Gicht (Arthritis urica)
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Hyperurikämie (Harnsäure >6,8 mg/dl) führt zur Ablagerung von Mononatriumurat-Kristallen in Gelenken und Weichteilen.
- 2. Klassisch: nächtlicher Podagra-Anfall am Metatarsophalangealgelenk I — hochroter, geschwollener, extrem druckschmerzhafter Großzehgrundgelenk.
- 3. Polarisationsmikroskopie der Gelenkflüssigkeit zeigt negativ doppelbrechende, nadelförmige Uratkristalle.
- 4. Akuttherapie: Kolchizin oder NSAR (z. B. Indometacin); Dauertherapie mit Allopurinol (Xanthinoxidase-Hemmer).
- 5. Chronisch: Tophi (Uratkristallablagerungen), Uratnephropathie, Urolithiasis — Zielwert Harnsäure <6 mg/dl.
Fallvignette
Ein 56-jähriger Patient wacht nachts auf mit einem akut geschwollenen, hochroten und extrem druckschmerzhaften rechten Großzehengrundgelenk.
Er berichtet, abends reichlich Bier getrunken zu haben. Das Gelenk ist bei leichtester Berührung unerträglich schmerzhaft. Labor: CRP 85 mg/l, Harnsäure 9,8 mg/dl, Leukozyten 11.500/µl.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Gicht (Arthritis urica)
Auf einen Blick
- Hyperurikämie (Harnsäure >6,8 mg/dl) führt zur Ablagerung von Mononatriumurat-Kristallen in Gelenken und Weichteilen.
- Klassisch: nächtlicher Podagra-Anfall am Metatarsophalangealgelenk I — hochroter, geschwollener, extrem druckschmerzhafter Großzehgrundgelenk.
- Polarisationsmikroskopie der Gelenkflüssigkeit zeigt negativ doppelbrechende, nadelförmige Uratkristalle.
- Akuttherapie: Kolchizin oder NSAR (z. B. Indometacin); Dauertherapie mit Allopurinol (Xanthinoxidase-Hemmer).
- Chronisch: Tophi (Uratkristallablagerungen), Uratnephropathie, Urolithiasis — Zielwert Harnsäure <6 mg/dl.
Fallvignette
Ein 56-jähriger Patient wacht nachts auf mit einem akut geschwollenen, hochroten und extrem druckschmerzhaften rechten Großzehengrundgelenk.
Er berichtet, abends reichlich Bier getrunken zu haben. Das Gelenk ist bei leichtester Berührung unerträglich schmerzhaft. Labor: CRP 85 mg/l, Harnsäure 9,8 mg/dl, Leukozyten 11.500/µl.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Gicht (Arthritis urica) ist eine durch Hyperurikämie bedingte Kristallarthropathie, bei der Mononatriumurat (MSU)-Kristalle in Gelenken, periartikulären Geweben und inneren Organen abgelagert werden.
- Primäre Gicht: genetisch bedingte Störung des Harnsäurestoffwechsels (häufiger)
- Sekundäre Gicht: erworben durch Medikamente (Diuretika, niedrigdosiertes ASS), Niereninsuffizienz, myeloproliferative Erkrankungen
Epidemiologie:
- Häufigste entzündliche Gelenkerkrankung des Mannes
- Prävalenz ca. 2-4% in westlichen Ländern
- Männer : Frauen ca. 9:1 (prämenopausal; postmenopausal ausgeglichen)
- Altersgipfel: 40.-60. Lebensjahr beim Mann
Ätiologie & Risikofaktoren
Ursachen der Hyperurikämie
| Mechanismus | Beispiele |
|---|---|
| Verminderte renale Ausscheidung (90%) | Niereninsuffizienz, Thiazide, Schleifendiuretika, niedrigdosiertes ASS, Ciclosporin |
| Erhöhte Produktion (10%) | Purinreiche Ernährung, Alkohol (Bier), myeloproliferative Erkrankungen, Tumorlyse-Syndrom |
| Gemischt | Enzymmangel: HGPRT-Defizit (Lesch-Nyhan-Syndrom) |
Risikofaktoren
- Ernährung: rotes Fleisch, Innereien, Meeresfrüchte, Fructose (Softdrinks), Alkohol (besonders Bier)
- Metabolisches Syndrom: Adipositas, Hypertriglyzeridämie, Insulinresistenz, Hypertonie
- Medikamente: Diuretika, Ciclosporin, Pyrazinamid, Ethambutol
- Genetik: familiäre Hyperurikämie
Pathophysiologie
Harnsäure entsteht als Endprodukt des Purinabbaus (Adenin → Hypoxanthin → Xanthin → Harnsäure durch Xanthinoxidase).
Bei Übersättigung (Harnsäure >6,8 mg/dl = Löslichkeitsgrenze) kristallisieren MSU-Kristalle aus.
Akuter Gichtanfall:
- MSU-Kristalle werden von Synoviozyten und Makrophagen phagozytiert
- Aktivierung des NLRP3-Inflammasoms
- Freisetzung von IL-1β → massive Entzündungsreaktion
- Neutrophileneinwanderung → weitere Zytokinfreisetzung (IL-6, TNF-α)
- Resultat: akute, hochentzündliche Monarthritis
Chronische Gicht:
- Persistierende MSU-Ablagerungen → Tophi (Granulome mit Riesenzellen)
- Knorpel- und Knochendestruktion
- Uratnephropathie: tubuläre Harnsäureablagerungen → Chronische Niereninsuffizienz
Symptome & Klinik
Akuter Gichtanfall
- Beginn: plötzlich, meist nachts (Abkühlung der Extremitäten begünstigt Kristallisation)
- Lokalisation: klassisch MTP I (Podagra, ca. 50%), auch Sprunggelenk, Knie, Handgelenk
- Charakteristik: monarthritisch, Gelenk hochrot, glänzend, warm, stark geschwollen
- Berührungsschmerz extrem (Bettdecke nicht toleriert)
- Dauer: unbehandelt 1-2 Wochen, vollständige Remission
- Auslöser: Alkohol, purinreiche Mahlzeit, Trauma, chirurgischer Eingriff, Fastenkur
Stadieneinteilung
| Stadium | Merkmale |
|---|---|
| I Asymptomatische Hyperurikämie | Kein Anfall, Zufallsbefund |
| II Akuter Gichtanfall | Monarthritis, vollständige Remission |
| III Interkritische Phase | Beschwerdefrei zwischen Anfällen |
| IV Chronische Gicht | Polyarthritis, Tophi, Nierenbeteiligung |
Tophi
- Gelblich-weißliche Ablagerungen unter der Haut
- Prädilektionsstellen: Ohrhelix, Olekranon-Bursa, Achillessehne, Zehengelenke
- Können ulzerieren und weißliche Kristallmasse entleeren
Diagnostik
Laborwerte
| Parameter | Befund bei Gicht |
|---|---|
| Harnsäure im Serum | >6,8 mg/dl (Cave: im akuten Anfall oft normal!) |
| BSG, CRP | Stark erhöht im Anfall |
| Leukozyten | Erhöht (Leukozytose) |
| Kreatinin, GFR | Beurteilung der Nierenfunktion |
| Urinstatus | Harnsäurekristalle, Proteinurie (Nierenbeteiligung) |
Gelenkpunktion (Goldstandard)
- Synovialanalyse: trübe, gelbliche Flüssigkeit, Leukozyten >50.000/µl
- Polarisationsmikroskopie:
- Nadelförmige Kristalle
- Negativ doppelbrechend (bei parallelem Polarisator: gelb; bei senkrechtem: blau)
- Abgrenzung zur Pseudogicht (CPPD): positiv doppelbrechend, rhomboid/rhomboeder
Bildgebung
| Methode | Befund |
|---|---|
| Röntgen | Lochfrass-artige Knochenläsionen, Erosionen; erst spät sichtbar |
| Sonographie | „Double contour sign“ (hyperechogene Linie über Knorpeloberfläche), Tophusnachweis |
| Dual-Energy CT (DECT) | Goldstandard zur Tophusdarstellung und -quantifizierung |
| MRT | Unklare Fälle, Differenzierung Tophi/Tumor |
Differentialdiagnosen
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmale |
|---|---|
| Pseudogicht (CPPD) | Kalziumpyrophosphatkristalle, positiv doppelbrechend, Knie häufiger betroffen |
| Septische Arthritis | Keimnachweis in Synovialflüssigkeit, Fieber, systemisch krank |
| Rheumatoide Arthritis | Bilateral, Morgensteifigkeit, RF/Anti-CCP positiv |
| Reaktive Arthritis | Infekttrigger (Chlamydien, Salmonellen), asymmetrische Oligoarthritis, HLA-B27 |
| Bursitis olecrani | Isolierte Schleimbeutelentzündung am Ellenbogen |
Therapie
Akuter Gichtanfall
Ziel: rasche Entzündungshemmung
| Medikament | Dosis / Besonderheiten |
|---|---|
| Kolchizin (1. Wahl) | 1 mg initial, dann 0,5 mg nach 1h; Cave: GFR<30 kontraindiziert, Myopathie bei Statinkombination |
| NSAR (alternativ) | Indometacin 50 mg 3x/d, Naproxen 500 mg 2x/d; Cave: Niereninsuffizienz, GI-Ulkus |
| Glukokortikoide | Bei Kontraindikationen für Kolchizin/NSAR; Prednisolon 30-40 mg/d p.o. oder intraartikulär |
| IL-1-Inhibitoren | Anakinra, Canakinumab bei therapierefraktären Patienten |
Wichtig: Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall beginnen — kann Anfall verlängern durch Kristallmobilisierung!
Harnsäuresenkende Dauertherapie
Indikationen: mehr als 2 Anfälle/Jahr, Tophi, Uratnephropathie, Urolithiasis, chronische Gicht
Zielwert: Harnsäure <6 mg/dl (bei Tophi <5 mg/dl)
| Medikament | Wirkung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Allopurinol (1. Wahl) | Xanthinoxidase-Hemmer | Beginn 100 mg/d, schrittweise steigern auf 300-600 mg; Cave: HLA-B*58:01 (v. a. Asiaten) → Stevens-Johnson-Syndrom |
| Febuxostat | Nichtkompetitiver Xanthinoxidase-Hemmer | Alternative bei Allopurinol-Unverträglichkeit; erhöhtes kardiovaskuläres Risiko beachten |
| Benzbromaron | Urikosurikum | Nur bei Unterausscheidern, nicht bei Urolithiasis |
Allgemeinmaßnahmen
- Purinreiche Lebensmittel meiden (Innereien, Meeresfrüchte, rotes Fleisch)
- Alkohol reduzieren (besonders Bier)
- Fructose-Konsum reduzieren (Softdrinks)
- Reichlich Flüssigkeit (>2 L/Tag)
- Körpergewicht normalisieren
- Auslösende Medikamente umstellen (Thiazide → Losartan, Amlodipin bei Hypertonie)
Komplikationen
| Komplikation | Beschreibung |
|---|---|
| Tophi | Subkutane Uratkristallablagerungen → Ulzeration, Sekundärinfektion |
| Uratnephropathie | Tubuläre Ablagerungen → chronische Niereninsuffizienz |
| Urolithiasis | Harnsäuresteine (10% aller Nierensteine); röntgennegativ! |
| Akute Urat-Nephropathie | Massiver Harnsäureanstieg (z. B. Tumorlyse-Syndrom) → Akutes Nierenversagen |
| Chronisch destruktive Arthritis | Knorpel- und Knochendestruktion bei unbehandelter Gicht |
| Kardiovaskuläre Erkrankungen | Assoziation mit Hypertonie, KHK, Herzinsuffizienz (eigenständiger Risikofaktor) |
Prognose
- Akuter Anfall: selbstlimitierend (1-2 Wochen), vollständige Remission möglich
- Mit konsequenter Therapie: Anfälle verhinderbar, Tophi rückläufig, Nierenfunktion erhaltbar
- Ohne Therapie: Zunahme von Anfallshäufigkeit und -schwere, chronische Arthritis, Nierenschäden
- Erhöhte kardiovaskuläre Mortalität
Prävention
- Primär: Lebensstilmodifikation (Ernährung, Gewicht, Alkohol)
- Sekundär: konsequente Harnsäuresenkung nach erstem Anfall bei Risikopatienten
- Regelmäßige Harnsäure-Kontrolle bei Patienten unter Diuretikatherapie
- Bei Zytostatikatherapie: Allopurinol prophylaktisch (Tumorlyse-Prophylaxe)
Klinische Perlen
Perle 1: Harnsäure kann im akuten Anfall NORMAL oder sogar erniedrigt sein — der Serumwert allein schließt eine Gicht nicht aus!
Perle 2: Losartan (AT1-Blocker) und Fenofibrat haben eigene harnsäuresenkende Wirkung — bei Gichtpatienten mit Hypertonie oder Hypertriglyzeridämie bevorzugen.
Perle 3: Allopurinol-Hypersensitivitätssyndrom (Stevens-Johnson, toxisch epidermale Nekrolyse) ist mit HLA-B*58:01 assoziiert — besonders häufig bei Han-Chinesen und Thai; Genotypisierung vor Therapie empfohlen.
Perle 4: Die Gelenkpunktion ist der Goldstandard — auch bei klassischem Podagra sollte einmalig punktiert werden, um septische Arthritis auszuschließen (beide können gleichzeitig vorliegen!).
Prüfungstipps
- Negativ doppelbrechende Kristalle = Gicht | Positiv doppelbrechende Kristalle = Pseudogicht (CPPD) — kommt garantiert in der KP-Prüfung!
- Kolchizin hemmt Mikrotubuli-Polymerisation → verhindert Neutrophilenmigration — keine direkte Harnsäuresenkung!
- Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall starten — verlängert die Entzündung durch Kristallmobilisierung
- Allopurinol = Xanthinoxidase-Hemmer (senkt Produktion); Benzbromaron = Urikosurikum (steigert renale Ausscheidung)
- Tophi am Ohr und Olekranon + rezidivierende Monarthritis = fast pathognomonisch für chronische Gicht
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Podagra | Gichtanfall am MTP I (Großzehgrundgelenk) |
| Hyperurikämie | Harnsäure im Serum >6,8 mg/dl |
| Tophi | Subkutane MSU-Kristallablagerungen |
| NLRP3-Inflammasom | Intrazellulärer Sensor → IL-1β-Freisetzung bei Kristallerkennung |
| Mononatriumurat (MSU) | Kristallform der Harnsäure im Gewebe |
| Xanthinoxidase | Enzym des Purinabbaus; Angriffspunkt von Allopurinol/Febuxostat |
| Urikosurikum | Medikament, das die renale Harnsäureausscheidung steigert |
| Double contour sign | Sonographisches Zeichen: hyperechogene Linie über Knorpeloberfläche |
| Uratnephropathie | Chronische Nierenschädigung durch tubuläre Uratkristallablagerungen |
| CPPD | Kalziumpyrophosphat-Dihydrat-Kristalle (Pseudogicht, positiv doppelbrechend) |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Gicht (Arthritis urica) ist eine durch Hyperurikämie bedingte Kristallarthropathie, bei der Mononatriumurat (MSU)-Kristalle in Gelenken, periartikulären Geweben und inneren Organen abgelagert werden.
- Primäre Gicht: genetisch bedingte Störung des Harnsäurestoffwechsels (häufiger)
- Sekundäre Gicht: erworben durch Medikamente (Diuretika, niedrigdosiertes ASS), Niereninsuffizienz, myeloproliferative Erkrankungen
Epidemiologie:
- Häufigste entzündliche Gelenkerkrankung des Mannes
- Prävalenz ca. 2-4% in westlichen Ländern
- Männer : Frauen ca. 9:1 (prämenopausal; postmenopausal ausgeglichen)
- Altersgipfel: 40.-60. Lebensjahr beim Mann
Ätiologie 🔗
Ursachen der Hyperurikämie
| Mechanismus | Beispiele |
|---|---|
| Verminderte renale Ausscheidung (90%) | Niereninsuffizienz, Thiazide, Schleifendiuretika, niedrigdosiertes ASS, Ciclosporin |
| Erhöhte Produktion (10%) | Purinreiche Ernährung, Alkohol (Bier), myeloproliferative Erkrankungen, Tumorlyse-Syndrom |
| Gemischt | Enzymmangel: HGPRT-Defizit (Lesch-Nyhan-Syndrom) |
Risikofaktoren
- Ernährung: rotes Fleisch, Innereien, Meeresfrüchte, Fructose (Softdrinks), Alkohol (besonders Bier)
- Metabolisches Syndrom: Adipositas, Hypertriglyzeridämie, Insulinresistenz, Hypertonie
- Medikamente: Diuretika, Ciclosporin, Pyrazinamid, Ethambutol
- Genetik: familiäre Hyperurikämie
Pathophysiologie 🔗
Harnsäure entsteht als Endprodukt des Purinabbaus (Adenin → Hypoxanthin → Xanthin → Harnsäure durch Xanthinoxidase).
Bei Übersättigung (Harnsäure >6,8 mg/dl = Löslichkeitsgrenze) kristallisieren MSU-Kristalle aus.
Akuter Gichtanfall:
- MSU-Kristalle werden von Synoviozyten und Makrophagen phagozytiert
- Aktivierung des NLRP3-Inflammasoms
- Freisetzung von IL-1β → massive Entzündungsreaktion
- Neutrophileneinwanderung → weitere Zytokinfreisetzung (IL-6, TNF-α)
- Resultat: akute, hochentzündliche Monarthritis
Chronische Gicht:
- Persistierende MSU-Ablagerungen → Tophi (Granulome mit Riesenzellen)
- Knorpel- und Knochendestruktion
- Uratnephropathie: tubuläre Harnsäureablagerungen → chronische Niereninsuffizienz
Symptome & Klinik 🔗
Akuter Gichtanfall
- Beginn: plötzlich, meist nachts (Abkühlung der Extremitäten begünstigt Kristallisation)
- Lokalisation: klassisch MTP I (Podagra, ca. 50%), auch Sprunggelenk, Knie, Handgelenk
- Charakteristik: monarthritisch, Gelenk hochrot, glänzend, warm, stark geschwollen
- Berührungsschmerz extrem (Bettdecke nicht toleriert)
- Dauer: unbehandelt 1-2 Wochen, vollständige Remission
- Auslöser: Alkohol, purinreiche Mahlzeit, Trauma, chirurgischer Eingriff, Fastenkur
Stadieneinteilung
| Stadium | Merkmale |
|---|---|
| I Asymptomatische Hyperurikämie | Kein Anfall, Zufallsbefund |
| II Akuter Gichtanfall | Monarthritis, vollständige Remission |
| III Interkritische Phase | Beschwerdefrei zwischen Anfällen |
| IV Chronische Gicht | Polyarthritis, Tophi, Nierenbeteiligung |
Tophi
- Gelblich-weißliche Ablagerungen unter der Haut
- Prädilektionsstellen: Ohrhelix, Olekranon-Bursa, Achillessehne, Zehengelenke
- Können ulzerieren und weißliche Kristallmasse entleeren
Diagnostik 🔗
Laborwerte
| Parameter | Befund bei Gicht |
|---|---|
| Harnsäure im Serum | >6,8 mg/dl (Cave: im akuten Anfall oft normal!) |
| BSG, CRP | Stark erhöht im Anfall |
| Leukozyten | Erhöht (Leukozytose) |
| Kreatinin, GFR | Beurteilung der Nierenfunktion |
| Urinstatus | Harnsäurekristalle, Proteinurie (Nierenbeteiligung) |
Gelenkpunktion (Goldstandard)
- Synovialanalyse: trübe, gelbliche Flüssigkeit, Leukozyten >50.000/µl
- Polarisationsmikroskopie:
- Nadelförmige Kristalle
- Negativ doppelbrechend (bei parallelem Polarisator: gelb; bei senkrechtem: blau)
- Abgrenzung zur Pseudogicht (CPPD): positiv doppelbrechend, rhomboid/rhomboeder
Bildgebung
| Methode | Befund |
|---|---|
| Röntgen | Lochfrass-artige Knochenläsionen, Erosionen; erst spät sichtbar |
| Sonographie | "Double contour sign" (hyperechogene Linie über Knorpeloberfläche), Tophusnachweis |
| Dual-Energy CT (DECT) | Goldstandard zur Tophusdarstellung und -quantifizierung |
| MRT | Unklare Fälle, Differenzierung Tophi/Tumor |
Differentialdiagnosen 🔗
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmale |
|---|---|
| Pseudogicht (CPPD) | Kalziumpyrophosphatkristalle, positiv doppelbrechend, Knie häufiger betroffen |
| Septische Arthritis | Keimnachweis in Synovialflüssigkeit, Fieber, systemisch krank |
| Rheumatoide Arthritis | Bilateral, Morgensteifigkeit, RF/Anti-CCP positiv |
| Reaktive Arthritis | Infekttrigger (Chlamydien, Salmonellen), asymmetrische Oligoarthritis, HLA-B27 |
| Bursitis olecrani | Isolierte Schleimbeutelentzündung am Ellenbogen |
Therapie 🔗
Akuter Gichtanfall
Ziel: rasche Entzündungshemmung
| Medikament | Dosis / Besonderheiten |
|---|---|
| Kolchizin (1. Wahl) | 1 mg initial, dann 0,5 mg nach 1h; Cave: GFR<30 kontraindiziert, Myopathie bei Statinkombination |
| NSAR (alternativ) | Indometacin 50 mg 3x/d, Naproxen 500 mg 2x/d; Cave: Niereninsuffizienz, GI-Ulkus |
| Glukokortikoide | Bei Kontraindikationen für Kolchizin/NSAR; Prednisolon 30-40 mg/d p.o. oder intraartikulär |
| IL-1-Inhibitoren | Anakinra, Canakinumab bei therapierefraktären Patienten |
Wichtig: Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall beginnen — kann Anfall verlängern durch Kristallmobilisierung!
Harnsäuresenkende Dauertherapie
Indikationen: mehr als 2 Anfälle/Jahr, Tophi, Uratnephropathie, Urolithiasis, chronische Gicht
Zielwert: Harnsäure <6 mg/dl (bei Tophi <5 mg/dl)
| Medikament | Wirkung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Allopurinol (1. Wahl) | Xanthinoxidase-Hemmer | Beginn 100 mg/d, schrittweise steigern auf 300-600 mg; Cave: HLA-B*58:01 (v. a. Asiaten) → Stevens-Johnson-Syndrom |
| Febuxostat | Nichtkompetitiver Xanthinoxidase-Hemmer | Alternative bei Allopurinol-Unverträglichkeit; erhöhtes kardiovaskuläres Risiko beachten |
| Benzbromaron | Urikosurikum | Nur bei Unterausscheidern, nicht bei Urolithiasis |
Allgemeinmaßnahmen
- Purinreiche Lebensmittel meiden (Innereien, Meeresfrüchte, rotes Fleisch)
- Alkohol reduzieren (besonders Bier)
- Fructose-Konsum reduzieren (Softdrinks)
- Reichlich Flüssigkeit (>2 L/Tag)
- Körpergewicht normalisieren
- Auslösende Medikamente umstellen (Thiazide → Losartan, Amlodipin bei Hypertonie)
Komplikationen 🔗
| Komplikation | Beschreibung |
|---|---|
| Tophi | Subkutane Uratkristallablagerungen → Ulzeration, Sekundärinfektion |
| Uratnephropathie | Tubuläre Ablagerungen → chronische Niereninsuffizienz |
| Urolithiasis | Harnsäuresteine (10% aller Nierensteine); röntgennegativ! |
| Akute Urat-Nephropathie | Massiver Harnsäureanstieg (z. B. Tumorlyse-Syndrom) → akutes Nierenversagen |
| Chronisch destruktive Arthritis | Knorpel- und Knochendestruktion bei unbehandelter Gicht |
| Kardiovaskuläre Erkrankungen | Assoziation mit Hypertonie, KHK, Herzinsuffizienz (eigenständiger Risikofaktor) |
Prognose 🔗
- Akuter Anfall: selbstlimitierend (1-2 Wochen), vollständige Remission möglich
- Mit konsequenter Therapie: Anfälle verhinderbar, Tophi rückläufig, Nierenfunktion erhaltbar
- Ohne Therapie: Zunahme von Anfallshäufigkeit und -schwere, chronische Arthritis, Nierenschäden
- Erhöhte kardiovaskuläre Mortalität
Prävention 🔗
- Primär: Lebensstilmodifikation (Ernährung, Gewicht, Alkohol)
- Sekundär: konsequente Harnsäuresenkung nach erstem Anfall bei Risikopatienten
- Regelmäßige Harnsäure-Kontrolle bei Patienten unter Diuretikatherapie
- Bei Zytostatikatherapie: Allopurinol prophylaktisch (Tumorlyse-Prophylaxe)
Prüfungstipps
- - Negativ doppelbrechende Kristalle = Gicht | Positiv doppelbrechende Kristalle = Pseudogicht (CPPD) — kommt garantiert in der KP-Prüfung!
- - Kolchizin hemmt Mikrotubuli-Polymerisation → verhindert Neutrophilenmigration — keine direkte Harnsäuresenkung!
- - Harnsäuresenkende Therapie NICHT im akuten Anfall starten — verlängert die Entzündung durch Kristallmobilisierung
- - Allopurinol = Xanthinoxidase-Hemmer (senkt Produktion); Benzbromaron = Urikosurikum (steigert renale Ausscheidung)
- - Tophi am Ohr und Olekranon + rezidivierende Monarthritis = fast pathognomonisch für chronische Gicht
