✅ Erste Maßnahme: Ruhige Lagerung, RR-Senkung max. 25% in 1–2 Stunden
✅ Wichtigste Kontraindikation: Zu schnelle RR-Senkung → zerebrale Minderperfusion
✅ Prognose: Bei rascher Therapie gut; unbehandelt hohe Mortalität durch Organschäden
1 · Leitfall
Notaufnahme J., mStarke Kopfschmerzen, Schwindel
"Herr Doktor, mir ist so schwindelig und ich habe so starke Kopfschmerzen – das kam ganz plötzlich vor einer Stunde. Meine Frau sagt, ich bin ganz rot im Gesicht."
2 · Krankheitsbild
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 4 Min
Definition
Die hypertensive Krise bezeichnet einen kritischen Blutdruckanstieg auf Werte >180/110 mmHg. Man unterscheidet die hypertensive Entgleisung (ohne Organschäden, „urgency") vom hypertensiven Notfall (mit akuten Organschäden, „emergency"). Der hypertensive Notfall ist lebensbedrohlich und erfordert sofortige Intervention.
Pathophysiologie
Akuter Blutdruckanstieg → Überschreitung der zerebralen Autoregulation → Gefäßwandschädigung → Endotheliale Dysfunktion → Fibrinoide Nekrose der Arteriolen → Aktivierung des RAAS und Natriumretention → Circulus vitiosus mit weiterer RR-Steigerung. Bei unbehandelter Krise drohen Hirnödem, linksventrikuläres Versagen und Nierenversagen.
Epidemiologie
Inzidenz
1–2% aller Hypertoniker erleben eine hypertensive Krise
Typisches Alter
40–70 Jahre (Altersgipfel)
Geschlecht
m = w (leicht häufiger bei Männern)
Risikofaktoren
Nicht modifizierbar:
Höheres Lebensalter
Genetische Prädisposition
Nierenerkrankungen
Modifizierbar:
Non-Compliance bei Antihypertensiva (häufigste Ursache!)
Drogen (Kokain, Amphetamine)
Hohe Salzaufnahme
MAO-Hemmer + tyraminreiche Nahrung
3 · Anamnese
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 6 Min
Gezielte Fragen
Bereich
Frage
Warum wichtig
Aktuell
Seit wann haben Sie die Beschwerden? Wie haben die Kopfschmerzen begonnen?
Akuität einschätzen, DD Schlaganfall
Symptome
Haben Sie Sehstörungen, Übelkeit oder Brustschmerzen?
Endorganschäden erkennen (Notfall vs. Entgleisung)
Vorerkrankungen
Ist bei Ihnen Bluthochdruck bekannt? Herz- oder Nierenerkrankungen?
Risikostratifizierung, Zielorgane
Medikamente
Welche Medikamente nehmen Sie? Haben Sie diese regelmäßig eingenommen?
Non-Compliance ist häufigste Ursache!
Risiko
Nehmen Sie Drogen wie Kokain? Essen Sie viel salzhaltige Speisen?
Auslöser identifizieren
Beispieldialog
Arzt:
Guten Tag, ich bin . Was führt Sie zu uns?
Patient:
Ich habe seit einer Stunde furchtbare Kopfschmerzen und mir ist total schwindelig. Das kam ganz plötzlich.
Arzt:
Haben Sie auch Sehstörungen oder Brustschmerzen bemerkt?
Patient:
Ja, ich sehe manchmal so kleine Punkte und habe einen Druck auf der Brust.
Arzt:
Ist bei Ihnen Bluthochdruck bekannt? Nehmen Sie dagegen Medikamente?
Patient:
Ja, ich habe Bluthochdruck. Aber ich muss zugeben, dass ich meine Tabletten seit einer Woche nicht mehr genommen habe.
Anamnese:
Der -jährige Patient habe sich mit akut aufgetretenen Kopfschmerzen und Schwindel in der Notaufnahme vorgestellt. Die Beschwerden seien vor etwa einer Stunde plötzlich aufgetreten. Der Patient berichte zusätzlich über Sehstörungen und ein Druckgefühl auf der Brust. Eine arterielle Hypertonie sei bekannt, jedoch habe der Patient die antihypertensive Medikation seit einer Woche nicht mehr eingenommen.
Befund:
Bei Aufnahme habe der Blutdruck 220/130 mmHg betragen. Der Patient sei wach und orientiert, aber unruhig gewesen. Die Fundoskopie habe Papillenrandunschärfe und einzelne Blutungen gezeigt. Im EKG hätten sich Zeichen der linksventrikulären Hypertrophie gezeigt. Das Kreatinin sei mit 1,8 mg/dl leicht erhöht gewesen, das Troponin sei im Normbereich gewesen.
Diagnose:
Hypertensiver Notfall mit hypertensiver Retinopathie bei bekannter arterieller Hypertonie und Non-Compliance
Therapie:
Es sei eine kontrollierte Blutdrucksenkung mit Urapidil i.v. erfolgt. Innerhalb der ersten Stunde sei der Blutdruck um ca. 20% auf 175/105 mmHg gesenkt worden. Im Verlauf sei eine Umstellung auf orale Antihypertensiva erfolgt. Der Patient sei ausführlich über die Wichtigkeit der regelmäßigen Medikamenteneinnahme aufgeklärt worden.
Procedere:
Empfohlen werde eine ambulante kardiologische und nephrologische Mitbeurteilung. Eine engmaschige Blutdruckkontrolle solle erfolgen.
7 · Übergabe (SBAR)
Prüfungsrelevanz: Hoch⏱ 3 Min
S – Situation:
Ich übergebe Ihnen Herrn , Jahre, mit hypertensivem Notfall. Er liegt auf der Überwachungsstation, Zimmer 3.
B – Background:
Bekannte arterielle Hypertonie. Patient hat Antihypertensiva seit einer Woche nicht eingenommen. Aufnahme mit RR 220/130 mmHg, Kopfschmerzen, Schwindel und Sehstörungen. Fundoskopie zeigte hypertensive Retinopathie.
A – Assessment:
Hypertensiver Notfall mit Endorganschaden (Retinopathie, leichte Niereninsuffizienz). Kreislauf aktuell stabil. RR aktuell 160/95 mmHg unter Urapidil-Perfusor.
R – Recommendation:
Bitte RR-Kontrolle alle 30 Minuten. Urapidil-Perfusor nach RR titrieren. Bei RR-Anstieg >180 mmHg oder neurologischer Verschlechterung bitte Rücksprache. Geplant ist morgen Umstellung auf orale Therapie.
RR-Senkung max. 25% in der 1. Stunde – zu schnell ist gefährlich!
Urapidil i.v. ist Mittel der Wahl beim hypertensiven Notfall
Frage 1 (Diagnostik): Ab welchen Blutdruckwerten spricht man von einer hypertensiven Krise?
A) >140/90 mmHg
B) >160/100 mmHg
C) >180/110 mmHg
D) >200/120 mmHg
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Eine hypertensive Krise ist definiert als Blutdruck >180/110 mmHg. Die Differenzierung in Entgleisung vs. Notfall erfolgt durch das Vorhandensein von Endorganschäden.
Frage 2 (Diagnostik): Welche Untersuchung ist bei hypertensiver Krise NICHT routinemäßig indiziert?
A) EKG
B) Fundoskopie
C) Koronarangiographie
D) Kreatinin-Bestimmung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Die Koronarangiographie ist keine Routinemaßnahme. Sie ist nur bei V.a. ACS indiziert. Zur Basisdiagnostik gehören: RR-Messung bilateral, EKG, Fundoskopie, Labor (Kreatinin, Troponin, Urinstatus).
Frage 3 (Therapie): Welches Medikament ist Mittel der Wahl bei hypertensivem Notfall zur i.v.-Therapie?
A) Metoprolol
B) Urapidil
C) Furosemid
D) Amlodipin
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Urapidil i.v. ist Mittel der Wahl beim hypertensiven Notfall. Es wirkt über α₁-Blockade und zentrale Serotoninrezeptoren. Gut steuerbar und wenig reflektorische Tachykardie.
Frage 4 (Therapie): Um wieviel Prozent sollte der Blutdruck maximal in der ersten Stunde gesenkt werden?
A) 10%
B) 25%
C) 50%
D) Sofortige Normalisierung
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Maximal 25% RR-Senkung in der 1. Stunde! Eine zu schnelle Senkung kann zu zerebraler Minderperfusion führen. Ausnahme: Aortendissektion und Lungenödem – hier schnellere Senkung notwendig.
Frage 5 (Notfall/Red Flags): Welches Symptom unterscheidet den hypertensiven NOTFALL von der ENTGLEISUNG?
A) Kopfschmerzen
B) RR >200 mmHg
C) Akute Endorganschädigung
D) Nasenbluten
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Der hypertensive Notfall ist durch das Vorhandensein akuter Endorganschäden definiert (ZNS, Herz, Niere, Auge) – nicht durch die Höhe des Blutdrucks! Kopfschmerzen und Nasenbluten sind unspezifische Symptome.
Frage 6 (Notfall/Red Flags): Bei welcher Begleiterkrankung ist eine SOFORTIGE RR-Normalisierung (nicht nur 25%-Senkung) indiziert?
A) Hypertensive Retinopathie
B) Aortendissektion
C) Niereninsuffizienz
D) Kopfschmerzen
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Bei Aortendissektion muss der systolische RR sofort auf <120 mmHg gesenkt werden (+ Herzfrequenz <60/min). Medikamente der Wahl: Esmolol + Nitroprussid. Auch beim akuten Lungenödem ist eine schnellere Senkung erforderlich.
Frage 7 (Differentialdiagnosen): Ein 55-jähriger Patient mit RR 210/120 mmHg hat attackenartige Kopfschmerzen, Schwitzen und Tachykardie. Woran denken Sie?
A) Panikattacke
B) Phäochromozytom
C) Nierenarterienstenose
D) Primärer Hyperaldosteronismus
✅ Antwort anzeigen
Richtig: B Die klassische Trias Kopfschmerzen + Schwitzen + Tachykardie bei attackenartigen Blutdruckspitzen ist typisch für das Phäochromozytom. Diagnostik: Katecholamine/Metanephrine im 24h-Urin oder Plasma.
Frage 8 (Differentialdiagnosen): Was ist die häufigste Ursache einer hypertensiven Krise?
A) Phäochromozytom
B) Nierenarterienstenose
C) Non-Compliance bei Antihypertensiva
D) Kokainabusus
✅ Antwort anzeigen
Richtig: C Die häufigste Ursache ist das Absetzen oder unregelmäßige Einnehmen der antihypertensiven Medikation. Deshalb ist die Medikamentenanamnese essenziell!
12 · Fachbegriffe
Prüfungsrelevanz: Mittel⏱ 3 Min
Fachbegriff
Erklärung für Patienten
Hypertensive Krise
"Ein gefährlich hoher Blutdruck, der über 180/110 mmHg liegt."
Hypertensive Entgleisung
"Stark erhöhter Blutdruck, aber noch ohne Schäden an den Organen."
Hypertensiver Notfall
"Stark erhöhter Blutdruck mit Schäden an Organen wie Gehirn, Herz oder Nieren."
Fundoskopie
"Eine Untersuchung der Netzhaut im Auge, um Bluthochdruckschäden zu erkennen."
Linksventrikuläre Hypertrophie
"Eine Verdickung der linken Herzmuskelwand durch chronischen Bluthochdruck."
Endorganschaden
"Schäden an wichtigen Organen durch zu hohen Blutdruck."
Compliance
"Wie gut ein Patient seine Medikamente regelmäßig einnimmt."
Zusammenfassung
Die hypertensive Krise ist ein akuter Blutdruckanstieg >180/110 mmHg. Die Unterscheidung in Entgleisung (ohne Organschäden) und Notfall (mit Organschäden) ist essenziell für das Management. Die Blutdrucksenkung muss kontrolliert erfolgen – max. 25% in der ersten Stunde – um zerebrale Minderperfusion zu vermeiden. Urapidil i.v. ist Mittel der Wahl beim Notfall. Die häufigste Ursache ist Non-Compliance.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
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