✅ Erste Maßnahme: Sofortige Einweisung Stroke Unit, ASS 100 mg, Blutdruckmonitoring
✅ Wichtigste Kontraindikation: Lyse bei TIA kontraindiziert (Symptome bereits rückläufig)
✅ Prognose: 10–15% Schlaganfallrisiko in 90 Tagen ohne Prophylaxe; mit Therapie deutlich reduzierbar
1 · Leitfall
Notaufnahme J., mVorübergehende Lähmung
"Herr Doktor, vor zwei Stunden konnte ich plötzlich meinen rechten Arm nicht mehr bewegen und habe komisch gesprochen. Meine Frau war ganz erschrocken. Nach etwa 20 Minuten war alles wieder normal. Jetzt fühle ich mich eigentlich wieder gut."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Definition
Die transitorische ischämische Attacke (TIA) ist eine vorübergehende zerebrale Durchblutungsstörung mit fokalen neurologischen Ausfällen, die sich vollständig innerhalb von 24 Stunden zurückbilden – typischerweise jedoch innerhalb von Minuten bis einer Stunde. Die moderne Definition fordert zusätzlich den Ausschluss einer akuten Infarzierung in der diffusionsgewichteten MRT (DWI).
Pathophysiologie
Vorübergehender Verschluss einer hirnversorgenden Arterie durch Thrombembolie (meist aus atherosklerotischen Plaques der A. carotis oder kardiale Embolie bei Vorhofflimmern). Die Minderperfusion führt zu reversiblen neuronalen Funktionsstörungen ohne strukturelle Schädigung. Bei etwa 30% der Patienten zeigt die DWI-MRT dennoch frische ischämische Läsionen.
Epidemiologie
Inzidenz
29–61/100.000/Jahr
Typisches Alter
>60 Jahre (Risiko steigt exponentiell)
Geschlecht
m > w (1,3:1)
Schlaganfallrisiko
10% in 2 Tagen (ABCD2 ≥4), 15% in 90 Tagen
Risikofaktoren
Nicht modifizierbar:
Alter >60 Jahre
Männliches Geschlecht
Positive Familienanamnese
Vorherige TIA/Schlaganfall
Modifizierbar:
Arterielle Hypertonie (wichtigster Faktor)
Vorhofflimmern
Diabetes mellitus
Hyperlipidämie
Rauchen
Karotisstenose
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Symptombeginn
Wann genau haben die Beschwerden begonnen?
ABCD2-Score (Dauer), Zeitfenster für Intervention
Symptomcharakter
Was genau konnten Sie nicht mehr? Arm, Bein, Sprechen, Sehen?
Lysetherapie ist bei TIA NICHT indiziert (Symptome rückläufig)
Duale Plättchenhemmung nur bei Hochrisiko-TIA (21 Tage ASS + Clopidogrel)
Bei Vorhofflimmern: OAK statt Thrombozytenaggregationshemmer
Karotis-TEA bei symptomatischer Stenose ≥70% innerhalb 2 Wochen
6 · Arztbrief
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Entlassungsbrief
Patient: , Jahre, männlich
Diagnosen:
Transitorische ischämische Attacke (TIA) im Mediastromgebiet links (I63.9)
Arterielle Hypertonie (I10)
Hyperlipidämie (E78.0)
Anamnese:
Der Patient habe berichtet, er habe vor der Aufnahme eine plötzlich aufgetretene rechtsseitige Armschwäche und Sprachstörung bemerkt. Die Symptome hätten etwa 20 Minuten angehalten und seien dann vollständig rückläufig gewesen. Er leide seit Jahren an arterieller Hypertonie und nehme Antihypertensiva ein. Ein Diabetes mellitus bestehe nicht.
Befund:
Bei Aufnahme sei der Patient neurologisch unauffällig gewesen. Der Blutdruck habe 165/95 mmHg betragen. Der ABCD2-Score habe 4 Punkte ergeben (Alter ≥60: 1 Punkt, RR ≥140/90: 1 Punkt, einseitige Schwäche: 2 Punkte). Die cCT sei ohne Nachweis einer intrakraniellen Blutung oder Ischämie gewesen. Die MRT-DWI habe keine frische Diffusionsrestriktion gezeigt. Die Duplexsonographie der hirnversorgenden Gefäße habe beidseitig Plaques ohne hämodynamisch relevante Stenosen ergeben. Im Langzeit-EKG habe sich kein Vorhofflimmern nachweisen lassen.
Therapie und Verlauf:
Der Patient sei auf die Stroke Unit aufgenommen worden. Es sei eine duale Thrombozytenaggregationshemmung mit ASS 100 mg und Clopidogrel 75 mg für 21 Tage eingeleitet worden. Die antihypertensive Therapie sei optimiert worden. Es sei eine Statintherapie mit Atorvastatin 40 mg begonnen worden.
Procedere:
Wir empfehlen die Fortführung der dualen Plättchenhemmung für insgesamt 21 Tage, danach ASS 100 mg/d als Monotherapie. Blutdruckziel <140/90 mmHg. LDL-Zielwert <70 mg/dl. Kontrolle der Risikofaktoren sowie Nikotinkarenz seien dringend empfohlen.
Medikation bei Entlassung:
ASS 100 mg 1-0-0
Clopidogrel 75 mg 1-0-0 (für 21 Tage)
Atorvastatin 40 mg 0-0-1
Ramipril 5 mg 1-0-0
Amlodipin 5 mg 1-0-0
Mit freundlichen kollegialen Grüßen
7 · Übergabe (SBAR)
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 3 Min
S – Situation:
Herr , Jahre, kommt mit TIA-Verdacht. Rechtsseitige Hemiparese und Aphasie vor 2 Stunden, Dauer ca. 20 Minuten, jetzt symptomfrei.
B – Background:
Bekannte arterielle Hypertonie unter Therapie. Kein Diabetes. ABCD2-Score 4 Punkte. Keine früheren TIA oder Schlaganfälle.
A – Assessment:
Hochrisiko-TIA mit ABCD2 ≥4. cCT ohne Blutung. MRT-DWI steht noch aus. Duplexsonographie zeigt Plaques ohne relevante Stenose. Kein VHF im EKG.
R – Recommendation:
Aufnahme Stroke Unit. Duale Plättchenhemmung starten (ASS + Clopidogrel). MRT-DWI durchführen. Langzeit-EKG anlegen. Statintherapie beginnen. RR-Optimierung.
8 · Differentialdiagnosen
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Differentialdiagnose
Unterscheidungsmerkmal
Ausschlussdiagnostik
Ischämischer Schlaganfall
Symptome persistieren >24h oder Infarktnachweis in Bildgebung
TIA = vorübergehende fokale neurologische Defizite ohne Infarktnachweis in der MRT-DWI
ABCD2-Score zur Risikostratifizierung: ≥4 Punkte = Hochrisiko-TIA
Keine Lyse bei TIA, aber duale Plättchenhemmung bei Hochrisiko für 21 Tage
Frage 1 (Diagnostik): Welche Untersuchung ist der Goldstandard zum Nachweis einer frischen ischämischen Läsion bei V.a. TIA?
A) Native cCT
B) MRT mit diffusionsgewichteter Sequenz (DWI)
C) Duplexsonographie der Karotiden
D) EEG
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die MRT-DWI kann bereits wenige Minuten nach Symptombeginn frische ischämische Läsionen als Diffusionsrestriktion nachweisen. Bei etwa 30% der klinischen TIA-Patienten finden sich DWI-Läsionen. Die cCT dient primär dem Blutungsausschluss.
Frage 2 (Diagnostik): Ein 68-jähriger Patient mit Hypertonie hatte vor 3 Stunden eine 30-minütige rechtsseitige Armschwäche. Wie viele Punkte erhält er im ABCD2-Score?
A) 2 Punkte
B) 3 Punkte
C) 4 Punkte
D) 5 Punkte
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Alter ≥60 = 1 Punkt, Hypertonie (RR vermutlich ≥140/90) = 1 Punkt, einseitige Schwäche = 2 Punkte, Dauer 10–59 min = 1 Punkt. Ohne Diabetes = 0. Korrekt sind jedoch nur 4 Punkte sicher (Alter + Schwäche + Dauer), der Blutdruck müsste bei Erstmessung ≥140/90 sein.
Frage 3 (Therapie): Welche Therapie ist bei einer Hochrisiko-TIA (ABCD2 ≥4) leitliniengerecht?
A) Systemische Lysetherapie mit rtPA
B) Duale Plättchenhemmung mit ASS + Clopidogrel für 21 Tage
C) Sofortige Vollheparinisierung
D) Abwarten und ambulante Kontrolle nach 2 Wochen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Bei Hochrisiko-TIA wird eine duale Plättchenhemmung mit ASS und Clopidogrel für 21 Tage empfohlen. Eine Lysetherapie ist bei TIA nicht indiziert, da die Symptome bereits rückläufig sind.
Frage 4 (Therapie): Bei einem TIA-Patienten wird Vorhofflimmern diagnostiziert. Welche Langzeit-Sekundärprophylaxe ist indiziert?
A) ASS 100 mg/d
B) ASS + Clopidogrel dauerhaft
C) Orale Antikoagulation (NOAK oder VKA)
D) Keine Medikation, nur Lebensstiländerung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Bei nachgewiesenem Vorhofflimmern ist eine orale Antikoagulation (vorzugsweise NOAK) zur Sekundärprophylaxe indiziert. Thrombozytenaggregationshemmer sind bei VHF-assoziierter TIA nicht ausreichend wirksam.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Welches Szenario stellt das höchste Schlaganfallrisiko nach TIA dar?
A) Einzelne TIA vor 1 Woche, ABCD2-Score 2
B) Mehrere TIAs innerhalb der letzten 24 Stunden (Crescendo-TIA)
C) TIA mit isolierter Sehstörung
D) TIA bei einem 45-jährigen ohne Risikofaktoren
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Rezidivierende TIAs innerhalb kurzer Zeit (Crescendo-TIA) stellen eine Hochrisikosituation dar und erfordern sofortige Aufnahme auf die Stroke Unit mit intensiver Überwachung und Diagnostik.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Ein Patient mit TIA hat eine 80%ige Stenose der A. carotis interna. Wann sollte die Karotis-TEA erfolgen?
A) Innerhalb von 2 Wochen
B) Nach 6 Wochen
C) Nur bei erneuter TIA
D) Operation nicht indiziert
✅ Antwort anzeigen
Richtig: A Bei symptomatischer Karotisstenose ≥70% sollte die Karotis-TEA innerhalb von 2 Wochen durchgeführt werden. Der Nutzen der Operation nimmt mit zunehmendem Abstand zum Indexereignis deutlich ab.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Welches Merkmal spricht am ehesten für eine Migräne mit Aura und gegen eine TIA?
A) Schlagartig auftretende Symptome
B) Langsam wandernde positive visuelle Symptome (Flimmerskotom) gefolgt von Kopfschmerz
C) Einseitige motorische Schwäche
D) Symptome dauern weniger als 1 Stunde
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Migräne-Auren zeigen typischerweise positive Symptome (Flimmern, Zickzacklinien), die sich langsam über 5–60 Minuten ausbreiten, gefolgt von Kopfschmerzen. TIA-Symptome sind negative Symptome (Lähmung, Taubheit) mit schlagartigem Beginn.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Ein Patient hatte eine 10-minütige rechtsseitige Hemiparese. Die MRT-DWI zeigt eine frische Diffusionsrestriktion links. Wie lautet die korrekte Diagnose?
A) Transitorische ischämische Attacke (TIA)
B) Minor Stroke (kleiner ischämischer Schlaganfall)
C) Migräne mit Aura
D) Fokaler epileptischer Anfall
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Trotz vollständiger klinischer Rückbildung liegt bei Nachweis einer frischen Ischämie in der DWI-MRT definitionsgemäß ein Minor Stroke vor, keine TIA. Die moderne Definition erfordert für eine TIA den Ausschluss einer Infarzierung in der Bildgebung.
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Transitorische ischämische Attacke
"Eine vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn – wie ein kurzer Warnschuss vor einem möglichen Schlaganfall."
ABCD2-Score
"Ein Punktesystem, mit dem wir Ihr Risiko für einen Schlaganfall in den nächsten Tagen einschätzen können."
Stroke Unit
"Eine Spezialstation für Schlaganfallpatienten mit besonderer Überwachung und schneller Diagnostik."
Karotisstenose
"Eine Verengung der Halsschlagader, die zu Durchblutungsstörungen im Gehirn führen kann."
Thrombozytenaggregationshemmer
"Blutverdünnende Medikamente wie Aspirin, die verhindern, dass sich Blutplättchen zusammenklumpen."
Sekundärprophylaxe
"Vorbeugende Maßnahmen, damit so ein Ereignis nicht wieder auftritt."
Zusammenfassung
Die TIA ist ein Warnzeichen für einen drohenden Schlaganfall. Trotz vollständiger Symptomrückbildung handelt es sich um einen Notfall, der eine sofortige Abklärung auf einer Stroke Unit erfordert. Der ABCD2-Score hilft bei der Risikostratifizierung. Bei Hochrisiko-TIA wird eine duale Plättchenhemmung für 21 Tage empfohlen. Bei Vorhofflimmern ist eine orale Antikoagulation indiziert. Symptomatische Karotisstenosen sollten innerhalb von 2 Wochen operiert werden.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
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