Prostatakarzinom
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Häufigstes Karzinom des Mannes — über 65.000 Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland
- 2. Meist langsam wachsendes Adenokarzinom der peripheren Zone — oft asymptomatisch im Frühstadium
- 3. PSA-Screening ist umstritten (Überdiagnose vs. Lebensverlängerung) — Patientenentscheidung nach Aufklärung
- 4. Gleason-Score bewertet die Differenzierung histologisch — Grundlage für Therapieentscheidung
- 5. Therapie: Low-risk → Active Surveillance | Lokal begrenzt → Prostatektomie oder Strahlentherapie | Metastasiert → ADT (Androgendeprivationstherapie)
Prostatakarzinom
Auf einen Blick
- Häufigstes Karzinom des Mannes — über 65.000 Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland
- Meist langsam wachsendes Adenokarzinom der peripheren Zone — oft asymptomatisch im Frühstadium
- PSA-Screening ist umstritten (Überdiagnose vs. Lebensverlängerung) — Patientenentscheidung nach Aufklärung
- Gleason-Score bewertet die Differenzierung histologisch — Grundlage für Therapieentscheidung
- Therapie: Low-risk → Active Surveillance | Lokal begrenzt → Prostatektomie oder Strahlentherapie | Metastasiert → ADT (Androgendeprivationstherapie)
Fallvignette
Ein 68-jähriger Mann wird zur Vorsorge vorgestellt. Er hat keine Beschwerden, der PSA-Wert beträgt 7,2 ng/ml (Vorjahr: 4,8 ng/ml).
Der Prostata-spezifische Antigen-Anstieg um 2,4 ng/ml in einem Jahr (PSA-Velocity > 0,75 ng/ml/Jahr) ist auffällig. Die digital-rektale Untersuchung ergibt eine verhärtete, knotige Stelle im linken Lappen. Der Patient gibt keinerlei Miktionsprobleme an, keine Knochenschmerzen. Familienanamnese: Vater hatte Prostatakrebs mit 72 Jahren.
Welche Schritte leiten Sie ein? Welche Befunde erwarten Sie?
Definition
Das Prostatakarzinom (PCa) ist ein meist von der peripheren Zone der Prostata ausgehender maligner epithelialer Tumor. In über 95 % der Fälle handelt es sich um ein Adenokarzinom.
Epidemiologie:
- Häufigstes Karzinom des Mannes (vor Lungen- und Dickdarmkarzinom)
- ~65.000 Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland
- Häufigkeitsgipfel: 60.–75. Lebensjahr
- Mittleres Erkrankungsalter: 70 Jahre
Ätiologie & Risikofaktoren
| Risikofaktor | Erläuterung |
|---|---|
| Alter | Stärkster Risikofaktor — selten vor dem 50. Lebensjahr |
| Positive Familienanamnese | Vater oder Bruder betroffen: 2–3-faches Risiko |
| Ethnizität | Afroamerikaner: höchste Inzidenz; Asiaten: niedrigste Inzidenz |
| Androgene | Testosteron fördert Tumorwachstum (Grundlage der ADT) |
| Ernährung | Fettreiche Ernährung möglicherweise fördernd (nicht sicher belegt) |
| BRCA2-Mutation | Erhöhtes Risiko und aggressiverer Verlauf |
Pathophysiologie
Maligne Entartung der Drüsenepithelzellen der Prostata → überwiegend in der peripheren Zone (70 %) → Androgenabhängigkeit des Tumors ermöglicht hormonelle Therapie. Im Laufe der Zeit entwickelt sich Kastrationsresistenz (CRPC = Castration-Resistant Prostate Cancer).
Metastasierungswege:
- Lymphogen: Beckenlymphknoten → paraaortale LK
- Hämatogen: Knochen (osteoblastische Metastasen!) — WS, Becken, Femur, Rippen
- Selten: Lunge, Leber
Merkhilfe: „Prostatametastasen = Knochen blühen auf“ — die osteoblastischen Knochenmetastasen sind charakteristisch (im Gegensatz zu den osteolytischen beim Nierenzellkarzinom).
Klassifikation
Gleason-Grading-System (histopathologisch)
Bewertung des Drüsenmusters durch Pathologen — Summe aus den zwei häufigsten Mustern (Muster 1–5, 1 = gut differenziert, 5 = undifferenziert):
| Gleason-Score | Bedeutung | Prognose |
|---|---|---|
| 6 (3+3) | Gut differenziert | Günstig |
| 7 (3+4) | Mäßig differenziert — überwiegend besser | Intermediär |
| 7 (4+3) | Mäßig differenziert — überwiegend schlechter | Intermediär |
| 8–10 | Schlecht differenziert / undifferenziert | Ungünstig |
Heute: ISUP-Grade-Gruppen (Grade Group 1–5) werden parallel zum Gleason-Score angegeben.
TNM-Klassifikation (klinisch relevant)
| Stadium | Beschreibung |
|---|---|
| T1 | Klinisch nicht tastbar, Zufallsbefund (z.B. nach TURP) |
| T2 | Auf Prostata begrenzt (T2a: ein Lappen; T2b: beide Lappen) |
| T3 | Kapselüberschreitung (T3a) oder Samenblaseninfiltration (T3b) |
| T4 | Infiltration von Nachbarorganen (Blasenhals, Rektum) |
| N1 | Regionäre Lymphknotenmetastasen |
| M1 | Fernmetastasen (M1a: nicht-regionäre LK; M1b: Knochen; M1c: andere) |
Risikogruppen (EAU-Klassifikation)
| Gruppe | Kriterien |
|---|---|
| Low-Risk | PSA < 10, Gleason ≤ 6, T1–T2a |
| Intermediate | PSA 10–20, Gleason 7, T2b–T2c |
| High-Risk | PSA > 20, Gleason ≥ 8, T3–T4 |
Symptome & Klinik
Frühstadium: Meist asymptomatisch — daher Screening-Bedeutung
Lokalfortgeschrittenes Stadium:
- Miktionsprobleme (ähnlich BPH): Abschwächung des Harnstrahls, Pollakisurie, Nykturie
- Hämaturie, Hämospermie
- Erektile Dysfunktion
Metastasiertes Stadium:
- Knochenschmerzen (Rücken, Becken, Hüfte) — Leitsymptom bei ossären Metastasen
- Pathologische Frakturen
- Lymphödem der Beine bei Lymphknotenbefall
- Spinale Kompression bei Wirbelmetastasen (Notfall!)
- Gewichtsverlust, Fatigue, Anämie (B-Symptomatik)
Diagnostik
Screening — PSA und DRU
PSA (Prostata-spezifisches Antigen):
- Nicht organspezifisch, sondern prostataspezifisch — auch erhöht bei BPH, Prostatitis, nach Katheterisierung
- Grenzwert 4 ng/ml (altersabhängig)
- PSA-Velocity > 0,75 ng/ml/Jahr = verdächtig
- Freies PSA / Gesamt-PSA < 25 % = erhöhtes Karzinomrisiko
- PSA-Dichte (PSA/Prostatavolumen): > 0,15 = verdächtig
Digital-rektale Untersuchung (DRU):
- Abtasten der peripheren Zone
- Verdächtig: Verhärtung, Asymmetrie, Knoten, fixierte Induration
PSA-Screening-Kontroverse: Überdiagnose und -behandlung langsam wachsender Tumoren ist real — die Entscheidung zum PSA-Test muss gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden (Shared Decision Making).
Biopsie — Goldstandard
Transrektale ultraschallgesteuerte Stanzbiopsie (TRUS-Biopsie):
- 12 Stanzen systematisch aus allen Zonen
- Alternativ: MRT-fusionierte Biopsie (gezielt aus verdächtigen Arealen)
Obligate Histologie: Adenokarzinom, Gleason-Score, Anteil befallener Stanzen
Bildgebung (Staging)
| Methode | Indikation |
|---|---|
| MRI Prostata (mpMRT) | Vor Biopsie bei PSA ↑ — zeigt verdächtige Areale (PI-RADS-Klassifikation) |
| Knochenszintigraphie | PSA > 20 oder Knochenschmerzen — Nachweis ossärer Metastasen |
| PSMA-PET-CT | Rezidivdiagnostik, Metastasensuche — moderner Goldstandard |
| CT Becken/Abdomen | Lymphknotenbeurteilung bei High-Risk-Tumoren |
Differentialdiagnosen
| DD | Abgrenzung |
|---|---|
| BPH (Benigne Prostatahyperplasie) | PSA meist < 10, kein Karzinomnachweis in Biopsie, Hyperplasie der Transitionalzone |
| Prostatitis | Akute Entzündung, PSA passager stark erhöht, Biopsie nach Therapie |
| Prostatainfarkt | PSA-Anstieg nach ischämischem Ereignis |
| Knochenmetastasen anderer Primärtumoren | Osteolytisch (Niere, Lunge, Schilddrüse) vs. osteoblastisch (Prostata) |
Therapie
Active Surveillance (Aktive Überwachung)
Indikation: Low-Risk-Karzinom (PSA < 10, Gleason 6, T1–T2a, < 3 positive Stanzen)
- Regelmäßige PSA-Kontrollen alle 3–6 Monate
- Kontrollbiopsie nach 1 Jahr, dann alle 2–3 Jahre
- mpMRT jährlich
- Ziel: Unnötige Behandlung vermeiden — Eingriff nur bei Progression
Wichtig: Active Surveillance ≠ Watchful Waiting (WW). Bei WW wird auf kurative Therapie verzichtet (palliativ-orientiert, bei älteren Patienten mit Komorbiditäten).
Radikale Prostatektomie
Indikation: Lokal begrenztes PCa mit kurativer Absicht, Lebenserwartung > 10 Jahre
Zugangswege:
- Retropubisch offen (klassisch)
- Laparoskopisch / robotisch-assistiert (da Vinci) — heute Standard
Nebenwirkungen:
- Harninkontinenz (temporär in ~50 %, dauerhaft in 5–15 %)
- Erektile Dysfunktion (durch Verletzung der Nn. erigentes — nerverhaltende Technik wenn möglich)
- Anastomosenstriktur
Strahlentherapie
Externe Bestrahlung (EBRT):
- Gleichwertig zur OP bei lokal begrenztem PCa
- Kombination mit ADT bei Intermediate/High-Risk empfohlen
Brachytherapie (Seeds-Implantation):
- Radioaktive Jod-125-Seeds direkt in die Prostata
- Nur bei Low/favourable Intermediate-Risk geeignet
Hormontherapie (ADT = Androgen-Deprivations-Therapie)
Prinzip: Testosteron fördert Tumorwachstum → Androgenentzug → Tumorregression
Methoden:
| Methode | Wirkung |
|---|---|
| LHRH-Agonisten (Leuprorelin, Goserekin) | Chemische Kastration — initialer Testosteron-Flare! |
| LHRH-Antagonisten (Degarelix) | Keine Flare-Reaktion, sofortiger Testosteronabfall |
| Antiandrogene (Bicalutamid) | Blockieren Androgenrezeptor |
| Operative Kastration (Orchiektomie bilateral) | Sofortiger dauerhafter Testosteronabfall |
| Neue Antiandrogene (Enzalutamid, Abirateronacetat) | Bei CRPC (Kastrationsresistenz) |
Nebenwirkungen der ADT:
- Libidoverlust, erektile Dysfunktion
- Hitzewallungen
- Osteoporose (Bisphosphonate prophylaktisch!)
- Metabolisches Syndrom, kardiovaskuläre Risiken
- Anämie, kognitive Beeinträchtigung
Therapie bei Metastasierung
- ADT + Docetaxel (Chemotherapie) oder neuere Antiandrogene
- Knochenmetastasen: Bisphosphonate (Zoledronat), Denosumab
- PSMA-Radioligandentherapie (Lutetium-177-PSMA) bei CRPC
Komplikationen
- Spinale Kompression durch Wirbelmetastasen (urologisch-onkologischer Notfall!)
- Harnstau durch Tumorwachstum in den Blasenhals/Ureteren
- Pathologische Frakturen bei ossären Metastasen
- Kastrationsresistenz (CRPC) — trotz Kastration steigt PSA wieder an
Prognose
| Stadium | 5-Jahres-Überleben |
|---|---|
| Lokal begrenztes PCa (T1–T2) | ~95–99 % |
| Lokal fortgeschrittenes PCa (T3–T4) | ~75–85 % |
| Metastasiertes PCa | ~30–40 % |
Wichtig: Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebstodesursache beim Mann, aber viele Patienten sterben MIT, nicht AN ihrem Prostatakarzinom — langsame Wachstumsdynamik ist typisch.
Klinische Perlen
1. PSA allein entscheidet nicht. PSA ist organspezifisch, nicht karzinomspezifisch. BPH, Prostatitis und Manipulation erhöhen den PSA. Entscheidend ist der Trend (PSA-Velocity), das freie/Gesamt-PSA-Verhältnis und die DRU.
2. Active Surveillance ist keine Kapitulation. Bei Low-Risk-Karzinom ist Active Surveillance leitliniengerecht — kurative Therapie bleibt jederzeit möglich. Unnötige Prostatektomien vermeiden schlechte Lebensqualität.
3. LHRH-Agonisten → Flare-Reaktion! In den ersten 1–2 Wochen steigt Testosteron an, bevor es abfällt. Bei ossären Metastasen kann das zu Schmerz-Flare oder spinaler Kompression führen → vorherige Antiandrogen-Gabe (Flare-Prophylaxe).
4. Osteoblastische Metastasen = Prostata. Im Knochen-Röntgen/Szintigramm erscheinen Prostatametastasen als sklerotische, dichte Bezirke — im Gegensatz zu den lytischen Metastasen anderer Tumoren. Klassische Prüfungsfrage!
Prüfungstipps
- Häufigstes Karzinom des Mannes — Prostata (nicht Lunge!)
- PSA-Grenzwert 4 ng/ml — aber altersabhängig und nicht absolut
- Gleason 6 (3+3) = Low-Risk → Active Surveillance möglich
- Gleason 7 = Unterschied (3+4) vs. (4+3)! — (4+3) schlechter als (3+4)
- Osteoblastische Knochenmetastasen = Prostata (Gegenteil: osteolytisch = Niere, Lunge, Myelom)
- ADT → Flare-Reaktion bei LHRH-Agonisten — LHRH-Antagonisten haben keinen Flare
- Spinale Kompression = onkologischer Notfall → sofortige Kortikosteroide + Strahlentherapie
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| PSA | Prostata-spezifisches Antigen — Tumormarker, auch bei BPH und Prostatitis erhöht |
| Gleason-Score | Histologisches Gradingsystem (2–10) — höher = schlechter differenziert |
| Active Surveillance | Aktive Überwachung ohne sofortige Therapie bei Low-Risk-PCa |
| ADT | Androgendeprivationstherapie — Testosteronentzug (chemisch oder chirurgisch) |
| CRPC | Kastrationsresistentes Prostatakarzinom — trotz ADT Progression |
| PSMA-PET-CT | Molekulare Bildgebung mit Prostata-spezifischem Membranantigen — sensitiv für Rezidiv |
| Flare-Reaktion | Initialer Testosteronanstieg bei LHRH-Agonisten → Symptomverschlechterung möglich |
| Radikale Prostatektomie | Operative Entfernung der Prostata mit Samenblasen und Beckenlymphknoten |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Das Prostatakarzinom (PCa) ist ein meist von der peripheren Zone der Prostata ausgehender maligner epithelialer Tumor. In über 95 % der Fälle handelt es sich um ein Adenokarzinom.
Epidemiologie:
- Häufigstes Karzinom des Mannes (vor Lungen- und Dickdarmkarzinom)
- ~65.000 Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland
- Häufigkeitsgipfel: 60.–75. Lebensjahr
- Mittleres Erkrankungsalter: 70 Jahre
Ätiologie 🔗
| Risikofaktor | Erläuterung |
|---|---|
| Alter | Stärkster Risikofaktor — selten vor dem 50. Lebensjahr |
| Positive Familienanamnese | Vater oder Bruder betroffen: 2–3-faches Risiko |
| Ethnizität | Afroamerikaner: höchste Inzidenz; Asiaten: niedrigste Inzidenz |
| Androgene | Testosteron fördert Tumorwachstum (Grundlage der ADT) |
| Ernährung | Fettreiche Ernährung möglicherweise fördernd (nicht sicher belegt) |
| BRCA2-Mutation | Erhöhtes Risiko und aggressiverer Verlauf |
Pathophysiologie 🔗
Maligne Entartung der Drüsenepithelzellen der Prostata → überwiegend in der peripheren Zone (70 %) → Androgenabhängigkeit des Tumors ermöglicht hormonelle Therapie. Im Laufe der Zeit entwickelt sich Kastrationsresistenz (CRPC = Castration-Resistant Prostate Cancer).
Metastasierungswege:
- Lymphogen: Beckenlymphknoten → paraaortale LK
- Hämatogen: Knochen (osteoblastische Metastasen!) — WS, Becken, Femur, Rippen
- Selten: Lunge, Leber
Merkhilfe: "Prostatametastasen = Knochen blühen auf" — die osteoblastischen Knochenmetastasen sind charakteristisch (im Gegensatz zu den osteolytischen beim Nierenzellkarzinom).
Symptome & Klinik 🔗
Gleason-Grading-System (histopathologisch)
Bewertung des Drüsenmusters durch Pathologen — Summe aus den zwei häufigsten Mustern (Muster 1–5, 1 = gut differenziert, 5 = undifferenziert):
| Gleason-Score | Bedeutung | Prognose |
|---|---|---|
| 6 (3+3) | Gut differenziert | Günstig |
| 7 (3+4) | Mäßig differenziert — überwiegend besser | Intermediär |
| 7 (4+3) | Mäßig differenziert — überwiegend schlechter | Intermediär |
| 8–10 | Schlecht differenziert / undifferenziert | Ungünstig |
Heute: ISUP-Grade-Gruppen (Grade Group 1–5) werden parallel zum Gleason-Score angegeben.
TNM-Klassifikation (klinisch relevant)
| Stadium | Beschreibung |
|---|---|
| T1 | Klinisch nicht tastbar, Zufallsbefund (z.B. nach TURP) |
| T2 | Auf Prostata begrenzt (T2a: ein Lappen; T2b: beide Lappen) |
| T3 | Kapselüberschreitung (T3a) oder Samenblaseninfiltration (T3b) |
| T4 | Infiltration von Nachbarorganen (Blasenhals, Rektum) |
| N1 | Regionäre Lymphknotenmetastasen |
| M1 | Fernmetastasen (M1a: nicht-regionäre LK; M1b: Knochen; M1c: andere) |
Risikogruppen (EAU-Klassifikation)
| Gruppe | Kriterien |
|---|---|
| Low-Risk | PSA < 10, Gleason ≤ 6, T1–T2a |
| Intermediate | PSA 10–20, Gleason 7, T2b–T2c |
| High-Risk | PSA > 20, Gleason ≥ 8, T3–T4 |
Frühstadium: Meist asymptomatisch — daher Screening-Bedeutung
Lokalfortgeschrittenes Stadium:
- Miktionsprobleme (ähnlich BPH): Abschwächung des Harnstrahls, Pollakisurie, Nykturie
- Hämaturie, Hämospermie
- Erektile Dysfunktion
Metastasiertes Stadium:
- Knochenschmerzen (Rücken, Becken, Hüfte) — Leitsymptom bei ossären Metastasen
- Pathologische Frakturen
- Lymphödem der Beine bei Lymphknotenbefall
- Spinale Kompression bei Wirbelmetastasen (Notfall!)
- Gewichtsverlust, Fatigue, Anämie (B-Symptomatik)
Diagnostik 🔗
Screening — PSA und DRU
PSA (Prostata-spezifisches Antigen):
- Nicht organspezifisch, sondern prostataspezifisch — auch erhöht bei BPH, Prostatitis, nach Katheterisierung
- Grenzwert 4 ng/ml (altersabhängig)
- PSA-Velocity > 0,75 ng/ml/Jahr = verdächtig
- Freies PSA / Gesamt-PSA < 25 % = erhöhtes Karzinomrisiko
- PSA-Dichte (PSA/Prostatavolumen): > 0,15 = verdächtig
Digital-rektale Untersuchung (DRU):
- Abtasten der peripheren Zone
- Verdächtig: Verhärtung, Asymmetrie, Knoten, fixierte Induration
PSA-Screening-Kontroverse: Überdiagnose und -behandlung langsam wachsender Tumoren ist real — die Entscheidung zum PSA-Test muss gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden (Shared Decision Making).
Biopsie — Goldstandard
Transrektale ultraschallgesteuerte Stanzbiopsie (TRUS-Biopsie):
- 12 Stanzen systematisch aus allen Zonen
- Alternativ: MRT-fusionierte Biopsie (gezielt aus verdächtigen Arealen)
Obligate Histologie: Adenokarzinom, Gleason-Score, Anteil befallener Stanzen
Bildgebung (Staging)
| Methode | Indikation |
|---|---|
| MRI Prostata (mpMRT) | Vor Biopsie bei PSA ↑ — zeigt verdächtige Areale (PI-RADS-Klassifikation) |
| Knochenszintigraphie | PSA > 20 oder Knochenschmerzen — Nachweis ossärer Metastasen |
| PSMA-PET-CT | Rezidivdiagnostik, Metastasensuche — moderner Goldstandard |
| CT Becken/Abdomen | Lymphknotenbeurteilung bei High-Risk-Tumoren |
Differentialdiagnosen 🔗
| DD | Abgrenzung |
|---|---|
| BPH (benigne Prostatahyperplasie) | PSA meist < 10, kein Karzinomnachweis in Biopsie, Hyperplasie der Transitionalzone |
| Prostatitis | Akute Entzündung, PSA passager stark erhöht, Biopsie nach Therapie |
| Prostatainfarkt | PSA-Anstieg nach ischämischem Ereignis |
| Knochenmetastasen anderer Primärtumoren | Osteolytisch (Niere, Lunge, Schilddrüse) vs. osteoblastisch (Prostata) |
Therapie 🔗
Active Surveillance (Aktive Überwachung)
Indikation: Low-Risk-Karzinom (PSA < 10, Gleason 6, T1–T2a, < 3 positive Stanzen)
- Regelmäßige PSA-Kontrollen alle 3–6 Monate
- Kontrollbiopsie nach 1 Jahr, dann alle 2–3 Jahre
- mpMRT jährlich
- Ziel: Unnötige Behandlung vermeiden — Eingriff nur bei Progression
Wichtig: Active Surveillance ≠ Watchful Waiting (WW). Bei WW wird auf kurative Therapie verzichtet (palliativ-orientiert, bei älteren Patienten mit Komorbiditäten).
Radikale Prostatektomie
Indikation: Lokal begrenztes PCa mit kurativer Absicht, Lebenserwartung > 10 Jahre
Zugangswege:
- Retropubisch offen (klassisch)
- Laparoskopisch / robotisch-assistiert (da Vinci) — heute Standard
Nebenwirkungen:
- Harninkontinenz (temporär in ~50 %, dauerhaft in 5–15 %)
- Erektile Dysfunktion (durch Verletzung der Nn. erigentes — nerverhaltende Technik wenn möglich)
- Anastomosenstriktur
Strahlentherapie
Externe Bestrahlung (EBRT):
- Gleichwertig zur OP bei lokal begrenztem PCa
- Kombination mit ADT bei Intermediate/High-Risk empfohlen
Brachytherapie (Seeds-Implantation):
- Radioaktive Jod-125-Seeds direkt in die Prostata
- Nur bei Low/favourable Intermediate-Risk geeignet
Hormontherapie (ADT = Androgen-Deprivations-Therapie)
Prinzip: Testosteron fördert Tumorwachstum → Androgenentzug → Tumorregression
Methoden:
| Methode | Wirkung |
|---|---|
| LHRH-Agonisten (Leuprorelin, Goserekin) | Chemische Kastration — initialer Testosteron-Flare! |
| LHRH-Antagonisten (Degarelix) | Keine Flare-Reaktion, sofortiger Testosteronabfall |
| Antiandrogene (Bicalutamid) | Blockieren Androgenrezeptor |
| Operative Kastration (Orchiektomie bilateral) | Sofortiger dauerhafter Testosteronabfall |
| Neue Antiandrogene (Enzalutamid, Abirateronacetat) | Bei CRPC (Kastrationsresistenz) |
Nebenwirkungen der ADT:
- Libidoverlust, erektile Dysfunktion
- Hitzewallungen
- Osteoporose (Bisphosphonate prophylaktisch!)
- Metabolisches Syndrom, kardiovaskuläre Risiken
- Anämie, kognitive Beeinträchtigung
Therapie bei Metastasierung
- ADT + Docetaxel (Chemotherapie) oder neuere Antiandrogene
- Knochenmetastasen: Bisphosphonate (Zoledronat), Denosumab
- PSMA-Radioligandentherapie (Lutetium-177-PSMA) bei CRPC
Komplikationen 🔗
- Spinale Kompression durch Wirbelmetastasen (urologisch-onkologischer Notfall!)
- Harnstau durch Tumorwachstum in den Blasenhals/Ureteren
- Pathologische Frakturen bei ossären Metastasen
- Kastrationsresistenz (CRPC) — trotz Kastration steigt PSA wieder an
Prognose 🔗
| Stadium | 5-Jahres-Überleben |
|---|---|
| Lokal begrenztes PCa (T1–T2) | ~95–99 % |
| Lokal fortgeschrittenes PCa (T3–T4) | ~75–85 % |
| Metastasiertes PCa | ~30–40 % |
Wichtig: Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebstodesursache beim Mann, aber viele Patienten sterben MIT, nicht AN ihrem Prostatakarzinom — langsame Wachstumsdynamik ist typisch.
✨ Clinical Pearls
**1. PSA allein entscheidet nicht.** PSA ist organspezifisch, nicht karzinomspezifisch. BPH, Prostatitis und Manipulation erhöhen den PSA. Entscheidend ist der Trend (PSA-Velocity), das freie/Gesamt-PSA-Verhältnis und die DRU.
**2. Active Surveillance ist keine Kapitulation.** Bei Low-Risk-Karzinom ist Active Surveillance leitliniengerecht — kurative Therapie bleibt jederzeit möglich. Unnötige Prostatektomien vermeiden schlechte Lebensqualität.
**3. LHRH-Agonisten → Flare-Reaktion!** In den ersten 1–2 Wochen steigt Testosteron an, bevor es abfällt. Bei ossären Metastasen kann das zu Schmerz-Flare oder spinaler Kompression führen → vorherige Antiandrogen-Gabe (Flare-Prophylaxe).
**4. Osteoblastische Metastasen = Prostata.** Im Knochen-Röntgen/Szintigramm erscheinen Prostatametastasen als sklerotische, dichte Bezirke — im Gegensatz zu den lytischen Metastasen anderer Tumoren. Klassische Prüfungsfrage!
Prüfungstipps
- - Häufigstes Karzinom des Mannes — Prostata (nicht Lunge!)
- - PSA-Grenzwert 4 ng/ml — aber altersabhängig und nicht absolut
- - Gleason 6 (3+3) = Low-Risk → Active Surveillance möglich
- - Gleason 7 = Unterschied (3+4) vs. (4+3)! — (4+3) schlechter als (3+4)
- - Osteoblastische Knochenmetastasen = Prostata (Gegenteil: osteolytisch = Niere, Lunge, Myelom)
- - ADT → Flare-Reaktion bei LHRH-Agonisten — LHRH-Antagonisten haben keinen Flare
- - Spinale Kompression = onkologischer Notfall → sofortige Kortikosteroide + Strahlentherapie
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