★★ Wichtig Nephrologie 25 Min.

Akutes Nierenversagen (AKI)

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Plötzlicher Abfall der Nierenfunktion — 3 Formen: Prärenal (60 %) → Intrarenal (35 %) → Postrenal (5 %)
  • 2. Häufigste intrarenale Ursache: akute Tubulusnekrose (ATN) durch Ischämie oder Nephrotoxine
  • 3. KDIGO-Stadien 1–3 nach Kreatinin-Anstieg und Urinausscheidung
  • 4. Nephrotoxische Medikamente sofort absetzen — NSAR, Aminoglykoside, Metformin, Kontrastmittel
  • 5. Dialyse-Indikationen: Anurie, Hyperkaliämie, Überwässerung, Urämie, schwere Azidose

Fallvignette

Ein 65-jähriger Patient mit bekannter arterieller Hypertonie und leichter Niereninsuffizienz (Kreatinin Vortag 1,1 mg/dl) wird nach einem Kontrastmittel-CT vorstellig mit Oligurie seit 12 Stunden.

Aktuelle Laborwerte: Kreatinin 4,8 mg/dl, Kalium 6,2 mmol/l, Harnstoff 98 mg/dl. Er klagt über Übelkeit und ist leicht verwirrt.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Akutes Nierenversagen (AKI)

Auf einen Blick

  1. Plötzlicher Abfall der Nierenfunktion — 3 Formen: Prärenal (60 %) → Intrarenal (35 %) → Postrenal (5 %)
  2. Häufigste intrarenale Ursache: akute Tubulusnekrose (ATN) durch Ischämie oder Nephrotoxine
  3. KDIGO-Stadien 1–3 nach Kreatinin-Anstieg und Urinausscheidung
  4. Nephrotoxische Medikamente sofort absetzen — NSAR, Aminoglykoside, Metformin, Kontrastmittel
  5. Dialyse-Indikationen: Anurie, Hyperkaliämie, Überwässerung, Urämie, schwere Azidose

Fallvignette

Ein 65-jähriger Patient mit bekannter arterieller Hypertonie und leichter Niereninsuffizienz (Kreatinin Vortag 1,1 mg/dl) wird nach einem Kontrastmittel-CT vorstellig mit Oligurie seit 12 Stunden.

Aktuelle Laborwerte: Kreatinin 4,8 mg/dl, Kalium 6,2 mmol/l, Harnstoff 98 mg/dl. Er klagt über Übelkeit und ist leicht verwirrt.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Akutes Nierenversagen (AKI — Acute Kidney Injury) = akuter, oft reversibler Abfall der glomerulären Filtrationsrate (GFR) innerhalb von Stunden bis Tagen. Leitsymptom: Kreatininanstieg + Oligurie (<0,5 mL/kg/h für >6h) oder Anurie (<100 mL/24h).

KDIGO-Kriterien (mind. eines erfüllt):

  • Kreatinin-Anstieg ≥0,3 mg/dL innerhalb von 48h
  • Kreatinin-Anstieg ≥1,5× Ausgangswert innerhalb von 7 Tagen
  • Urinausscheidung <0,5 mL/kg/h für ≥6h

Ätiologie & Klassifikation

Die 3 Ursachen — systemisch denken!

Typ Häufigkeit Mechanismus Urin-Na⁺ FENa
Prärenal 60 % Verminderte Perfusion → Niere „sieht“ keinen Fluss <20 mmol/L <1 %
Intrarenal 35 % Schädigung des Nierengewebes selbst >40 mmol/L >2 %
Postrenal 5 % Abflussbehinderung (Harnwegsobstruktion) Variabel Variabel

Merkhilfe FENa (fraktionelle Natriumexkretion):
FENa <1 % → Niere hält Natrium zurück (Prärenal! Niere will mehr Flüssigkeit)
FENa >2 % → Niere kann kein Natrium zurückhalten (Intrarenale Schädigung — Tubuli defekt)

Prärenales ANV — Niere reagiert auf Hypovolämie

  • Hypovolämie: Blutung, Diarrhö, Erbrechen, Verbrennung
  • Herz-Kreislauf-Versagen: kardiogener Schock, Herzinsuffizienz
  • Vasodilatation: Sepsis, Anaphylaxie, Leberzirrhose (hepatorenales Syndrom)
  • Medikamentöse Ursachen: NSAR (hemmen Prostaglandine → Vasokonstriktion der zuführenden Arteriole), ACE-Hemmer (hemmen Efferenzvasokonstriktion)

Intrarenales ANV — Nierengewebe geschädigt

Struktur Erkrankung
Tubuli Akute Tubulusnekrose (ATN) — häufigste intrarenale Ursache!
Ischämisch (nach Schock) oder nephrotoxisch
Glomeruli Rapid progressive Glomerulonephritis (RPGN) — Notfall!
Gefäße Maligne Hypertonie, thrombotische Mikroangiopathie (HUS, TTP)
Interstitium Akute interstitielle Nephritis (AIN) — oft medikamentös (NSAR, Antibiotika)

Nephrotoxine — AUSWENDIG LERNEN

  • Aminoglykoside (Gentamicin, Tobramycin) — direkte Tubulusschädigung
  • NSAR — Prostaglandin-Hemmung → Vasokonstriktion
  • Kontrastmittel (KM) — Kontrastmittel-induzierte Nephropathie (CIN)
  • Ciclosporin, Tacrolimus — Calcineurin-Inhibitoren
  • Cisplatin — Chemotherapie
  • Metformin — KEIN Nephrotoxin, aber Akkumulation bei GFR <30 → Laktatazidose!
  • Vancomycin (bei hohen Spiegeln)
  • Myoglobin (bei Rhabdomyolyse) → verfärbt Urin rotbraun, Kreatinkinase ↑↑↑

Postrenales ANV — Obstruktion

  • Benigne Prostatahyperplasie (BPH) — häufigste Ursache beim Mann
  • Harnleitersteine (bilateral oder bei Einzelniere)
  • Tumorkompression (Zervixkarzinom, Blasenkarzinom, Rektumkarzinom)
  • Retroperitoneale Fibrose

Pathophysiologie der akuten Tubulusnekrose

  1. Ischämie (z.B. bei Schock) oder Nephrotoxine → Schädigung der proximalen Tubuluszellen
  2. Tubuluszellen schwellen an, nekrotisieren → Tubulus verstopft → Back-Leak des Filtrats
  3. Juxtaglomerulärer Apparat registriert → Renin-Angiotensin-Aldosteron aktiviert → Vasokonstriktion → weiterer GFR-Abfall
  4. Oligurie → Retention von Kreatinin, Harnstoff, Kalium, Wasser

Warum reversibel? Tubuluszellen können sich regenerieren (Stammzellen im S3-Segment). Vollständige Erholung in 1–3 Wochen möglich, wenn Ursache beseitigt wird.


KDIGO-Stadien

Stadium Kreatinin-Kriterium Urin-Kriterium
1 ×1,5–1,9× Ausgangswert ODER +0,3 mg/dL <0,5 mL/kg/h für 6–12h
2 ×2,0–2,9× Ausgangswert <0,5 mL/kg/h für ≥12h
3 ×3× Ausgangswert ODER ≥4 mg/dL ODER Dialyse <0,3 mL/kg/h für ≥24h oder Anurie ≥12h

Symptome & Klinik

Oligo-/Anurie-Phase (Tage bis Wochen)

  • Oligurie (<500 mL/24h) oder Anurie (<100 mL/24h)
  • Ödeme (Wasserretention)
  • Hyperkaliämie → EKG: Zeltförmige T-Wellen, QRS-Verbreiterung → Kammerflimmern!
  • Urämie: Leistungsminderung, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinstrübung
  • Metabolische Azidose (Säurenretention)
  • Hypertonie (Natriumretention + RAAS-Aktivierung)

Polyurie-Phase (Erholung)

  • Urinproduktion steigt wieder → bis 5–10 L/Tag möglich
  • Cave: Elektrolytverluste (Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, Dehydratation)

Diagnostik

Urindiagnostik — erste und wichtigste Untersuchung!

Normaler Urin bei Prärenal:  konzentriert, spezifisches Gewicht >1,020, Urin-Na <20
Pathologischer Urin bei ATN: isosthenurie (SG ≈ 1,010), Urin-Na >40, Zylinder

→ Erythrozytenzylinder = Glomerulonephritis!
→ Granulozytenzylinder = Pyelonephritis
→ Hyaline Zylinder = Prärenal (normal konzentrierter Urin)

Labor

Parameter Bedeutung
Kreatinin Anstieg >0,3 mg/dL = AKI-Kriterium — Verlaufsmarker
Harnstoff Anstieg bei ANV (auch bei GI-Blutung, Hyperkatabolismus)
Kalium K⁺ Hyperkaliämie = Notfall! K⁺ >6,0 mEq/L = Herzgefahr
pH, Bikarbonat Metabolische Azidose bei ANV
Cystatin C Empfindlicherer Nierenmarker (steigt früher als Kreatinin)
CK (Kreatinkinase) Rhabdomyolyse als Ursache? CK >10.000 U/L + rotbrauner Urin

Bildgebung

  • Sonographie: Erste Bildgebung! Nierengröße (groß = akut, klein = chronisch), Echogenität, Harnstau (Stauungsnephropathie = postrenal!)
  • CT ohne KM (kein Kontrastmittel bei ANV!): Steine, Tumoren, Abflussbehinderung
  • Nierenbiopsie bei unklarer intrarenaler Genese (RPGN ausschließen!)

Therapie

Allgemeine Maßnahmen

1. URSACHE BEHANDELN (prärenal → Volumen, postrenal → Katheter/Nephrostomie)
2. Nephrotoxische Medikamente SOFORT absetzen:
   - NSAR, Aminoglykoside, Kontrastmittel, Metformin
3. Volumengabe bei Prärenal/ATN (Ziel: ZVD 8–12, MAP >65 mmHg)
4. Strikte Flüssigkeitsbilanz + tägliche Gewichtskontrolle
5. Hyperkaliämie behandeln (s.u.)
6. Ernährung: protein-moderat, ausreichend Kalorienzufuhr

Hyperkaliämie-Therapie — Stufenschema!

K⁺ >6,0 mEq/L + EKG-Veränderungen:

1. Kalziumgluconat i.v. (10 mL 10%)
   → Herzschutz — stabilisiert Membran (wirkt in Minuten!)
   → NB: Senkt K⁺ NICHT — schützt nur das Herz

2. Insulin + Glukose i.v.
   → Verschiebt K⁺ in die Zelle (wirkt in 30 min)
   → 10 IE Altinsulin + 50 mL G40%

3. Natriumbikarbonat i.v.
   → Azidose-Korrektur → K⁺ Verschiebung in Zelle

4. Kationenaustauscher (Resonium) oral/rektal
   → Entfernt K⁺ aus Darm (wirkt in Stunden)

5. Dialyse (wenn refraktär oder Oligurie)

Dialyse-Indikationen (AEIOU-Merkhilfe)

Buchstabe Indikation
A Azidurie: pH <7,2 (metabolische Azidose)
E Elektrolyte: Hyperkaliämie K⁺ >6,5 refraktär
I Intoxikation: Lithium, Methanol, Ethylenglykol
O Overload: Überwässerung (Lungenödem)
U Urämie: Harnstoff >200 mg/dL + Symptome

Zusätzlich: Anurie >12 h, Kreatinin-Anstieg >1 mg/dL/24h trotz Therapie


Komplikationen

  • Hyperkaliämie → Herzrhythmusstörungen → Kammerflimmern
  • Lungenödem (Überwässerung)
  • Urämische Enzephalopathie (Bewusstseinstrübung, Krampfanfälle)
  • Urämische Perikarditis (reibendes perikardiales Reiben)
  • Anämie (EPO-Mangel, auch bei ANV)
  • Infektionen (immungeschwächt + Dialysekatheter)

Prognose

  • Prärenales ANV: vollständige Erholung wenn Ursache behoben (Stunden)
  • ATN: Erholung in 1–6 Wochen (Oligurie → Polyurie → Normalisierung)
  • Kritisch kranke Patienten auf ITS: Letalität bis 50 % (ANV als Organversagen im MODS)
  • 10–15 % entwickeln eine Chronische Niereninsuffizienz nach ANV-Episode

Klinische Perlen

1. Prärenal vs. Intrarenal unterscheiden — Urin-Na entscheidet! Prärenal: Niere hält Na fest (Urin-Na <20). Intrarenal (ATN): Tubuli beschädigt → kein Na-Rückresorption möglich (Urin-Na >40). Diese einfache Messung spart Zeit und steuert die Therapie!

2. Rhabdomyolyse — der rotbraune Urin. Nach Trauma, Alkohol, Statinen, Myositis → Myoglobin im Urin → rotbraune Verfärbung + Teststreifen positiv auf Blut OHNE Erythrozyten im Mikroskop. CK >10.000 → massive Flüssigkeitszufuhr (3–4 L NaCl/h) sofort beginnen!

3. NSAR bei bestehender Niereninsuffizienz oder Hypovolämie = fatal. NSAR hemmen Prostaglandine → Prostaglandine halten die afferente Arteriole offen bei niedrigem Perfusionsdruck. NSAR + Volumenmangel = ANV. Bei jedem Patienten mit Risiko: NSAR kontraindiziert!

4. Anurie + bekannte BPH = erst Katheter, dann alles andere. Postrenalem ANV durch Blasenreten entgegenwirken: Harnblasenkatheter = diagnostisch + therapeutisch. Ein voller Katheter mit 1–2 L Urin bestätigt die Diagnose und rettet sofort die Nieren.


Prüfungstipps

  • Prärenal 60 %, Intrarenal 35 %, Postrenal 5 % — Häufigkeiten auswendig
  • FENa <1 % = Prärenal, FENa >2 % = Intrarenal (Tubulusschaden)
  • Hyperkaliämie-Therapie in Reihenfolge: Kalzium → Insulin/Glukose → Bikarbonat → Dialyse
  • KDIGO-Stadium 3 = Dialyseindikation (Kreatinin ×3 ODER ≥4 mg/dL ODER Anurie ≥12h)
  • Nephrotoxine absetzen! NSAR + ACE-Hemmer + Aminoglykoside + KM = die häufigsten Schuldigen
  • Postrenale Ursache ausschließen bei jedem ANV: Sonographie (Harnstau?) + Katheter!

Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
AKI / ANV Acute Kidney Injury — akuter Abfall der GFR, oft reversibel
Oligurie Urinausscheidung <500 mL/24h (<0,5 mL/kg/h)
ATN Akute Tubulusnekrose — häufigste intrarenale Ursache
FENa Fraktionelle Natriumexkretion — unterscheidet Prärenal vs. Intrarenal
Rhabdomyolyse Muskelzerfall → Myoglobin → rotbrauner Urin → nephrotoxisch
KDIGO Klassifikation des ANV nach Kreatinin-Anstieg und Diurese
Hepatorenales Syndrom Funktionelles Prärenal-ANV bei Leberzirrhose — kein struktureller Schaden

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Akutes Nierenversagen (AKI — Acute Kidney Injury) = akuter, oft reversibler Abfall der glomerulären Filtrationsrate (GFR) innerhalb von Stunden bis Tagen. Leitsymptom: Kreatininanstieg + Oligurie (<0,5 mL/kg/h für >6h) oder Anurie (<100 mL/24h).

KDIGO-Kriterien (mind. eines erfüllt):

  • Kreatinin-Anstieg ≥0,3 mg/dL innerhalb von 48h
  • Kreatinin-Anstieg ≥1,5× Ausgangswert innerhalb von 7 Tagen
  • Urinausscheidung <0,5 mL/kg/h für ≥6h

Ätiologie 🔗

Die 3 Ursachen — systemisch denken!

Typ Häufigkeit Mechanismus Urin-Na⁺ FENa
Prärenal 60 % Verminderte Perfusion → Niere "sieht" keinen Fluss <20 mmol/L <1 %
Intrarenal 35 % Schädigung des Nierengewebes selbst >40 mmol/L >2 %
Postrenal 5 % Abflussbehinderung (Harnwegsobstruktion) Variabel Variabel

Merkhilfe FENa (fraktionelle Natriumexkretion): FENa <1 % → Niere hält Natrium zurück (Prärenal! Niere will mehr Flüssigkeit) FENa >2 % → Niere kann kein Natrium zurückhalten (Intrarenale Schädigung — Tubuli defekt)

Prärenales ANV — Niere reagiert auf Hypovolämie

  • Hypovolämie: Blutung, Diarrhö, Erbrechen, Verbrennung
  • Herz-Kreislauf-Versagen: kardiogener Schock, Herzinsuffizienz
  • Vasodilatation: Sepsis, Anaphylaxie, Leberzirrhose (hepatorenales Syndrom)
  • Medikamentöse Ursachen: NSAR (hemmen Prostaglandine → Vasokonstriktion der zuführenden Arteriole), ACE-Hemmer (hemmen Efferenzvasokonstriktion)

Intrarenales ANV — Nierengewebe geschädigt

Struktur Erkrankung
Tubuli Akute Tubulusnekrose (ATN) — häufigste intrarenale Ursache!
Ischämisch (nach Schock) oder nephrotoxisch
Glomeruli Rapid progressive Glomerulonephritis (RPGN) — Notfall!
Gefäße Maligne Hypertonie, thrombotische Mikroangiopathie (HUS, TTP)
Interstitium Akute interstitielle Nephritis (AIN) — oft medikamentös (NSAR, Antibiotika)

Nephrotoxine — AUSWENDIG LERNEN

  • Aminoglykoside (Gentamicin, Tobramycin) — direkte Tubulusschädigung
  • NSAR — Prostaglandin-Hemmung → Vasokonstriktion
  • Kontrastmittel (KM) — Kontrastmittel-induzierte Nephropathie (CIN)
  • Ciclosporin, Tacrolimus — Calcineurin-Inhibitoren
  • Cisplatin — Chemotherapie
  • Metformin — KEIN Nephrotoxin, aber Akkumulation bei GFR <30 → Laktatazidose!
  • Vancomycin (bei hohen Spiegeln)
  • Myoglobin (bei Rhabdomyolyse) → verfärbt Urin rotbraun, Kreatinkinase ↑↑↑

Postrenales ANV — Obstruktion

  • Benigne Prostatahyperplasie (BPH) — häufigste Ursache beim Mann
  • Harnleitersteine (bilateral oder bei Einzelniere)
  • Tumorkompression (Zervixkarzinom, Blasenkarzinom, Rektumkarzinom)
  • Retroperitoneale Fibrose

Pathophysiologie 🔗

  1. Ischämie (z.B. bei Schock) oder Nephrotoxine → Schädigung der proximalen Tubuluszellen
  2. Tubuluszellen schwellen an, nekrotisieren → Tubulus verstopft → Back-Leak des Filtrats
  3. Juxtaglomerulärer Apparat registriert → Renin-Angiotensin-Aldosteron aktiviert → Vasokonstriktion → weiterer GFR-Abfall
  4. Oligurie → Retention von Kreatinin, Harnstoff, Kalium, Wasser

Warum reversibel? Tubuluszellen können sich regenerieren (Stammzellen im S3-Segment). Vollständige Erholung in 1–3 Wochen möglich, wenn Ursache beseitigt wird.


Symptome & Klinik 🔗

Oligo-/Anurie-Phase (Tage bis Wochen)

  • Oligurie (<500 mL/24h) oder Anurie (<100 mL/24h)
  • Ödeme (Wasserretention)
  • Hyperkaliämie → EKG: Zeltförmige T-Wellen, QRS-Verbreiterung → Kammerflimmern!
  • Urämie: Leistungsminderung, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinstrübung
  • Metabolische Azidose (Säurenretention)
  • Hypertonie (Natriumretention + RAAS-Aktivierung)

Polyurie-Phase (Erholung)

  • Urinproduktion steigt wieder → bis 5–10 L/Tag möglich
  • Cave: Elektrolytverluste (Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, Dehydratation)

Diagnostik 🔗

Urindiagnostik — erste und wichtigste Untersuchung!

Normaler Urin bei Prärenal:  konzentriert, spezifisches Gewicht >1,020, Urin-Na <20
Pathologischer Urin bei ATN: isosthenurie (SG ≈ 1,010), Urin-Na >40, Zylinder

→ Erythrozytenzylinder = Glomerulonephritis!
→ Granulozytenzylinder = Pyelonephritis
→ Hyaline Zylinder = Prärenal (normal konzentrierter Urin)

Labor

Parameter Bedeutung
Kreatinin Anstieg >0,3 mg/dL = AKI-Kriterium — Verlaufsmarker
Harnstoff Anstieg bei ANV (auch bei GI-Blutung, Hyperkatabolismus)
Kalium K⁺ Hyperkaliämie = Notfall! K⁺ >6,0 mEq/L = Herzgefahr
pH, Bikarbonat Metabolische Azidose bei ANV
Cystatin C Empfindlicherer Nierenmarker (steigt früher als Kreatinin)
CK (Kreatinkinase) Rhabdomyolyse als Ursache? CK >10.000 U/L + rotbrauner Urin

Bildgebung

  • Sonographie: Erste Bildgebung! Nierengröße (groß = akut, klein = chronisch), Echogenität, Harnstau (Stauungsnephropathie = postrenal!)
  • CT ohne KM (kein Kontrastmittel bei ANV!): Steine, Tumoren, Abflussbehinderung
  • Nierenbiopsie bei unklarer intrarenaler Genese (RPGN ausschließen!)

Therapie 🔗

Allgemeine Maßnahmen

1. URSACHE BEHANDELN (prärenal → Volumen, postrenal → Katheter/Nephrostomie)
2. Nephrotoxische Medikamente SOFORT absetzen:
   - NSAR, Aminoglykoside, Kontrastmittel, Metformin
3. Volumengabe bei Prärenal/ATN (Ziel: ZVD 8–12, MAP >65 mmHg)
4. Strikte Flüssigkeitsbilanz + tägliche Gewichtskontrolle
5. Hyperkaliämie behandeln (s.u.)
6. Ernährung: protein-moderat, ausreichend Kalorienzufuhr

Hyperkaliämie-Therapie — Stufenschema!

K⁺ >6,0 mEq/L + EKG-Veränderungen:

1. Kalziumgluconat i.v. (10 mL 10%)
   → Herzschutz — stabilisiert Membran (wirkt in Minuten!)
   → NB: Senkt K⁺ NICHT — schützt nur das Herz

2. Insulin + Glukose i.v.
   → Verschiebt K⁺ in die Zelle (wirkt in 30 min)
   → 10 IE Altinsulin + 50 mL G40%

3. Natriumbikarbonat i.v.
   → Azidose-Korrektur → K⁺ Verschiebung in Zelle

4. Kationenaustauscher (Resonium) oral/rektal
   → Entfernt K⁺ aus Darm (wirkt in Stunden)

5. Dialyse (wenn refraktär oder Oligurie)

Dialyse-Indikationen (AEIOU-Merkhilfe)

Buchstabe Indikation
A Azidurie: pH <7,2 (metabolische Azidose)
E Elektrolyte: Hyperkaliämie K⁺ >6,5 refraktär
I Intoxikation: Lithium, Methanol, Ethylenglykol
O Overload: Überwässerung (Lungenödem)
U Urämie: Harnstoff >200 mg/dL + Symptome

Zusätzlich: Anurie >12 h, Kreatinin-Anstieg >1 mg/dL/24h trotz Therapie


Komplikationen 🔗

  • Hyperkaliämie → Herzrhythmusstörungen → Kammerflimmern
  • Lungenödem (Überwässerung)
  • Urämische Enzephalopathie (Bewusstseinstrübung, Krampfanfälle)
  • Urämische Perikarditis (reibendes perikardiales Reiben)
  • Anämie (EPO-Mangel, auch bei ANV)
  • Infektionen (immungeschwächt + Dialysekatheter)

Prognose 🔗

  • Prärenales ANV: vollständige Erholung wenn Ursache behoben (Stunden)
  • ATN: Erholung in 1–6 Wochen (Oligurie → Polyurie → Normalisierung)
  • Kritisch kranke Patienten auf ITS: Letalität bis 50 % (ANV als Organversagen im MODS)
  • 10–15 % entwickeln eine chronische Niereninsuffizienz nach ANV-Episode

✨ Clinical Pearls

**1. Prärenal vs. Intrarenal unterscheiden — Urin-Na entscheidet!** Prärenal: Niere hält Na fest (Urin-Na 40). Diese einfache Messung spart Zeit und steuert die Therapie!

**2. Rhabdomyolyse — der rotbraune Urin.** Nach Trauma, Alkohol, Statinen, Myositis → Myoglobin im Urin → rotbraune Verfärbung + Teststreifen positiv auf Blut OHNE Erythrozyten im Mikroskop. CK >10.000 → massive Flüssigkeitszufuhr (3–4 L NaCl/h) sofort beginnen!

**3. NSAR bei bestehender Niereninsuffizienz oder Hypovolämie = fatal.** NSAR hemmen Prostaglandine → Prostaglandine halten die afferente Arteriole offen bei niedrigem Perfusionsdruck. NSAR + Volumenmangel = ANV. Bei jedem Patienten mit Risiko: NSAR kontraindiziert!

**4. Anurie + bekannte BPH = erst Katheter, dann alles andere.** Postrenalem ANV durch Blasenreten entgegenwirken: Harnblasenkatheter = diagnostisch + therapeutisch. Ein voller Katheter mit 1–2 L Urin bestätigt die Diagnose und rettet sofort die Nieren.

Prüfungstipps

  • - Prärenal 60 %, Intrarenal 35 %, Postrenal 5 % — Häufigkeiten auswendig
  • - FENa 2 % = Intrarenal (Tubulusschaden)
  • - Hyperkaliämie-Therapie in Reihenfolge: Kalzium → Insulin/Glukose → Bikarbonat → Dialyse
  • - KDIGO-Stadium 3 = Dialyseindikation (Kreatinin ×3 ODER ≥4 mg/dL ODER Anurie ≥12h)
  • - Nephrotoxine absetzen! NSAR + ACE-Hemmer + Aminoglykoside + KM = die häufigsten Schuldigen
  • - Postrenale Ursache ausschließen** bei jedem ANV: Sonographie (Harnstau?) + Katheter!

Schlüsselbegriffe

BegriffAKI / ANVOligurieATNFENaRhabdomyolyseKDIGOHepatorenales Syndrom

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