★ Relevant Rheumatologie 15 Min.

Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew)

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule (Spondylitis ankylosans) mit obligater Sakroiliitis und starker Assoziation zu HLA-B27 (>90%).
  • 2. Leitsymptom: entzündlicher Rückenschmerz — beginnt unter 45 Jahren, morgens schlimmer (>1 Stunde Morgensteifigkeit), bessert sich durch Bewegung, verschlechtert sich durch Ruhe.
  • 3. Im Verlauf: aufsteigende Versteifung der Wirbelsäule → Bambus-Wirbelsäule im Röntgenbild; Verlust der Lendenlordose, Hyperkyphose.
  • 4. Therapie: NSAR als 1. Wahl (dauerhaft, nicht nur bei Schmerzen!); bei unzureichendem Ansprechen: TNF-alpha-Inhibitoren oder IL-17-Inhibitoren (Secukinumab).
  • 5. Extraartikuläre Manifestationen: anteriore Uveitis (häufigste, 25-40%), Psoriasis, Morbus Crohn/Colitis ulcerosa, Aortenklappeninsuffizienz.

Fallvignette

Ein 27-jähriger Mann klagt seit 2 Jahren über tiefen Rückenschmerz, der morgens am schlimmsten ist und mehr als 1 Stunde anhält. Der Schmerz bessert sich deutlich nach körperlicher Aktivität, nicht aber nach Ruhe. Gelegentlich hat er ein rotes schmerzhaftes Auge (bisher zweimal).

Untersuchung: Schober-Zeichen 2 cm (normal ≥4 cm), Ott-Zeichen 2 cm (normal ≥3,5 cm), Finger-Boden-Abstand 18 cm. Druckschmerz über den Sakroiliakalgelenken beidseits. Labor: BSG 42 mm/h, CRP 18 mg/l, HLA-B27 positiv. MRT Becken: bilaterale Sakroiliitis mit Knochenmarködem (STIR-Sequenz).

Welche Diagnose stellen Sie? Welche Therapie leiten Sie ein?


Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew)

Auf einen Blick

  1. Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäule (Spondylitis ankylosans) mit obligater Sakroiliitis und starker Assoziation zu HLA-B27 (>90%).
  2. Leitsymptom: entzündlicher Rückenschmerz — beginnt unter 45 Jahren, morgens schlimmer (>1 Stunde Morgensteifigkeit), bessert sich durch Bewegung, verschlechtert sich durch Ruhe.
  3. Im Verlauf: aufsteigende Versteifung der Wirbelsäule → Bambus-Wirbelsäule im Röntgenbild; Verlust der Lendenlordose, Hyperkyphose.
  4. Therapie: NSAR als 1. Wahl (dauerhaft, nicht nur bei Schmerzen!); bei unzureichendem Ansprechen: TNF-alpha-Inhibitoren oder IL-17-Inhibitoren (Secukinumab).
  5. Extraartikuläre Manifestationen: anteriore Uveitis (häufigste, 25-40%), Psoriasis, Morbus Crohn/Colitis ulcerosa, Aortenklappeninsuffizienz.

Fallvignette

Ein 27-jähriger Mann klagt seit 2 Jahren über tiefen Rückenschmerz, der morgens am schlimmsten ist und mehr als 1 Stunde anhält. Der Schmerz bessert sich deutlich nach körperlicher Aktivität, nicht aber nach Ruhe. Gelegentlich hat er ein rotes schmerzhaftes Auge (bisher zweimal).

Untersuchung: Schober-Zeichen 2 cm (normal ≥4 cm), Ott-Zeichen 2 cm (normal ≥3,5 cm), Finger-Boden-Abstand 18 cm. Druckschmerz über den Sakroiliakalgelenken beidseits. Labor: BSG 42 mm/h, CRP 18 mg/l, HLA-B27 positiv. MRT Becken: bilaterale Sakroiliitis mit Knochenmarködem (STIR-Sequenz).

Welche Diagnose stellen Sie? Welche Therapie leiten Sie ein?


Definition

Die Spondylitis ankylosans (SA), synonym Morbus Bechterew, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden (SpA), charakterisiert durch:

  • Entzündung der Sakroiliakalgelenke (Sakroiliitis) als obligates Frühzeichen
  • Aufsteigende Wirbelsäulenbeteiligung mit Verknöcherung
  • Starke genetische Assoziation mit HLA-B27

Klassifikation der Spondyloarthritiden:

  • Axiale SpA (axSpA): Sakroiliitis/Wirbelsäule im Vordergrund
  • Radiographische axSpA = klassische Spondylitis ankylosans
  • Nicht-radiographische axSpA (nr-axSpA) = Frühstadium ohne Röntgenveränderungen
  • Periphere SpA: Psoriasis-Arthritis, reaktive Arthritis, Arthritis bei CED

Epidemiologie:

  • Prävalenz: 0,3-0,5% der Bevölkerung
  • Männer : Frauen ca. 3:1
  • Erkrankungsbeginn: typisch 20.-30. Lebensjahr
  • Diagnose oft verzögert (5-8 Jahre nach Symptombeginn!)

Ätiologie & Risikofaktoren

Genetik

  • HLA-B27 in >90% der Patienten mit klassischem Morbus Bechterew (vs. 8-10% in der Normalbevölkerung)
  • Relatives Risiko: HLA-B27-Träger haben ca. 100-fach erhöhtes Risiko (absolut aber gering: 1-2% der B27-Träger erkranken)
  • Weitere assoziierte Gene: ERAP1, IL-23R

Pathogenetische Hypothesen

Hypothese Inhalt
Arthritic peptide hypothesis HLA-B27 präsentiert Selbstpeptide → autoreaktive T-Zellen
Misfolding hypothesis HLA-B27 faltet sich fehlerhaft → ER-Stress → IL-23-Signalweg
Mikrobiom Veränderte Darmflora → Th17-Aktivierung → IL-17-Überproduktion

Auslöser / Trigger

  • Intestinale Infektionen (Klebsiella pneumoniae — Kreuzreaktion mit HLA-B27)
  • Mikrobiom-Dysbiose
  • Mechanische Belastung der Enthesen (Sehnenansätze)

Pathophysiologie

  1. Genetische Prädisposition (HLA-B27) + Umweltfaktoren → Aktivierung von Th17-Zellen
  2. Erhöhte IL-17 und IL-23 → Entzündung an Enthesen (Ansatzstellen von Sehnen/Bändern an Knochen)
  3. Enthesitis → Knorpel- und Knochenläsionen
  4. Reparationsprozesse → Knochenproliferation (im Gegensatz zur RA: Erosion dominiert)
  5. Syndesmophytenbildung (Verknöcherung der Bandscheibenaußenschichten) → Bambuswirbelsäule
  6. Beginnend an der Sakroiliakalgelenken → aufsteigend zur Brust- und Halswirbelsäule

Symptome & Klinik

Entzündlicher Rückenschmerz (Hauptsymptom)

Kriterien des entzündlichen Rückenschmerzes (ASAS):

Kriterium Beschreibung
Beginn schleichend Subakut, kein eindeutiges Trauma
Alter bei Beginn Unter 40 (45) Jahre
Morgensteifigkeit Mehr als 30 (typisch >60) Minuten
Besserung durch Bewegung Verschlechterung durch Ruhe (nachts schlimmer)
Beidseitiger Schmerz Wechselseitiger oder beidseitiger Gesäßschmerz

≥4 von 5 Kriterien = entzündlicher Rückenschmerz (Sensitivität 77%, Spezifität 91%)

Körperliche Untersuchung

Test Befund bei Morbus Bechterew
Schober-Test Normale LWS: Zunahme um >5 cm (10→15 cm bei Vorbeugen); Bechterew: <4 cm
Ott-Test Messung der BWS-Beweglichkeit (7→10 cm, pathol. <2 cm Zunahme)
Finger-Boden-Abstand Erhöht (reduzierte LWS-Flexion)
Thorax-Expansion Vermindert (<5 cm bei Atemexkursion auf Höhe Th4)
Mennell-Zeichen Druckschmerz über SIG
Patrick/FABER-Test Schmerz bei Außenrotation/Flexion der Hüfte

Spätstadium (fortgeschrittene Versteifung)

  • Verlust der Lendenlordose (Abflachung)
  • Hyperkyphose der BWS („Buckel“)
  • Vorgeschobener Kopf (kompensatorische HWS-Hyperextension)
  • Eingeschränkte Atemexkursion (kostovertebrale Beteiligung)

Extraartikuläre Manifestationen

Manifestation Häufigkeit Besonderheiten
Anteriore Uveitis 25-40% Akut, einseitig, schmerzhaft, rotes Auge; oft erstes Symptom
Psoriasis 10-25% Schuppige Hautplaques
CED (Morbus Crohn, CU) 5-10% Häufig subklinische Ileitis
Aortenklappeninsuffizienz Selten Langzeitkomplikation, EKG-Kontrolle
Restriktive Lungenerkrankung Selten Durch Thoraxsteife
Cauda-equina-Syndrom Selten Spinale Verengung bei fortgeschrittener Erkrankung

Diagnostik

Laborwerte

Parameter Befund
HLA-B27 >90% positiv (Screening; kein Diagnosekriterium allein!)
BSG, CRP Erhöht bei Aktivität (ca. 50-70% haben erhöhte Entzündungszeichen)
Blutbild Leichte normochrome Anämie bei Aktivität
RF, Anti-CCP Negativ (sero-negative Spondyloarthritis!)

Bildgebung

Sakroiliakalgelenke (Schlüsselbefund):

Methode Befund
MRT der SIG (Frühdiagnostik) Knochenmarködem = aktive Sakroiliitis (sichtbar vor Röntgenveränderungen!)
Röntgen Becken a.p. SIG-Erosionen, Sklerose, Fusion (late-stage); New York-Kriterien: Grad 0-4

Wirbelsäule:

Befund Bedeutung
Syndesmophyten Knöcherne Brücken zwischen Wirbelkörpern (anterolateral)
Bambus-Wirbelsäule Vollständige Ankylose der WS mit „Bambus-Muster“ im Röntgen
Romanus-Läsion Erosionen an den Wirbelkörpervorderkanten (shining corners)
Anderson-Läsion Stress-Fraktur bei komplett versteifter WS

ASAS-Klassifikationskriterien (2009)

Bei Rückenschmerz ≥3 Monate + Beginn <45 Jahre:

Bildgebende Arm: Sakroiliitis in MRT/Röntgen + ≥1 SpA-Merkmal
Klinischer Arm: HLA-B27 positiv + ≥2 SpA-Merkmale

SpA-Merkmale: entzündlicher Rückenschmerz, Arthritis, Enthesitis (Ferse), Uveitis, Daktylitis, Psoriasis, CED, Ansprechen auf NSAR, familiäre SpA, HLA-B27, CRP erhöht


Differentialdiagnosen

Erkrankung Unterscheidung
Mechanischer Rückenschmerz Besserung in Ruhe, schlechter bei Bewegung, kein HLA-B27
Psoriasis-Arthritis mit axialer Beteiligung Psoriasis-Haut, asymmetrische Sakroiliitis, „Skip-Läsionen“
Reaktive Arthritis (Reiter-Syndrom) Infekttrigger, Urethritis, Konjunktivitis, Enthesitis
Diffuse idiopathische Skeletthyperostose (DISH) Ältere Patienten, fließende Ossifikationen rechts an WS, kein SIG-Befund
Bandscheibenprolaps Akuter Schmerz, radikuläre Symptome, MRT beweisend

Therapie

Nicht-medikamentöse Therapie (immer!)

  • Physiotherapie und regelmäßige Bewegung (zentral! — Bewegung besser als Ruhe)
  • Bechterew-Übungen (Atemtherapie, Dehnübungen)
  • Schwimmen, Radfahren bevorzugt
  • Patientenschulung
  • Keine Kortikosteroide systemisch als Dauertherapie (wenig effektiv bei axialer SpA)

Medikamentöse Therapie

Stufe Medikament Besonderheiten
1. Wahl NSAR (Diclofenac, Naproxen, Celecoxib) dauerhaft! Nicht nur bei Bedarf — kontinuierliche Einnahme bremst Syndesmophytenbildung; Cave: GI, kardiovaskulär
2. Wahl TNF-alpha-Inhibitoren Adalimumab, Etanercept, Infliximab, Certolizumab; bei unzureichendem NSAR-Ansprechen
Alternativ IL-17A-Inhibitoren Secukinumab, Ixekizumab; besonders bei Psoriasis-Assoziation; Cave: CED-Risiko
Lokal Kortikosteroide intraartikulär In SIG oder periphere Gelenke
Periphere Arthritis Sulfasalazin Nur bei peripherer Gelenbbeteiligung, NICHT für axiale Erkrankung

Hinweis: Methotrexat und DMARDs wie bei RA sind bei axialer SpA NICHT wirksam!

Biologika-Einsatz

Kriterien für Biologika-Start:

  • NSAR-Versagen nach 4-wöchiger Therapie
  • BASDAI ≥4 (Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index)
  • Erhöhte Entzündungszeichen (CRP) oder aktive Sakroiliitis im MRT

Komplikationen

Komplikation Details
Komplette Wirbelsäulenversteifung Bambuswirbelsäule → extrem erhöhtes Frakturrisiko (Anderson-Fraktur)
Atlantoaxiale Subluxation Instabilität HWS → Rückenmarkkompression möglich
Uveitis Erblindungsgefahr ohne Behandlung
Osteoporose Paradoxerweise häufig (Immobilisation, Entzündung) trotz Knochenneubildung
Aortenklappeninsuffizienz / AV-Block Herzbeteiligung bei Langzeitverlauf
Cauda-equina-Syndrom Selten, durch arachnoide Adhesionen oder spinale Stenose

Prognose

  • Sehr variable Verläufe: 20-30% milde Erkrankung, 30-40% progressive Versteifung
  • Röntgenologische Progression bei ca. 50% nach 10 Jahren erkennbar
  • Arbeitsfähigkeit langfristig oft erhalten bei adäquater Therapie
  • Biologika verbessern Prognose deutlich (Progressionshemmung)
  • Lebenserwartung kaum reduziert, aber erhöhte kardiovaskuläre Komorbidität

Prävention

  • Keine kausale Prävention
  • Frühe Diagnose und Therapie verhindert strukturelle Schäden
  • Regelmäßige Physiotherapie als Primärprävention für Funktionsverlust
  • Ophthalmologische Vorstellung bei Augenschmerz + rotem Auge (Uveitisprävention: frühzeitige Behandlung)

Klinische Perlen

Perle 1: Morbus Bechterew bessert sich durch Bewegung und verschlechtert sich durch Ruhe — das Gegenteil von mechanischem Rückenschmerz! Dieser Unterschied ist prüfungsrelevant und klinisch entscheidend.

Perle 2: HLA-B27 positiv allein bedeutet NICHT Morbus Bechterew — 8-10% der gesunden Bevölkerung sind HLA-B27-positiv, aber nur 1-2% entwickeln eine axiale SpA.

Perle 3: NSAR sollen beim Morbus Bechterew dauerhaft und nicht nur bei Bedarf gegeben werden — kontinuierliche Einnahme hemmt die radiographische Progression (Syndesmophytenbildung).

Perle 4: DMARDs (Methotrexat, Leflunomid) wirken bei der axialen SpA NICHT — ein häufiger Fehler in Prüfungen und in der klinischen Praxis!


Prüfungstipps

  • HLA-B27 >90% bei SA — der wichtigste Laborbefund; aber: HLA-B27 allein kein Diagnosekriterium!
  • Schober-Test: misst LWS-Beweglichkeit (<4 cm Zunahme = pathologisch); Ott-Test = BWS
  • MRT der SIG = Goldstandard für Frühdiagnostik (Knochenmarködem vor Röntgenveränderungen)
  • Bambuswirbelsäule = vollständige Ankylose mit Syndesmophyten, pathognomonisch im Röntgen
  • Anteriore Uveitis = häufigste extraartikuläre Manifestation (25-40%); kann Erstmanifestation sein

Schlüsselbegriffe

Begriff Bedeutung
Sakroiliitis Entzündung der Sakroiliakalgelenke — obligates Frühzeichen
HLA-B27 Humanes Leukozytenantigen; in >90% der SA-Patienten positiv
Enthesitis Entzündung an Sehnenansätzen (Enthesen) am Knochen
Syndesmophyten Verknöcherungen der Wirbelsäulenbänder → Bambus-Wirbelsäule
Bambuswirbelsäule Vollständige Ankylose der WS im Röntgenbild
NSAR Nichtsteroidale Antirheumatika — 1. Wahl bei axSpA
Schober-Test Klinischer Test der LWS-Flexion
axSpA Axiale Spondyloarthritis (Oberbegriff für radiograph. und nicht-radiograph. Formen)
BASDAI Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index (0-10)
Anteriore Uveitis Iritis/Iridozyklitis, häufigste extraartikuläre Manifestation

🎓 Jetzt für KP & FSP vorbereiten

Dieses KP-Buch-Kapitel ist Teil unserer Kursvorbereitung. Im All-in-One Masterkurs findest du alle Fachgebiete, Prüfungsprotokolle und Arztbrief-Training.

Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Die Spondylitis ankylosans (SA), synonym Morbus Bechterew, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden (SpA), charakterisiert durch:

  • Entzündung der Sakroiliakalgelenke (Sakroiliitis) als obligates Frühzeichen
  • Aufsteigende Wirbelsäulenbeteiligung mit Verknöcherung
  • Starke genetische Assoziation mit HLA-B27

Klassifikation der Spondyloarthritiden:

  • Axiale SpA (axSpA): Sakroiliitis/Wirbelsäule im Vordergrund
  • Radiographische axSpA = klassische Spondylitis ankylosans
  • Nicht-radiographische axSpA (nr-axSpA) = Frühstadium ohne Röntgenveränderungen
  • Periphere SpA: Psoriasis-Arthritis, reaktive Arthritis, Arthritis bei CED

Epidemiologie:

  • Prävalenz: 0,3-0,5% der Bevölkerung
  • Männer : Frauen ca. 3:1
  • Erkrankungsbeginn: typisch 20.-30. Lebensjahr
  • Diagnose oft verzögert (5-8 Jahre nach Symptombeginn!)

Ätiologie 🔗

Genetik

  • HLA-B27 in >90% der Patienten mit klassischem Morbus Bechterew (vs. 8-10% in der Normalbevölkerung)
  • Relatives Risiko: HLA-B27-Träger haben ca. 100-fach erhöhtes Risiko (absolut aber gering: 1-2% der B27-Träger erkranken)
  • Weitere assoziierte Gene: ERAP1, IL-23R

Pathogenetische Hypothesen

Hypothese Inhalt
Arthritic peptide hypothesis HLA-B27 präsentiert Selbstpeptide → autoreaktive T-Zellen
Misfolding hypothesis HLA-B27 faltet sich fehlerhaft → ER-Stress → IL-23-Signalweg
Mikrobiom Veränderte Darmflora → Th17-Aktivierung → IL-17-Überproduktion

Auslöser / Trigger

  • Intestinale Infektionen (Klebsiella pneumoniae — Kreuzreaktion mit HLA-B27)
  • Mikrobiom-Dysbiose
  • Mechanische Belastung der Enthesen (Sehnenansätze)

Pathophysiologie 🔗

  1. Genetische Prädisposition (HLA-B27) + Umweltfaktoren → Aktivierung von Th17-Zellen
  2. Erhöhte IL-17 und IL-23 → Entzündung an Enthesen (Ansatzstellen von Sehnen/Bändern an Knochen)
  3. Enthesitis → Knorpel- und Knochenläsionen
  4. Reparationsprozesse → Knochenproliferation (im Gegensatz zur RA: Erosion dominiert)
  5. Syndesmophytenbildung (Verknöcherung der Bandscheibenaußenschichten) → Bambuswirbelsäule
  6. Beginnend an der Sakroiliakalgelenken → aufsteigend zur Brust- und Halswirbelsäule

Symptome & Klinik 🔗

Entzündlicher Rückenschmerz (Hauptsymptom)

Kriterien des entzündlichen Rückenschmerzes (ASAS):

Kriterium Beschreibung
Beginn schleichend Subakut, kein eindeutiges Trauma
Alter bei Beginn Unter 40 (45) Jahre
Morgensteifigkeit Mehr als 30 (typisch >60) Minuten
Besserung durch Bewegung Verschlechterung durch Ruhe (nachts schlimmer)
Beidseitiger Schmerz Wechselseitiger oder beidseitiger Gesäßschmerz

≥4 von 5 Kriterien = entzündlicher Rückenschmerz (Sensitivität 77%, Spezifität 91%)

Körperliche Untersuchung

Test Befund bei Morbus Bechterew
Schober-Test Normale LWS: Zunahme um >5 cm (10→15 cm bei Vorbeugen); Bechterew: <4 cm
Ott-Test Messung der BWS-Beweglichkeit (7→10 cm, pathol. <2 cm Zunahme)
Finger-Boden-Abstand Erhöht (reduzierte LWS-Flexion)
Thorax-Expansion Vermindert (<5 cm bei Atemexkursion auf Höhe Th4)
Mennell-Zeichen Druckschmerz über SIG
Patrick/FABER-Test Schmerz bei Außenrotation/Flexion der Hüfte

Spätstadium (fortgeschrittene Versteifung)

  • Verlust der Lendenlordose (Abflachung)
  • Hyperkyphose der BWS ("Buckel")
  • Vorgeschobener Kopf (kompensatorische HWS-Hyperextension)
  • Eingeschränkte Atemexkursion (kostovertebrale Beteiligung)

Extraartikuläre Manifestationen

Manifestation Häufigkeit Besonderheiten
Anteriore Uveitis 25-40% Akut, einseitig, schmerzhaft, rotes Auge; oft erstes Symptom
Psoriasis 10-25% Schuppige Hautplaques
CED (Morbus Crohn, CU) 5-10% Häufig subklinische Ileitis
Aortenklappeninsuffizienz Selten Langzeitkomplikation, EKG-Kontrolle
Restriktive Lungenerkrankung Selten Durch Thoraxsteife
Cauda-equina-Syndrom Selten Spinale Verengung bei fortgeschrittener Erkrankung

Diagnostik 🔗

Laborwerte

Parameter Befund
HLA-B27 >90% positiv (Screening; kein Diagnosekriterium allein!)
BSG, CRP Erhöht bei Aktivität (ca. 50-70% haben erhöhte Entzündungszeichen)
Blutbild Leichte normochrome Anämie bei Aktivität
RF, Anti-CCP Negativ (sero-negative Spondyloarthritis!)

Bildgebung

Sakroiliakalgelenke (Schlüsselbefund):

Methode Befund
MRT der SIG (Frühdiagnostik) Knochenmarködem = aktive Sakroiliitis (sichtbar vor Röntgenveränderungen!)
Röntgen Becken a.p. SIG-Erosionen, Sklerose, Fusion (late-stage); New York-Kriterien: Grad 0-4

Wirbelsäule:

Befund Bedeutung
Syndesmophyten Knöcherne Brücken zwischen Wirbelkörpern (anterolateral)
Bambus-Wirbelsäule Vollständige Ankylose der WS mit "Bambus-Muster" im Röntgen
Romanus-Läsion Erosionen an den Wirbelkörpervorderkanten (shining corners)
Anderson-Läsion Stress-Fraktur bei komplett versteifter WS

ASAS-Klassifikationskriterien (2009)

Bei Rückenschmerz ≥3 Monate + Beginn <45 Jahre:

Bildgebende Arm: Sakroiliitis in MRT/Röntgen + ≥1 SpA-Merkmal Klinischer Arm: HLA-B27 positiv + ≥2 SpA-Merkmale

SpA-Merkmale: entzündlicher Rückenschmerz, Arthritis, Enthesitis (Ferse), Uveitis, Daktylitis, Psoriasis, CED, Ansprechen auf NSAR, familiäre SpA, HLA-B27, CRP erhöht


Differentialdiagnosen 🔗

Erkrankung Unterscheidung
Mechanischer Rückenschmerz Besserung in Ruhe, schlechter bei Bewegung, kein HLA-B27
Psoriasis-Arthritis mit axialer Beteiligung Psoriasis-Haut, asymmetrische Sakroiliitis, "Skip-Läsionen"
Reaktive Arthritis (Reiter-Syndrom) Infekttrigger, Urethritis, Konjunktivitis, Enthesitis
Diffuse idiopathische Skeletthyperostose (DISH) Ältere Patienten, fließende Ossifikationen rechts an WS, kein SIG-Befund
Bandscheibenprolaps Akuter Schmerz, radikuläre Symptome, MRT beweisend

Therapie 🔗

Nicht-medikamentöse Therapie (immer!)

  • Physiotherapie und regelmäßige Bewegung (zentral! — Bewegung besser als Ruhe)
  • Bechterew-Übungen (Atemtherapie, Dehnübungen)
  • Schwimmen, Radfahren bevorzugt
  • Patientenschulung
  • Keine Kortikosteroide systemisch als Dauertherapie (wenig effektiv bei axialer SpA)

Medikamentöse Therapie

Stufe Medikament Besonderheiten
1. Wahl NSAR (Diclofenac, Naproxen, Celecoxib) dauerhaft! Nicht nur bei Bedarf — kontinuierliche Einnahme bremst Syndesmophytenbildung; Cave: GI, kardiovaskulär
2. Wahl TNF-alpha-Inhibitoren Adalimumab, Etanercept, Infliximab, Certolizumab; bei unzureichendem NSAR-Ansprechen
Alternativ IL-17A-Inhibitoren Secukinumab, Ixekizumab; besonders bei Psoriasis-Assoziation; Cave: CED-Risiko
Lokal Kortikosteroide intraartikulär In SIG oder periphere Gelenke
Periphere Arthritis Sulfasalazin Nur bei peripherer Gelenbbeteiligung, NICHT für axiale Erkrankung

Hinweis: Methotrexat und DMARDs wie bei RA sind bei axialer SpA NICHT wirksam!

Biologika-Einsatz

Kriterien für Biologika-Start:

  • NSAR-Versagen nach 4-wöchiger Therapie
  • BASDAI ≥4 (Bath Ankylosing Spondylitis Disease Activity Index)
  • Erhöhte Entzündungszeichen (CRP) oder aktive Sakroiliitis im MRT

Komplikationen 🔗

Komplikation Details
Komplette Wirbelsäulenversteifung Bambuswirbelsäule → extrem erhöhtes Frakturrisiko (Anderson-Fraktur)
Atlantoaxiale Subluxation Instabilität HWS → Rückenmarkkompression möglich
Uveitis Erblindungsgefahr ohne Behandlung
Osteoporose Paradoxerweise häufig (Immobilisation, Entzündung) trotz Knochenneubildung
Aortenklappeninsuffizienz / AV-Block Herzbeteiligung bei Langzeitverlauf
Cauda-equina-Syndrom Selten, durch arachnoide Adhesionen oder spinale Stenose

Prognose 🔗

  • Sehr variable Verläufe: 20-30% milde Erkrankung, 30-40% progressive Versteifung
  • Röntgenologische Progression bei ca. 50% nach 10 Jahren erkennbar
  • Arbeitsfähigkeit langfristig oft erhalten bei adäquater Therapie
  • Biologika verbessern Prognose deutlich (Progressionshemmung)
  • Lebenserwartung kaum reduziert, aber erhöhte kardiovaskuläre Komorbidität

Prävention 🔗

  • Keine kausale Prävention
  • Frühe Diagnose und Therapie verhindert strukturelle Schäden
  • Regelmäßige Physiotherapie als Primärprävention für Funktionsverlust
  • Ophthalmologische Vorstellung bei Augenschmerz + rotem Auge (Uveitisprävention: frühzeitige Behandlung)

✨ Clinical Pearls

**Perle 1:** Morbus Bechterew bessert sich durch Bewegung und verschlechtert sich durch Ruhe — das Gegenteil von mechanischem Rückenschmerz! Dieser Unterschied ist prüfungsrelevant und klinisch entscheidend.

**Perle 2:** HLA-B27 positiv allein bedeutet NICHT Morbus Bechterew — 8-10% der gesunden Bevölkerung sind HLA-B27-positiv, aber nur 1-2% entwickeln eine axiale SpA.

**Perle 3:** NSAR sollen beim Morbus Bechterew dauerhaft und nicht nur bei Bedarf gegeben werden — kontinuierliche Einnahme hemmt die radiographische Progression (Syndesmophytenbildung).

**Perle 4:** DMARDs (Methotrexat, Leflunomid) wirken bei der axialen SpA NICHT — ein häufiger Fehler in Prüfungen und in der klinischen Praxis!

Prüfungstipps

  • - HLA-B27 >90% bei SA — der wichtigste Laborbefund; aber: HLA-B27 allein kein Diagnosekriterium!
  • - Schober-Test: misst LWS-Beweglichkeit (<4 cm Zunahme = pathologisch); Ott-Test = BWS
  • - MRT der SIG = Goldstandard für Frühdiagnostik (Knochenmarködem vor Röntgenveränderungen)
  • - Bambuswirbelsäule = vollständige Ankylose mit Syndesmophyten, pathognomonisch im Röntgen
  • - Anteriore Uveitis = häufigste extraartikuläre Manifestation (25-40%); kann Erstmanifestation sein

Schlüsselbegriffe

BegriffSakroiliitisHLA-B27EnthesitisSyndesmophytenBambuswirbelsäuleNSARSchober-TestaxSpABASDAIAnteriore Uveitis

Wissen testen

Klicke auf eine Karte, um die Antwort zu sehen.