Myokardinfarkt — Akutes Koronarsyndrom (ACS)
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Das ACS umfasst drei Entitäten: instabile AP, NSTEMI und STEMI — Unterscheidung anhand von EKG und Troponin
- 2. Ursache: Plaqueruptur mit Thrombusbildung → vollständiger oder teilweiser Koronarverschluss
- 3. Leitsymptom: anhaltender retrosternaler Schmerz — aber bei Diabetikern, Frauen und Älteren oft atypisch!
- 4. Bei STEMI: PCI binnen 120 Minuten ist das Ziel — "Time is muscle"
- 5. Troponin ist der entscheidende Biomarker — aber das EKG entscheidet die Therapiestrategie
Fallvignette
Ein 58-jähriger Mann stellt sich vor mit akutem, retrosternalem Druckschmerz seit 2 Stunden...
Der Schmerz strahlt in den linken Arm aus, der Patient ist kaltschweißig und blass. Blutdruck 105/70 mmHg, Herzfrequenz 95/min. Im EKG: ST-Strecken-Hebungen in II, III und aVF mit reziproken Senkungen in I und aVL. Troponin-Schnelltest positiv. Keine Vormedikation außer ASS gelegentlich.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Myokardinfarkt — Akutes Koronarsyndrom (ACS)
Auf einen Blick
- Das ACS umfasst drei Entitäten: instabile AP, NSTEMI und STEMI — Unterscheidung anhand von EKG und Troponin
- Ursache: Plaqueruptur mit Thrombusbildung → vollständiger oder teilweiser Koronarverschluss
- Leitsymptom: anhaltender retrosternaler Schmerz — aber bei Diabetikern, Frauen und Älteren oft atypisch!
- Bei STEMI: PCI binnen 120 Minuten ist das Ziel — „Time is muscle“
- Troponin ist der entscheidende Biomarker — aber das EKG entscheidet die Therapiestrategie
Fallvignette
Ein 58-jähriger Mann stellt sich vor mit akutem, retrosternalem Druckschmerz seit 2 Stunden…
Der Schmerz strahlt in den linken Arm aus, der Patient ist kaltschweißig und blass. Blutdruck 105/70 mmHg, Herzfrequenz 95/min. Im EKG: ST-Strecken-Hebungen in II, III und aVF mit reziproken Senkungen in I und aVL. Troponin-Schnelltest positiv. Keine Vormedikation außer ASS gelegentlich.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Das Akute Koronarsyndrom (ACS) beschreibt ein Spektrum von Erkrankungen, die durch eine akute myokardiale Ischämie infolge einer atherosklerotischen Plaqueruptur mit nachfolgender Thrombusbildung entstehen.
- Myokardschädigung: Troponin-Erhöhung (akut oder chronisch)
- Myokardinfarkt (MI): Zelltod von Herzmuskelzellen durch akute Ischämie = Myokardschädigung + klinische Zeichen
Ätiologie
- Atherosklerotische Plaqueruptur mit Thrombusbildung: bei weitem häufigste Ursache
- Koronarspasmen: Prinzmetal-Angina (vasospastische Angina)
- Koronardissektion: spontan, traumatisch oder iatrogen (nach Herzkatheter)
- Koronare Thromboembolie: selten
- Erhöhter myokardialer Sauerstoffbedarf: z.B. anhaltende Tachykardie bei stark erkranktem Myokard
- Iatrogen: PCI-assoziierte Thrombose oder Restenose, Bypass-assoziiert
Pathophysiologie
Instabile Atherosklerose-Plaques können rupturieren. Durch die freiliegenden subendothelialen Strukturen aktiviert sich die Gerinnung → Thrombusbildung → Gefäßverschluss.
Ausmaß des Verschlusses bestimmt die Diagnose:
- Teilweiser Verschluss → Instabile AP (kein Troponin-Anstieg) oder NSTEMI (Troponin positiv)
- Innenschicht-Nekrose (subendokardial) durch distale Thrombembolien
- Kompletter Verschluss → STEMI
- Transmurale Nekrose (gesamte Wanddicke betroffen)
Je länger das Myokard ohne Sauerstoff ist, desto mehr Zellen sterben ab — daher ist die Zeit bis zur Revaskularisation entscheidend.
Klassifikation des ACS
| Entität | Symptome | EKG | Troponin | Therapie |
|---|---|---|---|---|
| Instabile AP | Infarkt-typisch, >20 min | ST-Senkung, T-Negativierung oder unauffällig | negativ | Stabilisierung, zeitnahe Angiographie |
| NSTEMI | Infarkt-typisch, >20 min | ST-Senkung, T-Negativierung | positiv | PCI innerhalb 2–72 h |
| STEMI | Infarkt-typisch, >20 min | ST-Hebung oder neuer Linksschenkelblock | positiv | Sofort-PCI (<120 min) oder Lyse |
Symptome & Klinik
Klassische Präsentation
- Akut einsetzender, anhaltender retrosternaler Schmerz oder Druckgefühl
- Ausstrahlung: linker Arm, Hals, Unterkiefer, Oberbauch, Rücken
- Kein oder unvollständiges Ansprechen auf Nitrate
- Begleitsymptome: Angst, Unruhe, Dyspnoe, Übelkeit, Erbrechen, Kaltschweißigkeit
Atypische Präsentationen (häufige Fallen!)
| Patientengruppe | Atypisches Symptom |
|---|---|
| Diabetiker (Polyneuropathie) | Stummer Infarkt — keine oder minimale Schmerzen |
| Inferiorer Hinterwandinfarkt | Epigastrischer Schmerz — wird als Magenprobleme verkannt |
| Frauen, ältere Patienten | Übelkeit, zunehmende Luftnot, Schwäche |
| Herzoperierten | Oft atypisch durch veränderte Innervation |
Merke: Kein Brustschmerz schließt einen Infarkt nicht aus — bei Risikopatienten immer EKG und Troponin!
Diagnostik
Anamnese
- Schmerzcharakter, Beginn, Dauer, Ausstrahlung
- Ansprechen auf Nitrate
- Risikofaktoren: Rauchen, Hypertonie, Diabetes, Hypercholesterinämie, Familienanamnese
Körperliche Untersuchung
- Inspektion: Zyanose, Blässe, Orthopnoe, Kaltschweißigkeit
- Herzauskultation:
- Systolikum → Ventrikelseptumperforation oder Mitralklappeninsuffizienz (Papillarmuskelriss!)
- Feuchte Rasselgeräusche → Lungenödem (akute LinksHerzinsuffizienz)
EKG — Das wichtigste Werkzeug
12-Kanal-EKG binnen 10 Minuten nach Erstkontakt — keine Verzögerung!
Wiederholung nach 6 und 12 Stunden.
STEMI: ST-Hebungen
Signifikante ST-Hebungen in mindestens zwei benachbarten Ableitungen:
| Ableitungen | Männer <40 J | Männer ≥40 J | Frauen |
|---|---|---|---|
| V2–V3 | ≥2,5 mm | ≥2,0 mm | ≥1,5 mm |
| Alle anderen | ≥1,0 mm | ≥1,0 mm | ≥1,0 mm |
Infarktlokalisation anhand der Ableitungen:
| Infarktort | Betroffenes Gefäß | Ableitungen |
|---|---|---|
| Vorderwand | RIVA | V1–V4 (ggf. V5, V6, I, aVL) |
| Seitenwand | RCX oder RIVA | V5, V6, I, aVL |
| Inferiorer Hinterwand | RCA oder RCX | II, III, aVF |
| Posteriorer Hinterwand | RCA oder RCX | V7–V9 (ST-Senkung V1–V4 als Spiegelzeichen!) |
Stadienhafter Verlauf des STEMI:
- Frühstadium: T-Überhöhung („Erstickungs-T“)
- Stadium 1: Zusätzlich ST-Hebung
- Stadium 2: ST normalisiert sich, terminale T-Negativierung, pathologische Q-Zacke (Breite ≥0,03 s, Tiefe ≥1 mm)
- Stadium 3 (chronisch): Persistierende Q-Zacke, ggf. persistierende T-Negativierung
Pathologische Q-Zacke = Zeichen eines alten Myokardinfarktes
STEMI bei Linksschenkelblock — Sgarbossa-Kriterien:
- Konkordante ST-Hebung ≥1 mm (V5, V6, I, aVL)
- Konkordante ST-Senkung ≥1 mm (V1–V3)
- Diskordante ST-Hebung ≥5 mm (V1–V3)
→ Ein Kriterium positiv = STEMI
NSTEMI: ST-Senkungen / T-Inversionen
- Horizontale oder deszendierende ST-Senkungen ≥0,5 mm in ≥2 benachbarten Ableitungen
- T-Inversion in ≥2 benachbarten Ableitungen (bei deutlich positivem R)
DD ST-Hebung (nicht jede ST-Hebung ist ein STEMI!)
| Kardiale Ursachen | Extrakardiale Ursachen |
|---|---|
| Perimyokarditis | Hyperkaliämie |
| Brugada-Syndrom | Intrakranielle Blutung |
| Tako-Tsubo-Kardiomyopathie | Lungenembolie |
| Herzwandaneurysma | |
| Verfrühte Repolarisation |
Labor — Biomarker
Sequentielle Troponinbestimmung:
-
- Messung bei Erstkontakt
-
- Messung nach 3 Stunden (hochsensitiver Assay) oder nach 6 Stunden
| Biomarker | Anstieg | Maximum | Normalisierung | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| Troponin T/I | 3–6 h | 12 h – 4 Tage | 6–14 Tage | Wichtigster Marker, herzspezifisch |
| Myoglobin | 3 h | 6–12 h | 24 h | Nicht herzspezifisch |
| CK-MB | 3–6 h | 12–24 h | 2–3 Tage | Herzspezifisch (relativ) |
| CK-Gesamt | 3–6 h | 12–24 h | 2–3 Tage | Nicht herzspezifisch |
Wichtig: Typische Klinik + typisches EKG = Indikation zur Koronarangiographie — nicht auf den Troponinwert warten!
DD Troponinerhöhung (Troponin ≠ Infarkt!):
- Myokarditis, Lungenembolie, tachykarde Arrhythmien, Tako-Tsubo
- Niereninsuffizienz, Schlaganfall, Sepsis
Standardlabor: BB, Kreatinin, Elektrolyte, Glukose, HbA1c, Lipidprofil, Quick, aPTT
Echokardiographie
- Wandbewegungsstörungen nachweisen (regional = ischämisch)
- Komplikationen ausschließen: Aneurysma, Klappeninsuffizienz, Perikarderguss
- DD klären: Aortendissektion, Lungenembolie
Koronarangiographie
- Goldstandard: direkter Nachweis der Okklusion
- Ermöglicht gleichzeitige Intervention (PCI)
Differentialdiagnosen
| System | Diagnosen |
|---|---|
| Kardial | Perikarditis (lageabhängiger Schmerz, Reibegeräusch), Myokarditis, Tako-Tsubo |
| Pulmonal | Lungenembolie (Dyspnoe, D-Dimer, CT-PA), Pneumonie, Pleuritis, Pneumothorax |
| Mediastinal | Aortendissektion (Zerreißungsschmerz, Pulsdefizit — CT-Angio sofort!) |
| GI | Refluxkrankheit, Ulcus ventriculi, Ösophagusspasmus, Pankreatitis |
| Funktionell | Da-Costa-Syndrom (Herzneurose) |
Therapie
Erstmaßnahmen (sofort, für alle ACS)
- Venöser Zugang (großlumig)
- Monitoring: RR, Puls, Pulsoxymetrie, kontinuierliches EKG
- Sauerstoff nur bei SaO2 < 90 % (Hyperoxie schadet!)
- Keine i.m.-Injektionen (bei geplanter Lyse oder PCI erhöhte Blutungsgefahr)
- Defibrillator bereithalten
- Intensivüberwachung mindestens 24 Stunden
Medikamentöse Soforttherapie
| Medikament | Dosis | Zweck |
|---|---|---|
| ASS | 250 mg i.v. oder p.o. | Sofortige Thrombozytenhemmung |
| Ticagrelor (1. Wahl) | 180 mg p.o. | P2Y12-Hemmung (dualer Ansatz) |
| Alternativ: Prasugrel oder Clopidogrel | — | P2Y12-Hemmung |
| Heparin (unfraktioniert) | i.v. | Antikoagulation |
| Morphin | 2,5–5 mg i.v. | Analgesie und Anxiolyse |
| Diazepam | p.o. | Beruhigung |
| Nitrate (bei Angina/NSTEMI) | sublingual oder i.v. | Antianginös |
| Beta-Blocker (bei stabilen Pat.) | Bisoprolol | Herzfrequenzsenkung |
| Statin | Atorvastatin | Plaquesstabilisierung |
Reperfusionstherapie
STEMI — Sofortrevaskularisation
Primäre PCI (bevorzugt):
- Indiziert, wenn innerhalb von 120 Minuten verfügbar
- Zeitfenster:
- < 12 h nach Symptombeginn: Immer PCI
-
12 h nach Symptombeginn: PCI falls weiterhin Symptome, Arrhythmien oder hämodynamische Instabilität
- 12–48 h: Routine-PCI möglich
- Zugang: Radial bevorzugt (vs. femoral)
- Stent: DES (Drug-eluting Stent) der 2. Generation bevorzugt
Thrombolyse (Fibrinolyse) — wenn PCI nicht rechtzeitig verfügbar:
- Indikation: PCI > 120 min nicht verfügbar UND Symptombeginn < 12 h
- Wirkstoffe: Tenecteplase oder Alteplase i.v.
- Risiko: Blutungskomplikationen
- Bei Lyseversagen: Sofortige Rescue-PCI
- Nach erfolgreicher Lyse: Koronarangiographie im Verlauf obligat
NSTEMI
- PCI innerhalb von 2–72 Stunden (nach Risikoabschätzung)
- Bei ungeeigneter Anatomie → Bypass-Operation
Komplikationen
Frühkomplikationen (Stunden bis Tage)
| Komplikation | Klinisches Zeichen |
|---|---|
| Plötzlicher Herztod | Kammerflimmern (häufigste Ursache) |
| Ventrikuläre Arrhythmien | VES, VT, Kammerflimmern |
| AV-Block | Häufig bei Hinterwandinfarkt (RCA versorgt AV-Knoten) |
| Akute Linksherzinsuffizienz | Lungenödem, Rasselgeräusche |
| Papillarmuskelriss | Akute Mitralklappeninsuffizienz → Systolikum neu |
| Ventrikelseptumruptur | Lautes Systolikum, akute Rechtsherzbelastung |
| Herzwandruptur | Perikardtamponade, Schock |
| Kardiogener Schock | RR < 90, Oligurie, Kaltschweißigkeit |
| Perikarditis epistenocardica | Reibegeräusch, Perikardschmerz in den ersten Tagen |
Spätkomplikationen (Wochen bis Monate)
| Komplikation | Besonderheit |
|---|---|
| Herzwandaneurysma | Persistierende ST-Hebungen! Diagnose per Echo. Thrombosegefahr |
| Chronische Herzinsuffizienz | Durch dauerhaften Myokardverlust |
| Dressler-Syndrom | Autoimmunperikarditis 2–10 Wochen nach MI. Therapie: NSAR |
| Reinfarkt | Neue Plaqueruptur |
Prognose — Killip-Klassifikation
Die Killip-Klassifikation bewertet das Ausmaß der Linksherzinsuffizienz nach MI und korreliert mit der 30-Tages-Mortalität:
| Killip-Stadium | Klinik | 30-Tages-Mortalität |
|---|---|---|
| I | Keine Herzinsuffizienz | < 5 % |
| II | Basale Rasselgeräusche, evtl. 3. Herzton | ≤ 20 % |
| III | Grobblasige RG über der gesamten Lunge (Lungenödem) | ≤ 40 % |
| IV | Kardiogener Schock (RR ≤90 mmHg, Oligurie, Zyanose) | ≤ 90 % |
Prävention — Sekundärprophylaxe nach MI
Allgemeinmaßnahmen
- Tabakkarenz (sofortiger Effekt auf kardiovaskuläres Risiko)
- Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion
- Körperliches Ausdauertraining (nach Stabilisierung)
- RR-Einstellung < 140/90 mmHg
- HbA1c < 7 %
Medikamentöse Dauertherapie („BASN-Schema“)
| Medikament | Details | Dauer |
|---|---|---|
| ASS | 75–100 mg/d | Lebenslang |
| P2Y12-Hemmer | Ticagrelor 90 mg 2×/d (oder Prasugrel, Clopidogrel) | Bis zu 12 Monate (duale Plättchenhemmung) |
| Statin | Atorvastatin — Ziel: LDL < 55 mg/dL oder ≥50 % Reduktion | Lebenslang |
| ACE-Hemmer | Ramipril (oder Sartan bei Unverträglichkeit) | Langfristig |
| Beta-Blocker | Bisoprolol | Langfristig |
Klinische Perlen
1. ST-Hebungen in II, III, aVF = Hinterwandinfarkt. Immer auch V7–V9 ableiten (posteriorer HWI) und rechtsseitige Ableitungen (V3R, V4R) für Rechtsherzinfarkt. Nitrate bei Rechtsherzinfarkt kontraindiziert!
2. Neuer Linksschenkelblock = STEMI bis zum Beweis des Gegenteils. Sgarbossa-Kriterien kennen — auch bei bekanntem LSB kann ein STEMI diagnostiziert werden.
3. Troponin steigt erst nach 3–6 Stunden an. Bei frühem Symptombeginn kann das erste Troponin noch negativ sein. Klinik + EKG entscheiden — Troponinverlauf abwarten!
4. Diabetiker = stummer Infarkt. Durch Polyneuropathie fehlen Schmerzen. Bei unerklärlicher Dekompensation immer EKG und Troponin!
Prüfungstipps
- STEMI-Algorithmus auswendig: Sofort EKG → ST-Hebung? → Sofort-PCI binnen 120 min → wenn nicht möglich → Lyse (wenn < 12 h Symptombeginn)
- Biomarker-Kinetik: Troponin ist der Lernstoff — wann steigt es an, wann ist das Maximum, wie lange ist es erhöht?
- Killip-Klassifikation: Prüfer lieben diese Tabelle — Killip IV = kardiogener Schock = 90 % Mortalität
- Dressler-Syndrom: Zeitpunkt (2–10 Wochen), Ursache (Autoimmun), Therapie (NSAR) — wird regelmäßig gefragt
- Dualer Thrombozytenaggregationshemmer: ASS + Ticagrelor (nicht Clopidogrel als 1. Wahl nach STEMI)
- Unterschied stabile AP vs. ACS: Stabile AP = Troponin negativ, belastungsabhängig, Nitrate wirken vollständig
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| ACS | Akutes Koronarsyndrom — Spektrum aus instabiler AP, NSTEMI und STEMI |
| STEMI | ST-Elevations-Myokardinfarkt — transmurale Nekrose, ST-Hebung im EKG |
| NSTEMI | Non-ST-Elevations-Myokardinfarkt — subendokardiale Nekrose, Troponin positiv, keine ST-Hebung |
| Troponin | Herzmuskelspezifisches Protein — Goldstandard-Marker der Myokardnekrose |
| PCI | Perkutane Koronarintervention — Ballondilatation + Stent über Katheter |
| DES | Drug-eluting Stent — medikamentenbeschichteter Stent, reduziert Restenoserate |
| Killip-Klassifikation | Prognosescore nach MI, basierend auf dem Ausmaß der Linksherzinsuffizienz |
| Dressler-Syndrom | Autoimmune Perikarditis 2–10 Wochen nach MI |
| Sgarbossa-Kriterien | EKG-Kriterien zur STEMI-Diagnose bei bestehendem Linksschenkelblock |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Das Akute Koronarsyndrom (ACS) beschreibt ein Spektrum von Erkrankungen, die durch eine akute myokardiale Ischämie infolge einer atherosklerotischen Plaqueruptur mit nachfolgender Thrombusbildung entstehen.
- Myokardschädigung: Troponin-Erhöhung (akut oder chronisch)
- Myokardinfarkt (MI): Zelltod von Herzmuskelzellen durch akute Ischämie = Myokardschädigung + klinische Zeichen
Ätiologie 🔗
- Atherosklerotische Plaqueruptur mit Thrombusbildung: bei weitem häufigste Ursache
- Koronarspasmen: Prinzmetal-Angina (vasospastische Angina)
- Koronardissektion: spontan, traumatisch oder iatrogen (nach Herzkatheter)
- Koronare Thromboembolie: selten
- Erhöhter myokardialer Sauerstoffbedarf: z.B. anhaltende Tachykardie bei stark erkranktem Myokard
- Iatrogen: PCI-assoziierte Thrombose oder Restenose, Bypass-assoziiert
Pathophysiologie 🔗
Instabile Atherosklerose-Plaques können rupturieren. Durch die freiliegenden subendothelialen Strukturen aktiviert sich die Gerinnung → Thrombusbildung → Gefäßverschluss.
Ausmaß des Verschlusses bestimmt die Diagnose:
- Teilweiser Verschluss → Instabile AP (kein Troponin-Anstieg) oder NSTEMI (Troponin positiv)
- Innenschicht-Nekrose (subendokardial) durch distale Thrombembolien
- Kompletter Verschluss → STEMI
- Transmurale Nekrose (gesamte Wanddicke betroffen)
Je länger das Myokard ohne Sauerstoff ist, desto mehr Zellen sterben ab — daher ist die Zeit bis zur Revaskularisation entscheidend.
Symptome & Klinik 🔗
| Entität | Symptome | EKG | Troponin | Therapie |
|---|---|---|---|---|
| Instabile AP | Infarkt-typisch, >20 min | ST-Senkung, T-Negativierung oder unauffällig | negativ | Stabilisierung, zeitnahe Angiographie |
| NSTEMI | Infarkt-typisch, >20 min | ST-Senkung, T-Negativierung | positiv | PCI innerhalb 2–72 h |
| STEMI | Infarkt-typisch, >20 min | ST-Hebung oder neuer Linksschenkelblock | positiv | Sofort-PCI (<120 min) oder Lyse |
Klassische Präsentation
- Akut einsetzender, anhaltender retrosternaler Schmerz oder Druckgefühl
- Ausstrahlung: linker Arm, Hals, Unterkiefer, Oberbauch, Rücken
- Kein oder unvollständiges Ansprechen auf Nitrate
- Begleitsymptome: Angst, Unruhe, Dyspnoe, Übelkeit, Erbrechen, Kaltschweißigkeit
Atypische Präsentationen (häufige Fallen!)
| Patientengruppe | Atypisches Symptom |
|---|---|
| Diabetiker (Polyneuropathie) | Stummer Infarkt — keine oder minimale Schmerzen |
| Inferiorer Hinterwandinfarkt | Epigastrischer Schmerz — wird als Magenprobleme verkannt |
| Frauen, ältere Patienten | Übelkeit, zunehmende Luftnot, Schwäche |
| Herzoperierten | Oft atypisch durch veränderte Innervation |
Merke: Kein Brustschmerz schließt einen Infarkt nicht aus — bei Risikopatienten immer EKG und Troponin!
Diagnostik 🔗
Anamnese
- Schmerzcharakter, Beginn, Dauer, Ausstrahlung
- Ansprechen auf Nitrate
- Risikofaktoren: Rauchen, Hypertonie, Diabetes, Hypercholesterinämie, Familienanamnese
Körperliche Untersuchung
- Inspektion: Zyanose, Blässe, Orthopnoe, Kaltschweißigkeit
- Herzauskultation:
- Systolikum → Ventrikelseptumperforation oder Mitralklappeninsuffizienz (Papillarmuskelriss!)
- Feuchte Rasselgeräusche → Lungenödem (akute Linksherzinsuffizienz)
EKG — Das wichtigste Werkzeug
12-Kanal-EKG binnen 10 Minuten nach Erstkontakt — keine Verzögerung! Wiederholung nach 6 und 12 Stunden.
STEMI: ST-Hebungen
Signifikante ST-Hebungen in mindestens zwei benachbarten Ableitungen:
| Ableitungen | Männer <40 J | Männer ≥40 J | Frauen |
|---|---|---|---|
| V2–V3 | ≥2,5 mm | ≥2,0 mm | ≥1,5 mm |
| Alle anderen | ≥1,0 mm | ≥1,0 mm | ≥1,0 mm |
Infarktlokalisation anhand der Ableitungen:
| Infarktort | Betroffenes Gefäß | Ableitungen |
|---|---|---|
| Vorderwand | RIVA | V1–V4 (ggf. V5, V6, I, aVL) |
| Seitenwand | RCX oder RIVA | V5, V6, I, aVL |
| Inferiorer Hinterwand | RCA oder RCX | II, III, aVF |
| Posteriorer Hinterwand | RCA oder RCX | V7–V9 (ST-Senkung V1–V4 als Spiegelzeichen!) |
Stadienhafter Verlauf des STEMI:
- Frühstadium: T-Überhöhung ("Erstickungs-T")
- Stadium 1: Zusätzlich ST-Hebung
- Stadium 2: ST normalisiert sich, terminale T-Negativierung, pathologische Q-Zacke (Breite ≥0,03 s, Tiefe ≥1 mm)
- Stadium 3 (chronisch): Persistierende Q-Zacke, ggf. persistierende T-Negativierung
Pathologische Q-Zacke = Zeichen eines alten Myokardinfarktes
STEMI bei Linksschenkelblock — Sgarbossa-Kriterien:
- Konkordante ST-Hebung ≥1 mm (V5, V6, I, aVL)
- Konkordante ST-Senkung ≥1 mm (V1–V3)
- Diskordante ST-Hebung ≥5 mm (V1–V3) → Ein Kriterium positiv = STEMI
NSTEMI: ST-Senkungen / T-Inversionen
- Horizontale oder deszendierende ST-Senkungen ≥0,5 mm in ≥2 benachbarten Ableitungen
- T-Inversion in ≥2 benachbarten Ableitungen (bei deutlich positivem R)
DD ST-Hebung (nicht jede ST-Hebung ist ein STEMI!)
| Kardiale Ursachen | Extrakardiale Ursachen |
|---|---|
| Perimyokarditis | Hyperkaliämie |
| Brugada-Syndrom | Intrakranielle Blutung |
| Tako-Tsubo-Kardiomyopathie | Lungenembolie |
| Herzwandaneurysma | |
| Verfrühte Repolarisation |
Labor — Biomarker
Sequentielle Troponinbestimmung:
-
- Messung bei Erstkontakt
-
- Messung nach 3 Stunden (hochsensitiver Assay) oder nach 6 Stunden
| Biomarker | Anstieg | Maximum | Normalisierung | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| Troponin T/I | 3–6 h | 12 h – 4 Tage | 6–14 Tage | Wichtigster Marker, herzspezifisch |
| Myoglobin | 3 h | 6–12 h | 24 h | Nicht herzspezifisch |
| CK-MB | 3–6 h | 12–24 h | 2–3 Tage | Herzspezifisch (relativ) |
| CK-Gesamt | 3–6 h | 12–24 h | 2–3 Tage | Nicht herzspezifisch |
Wichtig: Typische Klinik + typisches EKG = Indikation zur Koronarangiographie — nicht auf den Troponinwert warten!
DD Troponinerhöhung (Troponin ≠ Infarkt!):
- Myokarditis, Lungenembolie, tachykarde Arrhythmien, Tako-Tsubo
- Niereninsuffizienz, Schlaganfall, Sepsis
Standardlabor: BB, Kreatinin, Elektrolyte, Glukose, HbA1c, Lipidprofil, Quick, aPTT
Echokardiographie
- Wandbewegungsstörungen nachweisen (regional = ischämisch)
- Komplikationen ausschließen: Aneurysma, Klappeninsuffizienz, Perikarderguss
- DD klären: Aortendissektion, Lungenembolie
Koronarangiographie
- Goldstandard: direkter Nachweis der Okklusion
- Ermöglicht gleichzeitige Intervention (PCI)
Differentialdiagnosen 🔗
| System | Diagnosen |
|---|---|
| Kardial | Perikarditis (lageabhängiger Schmerz, Reibegeräusch), Myokarditis, Tako-Tsubo |
| Pulmonal | Lungenembolie (Dyspnoe, D-Dimer, CT-PA), Pneumonie, Pleuritis, Pneumothorax |
| Mediastinal | Aortendissektion (Zerreißungsschmerz, Pulsdefizit — CT-Angio sofort!) |
| GI | Refluxkrankheit, Ulcus ventriculi, Ösophagusspasmus, Pankreatitis |
| Funktionell | Da-Costa-Syndrom (Herzneurose) |
Therapie 🔗
Erstmaßnahmen (sofort, für alle ACS)
- Venöser Zugang (großlumig)
- Monitoring: RR, Puls, Pulsoxymetrie, kontinuierliches EKG
- Sauerstoff nur bei SaO2 < 90 % (Hyperoxie schadet!)
- Keine i.m.-Injektionen (bei geplanter Lyse oder PCI erhöhte Blutungsgefahr)
- Defibrillator bereithalten
- Intensivüberwachung mindestens 24 Stunden
Medikamentöse Soforttherapie
| Medikament | Dosis | Zweck |
|---|---|---|
| ASS | 250 mg i.v. oder p.o. | Sofortige Thrombozytenhemmung |
| Ticagrelor (1. Wahl) | 180 mg p.o. | P2Y12-Hemmung (dualer Ansatz) |
| Alternativ: Prasugrel oder Clopidogrel | — | P2Y12-Hemmung |
| Heparin (unfraktioniert) | i.v. | Antikoagulation |
| Morphin | 2,5–5 mg i.v. | Analgesie und Anxiolyse |
| Diazepam | p.o. | Beruhigung |
| Nitrate (bei Angina/NSTEMI) | sublingual oder i.v. | Antianginös |
| Beta-Blocker (bei stabilen Pat.) | Bisoprolol | Herzfrequenzsenkung |
| Statin | Atorvastatin | Plaquesstabilisierung |
Reperfusionstherapie
STEMI — Sofortrevaskularisation
Primäre PCI (bevorzugt):
- Indiziert, wenn innerhalb von 120 Minuten verfügbar
- Zeitfenster:
- < 12 h nach Symptombeginn: Immer PCI
-
12 h nach Symptombeginn: PCI falls weiterhin Symptome, Arrhythmien oder hämodynamische Instabilität
- 12–48 h: Routine-PCI möglich
- Zugang: Radial bevorzugt (vs. femoral)
- Stent: DES (Drug-eluting Stent) der 2. Generation bevorzugt
Thrombolyse (Fibrinolyse) — wenn PCI nicht rechtzeitig verfügbar:
- Indikation: PCI > 120 min nicht verfügbar UND Symptombeginn < 12 h
- Wirkstoffe: Tenecteplase oder Alteplase i.v.
- Risiko: Blutungskomplikationen
- Bei Lyseversagen: Sofortige Rescue-PCI
- Nach erfolgreicher Lyse: Koronarangiographie im Verlauf obligat
NSTEMI
- PCI innerhalb von 2–72 Stunden (nach Risikoabschätzung)
- Bei ungeeigneter Anatomie → Bypass-Operation
Komplikationen 🔗
Frühkomplikationen (Stunden bis Tage)
| Komplikation | Klinisches Zeichen |
|---|---|
| Plötzlicher Herztod | Kammerflimmern (häufigste Ursache) |
| Ventrikuläre Arrhythmien | VES, VT, Kammerflimmern |
| AV-Block | Häufig bei Hinterwandinfarkt (RCA versorgt AV-Knoten) |
| Akute Linksherzinsuffizienz | Lungenödem, Rasselgeräusche |
| Papillarmuskelriss | Akute Mitralklappeninsuffizienz → Systolikum neu |
| Ventrikelseptumruptur | Lautes Systolikum, akute Rechtsherzbelastung |
| Herzwandruptur | Perikardtamponade, Schock |
| Kardiogener Schock | RR < 90, Oligurie, Kaltschweißigkeit |
| Perikarditis epistenocardica | Reibegeräusch, Perikardschmerz in den ersten Tagen |
Spätkomplikationen (Wochen bis Monate)
| Komplikation | Besonderheit |
|---|---|
| Herzwandaneurysma | Persistierende ST-Hebungen! Diagnose per Echo. Thrombosegefahr |
| Chronische Herzinsuffizienz | Durch dauerhaften Myokardverlust |
| Dressler-Syndrom | Autoimmunperikarditis 2–10 Wochen nach MI. Therapie: NSAR |
| Reinfarkt | Neue Plaqueruptur |
Prognose 🔗
Die Killip-Klassifikation bewertet das Ausmaß der Linksherzinsuffizienz nach MI und korreliert mit der 30-Tages-Mortalität:
| Killip-Stadium | Klinik | 30-Tages-Mortalität |
|---|---|---|
| I | Keine Herzinsuffizienz | < 5 % |
| II | Basale Rasselgeräusche, evtl. 3. Herzton | ≤ 20 % |
| III | Grobblasige RG über der gesamten Lunge (Lungenödem) | ≤ 40 % |
| IV | Kardiogener Schock (RR ≤90 mmHg, Oligurie, Zyanose) | ≤ 90 % |
Prävention 🔗
Allgemeinmaßnahmen
- Tabakkarenz (sofortiger Effekt auf kardiovaskuläres Risiko)
- Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion
- Körperliches Ausdauertraining (nach Stabilisierung)
- RR-Einstellung < 140/90 mmHg
- HbA1c < 7 %
Medikamentöse Dauertherapie ("BASN-Schema")
| Medikament | Details | Dauer |
|---|---|---|
| ASS | 75–100 mg/d | Lebenslang |
| P2Y12-Hemmer | Ticagrelor 90 mg 2×/d (oder Prasugrel, Clopidogrel) | Bis zu 12 Monate (duale Plättchenhemmung) |
| Statin | Atorvastatin — Ziel: LDL < 55 mg/dL oder ≥50 % Reduktion | Lebenslang |
| ACE-Hemmer | Ramipril (oder Sartan bei Unverträglichkeit) | Langfristig |
| Beta-Blocker | Bisoprolol | Langfristig |
✨ Clinical Pearls
**1. ST-Hebungen in II, III, aVF = Hinterwandinfarkt.** Immer auch V7–V9 ableiten (posteriorer HWI) und rechtsseitige Ableitungen (V3R, V4R) für Rechtsherzinfarkt. Nitrate bei Rechtsherzinfarkt kontraindiziert!
**2. Neuer Linksschenkelblock = STEMI bis zum Beweis des Gegenteils.** Sgarbossa-Kriterien kennen — auch bei bekanntem LSB kann ein STEMI diagnostiziert werden.
**3. Troponin steigt erst nach 3–6 Stunden an.** Bei frühem Symptombeginn kann das erste Troponin noch negativ sein. Klinik + EKG entscheiden — Troponinverlauf abwarten!
**4. Diabetiker = stummer Infarkt.** Durch Polyneuropathie fehlen Schmerzen. Bei unerklärlicher Dekompensation immer EKG und Troponin!
Prüfungstipps
- - STEMI-Algorithmus auswendig: Sofort EKG → ST-Hebung? → Sofort-PCI binnen 120 min → wenn nicht möglich → Lyse (wenn < 12 h Symptombeginn)
- - Biomarker-Kinetik: Troponin ist der Lernstoff — wann steigt es an, wann ist das Maximum, wie lange ist es erhöht?
- - Killip-Klassifikation: Prüfer lieben diese Tabelle — Killip IV = kardiogener Schock = 90 % Mortalität
- - Dressler-Syndrom: Zeitpunkt (2–10 Wochen), Ursache (Autoimmun), Therapie (NSAR) — wird regelmäßig gefragt
- - Dualer Thrombozytenaggregationshemmer: ASS + Ticagrelor (nicht Clopidogrel als 1. Wahl nach STEMI)
- - Unterschied stabile AP vs. ACS: Stabile AP = Troponin negativ, belastungsabhängig, Nitrate wirken vollständig
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