Akute Rhinosinusitis – FSP-Fall

Pneumologie Häufig Konservativ Prüfungsrelevant 📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13

FSP-Fall zur akuten Rhinosinusitis: Nasale Obstruktion, Gesichtsschmerz, Diagnostik und symptomatische Therapie nach AWMF-Leitlinie.

0 · Auf einen Blick

  • Leitsymptom: Nasale Obstruktion, Gesichtsschmerz, eitriges Sekret
  • Diagnostischer Standard: Klinische Diagnose + Rhinoskopie; CT nur bei CRS/Komplikationen
  • Erste Maßnahme: Abschwellende Nasentropfen (max. 5–7 Tage), Nasenspülung
  • Wichtigste Kontraindikation: Keine Antibiotika bei unkomplizierter viraler ARS
  • Prognose: ARS: >90% Spontanheilung binnen 4 Wochen

1 · Leitfall

Hausarztpraxis 38 J., m Kopfschmerzen und verstopfte Nase
"Herr Doktor, ich habe seit einer Woche Schnupfen, der nicht besser wird. Jetzt habe ich starke Druckschmerzen über den Augen und der Nase, besonders beim Bücken. Die Nase ist komplett zu und es läuft gelb-grüner Schleim raus."
2 · Krankheitsbild

Definition

Die Rhinosinusitis ist eine Entzündung der Nasenschleimhaut und der Nasennebenhöhlen (NNH). Man unterscheidet die akute Rhinosinusitis (ARS, ≤12 Wochen) von der chronischen Rhinosinusitis (CRS, >12 Wochen). Die CRS wird weiter unterteilt in CRS mit Nasenpolypen (CRScNP) und ohne Nasenpolypen (CRSsNP).

Pathophysiologie

Virale Infektion → Schleimhautschwellung → Verlegung der ostiomeatalen Einheit → Störung von Ventilation und Sekretabfluss der NNH → Sekretretention → ggf. bakterielle Superinfektion. Bei chronischer Form: persistierende Entzündung mit Schleimhautumbau.

Epidemiologie

Prävalenz ARS 6–15% der Bevölkerung/Jahr
Prävalenz CRS ca. 10% der Erwachsenen
Typisches Alter Alle Altersgruppen, Häufigkeitsgipfel 20–50 J.
Geschlecht m = w

Risikofaktoren

Nicht modifizierbar:
  • Anatomische Varianten (Septumdeviation)
  • Zilienfunktionsstörungen
  • Allergische Diathese
Modifizierbar:
  • Rauchen
  • Dentogene Infektionen
  • Immunsuppression
3 · Anamnese

Gezielte Fragen

Bereich Frage Warum wichtig
Aktuell Seit wann bestehen die Beschwerden? Unterscheidung ARS vs. CRS (Grenze: 12 Wochen)
Symptome Haben Sie Gesichtsschmerzen? Wo genau? Lokalisation weist auf betroffene NNH hin
Verlauf Hatten Sie vorher einen Schnupfen oder Erkältung? Hinweis auf virale Genese
Sekretion Wie sieht das Nasensekret aus? Eitrig = V.a. bakterielle Beteiligung
Risiko Haben Sie Fieber, Sehstörungen oder Schwellungen? Red Flags für Komplikationen

Beispieldialog

Arzt:

Guten Tag, ich bin Dr. Amir Hassan. Was führt Sie zu uns?

Patient:

Ich habe seit etwa 10 Tagen eine verstopfte Nase und starke Kopfschmerzen über den Augen.

Arzt:

Verstärken sich die Schmerzen beim Bücken oder Husten?

Patient:

Ja, genau! Beim Bücken wird es richtig schlimm. Außerdem läuft gelber Schleim aus der Nase.

Arzt:

Haben Sie auch Fieber oder Sehstörungen bemerkt?

Patient:

Ein bisschen erhöhte Temperatur, aber Sehstörungen habe ich keine.

Prüfungsfokus

  • Kardinalsymptome: Nasale Obstruktion, Rhinorrhö, Gesichtsschmerz, Hyposmie
  • Dauer der Beschwerden für Klassifikation entscheidend
  • Red Flags aktiv erfragen (Sehstörungen, Schwellung, hohes Fieber)
4 · Befund

Körperliche Untersuchung

Methode Erwarteter Befund
Inspektion Gesicht Ggf. Schwellung/Rötung über betroffener NNH
Anteriore Rhinoskopie Gerötete, geschwollene Schleimhaut, eitriges Sekret im mittleren Nasengang
Perkussion/Palpation NNH Druck- und Klopfschmerz über Stirnhöhle/Kieferhöhle
Nasale Endoskopie Sekretstraße aus dem mittleren Nasengang, ggf. Polypen (bei CRS)

Labor

Parameter Veränderung Bedeutung
CRP ↑ (bei bakterieller Infektion) Entzündungsaktivität
Leukozyten ↑ (ggf.) Hinweis auf bakterielle Infektion
Procalcitonin Normal bei viraler Genese Differenzierung viral/bakteriell

Bildgebung

Methode Typischer Befund Wann einsetzen
CT NNH Verschattung der NNH, Spiegelbildung, Schleimhautschwellung CRS, V.a. Komplikationen, präoperativ
MRT Weichteildarstellung V.a. orbitale/intrakranielle Komplikation
Sonographie Flüssigkeitsspiegel (eingeschränkte Aussagekraft) Kinder, Schwangerschaft

Goldstandard

ARS: Klinische Diagnose (Anamnese + Rhinoskopie)
CRS: CT der NNH vor operativer Therapie

5 · Therapie

Akutmaßnahmen (ARS)

  1. Abschwellende Nasentropfen (Xylometazolin/Oxymetazolin) – max. 5–7 Tage!
  2. Nasenspülungen mit isotoner oder hypertoner Kochsalzlösung
  3. Analgetika/Antipyretika (Ibuprofen, Paracetamol)

Pharmakotherapie

Substanz Dosierung Indikation Cave
Xylometazolin 0,1% 3× tgl. 1–2 Sprühstöße Nasale Obstruktion Max. 7 Tage (Rhinitis medicamentosa)
Amoxicillin/Clavulansäure Leitliniengerecht Bakterielle ARS, schwerer Verlauf Penicillinallergie
Mometason nasal 2× tgl. 2 Sprühstöße CRS, allergische Komponente Nur bei längerer Anwendung sinnvoll
Phytotherapeutika Nach Herstellerangaben Unterstützend bei ARS Keine schweren Verläufe

Nicht-medikamentös

  • Inhalation mit Wasserdampf (ggf. mit Kamillen-/Salzlösung)
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Feuchte Raumluft

Interventionell / Chirurgisch

  • FESS (Functional Endoscopic Sinus Surgery): Indikation bei therapierefraktärer CRS oder Komplikationen
  • Ballondilatation: Alternative bei isolierten Stenosen
  • Polypektomie: Bei CRScNP

Therapie der 1. Wahl

ARS: Symptomatisch (abschwellende Nasentropfen, Nasenspülung, Analgetika)
Antibiotika nur bei: schwerem Verlauf, Fieber >38,5°C >3 Tage, Komplikationen, Immunsuppression

6 · Arztbrief

Muster-Krankenhaus
Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
Musterstraße 1, 12345 Musterstadt

Entlassungsbrief

Patient: Markus Schneider, 38 Jahre
Aufnahme: [Datum]
Entlassung: [Datum]

Diagnosen

  1. Akute eitrige Rhinosinusitis (ICD: J01.9)
  2. Arterielle Hypertonie

Anamnese

Der 38-jährige Patient habe angegeben, seit etwa 10 Tagen an zunehmender Nasenatmungsbehinderung und eitrigem Schnupfen zu leiden. Er habe starke Druckschmerzen über der Stirn und den Wangen, die sich beim Bücken verstärkten. Fieber sei intermittierend aufgetreten. Vorerkrankungen seien eine arterielle Hypertonie.

Befund bei Aufnahme

Reduzierter AZ, Temperatur 38,2°C, RR 145/85 mmHg. Anteriore Rhinoskopie: geschwollene Nasenschleimhaut beidseits, eitriges Sekret im mittleren Nasengang. Druck- und Klopfschmerz über der Stirn- und Kieferhöhle beidseits.

Diagnostik

  • Labor: CRP 45 mg/l ↑, Leukozyten 12.500/µl ↑
  • Nasale Endoskopie: Eitriges Sekret aus beiden ostiomeatalen Einheiten

Therapie und Verlauf

Es wurde eine antibiotische Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure eingeleitet sowie abschwellende Nasentropfen und Nasenspülungen verordnet. Der Verlauf gestaltete sich komplikationslos. Unter der Therapie kam es zu einer raschen Besserung der Beschwerden.

Empfehlung

  • Medikation: Antibiotikum für insgesamt 7 Tage, Xylometazolin bei Bedarf (max. 5 weitere Tage)
  • Kontrolle: Hausärztliche Kontrolle in 7 Tagen, bei Verschlechterung sofortige Wiedervorstellung

Konjunktiv I beachten!

  • habe angegeben, leide, sei, habe
  • Nur in der Anamnese (indirekte Rede)
🩺️ 7 · Übergabe

SBAR-Schema

S
Situation:

Ich übergebe Ihnen Markus Schneider, 38 Jahre, mit akuter eitriger Rhinosinusitis.

B
Background:

Bekannte arterielle Hypertonie. Seit 10 Tagen Nasenbeschwerden nach viralem Infekt, jetzt mit eitriger Sekretion und Fieber.

A
Assessment:

Aktuell stabil, afebril unter Antibiotikatherapie. CRP rückläufig. Keine Hinweise auf orbitale oder intrakranielle Komplikation.

R
Recommendation:

Antibiotikatherapie fortsetzen, Nasenspülungen weiter. Bitte auf Red Flags achten: Sehstörungen, Lidschwellung, neurologische Symptome → sofort HNO/Ophthalmologie.

8 · Differentialdiagnosen
DD Unterscheidungsmerkmal Ausschluss
Allergische Rhinitis Saisonal, wässriges Sekret, Niesreiz, Juckreiz Anamnese, Pricktest, spez. IgE
Dentogene Sinusitis Einseitig, fötides Sekret, Zahnschmerzen Zahnärztliche Untersuchung, OPG
Migräne Pulsierend, Aura, Übelkeit, keine Rhinorrhö Typische Migränekriterien
Spannungskopfschmerz Bilateral, drückend, keine nasalen Symptome Rhinoskopie unauffällig
Cluster-Kopfschmerz Streng einseitig, orbital, autonome Symptome Typische Attackencharakteristik
⚠️ 9 · Komplikationen

Orbitale Komplikationen

  • Periorbitales Ödem → Lidschwellung ohne Motilitätsstörung
  • Orbitaphlegmone → Exophthalmus, Doppelbilder, Visusminderung → NOTFALL!
  • Subperiostaler Abszess → Operative Sanierung erforderlich

Intrakranielle Komplikationen

  • Meningitis → Nackensteifigkeit, Fieber, Bewusstseinsstörung
  • Hirnabszess → Fokale neurologische Defizite
  • Sinus-cavernosus-Thrombose → Chemosis, Exophthalmus, Augenmuskelparesen

Spätkomplikationen bei CRS

  • Mukozele → Langsam wachsende Zyste in NNH
  • Osteomyelitis → Selten, bei Stirnhöhlensinusitis
10 · Red Flags
Warnzeichen Bedeutet Sofortmaßnahme
Lidschwellung/Exophthalmus Orbitabeteiligung Sofort HNO + Ophthalmologie, CT
Doppelbilder/Visusminderung Orbitaphlegmone Notfall-CT, i.v. Antibiotika, ggf. OP
Meningismus Intrakranielle Ausbreitung Sofort cCT/cMRT, LP, i.v. Antibiotika
Hohes Fieber >39°C trotz Therapie Therapieversagen, Komplikation Bildgebung, Antibiotikawechsel
Bewusstseinsstörung Hirnabszess, Meningitis Intensivstation, Notfall-Bildgebung
11 · Quiz

Wichtigste Punkte

  1. ARS ist meist viral – Antibiotika nur bei schwerem Verlauf oder Komplikationen
  2. Abschwellende Nasentropfen max. 5–7 Tage (Rhinitis medicamentosa)
  3. Red Flags: Lidschwellung, Sehstörungen, Meningismus → sofortige Bildgebung
Frage 1 (Diagnostik): Welche Untersuchung ist bei unkomplizierter akuter Rhinosinusitis primär indiziert?
A) CT der Nasennebenhöhlen
B) MRT des Schädels
C) Klinische Untersuchung mit Rhinoskopie
D) Sonographie der Nasennebenhöhlen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Die ARS ist eine klinische Diagnose. Bildgebung ist nur bei Komplikationsverdacht oder chronischem Verlauf indiziert.
Frage 2 (Diagnostik): Ab welcher Beschwerdedauer spricht man von einer chronischen Rhinosinusitis?
A) >4 Wochen
B) >8 Wochen
C) >12 Wochen
D) >6 Monate
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C
Eine CRS liegt vor, wenn die Symptome länger als 12 Wochen persistieren ohne vollständiges Abklingen.
Frage 3 (Therapie): Wie lange dürfen abschwellende Nasentropfen maximal angewendet werden?
A) 3 Tage
B) 5–7 Tage
C) 14 Tage
D) Unbegrenzt bei Bedarf
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Abschwellende Nasentropfen (Xylometazolin/Oxymetazolin) maximal 5–7 Tage wegen Gefahr der Rhinitis medicamentosa.
Frage 4 (Therapie): Wann ist eine Antibiotikatherapie bei akuter Rhinosinusitis indiziert?
A) Bei jedem Patienten mit eitrigem Sekret
B) Nur bei schwerem Verlauf, hohem Fieber >3 Tage oder Komplikationen
C) Prophylaktisch bei allen viralen Infekten
D) Bei Symptomen länger als 3 Tage
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Antibiotika nur bei schwerem Verlauf, Fieber >38,5°C über 3 Tage, Komplikationsverdacht oder bei Immunsuppression.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Ein Patient mit Sinusitis entwickelt Lidschwellung und Doppelbilder. Was ist der nächste Schritt?
A) Ambulante Antibiotikatherapie verstärken
B) Sofortige CT und stationäre Aufnahme
C) Nasenspülung intensivieren
D) Abwarten für 48 Stunden
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Lidschwellung und Doppelbilder sind Red Flags für eine orbitale Komplikation. Sofortige Bildgebung und i.v. Antibiotika erforderlich.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Welche Komplikation einer Sinusitis ist besonders bei Kindern mit Sinusitis ethmoidalis gefürchtet?
A) Otitis media
B) Orbitaphlegmone
C) Bronchitis
D) Tonsillitis
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Die Lamina papyracea ist dünn und ermöglicht eine Fortleitung der Infektion in die Orbita, besonders bei Kindern mit Ethmoiditis.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Was spricht für eine dentogene Sinusitis maxillaris?
A) Beidseitige Symptomatik
B) Einseitige Beschwerden mit fötidem Sekret
C) Saisonale Häufung
D) Begleitsymptome wie Niesen und Juckreiz
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Dentogene Sinusitiden sind typischerweise einseitig und das Sekret oft fötide riechend durch anaerobe Bakterien.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Wässriges Sekret, Niesreiz und saisonale Beschwerden sprechen eher für:
A) Bakterielle Sinusitis
B) Allergische Rhinitis
C) Chronische Rhinosinusitis mit Polypen
D) Dentogene Sinusitis
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B
Saisonale Symptome mit wässrigem Sekret und Niesreiz sind typisch für eine allergische Rhinitis.
12 · Fachbegriffe
Fachbegriff Erklärung für Patienten
Rhinosinusitis "Eine Entzündung der Nasenschleimhaut und der Nasennebenhöhlen."
Nasennebenhöhlen "Luftgefüllte Hohlräume im Schädel, die mit der Nase verbunden sind."
Ostiomeatale Einheit "Die Stelle, wo die Nebenhöhlen in die Nase münden."
Rhinitis medicamentosa "Eine Schleimhautschwellung durch zu lange Anwendung von Nasentropfen."
FESS "Eine Operation durch die Nase, um die Nebenhöhlen zu erweitern."
Orbitaphlegmone "Eine gefährliche Entzündung in der Augenhöhle."

Zusammenfassung

Die Rhinosinusitis ist eine häufige Erkrankung mit hoher Spontanheilungsrate bei der akuten Form. Die Therapie ist primär symptomatisch. Antibiotika sind nur bei schwerem Verlauf oder Komplikationsverdacht indiziert. Red Flags wie Lidschwellung, Sehstörungen oder Meningismus erfordern sofortige Bildgebung und stationäre Aufnahme.

Verwandte Fälle

Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.