Herzinsuffizienz
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Herzinsuffizienz = Pumpleistung des Herzens reicht nicht aus, um den Körperbedarf zu decken — häufigste kardiale Ursache für Krankenhauseinweisungen in Deutschland
- 2. Häufigste Ursachen: KHK und arterielle Hypertonie — gemeinsam für >70 % verantwortlich
- 3. Einteilung nach EF: HFrEF (<40 %), HFmrEF (40–49 %), HFpEF (≥50 %)
- 4. NYHA-Stadien bestimmen die Therapieintensität — von I (keine Symptome) bis IV (Ruhedyspnoe)
- 5. Basistherapie HFrEF: ACE-Hemmer + Beta-Blocker + Aldosteronantagonist ("die drei Säulen")
Fallvignette
Eine 72-jährige Patientin stellt sich vor mit zunehmender Atemnot bei Belastung seit 3 Monaten...
Sie kann keine Treppe mehr steigen ohne Pause (NYHA III). Nachts schläft sie auf zwei Kissen, da sie sonst Luftnot bekommt (Orthopnoe). Die Unterschenkel sind beidseitig ödematös. Im Labor: NT-proBNP deutlich erhöht (>1800 pg/ml). Herzfrequenz 92/min, Blutdruck 130/85 mmHg, basale Rasselgeräusche beidseits.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Herzinsuffizienz
Auf einen Blick
- Herzinsuffizienz = Pumpleistung des Herzens reicht nicht aus, um den Körperbedarf zu decken — häufigste kardiale Ursache für Krankenhauseinweisungen in Deutschland
- Häufigste Ursachen: KHK und Arterielle Hypertonie — gemeinsam für >70 % verantwortlich
- Einteilung nach EF: HFrEF (<40 %), HFmrEF (40–49 %), HFpEF (≥50 %)
- NYHA-Stadien bestimmen die Therapieintensität — von I (keine Symptome) bis IV (Ruhedyspnoe)
- Basistherapie HFrEF: ACE-Hemmer + Beta-Blocker + Aldosteronantagonist („die drei Säulen“)
Fallvignette
Eine 72-jährige Patientin stellt sich vor mit zunehmender Atemnot bei Belastung seit 3 Monaten…
Sie kann keine Treppe mehr steigen ohne Pause (NYHA III). Nachts schläft sie auf zwei Kissen, da sie sonst Luftnot bekommt (Orthopnoe). Die Unterschenkel sind beidseitig ödematös. Im Labor: NT-proBNP deutlich erhöht (>1800 pg/ml). Herzfrequenz 92/min, Blutdruck 130/85 mmHg, basale Rasselgeräusche beidseits.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Herzinsuffizienz liegt vor, wenn das Herz nicht in der Lage ist, ausreichend Blut in den Kreislauf zu pumpen, um den metabolischen Bedarf des Organismus zu decken — oder dies nur unter Erhöhung der Füllungsdrücke möglich ist.
Zwei funktionelle Grundstörungen:
- Systolische Dysfunktion: Reduzierte Kontraktionskraft → HFrEF
- Diastolische Dysfunktion: Verminderte Relaxationsfähigkeit → HFpEF
Ätiologie & Risikofaktoren
Häufige Ursachen
| Ursache | Anteil |
|---|---|
| Koronare Herzkrankheit (KHK) | ~60 % |
| Arterielle Hypertonie | ~20 % |
| Herzklappenfehler (Aortenklappenstenose, Mitralklappeninsuffizienz) | ~10 % |
| Herzrhythmusstörungen (chronisches Vorhofflimmern) | häufig als Auslöser |
Seltenere Ursachen
- Kardiomyopathien: dilatatativ (DCM), hypertroph (HCM), restriktiv
- Myokarditis: viral (Coxsackie B), bakteriell, autoimmun
- Systemerkrankungen: Amyloidose, Hämochromatose, Sarkoidose
- Toxisch: Anthrazykline, Trastuzumab, Alkohol, Kokain
Pathophysiologie
Das insuffiziente Herz löst eine Kaskade von Kompensationsmechanismen aus:
- Aktivierung des RAAS: Angiotensin II → Vasokonstriktion + Aldosteron → Natrium- und Wasserretention → Volumenüberladung
- Sympathikusaktivierung: Katecholamine → Tachykardie, Vasokonstriktion → kurzfristig kompensierend, langfristig schädigend
- Myokardiale Hypertrophie: als Antwort auf Druck- und Volumenbelastung → zunächst kompensierend, dann Fibrose und Dekompensation
Diese Mechanismen sind ursprünglich sinnvoll, werden aber bei chronischer Aktivierung selbst zur Ursache der Progression.
Klassifikation
ESC-Klassifikation nach Ejektionsfraktion
| Typ | EF | Weitere Kriterien |
|---|---|---|
| HFrEF (reduzierte EF) | <40 % | Symptome der HI |
| HFmrEF (mittelgradige EF) | 40–49 % | Symptome + NT-proBNP ↑ + strukturelle Herzerkrankung |
| HFpEF (erhaltene EF) | ≥50 % | Symptome + NT-proBNP ↑ + diastolische Dysfunktion |
NYHA-Klassifikation (klinisch entscheidend)
| NYHA | Klinik | Alltagsbeispiel |
|---|---|---|
| I | Keine Beschwerden bei Belastung | Herzerkrankung ohne Limitation |
| II | Beschwerden bei stärkerer Belastung | 2 Stockwerke Treppensteigen |
| III | Beschwerden bei leichter Belastung | 1 Stockwerk Treppensteigen |
| IV | Beschwerden in Ruhe | Sitzen, Aufstehen |
Nach betroffenem Ventrikel
- Linksherzinsuffizienz: Rückstau in die Lungenvenen → pulmonale Stauung
- Rechtsherzinsuffizienz: Rückstau in das Venensystem → periphere Ödeme, Stauungsleber
- Globalinsuffizienz: Beide Ventrikel betroffen
Symptome & Klinik
Linksherzinsuffizienz
- Dyspnoe: zunächst Belastungsdyspnoe, dann Ruhedyspnoe mit Orthopnoe
- Asthma cardiale: nächtliche Hustenanfälle mit Dyspnoe (Rückstau in Lunge)
- Pleuraergüsse und Lungenödem (alveoläres Ödem = rosa-schaumiges Sputum!)
- Zerebrale Minderperfusion → Verwirrtheit, Benommenheit
Rechtsherzinsuffizienz
- Beinödeme (Pitting-Ödeme, abends schlimmer, morgens besser)
- Halsvenenstauung (sichtbar in Ruhe oder bei hepatojugulärem Reflux)
- Hepatomegalie mit Leberkapselspannungsschmerz
- Ggf. Aszites, Ikterus (Stauungsleber)
Diagnostik
Basisdiagnostik
Anamnese: Dyspnoe, Ödeme, Leistungsminderung; Vorerkrankungen (KHK, Hypertonie); Medikamente (Kardiotoxika?), Alkohol
Körperliche Untersuchung:
- Verlagerter, verbreiterter Herzspitzenstoß
- 3. Herzton („Galopp-Rhythmus“) — Zeichen der Dilatation
- Feuchte Rasselgeräusche (Lungenstauung), Pleuraerguss
- Pulsus alternans (wechselnde systolische Amplitude)
- Hepatojugulärer Reflux → erhöhter ZVD
Erweiterte Diagnostik
EKG:
- Linksherzhypertrophie (Sokolow-Lyon-Index >3,5 mV)
- Zeichen eines abgelaufenen Infarkts (Q-Zacken, R-Verlust)
- Vorhofflimmern, LSB, AV-Block, Niedervoltage (Perikarderguss)
Echokardiographie (Schlüsseluntersuchung!):
- LVEF bestimmen (Normal: ♂ ≥54 %, ♀ ≥52 %)
- Wandbewegungsstörungen (ischämische HI?), Klappen beurteilen
- Diastolische Funktion, Rechtsherzbelastung, VCI-Füllungszustand
Röntgen-Thorax:
- Kardiomegalie (Herz-Thorax-Quotient >0,5)
- Pulmonale Stauung: gestaute Hilusgefäße, basale Pleuraergüsse
- Interstitielles Ödem: Kerley-B-Linien (horizontale Linien basal)
- Alveoläres Ödem: Schmetterlingsödem (perihiläre Verschattung)
Wichtige Befunde
Labor:
- BB, Nierenwerte (Kreatinin + GFR), Elektrolyte, Glucose, HbA1c, Leberwerte, TSH, Troponin, Ferritin
- BNP / NT-proBNP: Empfindlichster Marker der Herzinsuffizienz; auch erhöht bei Lungenembolie, Niereninsuffizienz!
Kardio-MRT: Bei V.a. Myokarditis, Amyloidose, Sarkoidose oder Hämochromatose — Gewebscharakterisierung
Koronarangiographie: Um KHK als Ursache zu sichern und Revaskularisationsbedarf zu klären
Differentialdiagnosen
| Symptom | DD | Unterscheidung |
|---|---|---|
| Dyspnoe | COPD / Asthma | Obstruktion in Spirometrie, Anamnese, kein BNP-Anstieg |
| Dyspnoe | Lungenembolie | Akuter Beginn, D-Dimer ↑, CT-Angiographie |
| Ödeme | Nephrotisches Syndrom | Hypoalbuminämie, Proteinurie |
| Ödeme | Venöse Insuffizienz | Asymmetrisch, Varizen, kein Halsvenenstau |
| BNP erhöht | Niereninsuffizienz | Renale Clearance ↓, kein Echo-Befund |
Therapie
Allgemeinmaßnahmen
- Kausale Therapie: Behandlung der Grundkrankheit (RR-Einstellung, Revaskularisation, Klappenersatz)
- Moderates körperliches Training (bei stabiler HI) — verbessert Prognose und Lebensqualität!
- Kochsalzarme Ernährung, Flüssigkeitsrestriktion bei Ödemen
- Gewichtskontrolle: Anstieg >2 kg in 3 Tagen → Arztbesuch
- Noxenkarenz: Nikotin, Alkohol, NSAR (NSAR kontraindiziert bei HI!)
- Impfungen: Pneumokokken + Influenza
Medikamentöse Therapie (HFrEF)
| Medikament | NYHA | Indikation |
|---|---|---|
| ACE-Hemmer (Ramipril) | I–IV | EF ≤40 %; AT1-Blocker als Alternative |
| Beta-Blocker (Carvedilol, Bisoprolol) | (I) II–IV | EF ≤40 %; ab Stadium I bei Z.n. Infarkt |
| Aldosteronantagonist (Spironolacton) | II–IV | EF ≤35 %, trotz ACE-I + BB sympomatisch |
| Schleifendiuretikum (Furosemid) | II–IV | Bei Stauungszeichen — symptomatisch |
| Ivabradin (If-Kanal-Hemmer) | II–IV | EF ≤35 %, Sinusrhythmus, HF ≥70/min |
| Sacubitril/Valsartan (ARNI) | II–IV | EF ≤35 %, trotz optimaler Therapie symptomatisch |
HFpEF: Bislang keine Therapie mit Mortalitätsreduktion nachgewiesen — Symptomkontrolle mit Diuretika + Komorbidithätsbehandlung
Interventionell / Operativ
ICD (Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator):
- Primärprophylaxe: NYHA II–III + EF ≤35 % trotz optimaler Therapie
- Sekundärprophylaxe: nach überlebtem Herzstillstand / hämodynamisch instabiler VT
CRT (Kardiale Resynchronisationstherapie):
- NYHA II–III, Sinusrhythmus, EF ≤35 % trotz OMT
- QRS ≥120 ms mit Linksschenkelblock-Morphologie
Herztransplantation: Ultima ratio bei therapierefraktärer, terminaler Herzinsuffizienz
Komplikationen
- Kardiale Dekompensation mit akutem Lungenödem (lebensbedrohlich!)
- Kardiogener Schock (systolischer RR <90 mmHg trotz Füllung)
- Ventrikuläre Rhythmusstörungen → plötzlicher Herztod
- Thromboembolie: Schlaganfall, besonders bei Vorhofflimmern
- Kardiorenales Syndrom: Nierenfunktionsverschlechterung durch renale Minderperfusion
- Zentrales Schlafapnoe-Syndrom (Cheyne-Stokes-Atmung)
Akute Herzinsuffizienz / kardiale Dekompensation
Auslöser: ACS, Hypertensive Krise, Vorhofflimmern, Infektion, NSAR-Einnahme
Soforttherapie:
- Aufrechte Lagerung (sitzend — senkt venösen Rückstrom)
- O₂-Gabe (Ziel SpO₂ >95 %), ggf. NIV-Beatmung (CPAP)
- Nitroglycerin i.v. (wenn RR >100 mmHg)
- Furosemid i.v. (Volumenentzug — Kernsymptom ist Stauung)
- Morphin bei ausgeprägter Angst/Dyspnoe (Vorsicht bei Hypotonie)
Prognose
| NYHA-Stadium | 1-Jahres-Sterblichkeit |
|---|---|
| I | <10 % |
| II | ~15 % |
| III | ~25 % |
| IV | ~50 % |
Die Prognose der Herzinsuffizienz ist trotz moderner Therapie ernst — vergleichbar mit vielen Malignomen. Unter leitliniengerechter Therapie lässt sie sich jedoch wesentlich verbessern.
Prävention
- Konsequente Behandlung von Risikofaktoren (RR, Blutzucker, Gewicht)
- Frühe Revaskularisation bei KHK
- Keine Selbstmedikation mit NSAR
- Regelmäßige kardiologische Kontrollen bei bekannter Grunderkrankung
Klinische Perlen
1. NSAR sind bei Herzinsuffizienz kontraindiziert. Sie antagonisieren die renale Wirkung von ACE-Hemmern und Diuretika und können eine akute Dekompensation auslösen. Häufige Ursache für Notaufnahmen!
2. Asthma cardiale ≠ Asthma bronchiale. Der nächtliche Husten mit Dyspnoe bei Herzinsuffizienz entsteht durch pulmonale Stauung im Liegen. Entscheidend: BNP bestimmen!
3. „Die drei Säulen“ der HFrEF-Therapie: ACE-Hemmer + Beta-Blocker + Aldosteronantagonist. Diese Kombination reduziert die Mortalität nachgewiesenermaßen.
4. Gewichtszunahme ist ein Frühwarnsignal. 2 kg in 3 Tagen = beginnende Dekompensation. Patienten müssen täglich nüchtern wiegen!
Prüfungstipps
- NYHA-Stadien auswendig wissen — Prüferfrage: „Ab welchem Stadium wird ICD implantiert?“ (NYHA II–III + EF ≤35 %)
- EF-Grenzwerte: HFrEF <40 %, HFmrEF 40–49 %, HFpEF ≥50 % — häufig im Multiple-Choice
- Echokardiographie ist die Schlüsseluntersuchung zur Diagnose und EF-Bestimmung
- BNP erhöht → nicht automatisch Herzinsuffizienz! Auch bei Lungenembolie, Niereninsuffizienz, pulmonaler Hypertonie erhöht
- Röntgen-Thorax: Kerley-B-Linien = interstitielles Ödem; Schmetterlingsödem = alveoläres Ödem
- Akute Dekompensation: Furosemid i.v. + Nitro (wenn RR >100) — keine Diuretika bei Hypotonie!
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| HFrEF | Herzinsuffizienz mit EF <40 % (systolische Dysfunktion) |
| HFpEF | Herzinsuffizienz mit EF ≥50 % (diastolische Dysfunktion) |
| NYHA | Klassifikation der HI nach körperlicher Belastbarkeit (I–IV) |
| BNP / NT-proBNP | Natriuretische Peptide — Marker der Wandspannung des Herzens |
| Kerley-B-Linien | Horizontale Linien basal im Röntgen — interstitielles Ödem |
| Schmetterlingsödem | Perihiläre Verschattung im Röntgen — alveoläres Lungenödem |
| Hepatojugulärer Reflux | Halsvenenstauung bei Druck auf Oberbauch → erhöhter ZVD |
| ICD | Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator — Schutz vor plötzlichem Herztod |
| CRT | Kardiale Resynchronisationstherapie bei Linksschenkelblock + EF ≤35 % |
🎓 Jetzt für KP & FSP vorbereiten
Dieses KP-Buch-Kapitel ist Teil unserer Kursvorbereitung. Im All-in-One Masterkurs findest du alle Fachgebiete, Prüfungsprotokolle und Arztbrief-Training.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Herzinsuffizienz liegt vor, wenn das Herz nicht in der Lage ist, ausreichend Blut in den Kreislauf zu pumpen, um den metabolischen Bedarf des Organismus zu decken — oder dies nur unter Erhöhung der Füllungsdrücke möglich ist.
Zwei funktionelle Grundstörungen:
- Systolische Dysfunktion: Reduzierte Kontraktionskraft → HFrEF
- Diastolische Dysfunktion: Verminderte Relaxationsfähigkeit → HFpEF
Ätiologie 🔗
Häufige Ursachen
| Ursache | Anteil |
|---|---|
| Koronare Herzkrankheit (KHK) | ~60 % |
| Arterielle Hypertonie | ~20 % |
| Herzklappenfehler (Aortenklappenstenose, Mitralklappeninsuffizienz) | ~10 % |
| Herzrhythmusstörungen (chronisches Vorhofflimmern) | häufig als Auslöser |
Seltenere Ursachen
- Kardiomyopathien: dilatatativ (DCM), hypertroph (HCM), restriktiv
- Myokarditis: viral (Coxsackie B), bakteriell, autoimmun
- Systemerkrankungen: Amyloidose, Hämochromatose, Sarkoidose
- Toxisch: Anthrazykline, Trastuzumab, Alkohol, Kokain
Pathophysiologie 🔗
Das insuffiziente Herz löst eine Kaskade von Kompensationsmechanismen aus:
- Aktivierung des RAAS: Angiotensin II → Vasokonstriktion + Aldosteron → Natrium- und Wasserretention → Volumenüberladung
- Sympathikusaktivierung: Katecholamine → Tachykardie, Vasokonstriktion → kurzfristig kompensierend, langfristig schädigend
- Myokardiale Hypertrophie: als Antwort auf Druck- und Volumenbelastung → zunächst kompensierend, dann Fibrose und Dekompensation
Diese Mechanismen sind ursprünglich sinnvoll, werden aber bei chronischer Aktivierung selbst zur Ursache der Progression.
Symptome & Klinik 🔗
ESC-Klassifikation nach Ejektionsfraktion
| Typ | EF | Weitere Kriterien |
|---|---|---|
| HFrEF (reduzierte EF) | <40 % | Symptome der HI |
| HFmrEF (mittelgradige EF) | 40–49 % | Symptome + NT-proBNP ↑ + strukturelle Herzerkrankung |
| HFpEF (erhaltene EF) | ≥50 % | Symptome + NT-proBNP ↑ + diastolische Dysfunktion |
NYHA-Klassifikation (klinisch entscheidend)
| NYHA | Klinik | Alltagsbeispiel |
|---|---|---|
| I | Keine Beschwerden bei Belastung | Herzerkrankung ohne Limitation |
| II | Beschwerden bei stärkerer Belastung | 2 Stockwerke Treppensteigen |
| III | Beschwerden bei leichter Belastung | 1 Stockwerk Treppensteigen |
| IV | Beschwerden in Ruhe | Sitzen, Aufstehen |
Nach betroffenem Ventrikel
- Linksherzinsuffizienz: Rückstau in die Lungenvenen → pulmonale Stauung
- Rechtsherzinsuffizienz: Rückstau in das Venensystem → periphere Ödeme, Stauungsleber
- Globalinsuffizienz: Beide Ventrikel betroffen
Linksherzinsuffizienz
- Dyspnoe: zunächst Belastungsdyspnoe, dann Ruhedyspnoe mit Orthopnoe
- Asthma cardiale: nächtliche Hustenanfälle mit Dyspnoe (Rückstau in Lunge)
- Pleuraergüsse und Lungenödem (alveoläres Ödem = rosa-schaumiges Sputum!)
- Zerebrale Minderperfusion → Verwirrtheit, Benommenheit
Rechtsherzinsuffizienz
- Beinödeme (Pitting-Ödeme, abends schlimmer, morgens besser)
- Halsvenenstauung (sichtbar in Ruhe oder bei hepatojugulärem Reflux)
- Hepatomegalie mit Leberkapselspannungsschmerz
- Ggf. Aszites, Ikterus (Stauungsleber)
Diagnostik 🔗
Basisdiagnostik
Anamnese: Dyspnoe, Ödeme, Leistungsminderung; Vorerkrankungen (KHK, Hypertonie); Medikamente (Kardiotoxika?), Alkohol
Körperliche Untersuchung:
- Verlagerter, verbreiterter Herzspitzenstoß
- 3. Herzton ("Galopp-Rhythmus") — Zeichen der Dilatation
- Feuchte Rasselgeräusche (Lungenstauung), Pleuraerguss
- Pulsus alternans (wechselnde systolische Amplitude)
- Hepatojugulärer Reflux → erhöhter ZVD
Erweiterte Diagnostik
EKG:
- Linksherzhypertrophie (Sokolow-Lyon-Index >3,5 mV)
- Zeichen eines abgelaufenen Infarkts (Q-Zacken, R-Verlust)
- Vorhofflimmern, LSB, AV-Block, Niedervoltage (Perikarderguss)
Echokardiographie (Schlüsseluntersuchung!):
- LVEF bestimmen (Normal: ♂ ≥54 %, ♀ ≥52 %)
- Wandbewegungsstörungen (ischämische HI?), Klappen beurteilen
- Diastolische Funktion, Rechtsherzbelastung, VCI-Füllungszustand
Röntgen-Thorax:
- Kardiomegalie (Herz-Thorax-Quotient >0,5)
- Pulmonale Stauung: gestaute Hilusgefäße, basale Pleuraergüsse
- Interstitielles Ödem: Kerley-B-Linien (horizontale Linien basal)
- Alveoläres Ödem: Schmetterlingsödem (perihiläre Verschattung)
Wichtige Befunde
Labor:
- BB, Nierenwerte (Kreatinin + GFR), Elektrolyte, Glucose, HbA1c, Leberwerte, TSH, Troponin, Ferritin
- BNP / NT-proBNP: Empfindlichster Marker der Herzinsuffizienz; auch erhöht bei Lungenembolie, Niereninsuffizienz!
Kardio-MRT: Bei V.a. Myokarditis, Amyloidose, Sarkoidose oder Hämochromatose — Gewebscharakterisierung
Koronarangiographie: Um KHK als Ursache zu sichern und Revaskularisationsbedarf zu klären
Differentialdiagnosen 🔗
| Symptom | DD | Unterscheidung |
|---|---|---|
| Dyspnoe | COPD / Asthma | Obstruktion in Spirometrie, Anamnese, kein BNP-Anstieg |
| Dyspnoe | Lungenembolie | Akuter Beginn, D-Dimer ↑, CT-Angiographie |
| Ödeme | Nephrotisches Syndrom | Hypoalbuminämie, Proteinurie |
| Ödeme | Venöse Insuffizienz | Asymmetrisch, Varizen, kein Halsvenenstau |
| BNP erhöht | Niereninsuffizienz | Renale Clearance ↓, kein Echo-Befund |
Therapie 🔗
Allgemeinmaßnahmen
- Kausale Therapie: Behandlung der Grundkrankheit (RR-Einstellung, Revaskularisation, Klappenersatz)
- Moderates körperliches Training (bei stabiler HI) — verbessert Prognose und Lebensqualität!
- Kochsalzarme Ernährung, Flüssigkeitsrestriktion bei Ödemen
- Gewichtskontrolle: Anstieg >2 kg in 3 Tagen → Arztbesuch
- Noxenkarenz: Nikotin, Alkohol, NSAR (NSAR kontraindiziert bei HI!)
- Impfungen: Pneumokokken + Influenza
Medikamentöse Therapie (HFrEF)
| Medikament | NYHA | Indikation |
|---|---|---|
| ACE-Hemmer (Ramipril) | I–IV | EF ≤40 %; AT1-Blocker als Alternative |
| Beta-Blocker (Carvedilol, Bisoprolol) | (I) II–IV | EF ≤40 %; ab Stadium I bei Z.n. Infarkt |
| Aldosteronantagonist (Spironolacton) | II–IV | EF ≤35 %, trotz ACE-I + BB sympomatisch |
| Schleifendiuretikum (Furosemid) | II–IV | Bei Stauungszeichen — symptomatisch |
| Ivabradin (If-Kanal-Hemmer) | II–IV | EF ≤35 %, Sinusrhythmus, HF ≥70/min |
| Sacubitril/Valsartan (ARNI) | II–IV | EF ≤35 %, trotz optimaler Therapie symptomatisch |
HFpEF: Bislang keine Therapie mit Mortalitätsreduktion nachgewiesen — Symptomkontrolle mit Diuretika + Komorbidithätsbehandlung
Interventionell / Operativ
ICD (Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator):
- Primärprophylaxe: NYHA II–III + EF ≤35 % trotz optimaler Therapie
- Sekundärprophylaxe: nach überlebtem Herzstillstand / hämodynamisch instabiler VT
CRT (Kardiale Resynchronisationstherapie):
- NYHA II–III, Sinusrhythmus, EF ≤35 % trotz OMT
- QRS ≥120 ms mit Linksschenkelblock-Morphologie
Herztransplantation: Ultima ratio bei therapierefraktärer, terminaler Herzinsuffizienz
Komplikationen 🔗
- Kardiale Dekompensation mit akutem Lungenödem (lebensbedrohlich!)
- Kardiogener Schock (systolischer RR <90 mmHg trotz Füllung)
- Ventrikuläre Rhythmusstörungen → plötzlicher Herztod
- Thromboembolie: Schlaganfall, besonders bei Vorhofflimmern
- Kardiorenales Syndrom: Nierenfunktionsverschlechterung durch renale Minderperfusion
- Zentrales Schlafapnoe-Syndrom (Cheyne-Stokes-Atmung)
Akute Herzinsuffizienz / kardiale Dekompensation
Auslöser: ACS, Hypertensive Krise, Vorhofflimmern, Infektion, NSAR-Einnahme
Soforttherapie:
- Aufrechte Lagerung (sitzend — senkt venösen Rückstrom)
- O₂-Gabe (Ziel SpO₂ >95 %), ggf. NIV-Beatmung (CPAP)
- Nitroglycerin i.v. (wenn RR >100 mmHg)
- Furosemid i.v. (Volumenentzug — Kernsymptom ist Stauung)
- Morphin bei ausgeprägter Angst/Dyspnoe (Vorsicht bei Hypotonie)
Prognose 🔗
| NYHA-Stadium | 1-Jahres-Sterblichkeit |
|---|---|
| I | <10 % |
| II | ~15 % |
| III | ~25 % |
| IV | ~50 % |
Die Prognose der Herzinsuffizienz ist trotz moderner Therapie ernst — vergleichbar mit vielen Malignomen. Unter leitliniengerechter Therapie lässt sie sich jedoch wesentlich verbessern.
Prävention 🔗
- Konsequente Behandlung von Risikofaktoren (RR, Blutzucker, Gewicht)
- Frühe Revaskularisation bei KHK
- Keine Selbstmedikation mit NSAR
- Regelmäßige kardiologische Kontrollen bei bekannter Grunderkrankung
Prüfungstipps
- - NYHA-Stadien auswendig wissen — Prüferfrage: "Ab welchem Stadium wird ICD implantiert?" (NYHA II–III + EF ≤35 %)
- - EF-Grenzwerte: HFrEF <40 %, HFmrEF 40–49 %, HFpEF ≥50 % — häufig im Multiple-Choice
- - Echokardiographie ist die Schlüsseluntersuchung zur Diagnose und EF-Bestimmung
- - BNP erhöht → nicht automatisch Herzinsuffizienz! Auch bei Lungenembolie, Niereninsuffizienz, pulmonaler Hypertonie erhöht
- - Röntgen-Thorax: Kerley-B-Linien = interstitielles Ödem; Schmetterlingsödem = alveoläres Ödem
- - Akute Dekompensation: Furosemid i.v. + Nitro (wenn RR >100) — keine Diuretika bei Hypotonie!
