9â1,0: Grenzwertig. 0,7â0,9: leichte pAVK. 0,5â0,7: mittelgradige pAVK. < 0,5: schwere pAVK, kritische IschĂ€mie. Falsch-hoch bei Mediasklerose (Diabetes!): dann Zehendruckmessung (TBI).
- F: Welche Revaskularisierungsoptionen haben Sie bei diesem Patienten? A: PTA (perkutane transluminale Angioplastie) mit/ohne Stent bei kurzstreckigen Stenosen â bevorzugte First-Line bei iliakal. Bypass-Chirurgie (femoro-popliteal oder femoro-crural mit autologer Vene) bei langen VerschlĂŒssen oder nach PTA-Versagen. Hybrid-Eingriffe. Bei nicht revaskularisierbaren Befunden: Majoramputation.
- F: Wann und auf welcher Höhe amputieren Sie? A: Amputation bei nicht revaskularisierbarer kritischer IschĂ€mie mit Nekrose, therapierefraktĂ€rer Infektion oder nicht lebenserhaltend. Amputationshöhe: so distal wie möglich bei ausreichender Durchblutung fĂŒr Wundheilung. Metatarsal-Amputation bei lokalisierter Nekrose, Unterschenkelamputation (transtibialer Level), Oberschenkelamputation wenn nötig. Stumpfheilung braucht mindestens ABI-Ăquivalent > 0,5 oder Zehendruck > 30 mmHg.
- F: Welche Rolle spielt Diabetes bei der pAVK? A: Diabetes beschleunigt Atherosklerose, verursacht Mediasklerose (falsch-hohe ABI), bedingt Polyneuropathie (verminderte Schmerzwahrnehmung â spĂ€te Diagnose), fördert Infektionen durch Immundefizienz und Wundheilungsstörungen, fĂŒhrt zu peripherer Mikroangiopathie. Diabetisches FuĂsyndrom = Kombination aus pAVK + Neuropathie + Infektion.
- F: Welche medikamentöse Therapie empfehlen Sie bei pAVK? A: Thrombozytenaggregationshemmer: ASS 100 mg/d oder Clopidogrel 75 mg/d (bevorzugt). Statine (LDL-Senkung, pleiotrope Effekte auf Endothel). Blutdrucktherapie (ACE-Hemmer bevorzugt). Gehtraining als wichtigste konservative MaĂnahme bei Stadium II. Cilostazol (PDE-III-Hemmer) bei Claudicatio als ErgĂ€nzung.
Themen
- pAVK Fontaine-Klassifikation
- ABI-Interpretation
- Revaskularisierungsoptionen
- Amputationsindikation
- Diabetisches FuĂsyndrom
Teil 3 â Pharmakologie (~18 Min)
Fallvorstellung
Ein 65-jĂ€hriger Patient mit Herzinsuffizienz (HFrEF, EF 32 %), Z.n. Myokardinfarkt vor 2 Jahren, arterieller Hypertonie und Typ-2-Diabetes. Aktuelle Medikation: Ramipril, Bisoprolol, Furosemid. Die PrĂŒferin fragt nach der modernen evidenzbasierten Herzinsuffizienz-Therapie.
Gestellte Fragen
- F: Welche 4 Medikamentenpfeiler der HFrEF-Therapie kennen Sie nach ESC-Leitlinie 2021? A: Die âFantastic Fourâ: (1) ACE-Hemmer/ARNi (Sacubitril/Valsartan bevorzugt bei tolerierten Patienten), (2) Betablocker (Bisoprolol, Carvedilol, Metoprolol succinat), (3) MRA â Mineralokortikoidrezeptorantagonist (Spironolacton/Eplerenon), (4) SGLT2-Inhibitor (Dapagliflozin oder Empagliflozin) â alle 4 reduzieren MortalitĂ€t unabhĂ€ngig voneinander.
- F: Wie wirken SGLT2-Inhibitoren bei Herzinsuffizienz? A: UrsprĂŒnglich als Antidiabetika entwickelt (renale Glukosurie durch SGLT2-Hemmung im proximalen Tubulus). KardiovaskulĂ€rer Nutzen ĂŒber multiple Mechanismen: Reduktion der kardialen Vor- und Nachlast (osmotische Diurese), HĂ€matopoese-Stimulation, verbesserte myokardiale Energetik (Ketonkörper als Brennstoff), anti-inflammatorische und anti-fibrotische Effekte. Wirken auch bei HFpEF (diastolische HI).
- F: Warum bevorzugen wir Sacubitril/Valsartan gegenĂŒber ACE-Hemmer bei HFrEF? A: PARADIGM-HF-Studie: Sacubitril/Valsartan (ARNI) reduziert kardiovaskulĂ€ren Tod und HI-Hospitalisierungen signifikant stĂ€rker als Enalapril (relative Risikoreduktion 20 %). Sacubitril hemmt Neprilysin (Abbau von BNP, ANP â Vasodilatation, Diurese, antifibrotisch) + Valsartan blockiert AT1-Rezeptor. Wichtig: Wash-out von 36h zwischen ACE-Hemmer und ARNI (Angioödem-Risiko durch Bradykinin-Akkumulation).
- F: Welche unerwĂŒnschten Wirkungen von Spironolacton mĂŒssen Sie kennen? A: HyperkaliĂ€mie (v.a. bei kombinierter ACE-Hemmer-Therapie und bei Niereninsuffizienz â engmaschige Kalium-Kontrollen!), GynĂ€komastie (antiandrogene Wirkung, dann Wechsel auf Eplerenon), MenstruationsunregelmĂ€Ăigkeiten, Hypotension. Kontraindikation: Kreatinin > 2,5 mg/dl, Kalium > 5,0 mmol/l, schwere Niereninsuffizienz.
- F: Wann ist Furosemid indiziert und welche Nachteile hat es gegenĂŒber modernen Diuretika? A: Furosemid als Schleifendiuretikum ist Mittel der Wahl zur Symptomkontrolle (Ădeme, Lungenödem), verbessert aber nicht die MortalitĂ€t. Nachteile: elektrolytische Nebenwirkungen (HypokaliĂ€mie, HyponatriĂ€mie, HypomagnesiĂ€mie), Aktivierung des RAAS, metabolische Alkalose, OtotoxizitĂ€t bei hohen Dosen. SGLT2-Inhibitoren bieten diuretische Effekte mit gleichzeitiger MortalitĂ€tssenkung.
Themen
- HFrEF Fantastic Four nach ESC 2021
- SGLT2-Inhibitoren bei HI
- ARNI (Sacubitril/Valsartan) â PARADIGM-HF
- Spironolacton NW und KI
- Furosemid vs. moderne Diuretika
Gesamteindruck & Note
Das kĂŒrzere Format (60 Minuten) bedeutete hohes Tempo â die PrĂŒfer haben direkt nachgefragt, wenn eine Antwort zu lang wurde. Der klinische Pharmakologe war beeindruckend prĂ€zise: Er wollte Studiennamen (PARADIGM-HF), Mechanismen und konkrete Dosierungen hören. Innere-Teil zur SVT war ungewöhnlich aber gut lösbar mit soliden Grundlagen-Kenntnissen. Bestanden. Empfehlung: ESC-Leitlinie HFrEF 2021 als Basis, pAVK-Stufenschema auswendig, SVT ist seltener aber als Differenzialdiagnose zum ischĂ€mischen Schlaganfall immer relevant.
â ïž Beispielprotokoll â keine reale PrĂŒfung.
