✅ Diagnostischer Standard: Klinische Diagnose + Rhinoskopie; CT nur bei CRS/Komplikationen
✅ Erste Maßnahme: Abschwellende Nasentropfen (max. 5–7 Tage), Nasenspülung
✅ Wichtigste Kontraindikation: Keine Antibiotika bei unkomplizierter viraler ARS
✅ Prognose: ARS: >90% Spontanheilung binnen 4 Wochen
1 · Leitfall
Hausarztpraxis38 J., mKopfschmerzen und verstopfte Nase
"Herr Doktor, ich habe seit einer Woche Schnupfen, der nicht besser wird. Jetzt habe ich starke Druckschmerzen über den Augen und der Nase, besonders beim Bücken. Die Nase ist komplett zu und es läuft gelb-grüner Schleim raus."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Definition
Die Rhinosinusitis ist eine Entzündung der Nasenschleimhaut und der Nasennebenhöhlen (NNH). Man unterscheidet die akute Rhinosinusitis (ARS, ≤12 Wochen) von der chronischen Rhinosinusitis (CRS, >12 Wochen). Die CRS wird weiter unterteilt in CRS mit Nasenpolypen (CRScNP) und ohne Nasenpolypen (CRSsNP).
Pathophysiologie
Virale Infektion → Schleimhautschwellung → Verlegung der ostiomeatalen Einheit → Störung von Ventilation und Sekretabfluss der NNH → Sekretretention → ggf. bakterielle Superinfektion. Bei chronischer Form: persistierende Entzündung mit Schleimhautumbau.
Epidemiologie
Prävalenz ARS
6–15% der Bevölkerung/Jahr
Prävalenz CRS
ca. 10% der Erwachsenen
Typisches Alter
Alle Altersgruppen, Häufigkeitsgipfel 20–50 J.
Geschlecht
m = w
Risikofaktoren
Nicht modifizierbar:
Anatomische Varianten (Septumdeviation)
Zilienfunktionsstörungen
Allergische Diathese
Modifizierbar:
Rauchen
Dentogene Infektionen
Immunsuppression
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Aktuell
Seit wann bestehen die Beschwerden?
Unterscheidung ARS vs. CRS (Grenze: 12 Wochen)
Symptome
Haben Sie Gesichtsschmerzen? Wo genau?
Lokalisation weist auf betroffene NNH hin
Verlauf
Hatten Sie vorher einen Schnupfen oder Erkältung?
Hinweis auf virale Genese
Sekretion
Wie sieht das Nasensekret aus?
Eitrig = V.a. bakterielle Beteiligung
Risiko
Haben Sie Fieber, Sehstörungen oder Schwellungen?
Red Flags für Komplikationen
Beispieldialog
Arzt:
Guten Tag, ich bin Dr. Amir Hassan. Was führt Sie zu uns?
Patient:
Ich habe seit etwa 10 Tagen eine verstopfte Nase und starke Kopfschmerzen über den Augen.
Arzt:
Verstärken sich die Schmerzen beim Bücken oder Husten?
Patient:
Ja, genau! Beim Bücken wird es richtig schlimm. Außerdem läuft gelber Schleim aus der Nase.
Arzt:
Haben Sie auch Fieber oder Sehstörungen bemerkt?
Patient:
Ein bisschen erhöhte Temperatur, aber Sehstörungen habe ich keine.
Muster-Krankenhaus
Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
Musterstraße 1, 12345 Musterstadt
Entlassungsbrief
Patient: Markus Schneider, 38 Jahre
Aufnahme: [Datum]
Entlassung: [Datum]
Diagnosen
Akute eitrige Rhinosinusitis (ICD: J01.9)
Arterielle Hypertonie
Anamnese
Der 38-jährige Patient habe angegeben, seit etwa 10 Tagen an zunehmender Nasenatmungsbehinderung und eitrigem Schnupfen zu leiden. Er habe starke Druckschmerzen über der Stirn und den Wangen, die sich beim Bücken verstärkten. Fieber sei intermittierend aufgetreten. Vorerkrankungen seien eine arterielle Hypertonie.
Befund bei Aufnahme
Reduzierter AZ, Temperatur 38,2°C, RR 145/85 mmHg. Anteriore Rhinoskopie: geschwollene Nasenschleimhaut beidseits, eitriges Sekret im mittleren Nasengang. Druck- und Klopfschmerz über der Stirn- und Kieferhöhle beidseits.
Diagnostik
Labor: CRP 45 mg/l ↑, Leukozyten 12.500/µl ↑
Nasale Endoskopie: Eitriges Sekret aus beiden ostiomeatalen Einheiten
Therapie und Verlauf
Es wurde eine antibiotische Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure eingeleitet sowie abschwellende Nasentropfen und Nasenspülungen verordnet. Der Verlauf gestaltete sich komplikationslos. Unter der Therapie kam es zu einer raschen Besserung der Beschwerden.
Empfehlung
Medikation: Antibiotikum für insgesamt 7 Tage, Xylometazolin bei Bedarf (max. 5 weitere Tage)
Kontrolle: Hausärztliche Kontrolle in 7 Tagen, bei Verschlechterung sofortige Wiedervorstellung
Konjunktiv I beachten!
habe angegeben, leide, sei, habe
Nur in der Anamnese (indirekte Rede)
🩺️ 7 · Übergabe
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
SBAR-Schema
S
Situation:
Ich übergebe Ihnen Markus Schneider, 38 Jahre, mit akuter eitriger Rhinosinusitis.
B
Background:
Bekannte arterielle Hypertonie. Seit 10 Tagen Nasenbeschwerden nach viralem Infekt, jetzt mit eitriger Sekretion und Fieber.
A
Assessment:
Aktuell stabil, afebril unter Antibiotikatherapie. CRP rückläufig. Keine Hinweise auf orbitale oder intrakranielle Komplikation.
R
Recommendation:
Antibiotikatherapie fortsetzen, Nasenspülungen weiter. Bitte auf Red Flags achten: Sehstörungen, Lidschwellung, neurologische Symptome → sofort HNO/Ophthalmologie.
8 · Differentialdiagnosen
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
DD
Unterscheidungsmerkmal
Ausschluss
Allergische Rhinitis
Saisonal, wässriges Sekret, Niesreiz, Juckreiz
Anamnese, Pricktest, spez. IgE
Dentogene Sinusitis
Einseitig, fötides Sekret, Zahnschmerzen
Zahnärztliche Untersuchung, OPG
Migräne
Pulsierend, Aura, Übelkeit, keine Rhinorrhö
Typische Migränekriterien
Spannungskopfschmerz
Bilateral, drückend, keine nasalen Symptome
Rhinoskopie unauffällig
Cluster-Kopfschmerz
Streng einseitig, orbital, autonome Symptome
Typische Attackencharakteristik
⚠️ 9 · Komplikationen
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Orbitale Komplikationen
Periorbitales Ödem → Lidschwellung ohne Motilitätsstörung
ARS ist meist viral – Antibiotika nur bei schwerem Verlauf oder Komplikationen
Abschwellende Nasentropfen max. 5–7 Tage (Rhinitis medicamentosa)
Red Flags: Lidschwellung, Sehstörungen, Meningismus → sofortige Bildgebung
Frage 1 (Diagnostik): Welche Untersuchung ist bei unkomplizierter akuter Rhinosinusitis primär indiziert?
A) CT der Nasennebenhöhlen
B) MRT des Schädels
C) Klinische Untersuchung mit Rhinoskopie
D) Sonographie der Nasennebenhöhlen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Die ARS ist eine klinische Diagnose. Bildgebung ist nur bei Komplikationsverdacht oder chronischem Verlauf indiziert.
Frage 2 (Diagnostik): Ab welcher Beschwerdedauer spricht man von einer chronischen Rhinosinusitis?
A) >4 Wochen
B) >8 Wochen
C) >12 Wochen
D) >6 Monate
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Eine CRS liegt vor, wenn die Symptome länger als 12 Wochen persistieren ohne vollständiges Abklingen.
Frage 3 (Therapie): Wie lange dürfen abschwellende Nasentropfen maximal angewendet werden?
A) 3 Tage
B) 5–7 Tage
C) 14 Tage
D) Unbegrenzt bei Bedarf
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Abschwellende Nasentropfen (Xylometazolin/Oxymetazolin) maximal 5–7 Tage wegen Gefahr der Rhinitis medicamentosa.
Frage 4 (Therapie): Wann ist eine Antibiotikatherapie bei akuter Rhinosinusitis indiziert?
A) Bei jedem Patienten mit eitrigem Sekret
B) Nur bei schwerem Verlauf, hohem Fieber >3 Tage oder Komplikationen
C) Prophylaktisch bei allen viralen Infekten
D) Bei Symptomen länger als 3 Tage
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Antibiotika nur bei schwerem Verlauf, Fieber >38,5°C über 3 Tage, Komplikationsverdacht oder bei Immunsuppression.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Ein Patient mit Sinusitis entwickelt Lidschwellung und Doppelbilder. Was ist der nächste Schritt?
A) Ambulante Antibiotikatherapie verstärken
B) Sofortige CT und stationäre Aufnahme
C) Nasenspülung intensivieren
D) Abwarten für 48 Stunden
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Lidschwellung und Doppelbilder sind Red Flags für eine orbitale Komplikation. Sofortige Bildgebung und i.v. Antibiotika erforderlich.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Welche Komplikation einer Sinusitis ist besonders bei Kindern mit Sinusitis ethmoidalis gefürchtet?
A) Otitis media
B) Orbitaphlegmone
C) Bronchitis
D) Tonsillitis
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die Lamina papyracea ist dünn und ermöglicht eine Fortleitung der Infektion in die Orbita, besonders bei Kindern mit Ethmoiditis.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Was spricht für eine dentogene Sinusitis maxillaris?
A) Beidseitige Symptomatik
B) Einseitige Beschwerden mit fötidem Sekret
C) Saisonale Häufung
D) Begleitsymptome wie Niesen und Juckreiz
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Dentogene Sinusitiden sind typischerweise einseitig und das Sekret oft fötide riechend durch anaerobe Bakterien.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Wässriges Sekret, Niesreiz und saisonale Beschwerden sprechen eher für:
A) Bakterielle Sinusitis
B) Allergische Rhinitis
C) Chronische Rhinosinusitis mit Polypen
D) Dentogene Sinusitis
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Saisonale Symptome mit wässrigem Sekret und Niesreiz sind typisch für eine allergische Rhinitis.
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Rhinosinusitis
"Eine Entzündung der Nasenschleimhaut und der Nasennebenhöhlen."
Nasennebenhöhlen
"Luftgefüllte Hohlräume im Schädel, die mit der Nase verbunden sind."
Ostiomeatale Einheit
"Die Stelle, wo die Nebenhöhlen in die Nase münden."
Rhinitis medicamentosa
"Eine Schleimhautschwellung durch zu lange Anwendung von Nasentropfen."
FESS
"Eine Operation durch die Nase, um die Nebenhöhlen zu erweitern."
Orbitaphlegmone
"Eine gefährliche Entzündung in der Augenhöhle."
Zusammenfassung
Die Rhinosinusitis ist eine häufige Erkrankung mit hoher Spontanheilungsrate bei der akuten Form. Die Therapie ist primär symptomatisch. Antibiotika sind nur bei schwerem Verlauf oder Komplikationsverdacht indiziert. Red Flags wie Lidschwellung, Sehstörungen oder Meningismus erfordern sofortige Bildgebung und stationäre Aufnahme.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
🎓
Passender Kurs
Pneumologie – Lunge & Atemwege
Lungenerkrankungen strukturiert lernen: Diagnostik, Differentialdiagnosen und Fallbeispiele.