Endokrinologie
Konservativ
Notfall
Prüfungsrelevant
📍 Baden-Württemberg, Bayern, Berlin +13
FSP-Fall zum diabetischen Koma: Diabetische Ketoazidose (DKA) und hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom (HHS) – Notfalldiagnostik mit BGA, Ketonkörpern und leitliniengerechte Therapie mit Volumen, Kalium, Insulin.
"Mein Sohn hat mich im Bett gefunden, ich konnte kaum antworten. Seit drei Tagen habe ich Durst ohne Ende, muss ständig auf Toilette und mir ist schlecht."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 5 Min
Definition
Das diabetische Koma ist eine akute, lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung bei Diabetes mellitus. Es umfasst zwei Hauptformen: die diabetische Ketoazidose (DKA) bei absolutem Insulinmangel (v.a. Typ-1-Diabetes) und das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) bei relativem Insulinmangel (v.a. Typ-2-Diabetes).
Pathophysiologie
DKA: Absoluter Insulinmangel → gesteigerte Lipolyse → Ketonkörperbildung (β-Hydroxybutyrat, Acetoacetat) → metabolische Azidose. Gleichzeitig Hyperglykämie mit osmotischer Diurese.
HHS: Relativer Insulinmangel → ausreichend Insulin zur Hemmung der Lipolyse, aber unzureichend für Glucoseaufnahme → extreme Hyperglykämie (>600 mg/dl) → Hyperosmolalität → Dehydratation.
Epidemiologie
Inzidenz
3-5 Fälle pro 1.000 Diabetiker/Jahr
DKA: Typisches Alter
18-44 Jahre (61,7%), v.a. Typ-1-Diabetes
HHS: Typisches Alter
45-64 Jahre (47,5%), v.a. Typ-2-Diabetes
Erstmanifestation
DKA in 25% als Erstmanifestation Typ-1-DM
Risikofaktoren
Nicht modifizierbar:
Typ-1-Diabetes (für DKA)
Höheres Alter (für HHS)
Diabetesdauer
Modifizierbar:
Insulintherapie-Fehler / Non-Compliance
Akute Infekte (Trigger Nr. 1)
SGLT2-Inhibitoren (euglykäme DKA!)
Kortikosteroide, Thiazide
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Aktuell
Seit wann haben Sie vermehrten Durst und häufiges Wasserlassen?
Polyurie/Polydipsie = klassische Frühsymptome
Übelkeit
Haben Sie Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen?
Abdominelle Beschwerden häufig bei DKA
Vorerkrankungen
Ist bei Ihnen ein Diabetes bekannt? Welcher Typ?
Unterscheidung DKA vs. HHS
Medikamente
Haben Sie Ihre Insulinspritzen regelmäßig genommen?
Insulinfehler häufigster Auslöser
Infekt
Hatten Sie in letzter Zeit einen Infekt? Fieber, Husten?
Infekte als Trigger identifizieren
Atmung
Fällt Ihnen das Atmen schwer? Atmen Sie tiefer als gewöhnlich?
Kussmaul-Atmung bei Azidose
Beispieldialog
Arzt:
Guten Tag, ich bin . Ihr Sohn hat Sie heute bewusstlos gefunden. Können Sie mir erzählen, wie es Ihnen in den letzten Tagen ging?
Patient:
Seit drei Tagen geht es mir nicht gut. Ich habe ständig Durst und muss alle halbe Stunde auf die Toilette. Auch nachts.
Arzt:
Haben Sie auch Übelkeit oder Bauchschmerzen?
Patient:
Ja, mir ist übel und ich habe gestern mehrfach erbrochen. Der Bauch tut auch weh.
Arzt:
Ist bei Ihnen ein Diabetes bekannt? Nehmen Sie Insulin?
Patient:
Ja, ich habe Typ-1-Diabetes seit ich 20 bin. Aber ich muss zugeben, ich habe letzte Woche mein Insulin vergessen einzukaufen.
Patient: , geb. 15.03.1981, Jahre
Aufnahme: 02.01.2026
Entlassung: 06.01.2026
Diagnosen
Diabetische Ketoazidose bei Diabetes mellitus Typ 1 (ICD: E10.11)
Dehydratation (ICD: E86.0)
Hypokaliämie (ICD: E87.6)
Anamnese
Der -jährige Patient sei von seinem Sohn bewusstlos im Bett aufgefunden worden. Er habe angegeben, seit etwa drei Tagen an vermehrtem Durst, häufigem Wasserlassen sowie Übelkeit und Erbrechen gelitten zu haben. Der Patient leide seit dem 20. Lebensjahr an einem Diabetes mellitus Typ 1. Er habe eingeräumt, in der Vorwoche seine Insulintherapie nicht regelmäßig durchgeführt zu haben.
Befund bei Aufnahme
RR 95/60 mmHg, HF 112/min, AF 28/min (Kussmaul-Atmung), SpO2 98% bei Raumluft, Temperatur 37,2°C, GCS 12. Patient somnolent, aber erweckbar. Haut und Schleimhäute trocken, stehende Hautfalten. Abdomen weich, diffus druckdolent. Azetongeruch der Atemluft.
EKG: Sinustachykardie, keine relevanten Erregungsrückbildungsstörungen
Therapie und Verlauf
Es wurde eine intensivmedizinische Überwachung eingeleitet. Die Behandlung erfolgte leitliniengerecht mit aggressiver Volumensubstitution (NaCl 0,9%), Kaliumsubstitution sowie kontinuierlicher Insulininfusion (0,1 IE/kgKG/h). Die Ketoazidose war nach 18 Stunden vollständig rückläufig (pH 7,38, HCO3 22 mmol/l). Der Verlauf gestaltete sich komplikationslos. Nach Stabilisierung wurde auf eine intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) umgestellt und eine Diabetesschulung durchgeführt.
Empfehlung
Medikation: Insulin glargin 22 IE zur Nacht, Insulin lispro nach BE zu den Mahlzeiten
Kontrolle: Diabetologische Anbindung in 2 Wochen, HbA1c-Kontrolle in 3 Monaten
Ich übergebe Ihnen , Jahre, mit diabetischer Ketoazidose bei bekanntem Diabetes mellitus Typ 1.
B
Background:
Bekannter Typ-1-Diabetes seit 25 Jahren. Insulintherapie in der letzten Woche nicht regelmäßig durchgeführt. Aufnahme über Notaufnahme nach häuslichem Kollaps mit Somnolenz.
A
Assessment:
Aktuell auf ITS. BZ jetzt 210 mg/dl, pH 7,32, K+ 4,2 mmol/l. Insulinperfusor läuft mit 4 IE/h. Volumendefizit weitgehend ausgeglichen. Patient wach und orientiert.
R
Recommendation:
Bitte stündliche BZ- und BGA-Kontrollen fortführen. Bei pH >7,3 und HCO3 >18 mmol/l Umstellung auf s.c.-Insulin möglich. Cave: K+ kann unter Insulintherapie schnell abfallen – engmaschig kontrollieren.
8 · Differentialdiagnosen
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
DD
Unterscheidungsmerkmal
Ausschluss
Hypoglykämisches Koma
BZ <50 mg/dl, Schwitzen, Tachykardie, Hunger
Blutzucker-Schnelltest
Alkoholische Ketoazidose
BZ normal oder niedrig, Alkoholanamnese, oft Mangelernährung
Anamnese, Alkoholspiegel
Laktatazidose
Erhöhtes Laktat >5 mmol/l, normale Ketone, oft Metformin-Einnahme
Laktat, Ketonkörper
Urämisches Koma
Kreatinin stark erhöht, Urämie-Zeichen, Foetor uraemicus
Kreatinin, Harnstoff
Hepatisches Koma
Ikterus, Foetor hepaticus, Asterixis, Lebererkrankung bekannt
Leberwerte, Ammoniak
⚠️ 9 · Komplikationen
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 3 Min
Akute Komplikationen
Hirnödem → Gefürchtetste Komplikation, v.a. bei Kindern und zu schneller BZ-Senkung
Hypokaliämie → Unter Insulintherapie, Herzrhythmusstörungen möglich
Hypoglykämie → Bei zu aggressiver Insulintherapie
Herzrhythmusstörungen → Durch Elektrolytstörungen (K+, Mg2+)
Aspirationspneumonie → Bei Bewusstlosigkeit und Erbrechen
Thromboembolien → Durch Dehydratation und Hyperviskosität
Spätkomplikationen
Rezidivierende Ketoazidosen → Bei schlechter Compliance
Kognitive Einschränkungen → Nach schwerem Hirnödem
C) BZ 650 mg/dl, pH 7,38, Osmolalität 340 mosm/kg, keine Ketone
D) BZ 55 mg/dl, pH 7,35, Laktat 8 mmol/l
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B DKA ist definiert durch Hyperglykämie (>250 mg/dl), Azidose (pH <7,3, HCO3 <18 mmol/l) und erhöhte Ketonkörper. Option C beschreibt ein HHS, Option D eine Laktatazidose mit Hypoglykämie.
Frage 2 (Diagnostik): Welcher klinische Befund ist pathognomonisch für eine diabetische Ketoazidose?
A) Ödeme der unteren Extremitäten
B) Kussmaul-Atmung mit Azetongeruch
C) Ikterus
D) Uhrglasnägel
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die Kussmaul-Atmung (tiefe, regelmäßige Atmung) ist eine respiratorische Kompensation der metabolischen Azidose. Der Azetongeruch (fruchtiger Obstgeruch) entsteht durch die Ketonkörper.
Frage 3 (Therapie): Was ist die korrekte Therapiereihenfolge bei diabetischer Ketoazidose?
A) Insulin → Volumen → Kalium
B) Bikarbonat → Insulin → Volumen
C) Volumen → Kalium → Insulin
D) Kalium → Bikarbonat → Volumen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Die Reihenfolge ist entscheidend: Erst Volumenersatz (1000 ml NaCl 0,9% in der 1. Stunde), dann Kaliumsubstitution (wenn K+ <5,3 mmol/l), erst danach Insulintherapie. Bei K+ <3,3 mmol/l muss vor Insulingabe erst Kalium substituiert werden!
Frage 4 (Therapie): Wann sollte bei DKA die Insulininfusion nicht gestartet werden?
A) Bei einem BZ von 500 mg/dl
B) Bei einem Kalium von 3,0 mmol/l
C) Bei einem pH von 7,1
D) Bei Vorliegen einer Ketonurie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Bei Kalium <3,3 mmol/l darf Insulin NICHT gegeben werden, da Insulin Kalium in die Zellen verschiebt und eine lebensbedrohliche Hypokaliämie auslösen kann. Erst Kaliumsubstitution, dann Insulin!
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Ein Patient mit DKA entwickelt unter Therapie plötzlich Kopfschmerzen und Erbrechen, der GCS fällt von 15 auf 10. Was ist die wahrscheinlichste Komplikation?
A) Hypoglykämie
B) Hirnödem
C) Lungenembolie
D) Hyperkaliämie
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Hirnödem ist die gefürchtetste Komplikation der DKA-Therapie, besonders bei zu schneller BZ-Senkung. Warnzeichen: Kopfschmerzen, Erbrechen, Bewusstseinsverschlechterung. Sofortmaßnahme: Mannitol i.v.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Welche BZ-Senkungsrate sollte bei der DKA-Therapie angestrebt werden?
A) So schnell wie möglich (>150 mg/dl/h)
B) 50-75 mg/dl pro Stunde
C) 10-20 mg/dl pro Stunde
D) Der BZ sollte innerhalb von 30 Minuten normalisiert werden
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die BZ-Senkung sollte 50-75 mg/dl pro Stunde nicht überschreiten. Eine zu schnelle Senkung erhöht das Risiko für ein Hirnödem erheblich, besonders bei Kindern.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Wodurch unterscheidet sich das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) am deutlichsten von der DKA?
A) Höherer Blutzucker und fehlende Ketoazidose
B) Niedrigerer Blutzucker und stärkere Azidose
C) Vorwiegend bei Typ-1-Diabetes
D) Immer mit Kussmaul-Atmung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: A HHS: BZ meist >600 mg/dl, Osmolalität >320 mosm/kg, pH >7,3, keine oder nur geringe Ketose. Es tritt v.a. bei Typ-2-Diabetes auf. Bei HHS ist noch genug Insulin vorhanden, um die Lipolyse zu hemmen, aber nicht genug für die Glucoseaufnahme.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Ein 60-jähriger Alkoholiker wird mit Azidose (pH 7,22), normalem BZ (95 mg/dl) und erhöhten Ketonkörpern eingeliefert. Welche Diagnose ist am wahrscheinlichsten?
A) Diabetische Ketoazidose
B) Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom
C) Alkoholische Ketoazidose
D) Laktatazidose durch Metformin
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Die alkoholische Ketoazidose zeigt Ketonämie und Azidose bei normalem oder niedrigem BZ. Sie entsteht durch Hungerzustand und Alkoholkonsum. DKA hätte einen erhöhten BZ, HHS keine Ketose.
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Diabetische Ketoazidose (DKA)
"Eine gefährliche Übersäuerung des Blutes durch zu wenig Insulin"
Hyperosmolares Syndrom (HHS)
"Ein stark überhöhter Blutzucker mit Austrocknung"
Kussmaul-Atmung
"Eine besonders tiefe Atmung, mit der der Körper die Übersäuerung auszugleichen versucht"
Ketonkörper
"Abbauprodukte von Fett, die bei Insulinmangel vermehrt entstehen und das Blut sauer machen"
Polyurie / Polydipsie
"Vermehrtes Wasserlassen und gesteigerter Durst durch den hohen Blutzucker"
Serumosmolalität
"Ein Maß für die Konzentration gelöster Teilchen im Blut"
Zusammenfassung
Das diabetische Koma ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der sofortige intensivmedizinische Therapie erfordert. Die Säulen der Behandlung sind Volumenersatz, Kaliumsubstitution und Insulintherapie – in dieser Reihenfolge. Wichtigste Komplikation ist das Hirnödem bei zu schneller BZ-Senkung.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
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