★★ Wichtig Rheumatologie 20 Min.

Gicht (Arthritis urica)

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Hyperurikämie (Harnsäure >6,8 mg/dl) führt zur Ablagerung von Mononatriumurat-Kristallen in Gelenken und Weichteilen.
  • 2. Klassisch: nächtlicher Podagra-Anfall am Metatarsophalangealgelenk I — hochroter, geschwollener, extrem druckschmerzhafter Großzehgrundgelenk.
  • 3. Polarisationsmikroskopie der Gelenkflüssigkeit zeigt negativ doppelbrechende, nadelförmige Uratkristalle.
  • 4. Akuttherapie: Kolchizin oder NSAR (z. B. Indometacin); Dauertherapie mit Allopurinol (Xanthinoxidase-Hemmer).
  • 5. Chronisch: Tophi (Uratkristallablagerungen), Uratnephropathie, Urolithiasis — Zielwert Harnsäure <6 mg/dl.

Fallvignette

Ein 56-jähriger Patient wacht nachts auf mit einem akut geschwollenen, hochroten und extrem druckschmerzhaften rechten Großzehengrundgelenk.

Er berichtet, abends reichlich Bier getrunken zu haben. Das Gelenk ist bei leichtester Berührung unerträglich schmerzhaft. Labor: CRP 85 mg/l, Harnsäure 9,8 mg/dl, Leukozyten 11.500/µl.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Gicht (Arthritis urica)

Auf einen Blick

  1. Hyperurikämie (Harnsäure >6,8 mg/dl) führt zur Ablagerung von Mononatriumurat-Kristallen in Gelenken und Weichteilen.
  2. Klassisch: nächtlicher Podagra-Anfall am Metatarsophalangealgelenk I — hochroter, geschwollener, extrem druckschmerzhafter Großzehgrundgelenk.
  3. Polarisationsmikroskopie der Gelenkflüssigkeit zeigt negativ doppelbrechende, nadelförmige Uratkristalle.
  4. Akuttherapie: Kolchizin oder NSAR (z. B. Indometacin); Dauertherapie mit Allopurinol (Xanthinoxidase-Hemmer).
  5. Chronisch: Tophi (Uratkristallablagerungen), Uratnephropathie, Urolithiasis — Zielwert Harnsäure <6 mg/dl.

Fallvignette

Ein 56-jähriger Patient wacht nachts auf mit einem akut geschwollenen, hochroten und extrem druckschmerzhaften rechten Großzehengrundgelenk.

Er berichtet, abends reichlich Bier getrunken zu haben. Das Gelenk ist bei leichtester Berührung unerträglich schmerzhaft. Labor: CRP 85 mg/l, Harnsäure 9,8 mg/dl, Leukozyten 11.500/µl.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Gicht (Arthritis urica) ist eine durch Hyperurikämie bedingte Kristallarthropathie, bei der Mononatriumurat (MSU)-Kristalle in Gelenken, periartikulären Geweben und inneren Organen abgelagert werden.

  • Primäre Gicht: genetisch bedingte Störung des Harnsäurestoffwechsels (häufiger)
  • Sekundäre Gicht: erworben durch Medikamente (Diuretika, niedrigdosiertes ASS), Niereninsuffizienz, myeloproliferative Erkrankungen

Epidemiologie:

  • Häufigste entzündliche Gelenkerkrankung des Mannes
  • Prävalenz ca. 2-4% in westlichen Ländern
  • Männer : Frauen ca. 9:1 (prämenopausal; postmenopausal ausgeglichen)
  • Altersgipfel: 40.-60. Lebensjahr beim Mann

Ätiologie & Risikofaktoren

Ursachen der Hyperurikämie

Mechanismus Beispiele
Verminderte renale Ausscheidung (90%) Niereninsuffizienz, Thiazide, Schleifendiuretika, niedrigdosiertes ASS, Ciclosporin
Erhöhte Produktion (10%) Purinreiche Ernährung, Alkohol (Bier), myeloproliferative Erkrankungen, Tumorlyse-Syndrom
Gemischt Enzymmangel: HGPRT-Defizit (Lesch-Nyhan-Syndrom)

Risikofaktoren

  • Ernährung: rotes Fleisch, Innereien, Meeresfrüchte, Fructose (Softdrinks), Alkohol (besonders Bier)
  • Metabolisches Syndrom: Adipositas, Hypertriglyzeridämie, Insulinresistenz, Hypertonie
  • Medikamente: Diuretika, Ciclosporin, Pyrazinamid, Ethambutol
  • Genetik: familiäre Hyperurikämie

Pathophysiologie

Harnsäure entsteht als Endprodukt des Purinabbaus (Adenin → Hypoxanthin → Xanthin → Harnsäure durch Xanthinoxidase).

Bei Übersättigung (Harnsäure >6,8 mg/dl = Löslichkeitsgrenze) kristallisieren MSU-Kristalle aus.

Akuter Gichtanfall:

  1. MSU-Kristalle werden von Synoviozyten und Makrophagen phagozytiert
  2. Aktivierung des NLRP3-Inflammasoms
  3. Freisetzung von IL-1β → massive Entzündungsreaktion
  4. Neutrophileneinwanderung → weitere Zytokinfreisetzung (IL-6, TNF-α)
  5. Resultat: akute, hochentzündliche Monarthritis

Chronische Gicht:

  • Persistierende MSU-Ablagerungen → Tophi (Granulome mit Riesenzellen)
  • Knorpel- und Knochendestruktion
  • Uratnephropathie: tubuläre Harnsäureablagerungen → Chronische Niereninsuffizienz

Symptome & Klinik

Akuter Gichtanfall

  • Beginn: plötzlich, meist nachts (Abkühlung der Extremitäten begünstigt Kristallisation)
  • Lokalisation: klassisch MTP I (Podagra, ca. 50%), auch Sprunggelenk, Knie, Handgelenk
  • Charakteristik: monarthritisch, Gelenk hochrot, glänzend, warm, stark geschwollen
  • Berührungsschmerz extrem (Bettdecke nicht toleriert)
  • Dauer: unbehandelt 1-2 Wochen, vollständige Remission
  • Auslöser: Alkohol, purinreiche Mahlzeit, Trauma, chirurgischer Eingriff, Fastenkur

Stadieneinteilung

Stadium Merkmale
I Asymptomatische Hyperurikämie Kein Anfall, Zufallsbefund
II Akuter Gichtanfall Monarthritis, vollständige Remission
III Interkritische Phase Beschwerdefrei zwischen Anfällen
IV Chronische Gicht Polyarthritis, Tophi, Nierenbeteiligung

Tophi

  • Gelblich-weißliche Ablagerungen unter der Haut
  • Prädilektionsstellen: Ohrhelix, Olekranon-Bursa, Achillessehne, Zehengelenke
  • Können ulzerieren und weißliche Kristallmasse entleeren

Diagnostik

Laborwerte

Parameter Befund bei Gicht
Harnsäure im Serum >6,8 mg/dl (Cave: im akuten Anfall oft normal!)
BSG, CRP Stark erhöht im Anfall
Leukozyten Erhöht (Leukozytose)
Kreatinin, GFR Beurteilung der Nierenfunktion
Urinstatus Harnsäurekristalle, Proteinurie (Nierenbeteiligung)

Gelenkpunktion (Goldstandard)

  • Synovialanalyse: trübe, gelbliche Flüssigkeit, Leukozyten >50.000/µl
  • Polarisationsmikroskopie:
  • Nadelförmige Kristalle
  • Negativ doppelbrechend (bei parallelem Polarisator: gelb; bei senkrechtem: blau)
  • Abgrenzung zur Pseudogicht (CPPD): positiv doppelbrechend, rhomboid/rhomboeder

Bildgebung

Methode Befund
Röntgen Lochfrass-artige Knochenläsionen, Erosionen; erst spät sichtbar
Sonographie „Double contour sign“ (hyperechogene Linie über Knorpeloberfläche), Tophusnachweis
Dual-Energy CT (DECT) Goldstandard zur Tophusdarstellung und -quantifizierung
MRT Unklare Fälle, Differenzierung Tophi/Tumor

Differentialdiagnosen

Erkrankung Unterscheidungsmerkmale
Pseudogicht (CPPD) Kalziumpyrophosphatkristalle, positiv doppelbrechend, Knie häufiger betroffen
Septische Arthritis Keimnachweis in Synovialflüssigkeit, Fieber, systemisch krank
Rheumatoide Arthritis Bilateral, Morgensteifigkeit, RF/Anti-CCP positiv
Reaktive Arthritis Infekttrigger (Chlamydien, Salmonellen), asymmetrische Oligoarthritis, HLA-B27
Bursitis olecrani Isolierte Schleimbeutelentzündung am Ellenbogen

Therapie

Akuter Gichtanfall

Ziel: rasche Entzündungshemmung

Medikament Dosis / Besonderheiten
Kolchizin (1. Wahl) 1 mg initial, dann 0,5 mg nach 1h; Cave: GFR<30 kontraindiziert, Myopathie bei Statinkombination
NSAR (alternativ) Indometacin 50 mg 3x/d, Naproxen 500 mg 2x/d; Cave: Niereninsuffizienz, GI-Ulkus
Glukokortikoide Bei Kontraindikationen für Kolchizin/NSAR; Prednisolon 30-40 mg/d p.o. oder intraartikulär
IL-1-Inhibitoren Anakinra, Canakinumab bei therapierefraktären Patienten

Wichtig: Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall beginnen — kann Anfall verlängern durch Kristallmobilisierung!

Harnsäuresenkende Dauertherapie

Indikationen: mehr als 2 Anfälle/Jahr, Tophi, Uratnephropathie, Urolithiasis, chronische Gicht

Zielwert: Harnsäure <6 mg/dl (bei Tophi <5 mg/dl)

Medikament Wirkung Besonderheiten
Allopurinol (1. Wahl) Xanthinoxidase-Hemmer Beginn 100 mg/d, schrittweise steigern auf 300-600 mg; Cave: HLA-B*58:01 (v. a. Asiaten) → Stevens-Johnson-Syndrom
Febuxostat Nichtkompetitiver Xanthinoxidase-Hemmer Alternative bei Allopurinol-Unverträglichkeit; erhöhtes kardiovaskuläres Risiko beachten
Benzbromaron Urikosurikum Nur bei Unterausscheidern, nicht bei Urolithiasis

Allgemeinmaßnahmen

  • Purinreiche Lebensmittel meiden (Innereien, Meeresfrüchte, rotes Fleisch)
  • Alkohol reduzieren (besonders Bier)
  • Fructose-Konsum reduzieren (Softdrinks)
  • Reichlich Flüssigkeit (>2 L/Tag)
  • Körpergewicht normalisieren
  • Auslösende Medikamente umstellen (Thiazide → Losartan, Amlodipin bei Hypertonie)

Komplikationen

Komplikation Beschreibung
Tophi Subkutane Uratkristallablagerungen → Ulzeration, Sekundärinfektion
Uratnephropathie Tubuläre Ablagerungen → chronische Niereninsuffizienz
Urolithiasis Harnsäuresteine (10% aller Nierensteine); röntgennegativ!
Akute Urat-Nephropathie Massiver Harnsäureanstieg (z. B. Tumorlyse-Syndrom) → Akutes Nierenversagen
Chronisch destruktive Arthritis Knorpel- und Knochendestruktion bei unbehandelter Gicht
Kardiovaskuläre Erkrankungen Assoziation mit Hypertonie, KHK, Herzinsuffizienz (eigenständiger Risikofaktor)

Prognose

  • Akuter Anfall: selbstlimitierend (1-2 Wochen), vollständige Remission möglich
  • Mit konsequenter Therapie: Anfälle verhinderbar, Tophi rückläufig, Nierenfunktion erhaltbar
  • Ohne Therapie: Zunahme von Anfallshäufigkeit und -schwere, chronische Arthritis, Nierenschäden
  • Erhöhte kardiovaskuläre Mortalität

Prävention

  • Primär: Lebensstilmodifikation (Ernährung, Gewicht, Alkohol)
  • Sekundär: konsequente Harnsäuresenkung nach erstem Anfall bei Risikopatienten
  • Regelmäßige Harnsäure-Kontrolle bei Patienten unter Diuretikatherapie
  • Bei Zytostatikatherapie: Allopurinol prophylaktisch (Tumorlyse-Prophylaxe)

Klinische Perlen

Perle 1: Harnsäure kann im akuten Anfall NORMAL oder sogar erniedrigt sein — der Serumwert allein schließt eine Gicht nicht aus!

Perle 2: Losartan (AT1-Blocker) und Fenofibrat haben eigene harnsäuresenkende Wirkung — bei Gichtpatienten mit Hypertonie oder Hypertriglyzeridämie bevorzugen.

Perle 3: Allopurinol-Hypersensitivitätssyndrom (Stevens-Johnson, toxisch epidermale Nekrolyse) ist mit HLA-B*58:01 assoziiert — besonders häufig bei Han-Chinesen und Thai; Genotypisierung vor Therapie empfohlen.

Perle 4: Die Gelenkpunktion ist der Goldstandard — auch bei klassischem Podagra sollte einmalig punktiert werden, um septische Arthritis auszuschließen (beide können gleichzeitig vorliegen!).


Prüfungstipps

  • Negativ doppelbrechende Kristalle = Gicht | Positiv doppelbrechende Kristalle = Pseudogicht (CPPD) — kommt garantiert in der KP-Prüfung!
  • Kolchizin hemmt Mikrotubuli-Polymerisation → verhindert Neutrophilenmigration — keine direkte Harnsäuresenkung!
  • Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall starten — verlängert die Entzündung durch Kristallmobilisierung
  • Allopurinol = Xanthinoxidase-Hemmer (senkt Produktion); Benzbromaron = Urikosurikum (steigert renale Ausscheidung)
  • Tophi am Ohr und Olekranon + rezidivierende Monarthritis = fast pathognomonisch für chronische Gicht

Schlüsselbegriffe

Begriff Bedeutung
Podagra Gichtanfall am MTP I (Großzehgrundgelenk)
Hyperurikämie Harnsäure im Serum >6,8 mg/dl
Tophi Subkutane MSU-Kristallablagerungen
NLRP3-Inflammasom Intrazellulärer Sensor → IL-1β-Freisetzung bei Kristallerkennung
Mononatriumurat (MSU) Kristallform der Harnsäure im Gewebe
Xanthinoxidase Enzym des Purinabbaus; Angriffspunkt von Allopurinol/Febuxostat
Urikosurikum Medikament, das die renale Harnsäureausscheidung steigert
Double contour sign Sonographisches Zeichen: hyperechogene Linie über Knorpeloberfläche
Uratnephropathie Chronische Nierenschädigung durch tubuläre Uratkristallablagerungen
CPPD Kalziumpyrophosphat-Dihydrat-Kristalle (Pseudogicht, positiv doppelbrechend)

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Gicht (Arthritis urica) ist eine durch Hyperurikämie bedingte Kristallarthropathie, bei der Mononatriumurat (MSU)-Kristalle in Gelenken, periartikulären Geweben und inneren Organen abgelagert werden.

  • Primäre Gicht: genetisch bedingte Störung des Harnsäurestoffwechsels (häufiger)
  • Sekundäre Gicht: erworben durch Medikamente (Diuretika, niedrigdosiertes ASS), Niereninsuffizienz, myeloproliferative Erkrankungen

Epidemiologie:

  • Häufigste entzündliche Gelenkerkrankung des Mannes
  • Prävalenz ca. 2-4% in westlichen Ländern
  • Männer : Frauen ca. 9:1 (prämenopausal; postmenopausal ausgeglichen)
  • Altersgipfel: 40.-60. Lebensjahr beim Mann

Ätiologie 🔗

Ursachen der Hyperurikämie

Mechanismus Beispiele
Verminderte renale Ausscheidung (90%) Niereninsuffizienz, Thiazide, Schleifendiuretika, niedrigdosiertes ASS, Ciclosporin
Erhöhte Produktion (10%) Purinreiche Ernährung, Alkohol (Bier), myeloproliferative Erkrankungen, Tumorlyse-Syndrom
Gemischt Enzymmangel: HGPRT-Defizit (Lesch-Nyhan-Syndrom)

Risikofaktoren

  • Ernährung: rotes Fleisch, Innereien, Meeresfrüchte, Fructose (Softdrinks), Alkohol (besonders Bier)
  • Metabolisches Syndrom: Adipositas, Hypertriglyzeridämie, Insulinresistenz, Hypertonie
  • Medikamente: Diuretika, Ciclosporin, Pyrazinamid, Ethambutol
  • Genetik: familiäre Hyperurikämie

Pathophysiologie 🔗

Harnsäure entsteht als Endprodukt des Purinabbaus (Adenin → Hypoxanthin → Xanthin → Harnsäure durch Xanthinoxidase).

Bei Übersättigung (Harnsäure >6,8 mg/dl = Löslichkeitsgrenze) kristallisieren MSU-Kristalle aus.

Akuter Gichtanfall:

  1. MSU-Kristalle werden von Synoviozyten und Makrophagen phagozytiert
  2. Aktivierung des NLRP3-Inflammasoms
  3. Freisetzung von IL-1β → massive Entzündungsreaktion
  4. Neutrophileneinwanderung → weitere Zytokinfreisetzung (IL-6, TNF-α)
  5. Resultat: akute, hochentzündliche Monarthritis

Chronische Gicht:

  • Persistierende MSU-Ablagerungen → Tophi (Granulome mit Riesenzellen)
  • Knorpel- und Knochendestruktion
  • Uratnephropathie: tubuläre Harnsäureablagerungen → chronische Niereninsuffizienz

Symptome & Klinik 🔗

Akuter Gichtanfall

  • Beginn: plötzlich, meist nachts (Abkühlung der Extremitäten begünstigt Kristallisation)
  • Lokalisation: klassisch MTP I (Podagra, ca. 50%), auch Sprunggelenk, Knie, Handgelenk
  • Charakteristik: monarthritisch, Gelenk hochrot, glänzend, warm, stark geschwollen
  • Berührungsschmerz extrem (Bettdecke nicht toleriert)
  • Dauer: unbehandelt 1-2 Wochen, vollständige Remission
  • Auslöser: Alkohol, purinreiche Mahlzeit, Trauma, chirurgischer Eingriff, Fastenkur

Stadieneinteilung

Stadium Merkmale
I Asymptomatische Hyperurikämie Kein Anfall, Zufallsbefund
II Akuter Gichtanfall Monarthritis, vollständige Remission
III Interkritische Phase Beschwerdefrei zwischen Anfällen
IV Chronische Gicht Polyarthritis, Tophi, Nierenbeteiligung

Tophi

  • Gelblich-weißliche Ablagerungen unter der Haut
  • Prädilektionsstellen: Ohrhelix, Olekranon-Bursa, Achillessehne, Zehengelenke
  • Können ulzerieren und weißliche Kristallmasse entleeren

Diagnostik 🔗

Laborwerte

Parameter Befund bei Gicht
Harnsäure im Serum >6,8 mg/dl (Cave: im akuten Anfall oft normal!)
BSG, CRP Stark erhöht im Anfall
Leukozyten Erhöht (Leukozytose)
Kreatinin, GFR Beurteilung der Nierenfunktion
Urinstatus Harnsäurekristalle, Proteinurie (Nierenbeteiligung)

Gelenkpunktion (Goldstandard)

  • Synovialanalyse: trübe, gelbliche Flüssigkeit, Leukozyten >50.000/µl
  • Polarisationsmikroskopie:
  • Nadelförmige Kristalle
  • Negativ doppelbrechend (bei parallelem Polarisator: gelb; bei senkrechtem: blau)
  • Abgrenzung zur Pseudogicht (CPPD): positiv doppelbrechend, rhomboid/rhomboeder

Bildgebung

Methode Befund
Röntgen Lochfrass-artige Knochenläsionen, Erosionen; erst spät sichtbar
Sonographie "Double contour sign" (hyperechogene Linie über Knorpeloberfläche), Tophusnachweis
Dual-Energy CT (DECT) Goldstandard zur Tophusdarstellung und -quantifizierung
MRT Unklare Fälle, Differenzierung Tophi/Tumor

Differentialdiagnosen 🔗

Erkrankung Unterscheidungsmerkmale
Pseudogicht (CPPD) Kalziumpyrophosphatkristalle, positiv doppelbrechend, Knie häufiger betroffen
Septische Arthritis Keimnachweis in Synovialflüssigkeit, Fieber, systemisch krank
Rheumatoide Arthritis Bilateral, Morgensteifigkeit, RF/Anti-CCP positiv
Reaktive Arthritis Infekttrigger (Chlamydien, Salmonellen), asymmetrische Oligoarthritis, HLA-B27
Bursitis olecrani Isolierte Schleimbeutelentzündung am Ellenbogen

Therapie 🔗

Akuter Gichtanfall

Ziel: rasche Entzündungshemmung

Medikament Dosis / Besonderheiten
Kolchizin (1. Wahl) 1 mg initial, dann 0,5 mg nach 1h; Cave: GFR<30 kontraindiziert, Myopathie bei Statinkombination
NSAR (alternativ) Indometacin 50 mg 3x/d, Naproxen 500 mg 2x/d; Cave: Niereninsuffizienz, GI-Ulkus
Glukokortikoide Bei Kontraindikationen für Kolchizin/NSAR; Prednisolon 30-40 mg/d p.o. oder intraartikulär
IL-1-Inhibitoren Anakinra, Canakinumab bei therapierefraktären Patienten

Wichtig: Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall beginnen — kann Anfall verlängern durch Kristallmobilisierung!

Harnsäuresenkende Dauertherapie

Indikationen: mehr als 2 Anfälle/Jahr, Tophi, Uratnephropathie, Urolithiasis, chronische Gicht

Zielwert: Harnsäure <6 mg/dl (bei Tophi <5 mg/dl)

Medikament Wirkung Besonderheiten
Allopurinol (1. Wahl) Xanthinoxidase-Hemmer Beginn 100 mg/d, schrittweise steigern auf 300-600 mg; Cave: HLA-B*58:01 (v. a. Asiaten) → Stevens-Johnson-Syndrom
Febuxostat Nichtkompetitiver Xanthinoxidase-Hemmer Alternative bei Allopurinol-Unverträglichkeit; erhöhtes kardiovaskuläres Risiko beachten
Benzbromaron Urikosurikum Nur bei Unterausscheidern, nicht bei Urolithiasis

Allgemeinmaßnahmen

  • Purinreiche Lebensmittel meiden (Innereien, Meeresfrüchte, rotes Fleisch)
  • Alkohol reduzieren (besonders Bier)
  • Fructose-Konsum reduzieren (Softdrinks)
  • Reichlich Flüssigkeit (>2 L/Tag)
  • Körpergewicht normalisieren
  • Auslösende Medikamente umstellen (Thiazide → Losartan, Amlodipin bei Hypertonie)

Komplikationen 🔗

Komplikation Beschreibung
Tophi Subkutane Uratkristallablagerungen → Ulzeration, Sekundärinfektion
Uratnephropathie Tubuläre Ablagerungen → chronische Niereninsuffizienz
Urolithiasis Harnsäuresteine (10% aller Nierensteine); röntgennegativ!
Akute Urat-Nephropathie Massiver Harnsäureanstieg (z. B. Tumorlyse-Syndrom) → akutes Nierenversagen
Chronisch destruktive Arthritis Knorpel- und Knochendestruktion bei unbehandelter Gicht
Kardiovaskuläre Erkrankungen Assoziation mit Hypertonie, KHK, Herzinsuffizienz (eigenständiger Risikofaktor)

Prognose 🔗

  • Akuter Anfall: selbstlimitierend (1-2 Wochen), vollständige Remission möglich
  • Mit konsequenter Therapie: Anfälle verhinderbar, Tophi rückläufig, Nierenfunktion erhaltbar
  • Ohne Therapie: Zunahme von Anfallshäufigkeit und -schwere, chronische Arthritis, Nierenschäden
  • Erhöhte kardiovaskuläre Mortalität

Prävention 🔗

  • Primär: Lebensstilmodifikation (Ernährung, Gewicht, Alkohol)
  • Sekundär: konsequente Harnsäuresenkung nach erstem Anfall bei Risikopatienten
  • Regelmäßige Harnsäure-Kontrolle bei Patienten unter Diuretikatherapie
  • Bei Zytostatikatherapie: Allopurinol prophylaktisch (Tumorlyse-Prophylaxe)

Prüfungstipps

  • - Negativ doppelbrechende Kristalle = Gicht | Positiv doppelbrechende Kristalle = Pseudogicht (CPPD) — kommt garantiert in der KP-Prüfung!
  • - Kolchizin hemmt Mikrotubuli-Polymerisation → verhindert Neutrophilenmigration — keine direkte Harnsäuresenkung!
  • - Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall starten — verlängert die Entzündung durch Kristallmobilisierung
  • - Allopurinol = Xanthinoxidase-Hemmer (senkt Produktion); Benzbromaron = Urikosurikum (steigert renale Ausscheidung)
  • - Tophi am Ohr und Olekranon + rezidivierende Monarthritis = fast pathognomonisch für chronische Gicht

Schlüsselbegriffe

BegriffPodagraHyperurikämieTophiNLRP3-InflammasomMononatriumurat (MSU)XanthinoxidaseUrikosurikumDouble contour signUratnephropathieCPPD