Polymyalgia rheumatica
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Polymyalgia rheumatica (PMR) tritt ausschließlich bei Patienten über 50 Jahren auf (Gipfel 70-80 J.) und manifestiert sich als symmetrischer Schulter- und Beckengürtelschmerz mit massiv erhöhten Entzündungszeichen.
- 2. BSG und CRP sind massiv erhöht (BSG oft >50, häufig >100 mm/h) — ein normales CRP macht PMR sehr unwahrscheinlich.
- 3. Starke Assoziation mit Riesenzellarteriitis (RZA): 15-20% der PMR-Patienten entwickeln eine RZA; bei RZA-Patienten haben 40-60% eine PMR.
- 4. Dramatisches Ansprechen auf Prednisolon 15-20 mg/d innerhalb von 24-72 Stunden ist quasi diagnostisch — fehlt das Ansprechen, Diagnose überdenken!
- 5. Wichtigste Differentialdiagnose: maligne Erkrankungen, inflammatory rheumatic diseases (RA, Myositis) — immer sorgfältig ausschließen.
Fallvignette
Eine 73-jährige Patientin klagt seit 6 Wochen über starke Schmerzen und Steifigkeit beider Schultern und Oberschenkel, besonders morgens — sie könne kaum die Arme heben oder aus dem Bett aufstehen. Außerdem berichtet sie über Abgeschlagenheit und einen Gewichtsverlust von 4 kg.
Untersuchung: kein Gelenkerguss, keine Synovitis, keine Muskelschwäche bei orientierender Kraftprüfung. RR 138/82 mmHg, T 37,4°C. Labor: BSG 94 mm/h, CRP 68 mg/l, Hb 10,8 g/dl (normozytär), Leukozyten 9,2 G/l, ANA negativ, RF negativ, CK normal, TSH normal. Keine Kopfschmerzen, kein Kieferschmerz beim Kauen.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Therapie leiten Sie ein, und was beobachten Sie innerhalb der ersten 72 Stunden?
Polymyalgia rheumatica
Auf einen Blick
- Polymyalgia rheumatica (PMR) tritt ausschließlich bei Patienten über 50 Jahren auf (Gipfel 70-80 J.) und manifestiert sich als symmetrischer Schulter- und Beckengürtelschmerz mit massiv erhöhten Entzündungszeichen.
- BSG und CRP sind massiv erhöht (BSG oft >50, häufig >100 mm/h) — ein normales CRP macht PMR sehr unwahrscheinlich.
- Starke Assoziation mit Riesenzellarteriitis (RZA): 15-20% der PMR-Patienten entwickeln eine RZA; bei RZA-Patienten haben 40-60% eine PMR.
- Dramatisches Ansprechen auf Prednisolon 15-20 mg/d innerhalb von 24-72 Stunden ist quasi diagnostisch — fehlt das Ansprechen, Diagnose überdenken!
- Wichtigste Differentialdiagnose: maligne Erkrankungen, inflammatory rheumatic diseases (RA, Myositis) — immer sorgfältig ausschließen.
Fallvignette
Eine 73-jährige Patientin klagt seit 6 Wochen über starke Schmerzen und Steifigkeit beider Schultern und Oberschenkel, besonders morgens — sie könne kaum die Arme heben oder aus dem Bett aufstehen. Außerdem berichtet sie über Abgeschlagenheit und einen Gewichtsverlust von 4 kg.
Untersuchung: kein Gelenkerguss, keine Synovitis, keine Muskelschwäche bei orientierender Kraftprüfung. RR 138/82 mmHg, T 37,4°C. Labor: BSG 94 mm/h, CRP 68 mg/l, Hb 10,8 g/dl (normozytär), Leukozyten 9,2 G/l, ANA negativ, RF negativ, CK normal, TSH normal. Keine Kopfschmerzen, kein Kieferschmerz beim Kauen.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Therapie leiten Sie ein, und was beobachten Sie innerhalb der ersten 72 Stunden?
Definition
Polymyalgia rheumatica (PMR) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des höheren Lebensalters, charakterisiert durch:
- Symmetrische Schmerzen und Steifigkeit im Schulter- und Beckengürtel sowie am proximalen Hals
- Massiv erhöhte Akute-Phase-Reaktion (BSG, CRP)
- Ausschließliches Auftreten >50 Jahre (meist >60-70 Jahre)
- Rasche Besserung auf niedrig dosierte Kortikosteroide
Zur Gruppe der systemischen entzündlichen Erkrankungen gehörend; enge pathophysiologische Verbindung zur Riesenzellarteriitis (RZA).
Epidemiologie:
- Inzidenz: 50-100/100.000 bei über 50-Jährigen pro Jahr (häufigste entzündliche Muskuloskeletterkrankung dieser Altersgruppe)
- Frauen : Männer ca. 3:1
- Häufiger in nordeuropäischer Bevölkerung
- Selten unter 50 Jahren (unter 50 J. = Diagnose PMR stark in Frage stellen!)
Ätiologie & Risikofaktoren
Genetische Faktoren
- Assoziation mit HLA-DRB1*04 und HLA-DRB1*01
- Genetische Überlappung mit RZA
- Familiäre Häufung beschrieben
Immunologische Faktoren
- Abnorme Aktivierung von Th1- und Th17-Zellen
- Erhöhte IL-6-Produktion (zentraler Entzündungsmediator)
- Aktivierung von Makrophagen und dendritischen Zellen in Synovia und Bursae
Umweltfaktoren / Trigger
- Infektionen (Mykoplasmen, Parvovirus B19, Influenza) als mögliche Trigger
- Saisonale Häufung beschrieben (Frühjahr)
- Keine konsistente Umweltexposition nachgewiesen
Pathophysiologie
- Trigger (möglicherweise Infektionen) → Aktivierung angeborener Immunität
- IL-6 (zentral): massiv erhöht → Akute-Phase-Reaktion (BSG, CRP, Fibrinogen, Ferritin)
- Entzündung in periartikulären Strukturen: Synovialmembran der Schultergelenke/Hüftgelenke, Schulterbursae (Subdeltoidalis, Subakromialis), Sehnen
- Entzündung der Wirbelsäulengelenke (Koronoidgelenke, ISG)
- Keine Myositis (CK normal, Muskelbiopsie meist normal) — trotz des Namens keine eigentliche Muskelentzündung
- Enge Pathophysiologie mit RZA → kontinuierliches Spektrum einer Erkrankung
Symptome & Klinik
Hauptsymptome
Schmerzen und Steifigkeit im:
- Schulterbereich (90%): bilateral, Schultergelenke, Oberarme; Abduktion eingeschränkt
- Beckengürtelbereich (70%): Hüften, Oberschenkel, LWS; Aufstehen erschwert
- Nacken (50%): Halsschmerzen, eingeschränkte Rotation
Charakteristische Merkmale
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Morgensteifigkeit | Ausgeprägt, >45 Minuten (oft mehrere Stunden) |
| Symmetrisch | Bilateral, gleichzeitig |
| Schmerzbeginn | Schleichend, über Wochen |
| Nachtschmerzen | Häufig, Drehen im Bett erschwert |
| Functional disability | „Ich kann die Arme nicht über den Kopf heben“ |
| Kein Muskelschwund | Muskelkraft nicht primär reduziert (wichtig für DD Myositis) |
Allgemeinsymptome
- Fieber (subfebrile Temperaturen, Gipfeln am Nachmittag)
- Gewichtsverlust (>5 kg in 3 Monaten möglich)
- Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Depression
- Anorexie
Klinische Untersuchung
- Schulterabduktion schmerzhaft eingeschränkt (aktiv und passiv)
- Muskelkraft normal (Gegensatz zur Myositis!)
- Keine Synovitis der kleinen Gelenke (Gegensatz zur RA)
- Gelenke selbst oft wenig geschwollen (Entzündung in Bursae und periartikulären Strukturen)
- Druckschmerz über den Schultergelenken
Assoziation mit Riesenzellarteriitis
Bei 10-20% der PMR-Patienten entwickelt sich eine RZA:
Alarmsymptome (immer abfragen!):
- Neue Kopfschmerzen (temporal)
- Kauschmerz (Claudicatio der Kaumuskulatur)
- Sehstörungen / Amaurosis fugax
- Druckschmerzhafte A. temporalis
Bei diesen Symptomen: PMR-Dosis nicht ausreichend → RZA-Dosierung erforderlich!
Diagnostik
Laborwerte
| Parameter | Befund bei PMR |
|---|---|
| BSG | Massiv erhöht: >40 mm/h, oft >100 mm/h (obligat für Diagnose) |
| CRP | Massiv erhöht; normales CRP macht PMR sehr unwahrscheinlich |
| IL-6 | Erhöht (sensitiver Marker) |
| Blutbild | Normochrome Anämie, Leukozytose, Thrombozytose möglich |
| Alkalische Phosphatase | Leicht erhöht (30%) |
| CK (Kreatinkinase) | Normal! (kein Muskelzellschaden) |
| RF, Anti-CCP | Negativ |
| ANA | Negativ |
EULAR/ACR-Klassifikationskriterien (2012)
Voraussetzungen:
- Alter ≥50 Jahre
- Bilateraler Schulterschmerz
- BSG und/oder CRP erhöht
Punktesystem (ohne Bildgebung): ≥4 Punkte = PMR
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Morgensteifigkeit >45 Minuten | 2 |
| Hüft-/Beckengürtelschmerzen oder eingeschränkte Hüftbeweglichkeit | 1 |
| Kein RF und kein Anti-CCP | 2 |
| Keine andere Gelenkbeteiligung | 1 |
Mit Bildgebung: ≥5 Punkte (Ultraschall: bilaterale Schulter-Subdeltoidalbursitis = +1)
Bildgebung
| Methode | Befund bei PMR |
|---|---|
| Sonographie (zunehmend Standard) | Bilaterale Subdeltoidalbursitis, Bizepssehnen-Tenosynovitis, Synovitis Schulter/Hüfte |
| MRT | Bursitis, Synovitis; sensitiver als Sono, aber teurer |
| PET-CT | Bei Verdacht auf okkulte Malignität oder Aortenbeteiligung |
| Röntgen | Unauffällig (kein spezifischer Befund) |
Therapieansprechen als diagnostisches Kriterium
Prednisolon 15-20 mg/d oral:
- Dramatische Besserung innerhalb 24-72 Stunden
- BSG und CRP normalisieren sich innerhalb 1-2 Wochen
- Fehlendes Ansprechen → Diagnose überdenken!
Differentialdiagnosen
| Erkrankung | Abgrenzung |
|---|---|
| Riesenzellarteriitis | Kopfschmerzen, Kauschmerz, Sehstörungen, BSG >100 |
| Rheumatoide Arthritis | Kleine Gelenke (Finger, Hände), RF/Anti-CCP positiv, erosiv |
| Polymyositis / Dermatomyositis | CK massiv erhöht, Muskelschwäche (proximal), EMG, Myositis-AK |
| Hypothyreose | TSH erhöht, normale BSG |
| Maligne Erkrankungen | Lymphome, Bronchialkarzinom, Nierenzellkarzinom (paraneoplastisch) |
| Osteoarthrose | Keine systemische Entzündung, BSG/CRP normal |
| Fibromyalgie | BSG/CRP normal, keine Organmanifestation |
| Septische Arthritis | Fieber, Monarthritis, Keimnachweis |
| RS3PE-Syndrom | Pitting-Ödeme der Hände, seronegative Synovitis, >50 J. |
Therapie
Kortikosteroide (Standardtherapie)
Startdosis:
| Indikation | Startdosis |
|---|---|
| PMR ohne RZA-Zeichen | Prednisolon 15-20 mg/d oral |
| PMR mit Sehsymptomen (RZA-Verdacht) | Prednisolon 1 mg/kg/d (mind. 40-60 mg) sofort! |
Dosisreduktionsschema (EULAR-Empfehlung):
| Zeitraum | Prednisolon-Dosis |
|---|---|
| Start | 15-20 mg/d |
| 4-6 Wochen | 12,5 mg/d (wenn beschwerdefrei) |
| 2-3 Monate | 10 mg/d |
| Monat 4-6 | Reduktion um 1 mg/d alle 4 Wochen |
| Ziel | <5 mg/d nach 12 Monaten; Absetzen nach 1-2 Jahren |
Cave bei Dosisreduktion:
- Zu rasche Reduktion → Rezidiv
- BSG/CRP bei jeder Reduktion kontrollieren
- Klinisches Rezidiv: Dosiserhöhung auf letzten effektiven Wert
Steroid-sparende Therapie
| Medikament | Indikation | Evidenz |
|---|---|---|
| Tocilizumab (IL-6-Inhibitor) | Rezidivierender Verlauf, Steroid-Unverträglichkeit | Evidenz zunehmend, off-label für PMR (zugelassen für RZA) |
| Methotrexat 7,5-10 mg/Woche | Chronisch rezidivierender Verlauf | Mäßige Evidenz; steroid-sparend |
| Leflunomid | Methotrexat-Unverträglichkeit | Geringe Evidenz |
Begleitmaßnahmen
- Protonenpumpeninhibitor (Magenschutz bei Kortikosteroiden)
- Kalzium + Vitamin D (Osteoporoseprophylaxe)
- Bisphosphonate bei Langzeitkortisontherapie (>3 Monate) und Frakturrisiko
- Blutdruck, Blutzucker, Gewicht regelmäßig kontrollieren (Kortisonfolgen)
Komplikationen
| Komplikation | Details |
|---|---|
| Riesenzellarteriitis | 15-20% entwickeln RZA → Sehverlustgefahr |
| Kortisonfolgen | Osteoporose, Diabetes mellitus, Hypertonie, Katarakt, Infektionen, Hautatrophie, Gewichtszunahme |
| Rezidive | 50% rezidivieren bei zu rascher Reduktion → erneute Dosiserhöhung |
| Chronischer Verlauf | 20-30% benötigen Kortikosteroide über mehrere Jahre |
Prognose
- Meist selbstlimitierender Verlauf über 1-3 Jahre
- Ca. 50% der Patienten können Steroide nach 2 Jahren absetzen
- 20-30% haben einen chronisch rezidivierenden Verlauf (Therapie >5 Jahre)
- Keine erhöhte Mortalität durch PMR selbst (aber durch RZA-Assoziation und Kortikosteroide!)
- Wichtigste Komplikation: RZA-Entwicklung → regelmäßig nach Symptomen fragen
Prävention
- Keine kausale Prävention möglich
- Frühdiagnose und -therapie verhindern RZA-Komplikationen
- Regelmäßige Fragen nach RZA-Symptomen bei jedem PMR-Patienten
- Konsequente Osteoporoseprophylaxe von Beginn der Steroidtherapie an
- Impfungen vor Beginn der Immunsuppression (Influenza, Pneumokokken, Zoster-Impfung)
Klinische Perlen
Perle 1: Das dramatische Ansprechen auf Prednisolon 15-20 mg innerhalb von 24-72 Stunden ist QUASI DIAGNOSTISCH für PMR — fehlt es, muss die Diagnose ernsthaft in Frage gestellt werden (Malignom, Myositis?).
Perle 2: CK ist bei PMR NORMAL — das unterscheidet PMR von der Polymyositis, bei der CK massiv erhöht ist. Im Prüfungsfall: normales CK = PMR, erhöhtes CK = Polymyositis!
Perle 3: Frage bei jedem PMR-Patienten aktiv nach Kopfschmerzen und Kauschmerzen — 15-20% entwickeln eine RZA mit Erblindungsrisiko. Sind diese Symptome vorhanden: Dosis sofort auf 1 mg/kg erhöhen!
Perle 4: PMR unter 50 Jahren gibt es praktisch nicht — bei einem jüngeren Patienten mit ähnlichem Bild immer zuerst an Polymyositis, Infektionen oder Malignom denken.
Prüfungstipps
- PMR = >50 Jahre + Schulter-/Beckengürtelschmerz + BSG/CRP massiv erhöht + normale CK — das ist die Konstellation für die KP-Prüfung
- Prednisolon 15-20 mg/d: dramatisches Ansprechen in 24-72h = quasi diagnostisch und therapeutisch gleichzeitig
- Assoziation PMR ↔ RZA immer erwähnen: 15-20% der PMR-Patienten entwickeln RZA; bei RZA haben 40-60% gleichzeitig PMR
- RF und Anti-CCP sind negativ bei PMR — wichtig für Abgrenzung von seropositiver RA
- Steroid-Tapering langsam: zu rasche Reduktion → 50% Rezidivrate
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Polymyalgia rheumatica (PMR) | Chronisch-entzündliche Erkrankung >50 J. mit Schulter-/Beckengürtelschmerz |
| BSG | Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit; bei PMR klassisch >50, oft >100 mm/h |
| Riesenzellarteriitis (RZA) | Verwandte Vaskulitis der großen Gefäße; in 15-20% bei PMR |
| Subdeltoidalbursitis | Entzündung der Schulterbursae; Sonographiebefund bei PMR |
| Tocilizumab | IL-6-Rezeptor-Inhibitor; steroid-sparend; zugelassen für RZA |
| Morgensteifigkeit | Steifigkeitsgefühl nach Ruhepause; bei PMR >45 Minuten |
| Prednisolon | Glukokortikoid; Basistherapie der PMR (15-20 mg/d) |
| IL-6 | Zentraler Entzündungsmediator bei PMR; Target von Tocilizumab |
| CK (Kreatinkinase) | Bei PMR NORMAL — erhöhte CK spricht gegen PMR, für Myositis |
| RS3PE | Remitting Seronegative Symmetrical Synovitis with Pitting Edema — wichtige DD |
🎓 Jetzt für KP & FSP vorbereiten
Dieses KP-Buch-Kapitel ist Teil unserer Kursvorbereitung. Im All-in-One Masterkurs findest du alle Fachgebiete, Prüfungsprotokolle und Arztbrief-Training.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Polymyalgia rheumatica (PMR) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des höheren Lebensalters, charakterisiert durch:
- Symmetrische Schmerzen und Steifigkeit im Schulter- und Beckengürtel sowie am proximalen Hals
- Massiv erhöhte Akute-Phase-Reaktion (BSG, CRP)
- Ausschließliches Auftreten >50 Jahre (meist >60-70 Jahre)
- Rasche Besserung auf niedrig dosierte Kortikosteroide
Zur Gruppe der systemischen entzündlichen Erkrankungen gehörend; enge pathophysiologische Verbindung zur Riesenzellarteriitis (RZA).
Epidemiologie:
- Inzidenz: 50-100/100.000 bei über 50-Jährigen pro Jahr (häufigste entzündliche Muskuloskeletterkrankung dieser Altersgruppe)
- Frauen : Männer ca. 3:1
- Häufiger in nordeuropäischer Bevölkerung
- Selten unter 50 Jahren (unter 50 J. = Diagnose PMR stark in Frage stellen!)
Ätiologie 🔗
Genetische Faktoren
- Assoziation mit HLA-DRB104 und HLA-DRB101
- Genetische Überlappung mit RZA
- Familiäre Häufung beschrieben
Immunologische Faktoren
- Abnorme Aktivierung von Th1- und Th17-Zellen
- Erhöhte IL-6-Produktion (zentraler Entzündungsmediator)
- Aktivierung von Makrophagen und dendritischen Zellen in Synovia und Bursae
Umweltfaktoren / Trigger
- Infektionen (Mykoplasmen, Parvovirus B19, Influenza) als mögliche Trigger
- Saisonale Häufung beschrieben (Frühjahr)
- Keine konsistente Umweltexposition nachgewiesen
Pathophysiologie 🔗
- Trigger (möglicherweise Infektionen) → Aktivierung angeborener Immunität
- IL-6 (zentral): massiv erhöht → Akute-Phase-Reaktion (BSG, CRP, Fibrinogen, Ferritin)
- Entzündung in periartikulären Strukturen: Synovialmembran der Schultergelenke/Hüftgelenke, Schulterbursae (Subdeltoidalis, Subakromialis), Sehnen
- Entzündung der Wirbelsäulengelenke (Koronoidgelenke, ISG)
- Keine Myositis (CK normal, Muskelbiopsie meist normal) — trotz des Namens keine eigentliche Muskelentzündung
- Enge Pathophysiologie mit RZA → kontinuierliches Spektrum einer Erkrankung
Symptome & Klinik 🔗
Hauptsymptome
Schmerzen und Steifigkeit im:
- Schulterbereich (90%): bilateral, Schultergelenke, Oberarme; Abduktion eingeschränkt
- Beckengürtelbereich (70%): Hüften, Oberschenkel, LWS; Aufstehen erschwert
- Nacken (50%): Halsschmerzen, eingeschränkte Rotation
Charakteristische Merkmale
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Morgensteifigkeit | Ausgeprägt, >45 Minuten (oft mehrere Stunden) |
| Symmetrisch | Bilateral, gleichzeitig |
| Schmerzbeginn | Schleichend, über Wochen |
| Nachtschmerzen | Häufig, Drehen im Bett erschwert |
| Functional disability | "Ich kann die Arme nicht über den Kopf heben" |
| Kein Muskelschwund | Muskelkraft nicht primär reduziert (wichtig für DD Myositis) |
Allgemeinsymptome
- Fieber (subfebrile Temperaturen, Gipfeln am Nachmittag)
- Gewichtsverlust (>5 kg in 3 Monaten möglich)
- Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Depression
- Anorexie
Klinische Untersuchung
- Schulterabduktion schmerzhaft eingeschränkt (aktiv und passiv)
- Muskelkraft normal (Gegensatz zur Myositis!)
- Keine Synovitis der kleinen Gelenke (Gegensatz zur RA)
- Gelenke selbst oft wenig geschwollen (Entzündung in Bursae und periartikulären Strukturen)
- Druckschmerz über den Schultergelenken
Assoziation mit Riesenzellarteriitis
Bei 10-20% der PMR-Patienten entwickelt sich eine RZA:
Alarmsymptome (immer abfragen!):
- Neue Kopfschmerzen (temporal)
- Kauschmerz (Claudicatio der Kaumuskulatur)
- Sehstörungen / Amaurosis fugax
- Druckschmerzhafte A. temporalis
Bei diesen Symptomen: PMR-Dosis nicht ausreichend → RZA-Dosierung erforderlich!
Diagnostik 🔗
Laborwerte
| Parameter | Befund bei PMR |
|---|---|
| BSG | Massiv erhöht: >40 mm/h, oft >100 mm/h (obligat für Diagnose) |
| CRP | Massiv erhöht; normales CRP macht PMR sehr unwahrscheinlich |
| IL-6 | Erhöht (sensitiver Marker) |
| Blutbild | Normochrome Anämie, Leukozytose, Thrombozytose möglich |
| Alkalische Phosphatase | Leicht erhöht (30%) |
| CK (Kreatinkinase) | Normal! (kein Muskelzellschaden) |
| RF, Anti-CCP | Negativ |
| ANA | Negativ |
EULAR/ACR-Klassifikationskriterien (2012)
Voraussetzungen:
- Alter ≥50 Jahre
- Bilateraler Schulterschmerz
- BSG und/oder CRP erhöht
Punktesystem (ohne Bildgebung): ≥4 Punkte = PMR
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Morgensteifigkeit >45 Minuten | 2 |
| Hüft-/Beckengürtelschmerzen oder eingeschränkte Hüftbeweglichkeit | 1 |
| Kein RF und kein Anti-CCP | 2 |
| Keine andere Gelenkbeteiligung | 1 |
Mit Bildgebung: ≥5 Punkte (Ultraschall: bilaterale Schulter-Subdeltoidalbursitis = +1)
Bildgebung
| Methode | Befund bei PMR |
|---|---|
| Sonographie (zunehmend Standard) | Bilaterale Subdeltoidalbursitis, Bizepssehnen-Tenosynovitis, Synovitis Schulter/Hüfte |
| MRT | Bursitis, Synovitis; sensitiver als Sono, aber teurer |
| PET-CT | Bei Verdacht auf okkulte Malignität oder Aortenbeteiligung |
| Röntgen | Unauffällig (kein spezifischer Befund) |
Therapieansprechen als diagnostisches Kriterium
Prednisolon 15-20 mg/d oral:
- Dramatische Besserung innerhalb 24-72 Stunden
- BSG und CRP normalisieren sich innerhalb 1-2 Wochen
- Fehlendes Ansprechen → Diagnose überdenken!
Differentialdiagnosen 🔗
| Erkrankung | Abgrenzung |
|---|---|
| Riesenzellarteriitis | Kopfschmerzen, Kauschmerz, Sehstörungen, BSG >100 |
| Rheumatoide Arthritis | Kleine Gelenke (Finger, Hände), RF/Anti-CCP positiv, erosiv |
| Polymyositis / Dermatomyositis | CK massiv erhöht, Muskelschwäche (proximal), EMG, Myositis-AK |
| Hypothyreose | TSH erhöht, normale BSG |
| Maligne Erkrankungen | Lymphome, Bronchialkarzinom, Nierenzellkarzinom (paraneoplastisch) |
| Osteoarthrose | Keine systemische Entzündung, BSG/CRP normal |
| Fibromyalgie | BSG/CRP normal, keine Organmanifestation |
| Septische Arthritis | Fieber, Monarthritis, Keimnachweis |
| RS3PE-Syndrom | Pitting-Ödeme der Hände, seronegative Synovitis, >50 J. |
Therapie 🔗
Kortikosteroide (Standardtherapie)
Startdosis:
| Indikation | Startdosis |
|---|---|
| PMR ohne RZA-Zeichen | Prednisolon 15-20 mg/d oral |
| PMR mit Sehsymptomen (RZA-Verdacht) | Prednisolon 1 mg/kg/d (mind. 40-60 mg) sofort! |
Dosisreduktionsschema (EULAR-Empfehlung):
| Zeitraum | Prednisolon-Dosis |
|---|---|
| Start | 15-20 mg/d |
| 4-6 Wochen | 12,5 mg/d (wenn beschwerdefrei) |
| 2-3 Monate | 10 mg/d |
| Monat 4-6 | Reduktion um 1 mg/d alle 4 Wochen |
| Ziel | <5 mg/d nach 12 Monaten; Absetzen nach 1-2 Jahren |
Cave bei Dosisreduktion:
- Zu rasche Reduktion → Rezidiv
- BSG/CRP bei jeder Reduktion kontrollieren
- Klinisches Rezidiv: Dosiserhöhung auf letzten effektiven Wert
Steroid-sparende Therapie
| Medikament | Indikation | Evidenz |
|---|---|---|
| Tocilizumab (IL-6-Inhibitor) | Rezidivierender Verlauf, Steroid-Unverträglichkeit | Evidenz zunehmend, off-label für PMR (zugelassen für RZA) |
| Methotrexat 7,5-10 mg/Woche | Chronisch rezidivierender Verlauf | Mäßige Evidenz; steroid-sparend |
| Leflunomid | Methotrexat-Unverträglichkeit | Geringe Evidenz |
Begleitmaßnahmen
- Protonenpumpeninhibitor (Magenschutz bei Kortikosteroiden)
- Kalzium + Vitamin D (Osteoporoseprophylaxe)
- Bisphosphonate bei Langzeitkortisontherapie (>3 Monate) und Frakturrisiko
- Blutdruck, Blutzucker, Gewicht regelmäßig kontrollieren (Kortisonfolgen)
Komplikationen 🔗
| Komplikation | Details |
|---|---|
| Riesenzellarteriitis | 15-20% entwickeln RZA → Sehverlustgefahr |
| Kortisonfolgen | Osteoporose, Diabetes mellitus, Hypertonie, Katarakt, Infektionen, Hautatrophie, Gewichtszunahme |
| Rezidive | 50% rezidivieren bei zu rascher Reduktion → erneute Dosiserhöhung |
| Chronischer Verlauf | 20-30% benötigen Kortikosteroide über mehrere Jahre |
Prognose 🔗
- Meist selbstlimitierender Verlauf über 1-3 Jahre
- Ca. 50% der Patienten können Steroide nach 2 Jahren absetzen
- 20-30% haben einen chronisch rezidivierenden Verlauf (Therapie >5 Jahre)
- Keine erhöhte Mortalität durch PMR selbst (aber durch RZA-Assoziation und Kortikosteroide!)
- Wichtigste Komplikation: RZA-Entwicklung → regelmäßig nach Symptomen fragen
Prävention 🔗
- Keine kausale Prävention möglich
- Frühdiagnose und -therapie verhindern RZA-Komplikationen
- Regelmäßige Fragen nach RZA-Symptomen bei jedem PMR-Patienten
- Konsequente Osteoporoseprophylaxe von Beginn der Steroidtherapie an
- Impfungen vor Beginn der Immunsuppression (Influenza, Pneumokokken, Zoster-Impfung)
✨ Clinical Pearls
**Perle 1:** Das dramatische Ansprechen auf Prednisolon 15-20 mg innerhalb von 24-72 Stunden ist QUASI DIAGNOSTISCH für PMR — fehlt es, muss die Diagnose ernsthaft in Frage gestellt werden (Malignom, Myositis?).
**Perle 2:** CK ist bei PMR NORMAL — das unterscheidet PMR von der Polymyositis, bei der CK massiv erhöht ist. Im Prüfungsfall: normales CK = PMR, erhöhtes CK = Polymyositis!
**Perle 3:** Frage bei jedem PMR-Patienten aktiv nach Kopfschmerzen und Kauschmerzen — 15-20% entwickeln eine RZA mit Erblindungsrisiko. Sind diese Symptome vorhanden: Dosis sofort auf 1 mg/kg erhöhen!
**Perle 4:** PMR unter 50 Jahren gibt es praktisch nicht — bei einem jüngeren Patienten mit ähnlichem Bild immer zuerst an Polymyositis, Infektionen oder Malignom denken.
Prüfungstipps
- - PMR = >50 Jahre + Schulter-/Beckengürtelschmerz + BSG/CRP massiv erhöht + normale CK — das ist die Konstellation für die KP-Prüfung
- - Prednisolon 15-20 mg/d: dramatisches Ansprechen in 24-72h = quasi diagnostisch und therapeutisch gleichzeitig
- - Assoziation PMR ↔ RZA immer erwähnen: 15-20% der PMR-Patienten entwickeln RZA; bei RZA haben 40-60% gleichzeitig PMR
- - RF und Anti-CCP sind negativ bei PMR — wichtig für Abgrenzung von seropositiver RA
- - Steroid-Tapering langsam: zu rasche Reduktion → 50% Rezidivrate
Schlüsselbegriffe
Wissen testen
Klicke auf eine Karte, um die Antwort zu sehen.
