Neurologie
Häufig
Konservativ
Prüfungsrelevant
📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13
FSP-Fall zur Polyneuropathie: Distal-symmetrische Parästhesien, NLG/EMG-Diagnostik und Schmerztherapie mit Pregabalin, Gabapentin oder Duloxetin.
0 · Auf einen Blick
✅ Leitsymptom: Distal-symmetrische Parästhesien und Sensibilitätsstörungen (strumpf-/handschuhförmig)
✅ Diagnostischer Standard: Elektroneurographie (NLG) und Elektromyographie (EMG)
✅ Erste Maßnahme: Ätiologische Abklärung (Diabetes, Alkohol, Vitamin-B12)
✅ Wichtigste Kontraindikation: TCA bei Herzrhythmusstörungen, Pregabalin bei Niereninsuffizienz ohne Dosisanpassung
✅ Prognose: Abhängig von Ätiologie; bei kausaler Therapie oft Stabilisierung möglich
1 · Leitfall
Neurologische Ambulanz J., mBrennende Füße seit Monaten
"Herr Doktor, seit einigen Monaten habe ich so ein Brennen und Kribbeln in beiden Füßen, besonders nachts. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich auf Watte laufen. Ich bin Diabetiker seit 15 Jahren und trinke abends gerne mein Bier."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
Definition
Die Polyneuropathie (PNP) ist eine systemisch bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems mit Schädigung mehrerer Nerven. Sie manifestiert sich typischerweise als distal-symmetrische sensomotorische Störung mit strumpf- oder handschuhförmigem Verteilungsmuster.
Pathophysiologie
Je nach Ätiologie kommt es zu einer axonalen Degeneration (metabolisch-toxisch) oder demyelinisierenden Schädigung (immunvermittelt). Bei der häufigsten Form (diabetisch/alkoholtoxisch) führen metabolische Störungen und oxidativer Stress zur längenabhängigen Schädigung der peripheren Nervenfasern, beginnend an den distalen Enden.
Epidemiologie
Prävalenz
5–8 % der Erwachsenen
Inzidenz
ca. 118/100.000/Jahr
Typisches Alter
∅ 65 Jahre
Geschlecht
m:w = 2:1
Häufigste Ursache
Diabetes mellitus (30–40 %)
Risikofaktoren
Nicht modifizierbar:
Alter >60 Jahre
Genetische Disposition (z. B. HMSN)
Positive Familienanamnese
Modifizierbar:
Diabetes mellitus (schlechte BZ-Einstellung)
Chronischer Alkoholkonsum
Neurotoxische Medikamente (Chemotherapie)
Vitamin-B12-/Folsäuremangel
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Aktuell
Wo genau spüren Sie Beschwerden? Kribbeln, Brennen, Taubheit?
Verteilungsmuster (distal-symmetrisch = typisch für PNP)
Verlauf
Seit wann bestehen die Beschwerden? Verschlechterung?
Akut (GBS) vs. chronisch (diabetisch/toxisch)
Vorerkrankungen
Haben Sie Diabetes? Schilddrüsenerkrankungen? Nierenprobleme?
Häufigste Ursachen der PNP
Medikamente
Nehmen Sie Chemotherapie? Antibiotika? Andere Medikamente?
Schwindel, Somnolenz, Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz
Gabapentin
Initial 300 mg, Ziel 1200–2400 mg/d
1. Wahl bei neuropathischem Schmerz
Schwindel, Müdigkeit, Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz
Duloxetin
Initial 30 mg, Ziel 60–120 mg/d
1. Wahl, besonders bei Komorbidität Depression
Übelkeit, RR-Anstieg, KI bei schwerer Niereninsuffizienz
Amitriptylin
Initial 10–25 mg, Ziel 25–75 mg/d
Bei Schlafstörungen, kostengünstig
Anticholinerg, KI bei Herzrhythmusstörungen, Glaukom
Capsaicin-Pflaster 8 %
Lokale Anwendung
Lokalisierte Beschwerden
Hautreizung, nicht auf offene Wunden
Nicht-medikamentös
Physiotherapie zur Erhaltung der Mobilität und Sturzprophylaxe
Ergotherapie zur Erhaltung der Feinmotorik
TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation)
Fußpflege und regelmäßige Fußinspektion (Prävention diabetischer Fuß)
Therapie der 1. Wahl
Pregabalin, Gabapentin oder Duloxetin als Erstlinientherapie bei schmerzhafter Polyneuropathie (leitliniengerecht). Bei Komorbiditäten individuelle Auswahl!
6 · Arztbrief
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 8 Min
Muster-Krankenhaus
Abteilung für Neurologie
Musterstraße 1, 12345 Musterstadt
Entlassungsbrief
Patient: , geb. 15.03.1958, Jahre
Aufnahme: 02.01.2026
Entlassung: 06.01.2026
Diabetes mellitus Typ 2, insulinpflichtig (E11.40)
Chronischer Alkoholkonsum (F10.1)
Anamnese
Der -jährige Patient habe angegeben, seit etwa 6 Monaten unter brennenden Schmerzen und Kribbelparästhesien in beiden Füßen zu leiden. Die Beschwerden seien nachts schlimmer und hätten sich progredient verschlechtert. Er leide seit 15 Jahren an einem Diabetes mellitus Typ 2. Der HbA1c sei zuletzt bei 8,5 % gewesen. Zudem habe er angegeben, täglich 2–3 Bier zu trinken.
Befund bei Aufnahme
Wacher, orientierter Patient in gutem AZ. RR 145/85 mmHg, HF 78/min, Temp. 36,7 °C. Neurologisch: Strumpfförmige Hypästhesie bds., Pallhypästhesie bds. (4/8 am Malleolus medialis), ASR bds. nicht auslösbar, PSR seitengleich schwach auslösbar. Keine Paresen. Trockene Haut an den Füßen, keine Ulzera.
NLG: Beidseitig reduzierte NLG des N. suralis (32 m/s) und N. peronaeus (35 m/s), Amplitudenminderung – vereinbar mit sensomotorischer axonaler Polyneuropathie
Therapie und Verlauf
Es wurde eine symptomatische Schmerztherapie mit Pregabalin (initial 2×50 mg) eingeleitet. Die Diabetestherapie wurde intensiviert. Der Patient wurde bezüglich Alkoholkarenz beraten. Der Verlauf gestaltete sich komplikationslos mit rückläufiger Schmerzsymptomatik.
Empfehlung
Medikation: Pregabalin 2×75 mg, schrittweise Steigerung bis 2×150 mg nach Verträglichkeit
Optimierung der Diabeteseinstellung (HbA1c-Ziel <7 %)
Dringende Alkoholkarenz empfohlen
Regelmäßige Fußinspektion und professionelle Fußpflege
Kontrolle in der neurologischen Ambulanz in 3 Monaten
Konjunktiv I beachten!
habe angegeben, leide, sei, habe
Nur in der Anamnese (indirekte Rede)
🩺️ 7 · Übergabe
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
SBAR-Schema
S
Situation:
Ich übergebe Ihnen Herrn , Jahre, mit diabetischer sensomotorischer Polyneuropathie und schmerzhaften Parästhesien in beiden Füßen.
B
Background:
Der Patient hat seit 15 Jahren einen Diabetes mellitus Typ 2 mit aktuell unzureichender Einstellung (HbA1c 8,5 %). Zusätzlich besteht ein chronischer Alkoholkonsum von 2–3 Bier/Tag. Keine bekannten Allergien. Dauermedikation: Metformin 2×1000 mg, Insulin glargin 20 IE abends.
A
Assessment:
Aktuell stabiler Zustand. Die NLG bestätigte eine sensomotorische axonale Polyneuropathie. Wir haben eine Schmerztherapie mit Pregabalin 2×50 mg begonnen, die gut vertragen wird. Die Schmerzen sind unter Therapie rückläufig (VAS von 7 auf 4).
R
Recommendation:
Bitte Pregabalin auf 2×75 mg steigern, wenn weiterhin gut vertragen. Auf Schwindel und Somnolenz achten. Diabeteseinstellung optimieren, Ernährungsberatung organisieren. Bei zunehmenden Paresen oder akuter Verschlechterung bitte erneute neurologische Vorstellung.
Goldstandard: NLG/EMG zur Bestimmung des Schädigungstyps
Erstlinientherapie: Pregabalin, Gabapentin oder Duloxetin
Frage 1 (Diagnostik): Welche Untersuchung ist der Goldstandard zur Diagnose einer Polyneuropathie?
A) MRT der Wirbelsäule
B) Elektroneurographie (NLG) und Elektromyographie (EMG)
C) Liquorpunktion
D) Blutuntersuchung mit HbA1c
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die Elektroneurographie (NLG) und Elektromyographie (EMG) sind der Goldstandard zur Diagnose und Charakterisierung einer Polyneuropathie. Sie ermöglichen die Unterscheidung zwischen axonaler und demyelinisierender Schädigung.
Frage 2 (Diagnostik): Ein 68-jähriger Patient mit Diabetes mellitus zeigt strumpfförmige Sensibilitätsstörungen. Der ASR ist beidseits nicht auslösbar. Welches Verteilungsmuster liegt vor?
A) Mononeuropathie
B) Distal-symmetrische sensomotorische Polyneuropathie
C) Radikulopathie
D) Polyradikuloneuropathie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Das strumpfförmige Verteilungsmuster mit beidseitiger ASR-Abschwächung ist typisch für eine distal-symmetrische sensomotorische Polyneuropathie, wie sie bei Diabetes mellitus häufig vorkommt.
Frage 3 (Therapie): Welches Medikament ist leitliniengerecht als Erstlinientherapie bei schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie zugelassen?
A) Ibuprofen
B) Pregabalin
C) Morphin
D) Carbamazepin
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Pregabalin ist neben Gabapentin und Duloxetin eine zugelassene Erstlinientherapie bei schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie. Klassische NSAR wie Ibuprofen sind bei neuropathischen Schmerzen nicht wirksam.
Frage 4 (Therapie): Bei welcher Komorbidität sollte Amitriptylin bei neuropathischen Schmerzen vermieden werden?
A) Arterielle Hypertonie
B) Herzrhythmusstörungen
C) Diabetes mellitus
D) Niereninsuffizienz
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Amitriptylin hat anticholinerge und chinidinähnliche Effekte am Herzen und ist bei Herzrhythmusstörungen (insbesondere AV-Block, Arrhythmien) kontraindiziert.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Ein 45-jähriger Patient entwickelt innerhalb von 3 Tagen aufsteigende Lähmungen beginnend an den Beinen. Woran müssen Sie denken?
A) Diabetische Polyneuropathie
B) Guillain-Barré-Syndrom
C) Alkoholtoxische Polyneuropathie
D) Restless-Legs-Syndrom
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Akut aufsteigende Lähmungen innerhalb von Tagen sind typisch für das Guillain-Barré-Syndrom. Es handelt sich um einen neurologischen Notfall mit Gefahr der Ateminsuffizienz.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Was ist die wichtigste Überwachungsmaßnahme bei Verdacht auf Guillain-Barré-Syndrom?
A) Blutzuckerkontrolle
B) Messung der Vitalkapazität
C) EKG-Monitoring
D) Blutdruckmessung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Beim GBS ist die Messung der Vitalkapazität entscheidend, da eine Phrenikusparese zur Ateminsuffizienz führen kann. Bei Vitalkapazität <1 L oder raschem Abfall ist eine Intubation erforderlich.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Wie unterscheidet sich eine Radikulopathie L5/S1 klinisch von einer Polyneuropathie?
A) Die Radikulopathie zeigt strumpfförmige Sensibilitätsstörungen
B) Die Radikulopathie ist typischerweise einseitig und dermatomgebunden
C) Die Radikulopathie verursacht bilateral ausgefallene ASR
D) Die Radikulopathie beginnt immer an den Händen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Eine Radikulopathie zeigt typischerweise einseitige, dermatomgebundene Symptome (z. B. L5: Fußheberschwäche, Sensibilitätsstörung am lateralen Unterschenkel), während die Polyneuropathie bilateral-symmetrisch und nicht dermatomgebunden ist.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Welcher Liquorbefund ist typisch für eine CIDP?
A) Erhöhte Zellzahl mit normaler Eiweißkonzentration
B) Zytoalbuminäre Dissoziation (erhöhtes Eiweiß, normale Zellzahl)
C) Erniedrigt Glukose und erhöhtes Laktat
D) Normaler Liquorbefund
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die zytoalbuminäre Dissoziation (erhöhte Eiweißkonzentration bei fehlender oder nur leichter Pleozytose) ist ein charakteristischer Befund bei der CIDP und dem GBS.
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Polyneuropathie
"Eine Erkrankung, bei der viele Nerven gleichzeitig geschädigt sind, vor allem in den Füßen und Händen."
Parästhesien
"Missempfindungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen oder Brennen."
Hypästhesie
"Ein vermindertes Gefühl, also wenn Sie weniger spüren als normal."
Pallhypästhesie
"Ein vermindertes Vibrationsempfinden, das wir mit einer Stimmgabel testen."
Elektroneurographie
"Eine Untersuchung, bei der wir messen, wie schnell Ihre Nerven elektrische Signale leiten."
Axonal
"Wenn die Nervenfaser selbst geschädigt ist."
Demyelinisierend
"Wenn die Isolierschicht um den Nerv herum geschädigt ist."
Zusammenfassung
Die Polyneuropathie ist eine häufige Erkrankung des peripheren Nervensystems, meist verursacht durch Diabetes mellitus oder chronischen Alkoholkonsum. Die Diagnose erfolgt klinisch und elektrophysiologisch, die Therapie umfasst die Behandlung der Grunderkrankung und eine symptomatische Schmerztherapie mit Pregabalin, Gabapentin oder Duloxetin.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
🎓
Passender Kurs
Kardiologie-Komplettkurs
Neurologische Erkrankungen im Rahmen der FSP-Prüfungsvorbereitung.