"Seit heute Morgen habe ich die schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens. Ich kann meinen Kopf kaum bewegen, das Licht tut mir in den Augen weh, und ich musste mich mehrfach übergeben. Meine Freundin sagt, ich hätte auch Fieber."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Definition
Die Meningitis ist eine akute Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute (Meningen). Bei gleichzeitiger Entzündung des Hirngewebes spricht man von einer Meningoenzephalitis. Die bakterielle Form ist ein lebensbedrohlicher Notfall und muss sofort behandelt werden.
Pathophysiologie
Erreger gelangen hämatogen (Bakteriämie), per continuitatem (z. B. Sinusitis, Otitis media) oder direkt (Schädel-Hirn-Trauma, neurochirurgische Eingriffe) in den Subarachnoidalraum. Dort lösen sie eine entzündliche Reaktion mit Liquorpleozytose, Hirnödem und erhöhtem Hirndruck aus. Die Blut-Hirn-Schranke wird geschädigt.
Epidemiologie
Inzidenz (bakteriell)
ca. 1/100.000/Jahr in Deutschland
Inzidenz (viral)
ca. 20/100.000/Jahr
Häufigkeitsgipfel
Kinder unter 5 Jahre, Jugendliche 15–25 Jahre
Geschlecht
m = w
Häufigste Erreger (bakteriell, Erwachsene)
Streptococcus pneumoniae
ca. 50 %
Neisseria meningitidis
ca. 30 %
Listeria monocytogenes
ca. 5–10 % (v. a. bei >50 J., Immunsupprimierten)
Risikofaktoren
Prädisponierende Faktoren:
Immunsuppression (HIV, Chemotherapie)
Asplenie/Splenektomie
Alkoholabhängigkeit
Diabetes mellitus
Eintrittspforten:
Otitis media, Mastoiditis
Sinusitis
Schädel-Hirn-Trauma (Liquorfistel)
Neurochirurgische Eingriffe
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Kopfschmerzen
Seit wann haben Sie die Kopfschmerzen? Wie stark sind sie auf einer Skala von 1–10?
Akuter Beginn + stärkste Intensität typisch
Fieber
Haben Sie Fieber gemessen? Seit wann?
Hohes Fieber (>38,5 °C) bei bakterieller Meningitis
Nackensteife
Können Sie Ihr Kinn auf die Brust legen?
Meningismus als Kardinalsymptom
Bewusstsein
Waren Sie zwischendurch verwirrt oder schläfrig?
Vigilanzstörung als Warnzeichen
Begleitsymptome
Haben Sie Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu oder Geräuschempfindlichkeit?
Typische Begleitsymptome
Hautveränderungen
Haben Sie Hautausschlag oder Flecken bemerkt?
Petechien bei Meningokokkensepsis
Infektfokus
Hatten Sie kürzlich eine Erkältung, Ohrenschmerzen oder Nasennebenhöhlenentzündung?
Eintrittspforte identifizieren
Kontakte
Hatte jemand in Ihrem Umfeld ähnliche Beschwerden?
Epidemiologische Hinweise
Beispieldialog
Arzt:
Guten Tag, ich bin Dr. K. Saleh. Was führt Sie zu uns?
Patient:
Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. So etwas hatte ich noch nie. Mein Nacken ist ganz steif, und mir ist schlecht.
Arzt:
Seit wann haben Sie diese Beschwerden?
Patient:
Seit heute früh, vielleicht sechs Stunden. Es wird immer schlimmer.
Arzt:
Haben Sie Fieber?
Patient:
Ja, meine Freundin hat 39,5 Grad gemessen.
Arzt:
Stört Sie das Licht oder sind Sie empfindlich gegen Geräusche?
Patient:
Ja, das Licht hier tut mir total in den Augen weh.
Arzt:
Haben Sie Flecken auf der Haut bemerkt?
Patient:
Nein, nichts dergleichen.
Prüfungsfokus
Klassische Trias: Kopfschmerzen + Fieber + Nackensteifigkeit (nur bei ca. 45 %!)
Photophobie und Phonophobie gezielt erfragen
Vigilanzstörung als Alarmzeichen nicht übersehen
Nach Petechien (Meningokokkensepsis) aktiv suchen
4 · Befund
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Vitalzeichen
Temperatur
39,5 °C
Blutdruck
140/85 mmHg
Herzfrequenz
105/min
Atemfrequenz
18/min
SpO₂
97 % (Raumluft)
Körperliche Untersuchung
Methode
Erwarteter Befund
Inspektion
Patient liegt mit angezogenen Beinen, lichtscheu; Haut inspizieren auf Petechien!
Ceftriaxon + Ampicillin + Dexamethason – Beginn innerhalb von 1 Stunde!
Merke: Dexamethason VOR oder MIT der ersten Antibiotikagabe – nicht danach!
6 · Arztbrief
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 8 Min
Universitätsklinikum Musterstadt
Klinik für Neurologie
Musterstraße 1, 12345 Musterstadt
Entlassungsbrief
Patient: Tim Neumann, geb. 15.03.2000, 25 Jahre
Aufnahme: 02.01.2026
Entlassung: 16.01.2026
Diagnosen
Bakterielle Meningitis durch Streptococcus pneumoniae (ICD: G00.1)
Akuter Kopfschmerz (ICD: R51)
Anamnese
Der 25-jährige Patient habe angegeben, seit dem Aufnahmetag unter stärksten Kopfschmerzen zu leiden. Diese seien akut aufgetreten und hätten rasch an Intensität zugenommen. Begleitend habe er Fieber bis 39,5 °C, Übelkeit mit Erbrechen sowie eine ausgeprägte Lichtscheu bemerkt. Eine Nackensteifigkeit sei ihm ebenfalls aufgefallen. An Vorerkrankungen seien keine bekannt. Eine regelmäßige Medikation bestehe nicht.
Befund bei Aufnahme
Wacher, aber schmerzgeplagter Patient in reduziertem Allgemeinzustand. Temperatur 39,5 °C, Blutdruck 140/85 mmHg, Herzfrequenz 105/min. Neurologisch: Meningismus positiv, Brudzinski-Zeichen positiv, Kernig-Zeichen positiv. Keine Petechien. GCS 15, Pupillen isokor, lichtreagibel, keine fokalen neurologischen Defizite.
cCT: Kein Anhalt für Hirndruck oder strukturelle Läsion
Therapie und Verlauf
Bei Verdacht auf bakterielle Meningitis wurde nach Blutkulturentnahme und Lumbalpunktion umgehend eine empirische Therapie mit Ceftriaxon 2 × 2 g/Tag i.v., Ampicillin 6 × 2 g/Tag i.v. sowie Dexamethason 4 × 10 mg/Tag i.v. eingeleitet. Nach Erregernachweis wurde die Therapie auf Ceftriaxon und Dexamethason (4 Tage) fokussiert. Die Antibiotikatherapie wurde über 14 Tage fortgeführt. Der Verlauf gestaltete sich komplikationslos mit rascher klinischer Besserung. Eine Hörtestung ergab ein normales Audiogramm.
Empfehlung
Hausärztliche Kontrolle in 1 Woche
Neurologische Kontrolle in 4 Wochen
Audiometrische Kontrolle in 4 Wochen empfohlen
Impfberatung bzgl. Pneumokokken- und Meningokokken-Impfung
Bei erneuten Kopfschmerzen, Fieber oder Nackensteifigkeit sofortige Wiedervorstellung
Konjunktiv I beachten!
habe angegeben, leide, sei, habe
Nur in der Anamnese (indirekte Rede)
Therapie und Verlauf im Indikativ
🩺️ 7 · Übergabe
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
SBAR-Schema
S
Situation:
Ich übergebe Ihnen Herrn Neumann, 25 Jahre alt, mit einer bakteriellen Meningitis durch Pneumokokken. Der Patient wurde vor 14 Tagen aufgenommen und ist jetzt zur Entlassung vorgesehen.
B
Background:
Der Patient stellte sich mit akuten stärksten Kopfschmerzen, Fieber bis 39,5 °C und Nackensteifigkeit vor. Keine relevanten Vorerkrankungen, keine Immunsuppression. Liquor zeigte typisches bakterielles Bild mit Nachweis von S. pneumoniae.
A
Assessment:
Aktuell beschwerdefrei, afebril, kein Meningismus mehr nachweisbar. Neurologischer Status unauffällig. Audiometrie ohne pathologischen Befund. Antibiotikatherapie mit Ceftriaxon über 14 Tage abgeschlossen.
R
Recommendation:
Ambulante Kontrolle bei Neurologie in 4 Wochen. Impfberatung empfohlen. Bei Warnsymptomen wie erneuten Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteifigkeit oder Verwirrtheit sofortige Wiedervorstellung in der Notaufnahme.
Spätkomplikationen (neurologische Residuen bei ca. 20 %)
Hörstörung/Taubheit (bis 20 %, v. a. bei Pneumokokken)
Hydrozephalus
Hirnnervenparesen (v. a. N. III, VI, VII, VIII)
Epilepsie
Kognitive Defizite
10 · Red Flags
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 3 Min
Warnzeichen
Bedeutet
Sofortmaßnahme
Petechien/Purpura
Meningokokkensepsis, DIC
Sofort Antibiose, Isolation, Intensiv
GCS-Abfall
Hirnödem, Einklemmung
cCT, Hirndrucktherapie, Intensiv
Weite, lichtstarre Pupille
Einklemmung
Notfall-cCT, neurochirurgisches Konsil
Krampfanfall
Zerebrale Beteiligung
Antikonvulsiva, cCT vor LP
Fokale Defizite
Vaskulitis, Infarkt, Abszess
cCT/cMRT vor LP
Therapieversagen >48 h
Resistenz, Fokus, Komplikation
Bildgebung, Antibiotika-Anpassung
11 · Quiz
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 10 Min
Wichtigste Punkte
Klassische Trias (Kopfschmerz + Fieber + Meningismus) nur bei ca. 45 % vollständig
Goldstandard: Lumbalpunktion – bei Kontraindikation erst cCT, aber Antibiose SOFORT
Empirische Therapie: Ceftriaxon + Ampicillin + Dexamethason (VOR erster Antibiose!)
Frage 1 (Diagnostik): Welcher Liquorbefund ist typisch für eine bakterielle Meningitis?
A) Klarer Liquor, Lymphozyten erhöht, Glucose normal
B) Trüber Liquor, Granulozyten >1.000/µl, Glucose erniedrigt, Laktat >3,5 mmol/l
C) Xanthochromer Liquor, Erythrozyten erhöht
D) Klarer Liquor mit oligoklonalen Banden
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Richtig: B Bei bakterieller Meningitis ist der Liquor trüb bis eitrig mit granulozytärer Pleozytose (>1.000 Zellen/µl), erhöhtem Eiweiß, erniedrigter Glucose und erhöhtem Laktat (>3,5 mmol/l).
Frage 2 (Diagnostik): Bei welchem Befund muss VOR der Lumbalpunktion eine cCT durchgeführt werden?
A) Fieber >39 °C
B) Positives Brudzinski-Zeichen
C) Bewusstseinsstörung, fokale neurologische Defizite oder Krampfanfall
D) Photophobie
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Richtig: C Bei Bewusstseinsstörung, fokalen neurologischen Defiziten oder Krampfanfällen muss vor der Lumbalpunktion ein Hirndruck mittels cCT ausgeschlossen werden. Die Antibiotikatherapie wird jedoch SOFORT nach Blutabnahme begonnen!
Frage 3 (Therapie): Welche empirische Antibiotikatherapie ist bei V. a. ambulant erworbene bakterielle Meningitis bei Erwachsenen leitliniengerecht?
A) Penicillin G mono
B) Ceftriaxon + Ampicillin
C) Ciprofloxacin + Metronidazol
D) Vancomycin mono
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Richtig: B Die empirische Therapie besteht aus Ceftriaxon (2 × 2 g/Tag) + Ampicillin (6 × 2 g/Tag). Ampicillin deckt Listerien ab, die nicht auf Cephalosporine ansprechen.
Frage 4 (Therapie): Wann sollte Dexamethason bei bakterieller Meningitis gegeben werden?
A) 24 Stunden nach Therapiebeginn
B) VOR oder gleichzeitig mit der ersten Antibiotikagabe
C) Nur bei nachgewiesenem Erreger
D) Nur bei Meningokokken-Meningitis
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Richtig: B Dexamethason muss VOR oder gleichzeitig mit der ersten Antibiotikagabe begonnen werden, um die Entzündungsreaktion durch Bakterienlyse zu reduzieren.
Frage 5 (Notfall): Ein 22-jähriger Patient mit Meningitis-Verdacht entwickelt plötzlich Petechien an Stamm und Extremitäten. Woran denken Sie?
A) Pneumokokken-Meningitis
B) Virale Meningitis
C) Meningokokken-Sepsis (Waterhouse-Friderichsen-Syndrom)
D) Tuberkulöse Meningitis
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Richtig: C Petechien und Purpura sind typisch für die Meningokokken-Sepsis und können zum Waterhouse-Friderichsen-Syndrom mit DIC und Nebennierenblutung führen. Absolute Notfallsituation!
Frage 6 (Notfall): Was ist die wichtigste Maßnahme bei V. a. bakterielle Meningitis in der Notaufnahme?
A) Zunächst MRT durchführen
B) Antibiotikatherapie erst nach Erregernachweis
C) Sofortiger Beginn der Antibiotikatherapie (innerhalb von 1 Stunde)
D) Abwarten auf Laborergebnisse
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Richtig: C Die Antibiotikatherapie muss sofort (innerhalb von 1 Stunde nach Eintreffen) begonnen werden. Eine Verzögerung um mehr als 3 Stunden verschlechtert die Prognose signifikant.
Frage 7 (DD): Wie unterscheidet sich die virale von der bakteriellen Meningitis im Liquorbefund?
A) Virale: Trüber Liquor mit Granulozyten
B) Virale: Klarer Liquor mit Lymphozyten, Glucose normal, Laktat <3,5 mmol/l
C) Virale: Stark erniedrigte Glucose
D) Kein Unterschied erkennbar
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Richtig: B Bei viraler Meningitis ist der Liquor typischerweise klar, die Zellzahl niedriger mit lymphozytärer Differenzierung, die Glucose normal und das Laktat <3,5 mmol/l.
Frage 8 (DD): Ein Patient mit akutem Kopfschmerz und Nackensteifigkeit hat einen „Vernichtungskopfschmerz". Der Liquor ist xanthochrom. Welche Diagnose ist wahrscheinlich?
A) Bakterielle Meningitis
B) Virale Meningitis
C) Subarachnoidalblutung
D) Migräne
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Richtig: C Ein akuter „Vernichtungskopfschmerz" mit xanthochromem Liquor ist typisch für eine Subarachnoidalblutung.
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Meningitis
"Eine Entzündung der Hirnhäute, also der Schutzhüllen um Ihr Gehirn und Rückenmark."
Meningismus
"Eine schmerzhafte Nackensteifigkeit, die typisch für eine Hirnhautentzündung ist."
Lumbalpunktion
"Eine Untersuchung, bei der wir mit einer dünnen Nadel Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal entnehmen."
Liquor
"Das Nervenwasser, das Gehirn und Rückenmark umgibt und schützt."
Photophobie
"Lichtscheu – das bedeutet, dass Licht in den Augen weh tut."
Petechien
"Kleine punktförmige Einblutungen in der Haut, die auf eine schwere Infektion hinweisen können."
Postexpositionsprophylaxe
"Eine vorbeugende Behandlung für Kontaktpersonen, um eine Ansteckung zu verhindern."
Zusammenfassung
Die bakterielle Meningitis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der durch Kopfschmerzen, Fieber und Nackensteifigkeit gekennzeichnet ist. Die Diagnose wird durch Lumbalpunktion gesichert. Die empirische Therapie (Ceftriaxon + Ampicillin + Dexamethason) muss sofort nach Blutabnahme begonnen werden – jede Stunde Verzögerung verschlechtert die Prognose.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
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