Infektiologie
Häufig
Konservativ
Prüfungsrelevant
📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13
FSP-Fall zur akuten Angina tonsillaris: Centor-Score, Streptokokken-Schnelltest, Penicillin V als Therapie der 1. Wahl und wichtige Red Flags wie Peritonsillarabszess.
0 · Auf einen Blick
✅ Leitsymptom: Akute Halsschmerzen mit Schluckbeschwerden und Fieber
✅ Erste Maßnahme: Symptomatische Therapie (Ibuprofen/Paracetamol), Flüssigkeitszufuhr
✅ Wichtigste Kontraindikation: Aminopenicilline bei V.a. EBV-Infektion (Exanthemrisiko!)
✅ Prognose: Meist selbstlimitierend, bei Streptokokken-Nachweis Antibiotikatherapie zur Komplikationsprophylaxe
1 · Leitfall
Hausarztpraxis J., mStarke Halsschmerzen seit 2 Tagen
"Herr Doktor, ich habe seit zwei Tagen schlimme Halsschmerzen und kann kaum noch schlucken. Heute Nacht hatte ich auch Fieber und Schüttelfrost. Meine Freundin meinte, meine Mandeln sähen richtig dick aus."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Definition
Die akute Angina tonsillaris (akute Tonsillitis) ist eine Entzündung der Gaumenmandeln (Tonsillae palatinae), die meist viral, in etwa 20–30 % bakteriell (v.a. β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A) bedingt ist. Sie tritt häufig gemeinsam mit einer Pharyngitis auf (Tonsillopharyngitis).
Pathophysiologie
Die Erreger gelangen über Tröpfcheninfektion in den Oropharynx und führen zu einer lokalen Entzündungsreaktion im lymphatischen Gewebe der Tonsillen. Bei bakterieller Genese kommt es zur Bildung von Exsudaten (Stippchen, Beläge). Die Immunantwort führt zu lokaler Lymphknotenschwellung und systemischen Entzündungszeichen.
Epidemiologie
Inzidenz
30–50/1.000 Kinder, 10–20/1.000 Erwachsene pro Jahr
Typisches Alter
Häufigkeitsgipfel 5–15 Jahre (GABHS)
Geschlecht
m = w
Saisonalität
Häufiger in Herbst und Winter
Risikofaktoren
Nicht modifizierbar:
Alter 5–15 Jahre
Immundefizienz
Modifizierbar:
Kontakt zu Erkrankten (Gemeinschaftseinrichtungen)
Rauchen
Trockene Raumluft
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Aktuell
Seit wann haben Sie Halsschmerzen? Haben Sie Fieber gemessen?
Centor-Kriterium: Fieber >38°C spricht für bakterielle Genese
Begleitsymptome
Haben Sie Husten, Schnupfen oder Heiserkeit?
Fehlen von Husten = Centor-Kriterium; Husten spricht eher für virale Genese
Verlauf
Hatten Sie schon öfter Mandelentzündungen?
Rezidivierende Tonsillitis → ggf. OP-Indikation
Allergien
Sind Ihnen Allergien gegen Medikamente bekannt, z.B. Penicillin?
Therapiewahl bei Antibiotikabedarf
Kontakte
Gibt es in Ihrem Umfeld aktuell Personen mit Halsschmerzen?
Streptokokken-Infektionen sind hochkontagiös
Beispieldialog
Arzt:
Guten Tag, ich bin . Was führt Sie zu uns?
Patient:
Ich habe seit zwei Tagen furchtbare Halsschmerzen, besonders beim Schlucken. Heute Nacht hatte ich auch Fieber und Schüttelfrost.
Arzt:
Haben Sie auch Husten oder Schnupfen?
Patient:
Nein, eigentlich nicht. Nur die Halsschmerzen und ich fühle mich total schlapp.
Arzt:
Haben Sie bemerkt, ob die Lymphknoten am Hals geschwollen sind?
Patient:
Ja, hier vorne am Hals tut es weh, wenn ich draufdrücke.
Prüfungsfokus
Centor-Score systematisch abfragen (Fieber, kein Husten, Tonsillenexsudat, zervikale LK-Schwellung)
RED FLAGS ausschließen: Trismus, einseitige Schwellung, Speichelfluss → V.a. Peritonsillarabszess
EBV-Verdacht: Hepatosplenomegalie, generalisierte LK-Schwellung, junges Alter
4 · Befund
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
Körperliche Untersuchung
Methode
Erwarteter Befund
Inspektion Rachen
Gerötete, geschwollene Tonsillen mit weißlich-gelblichen Stippchen oder Belägen (Exsudat)
Der -jährige Patient habe angegeben, seit zwei Tagen unter starken Halsschmerzen zu leiden.
Er habe Schluckbeschwerden und sei nachts mit Fieber und Schüttelfrost aufgewacht.
Husten oder Schnupfen bestünden nicht. Allergien seien keine bekannt.
Im Freundeskreis gebe es aktuell mehrere Personen mit ähnlichen Beschwerden.
Befund bei Aufnahme
AZ leicht reduziert, Temperatur 38,7°C. Oropharynx: Tonsillen beidseits geschwollen mit weißlich-gelblichen Stippchen. Anteriore zervikale Lymphknoten beidseits druckschmerzhaft und vergrößert. Mundöffnung frei.
Diagnostik
Centor-Score: 4 Punkte (Fieber, kein Husten, Tonsillenexsudat, LK-Schwellung)
Streptokokken-Schnelltest: positiv
Therapie und Verlauf
Es wurde eine antibiotische Therapie mit Penicillin V eingeleitet. Zusätzlich erfolgte eine symptomatische Therapie mit Ibuprofen. Der Verlauf gestaltete sich komplikationslos, das Fieber war nach 48 Stunden rückläufig.
Empfehlung
Penicillin V leitliniengerecht für insgesamt 5–7 Tage fortführen
Ibuprofen bei Bedarf
Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
Wiedervorstellung bei Verschlechterung oder fehlender Besserung nach 48h
Konjunktiv I beachten!
habe angegeben, habe, sei, bestünden, seien, gebe
Nur in der Anamnese (indirekte Rede des Patienten)
🩺️ 7 · Übergabe
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
SBAR-Schema
S
Situation:
Ich übergebe Ihnen , Jahre, mit akuter Angina tonsillaris bei Streptokokken-A-Nachweis.
B
Background:
Der Patient stellte sich vor zwei Tagen mit akuten Halsschmerzen, Schluckbeschwerden und Fieber vor. Keine relevanten Vorerkrankungen, keine Allergien bekannt. Centor-Score 4 Punkte, Schnelltest positiv.
A
Assessment:
Unter Penicillin V seit 24 Stunden stabiler Verlauf. Fieber rückläufig auf 37,8°C. Halsschmerzen noch vorhanden, aber gebessert. Keine Hinweise auf Komplikationen wie Peritonsillarabszess.
R
Recommendation:
Antibiotikatherapie fortführen für insgesamt 5–7 Tage. Auf Zeichen einer Verschlechterung achten: Zunehmende einseitige Schwellung, Trismus, Speichelfluss. Bei V.a. Abszess: Bildgebung und HNO-Konsil.
Richtig: B Der Centor-Score umfasst: Fieber >38°C, Fehlen von Husten, Tonsillenexsudat und geschwollene vordere Halslymphknoten. Das Fehlen von Husten ist ein Kriterium, da Husten eher auf eine virale Genese hinweist.
Frage 2 (Diagnostik): Ab welchem Centor/McIsaac-Score wird ein Streptokokken-Schnelltest empfohlen?
A) Ab 1 Punkt
B) Ab 2 Punkten
C) Ab 3 Punkten
D) Immer durchführen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Leitliniengerecht wird der Schnelltest bei einem Score ≥3 Punkte empfohlen, v.a. bei Kindern und Jugendlichen (3–15 Jahre). Bei ≤2 Punkten ist die Wahrscheinlichkeit einer Streptokokken-Infektion gering.
Frage 3 (Therapie): Welches Antibiotikum ist bei nachgewiesener Streptokokken-Tonsillitis Mittel der 1. Wahl?
A) Amoxicillin
B) Penicillin V
C) Ciprofloxacin
D) Doxycyclin
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Penicillin V ist laut Leitlinie das Antibiotikum der 1. Wahl bei Streptokokken-Tonsillitis. Es ist wirksam, schmalspektrig und gut verträglich. Amoxicillin sollte bei V.a. EBV-Infektion vermieden werden (Exanthemrisiko).
Frage 4 (Therapie): Wie lange sollte die antibiotische Therapie bei gutem Verlauf dauern?
A) 3 Tage
B) 5 Tage
C) 10 Tage
D) 14 Tage
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Laut aktueller Leitlinie kann die antibiotische Therapie bei gutem Verlauf nach 5 Tagen beendet werden. Die frühere Empfehlung von 10 Tagen gilt nicht mehr generell.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Welches Symptom weist auf einen Peritonsillarabszess hin?
A) Beidseitige Tonsillenschwellung
B) Husten
C) Trismus (Kieferklemme)
D) Rhinitis
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Trismus (Kieferklemme) ist ein klassisches Warnsignal für einen Peritonsillarabszess. Weitere Red Flags sind einseitige Schwellung, Uvula-Deviation, kloßige Sprache und Speichelfluss.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Warum sollte bei V.a. EBV-Infektion kein Aminopenicillin gegeben werden?
A) Es ist bei EBV unwirksam
B) Es kann ein Arzneimittelexanthem auslösen
C) Es verschlimmert die Hepatitis
D) Es führt zu Anämie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Bei EBV-Infektion führt die Gabe von Aminopenicillinen (Ampicillin, Amoxicillin) in bis zu 90% der Fälle zu einem charakteristischen makulopapulösen Exanthem. Dies ist eine wichtige Kontraindikation!
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Welcher Befund unterscheidet eine EBV-Tonsillitis von einer Streptokokken-Tonsillitis?
A) Tonsillenbeläge
B) Fieber
C) Hepatosplenomegalie und generalisierte Lymphadenopathie
D) Halsschmerzen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Bei der infektiösen Mononukleose (EBV) findet sich typischerweise eine Hepatosplenomegalie und eine generalisierte Lymphknotenschwellung. Bei der Streptokokken-Tonsillitis sind nur die zervikalen Lymphknoten betroffen.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Was spricht bei Halsschmerzen eher für eine virale als eine bakterielle Genese?
A) Tonsillenexsudat
B) Fieber >38°C
C) Begleitender Husten und Schnupfen
D) Geschwollene Halslymphknoten
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Begleitende Symptome wie Husten, Schnupfen und Heiserkeit sprechen für eine virale Genese. Das Fehlen von Husten ist sogar ein Centor-Kriterium, das die Wahrscheinlichkeit einer Streptokokken-Infektion erhöht.
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Angina tonsillaris
"Eine Entzündung der Mandeln, die Halsschmerzen verursacht."
Tonsillen
"Die Gaumenmandeln, das sind die zwei Gewebehügel links und rechts im hinteren Rachen."
Exsudat/Stippchen
"Weißlich-gelbliche Beläge auf den Mandeln, die bei einer Entzündung entstehen können."
Streptokokken
"Eine Bakterienart, die häufig Mandelentzündungen verursacht."
Peritonsillarabszess
"Eine Eiteransammlung neben der Mandel, eine ernste Komplikation der Mandelentzündung."
Tonsillektomie
"Die operative Entfernung der Mandeln."
Zusammenfassung
Die akute Angina tonsillaris ist eine häufige Erkrankung, die meist viral, in etwa 20–30% bakteriell durch Streptokokken bedingt ist. Die Diagnose erfolgt klinisch unter Verwendung von Scoring-Systemen. Die Therapie ist primär symptomatisch; bei V.a. Streptokokken-Infektion ist Penicillin V Mittel der 1. Wahl. Auf Red Flags wie Trismus und einseitige Schwellung muss geachtet werden, um einen Peritonsillarabszess nicht zu übersehen.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
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