★★★ Sehr wichtig Kardiologie 30 Min.

Vorhofflimmern (VHF)

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. VHF ist die häufigste klinisch relevante Herzrhythmusstörung — Prävalenz steigt mit dem Alter exponentiell
  • 2. Pathomechanismus: multiple atriale Mikro-Reentry-Kreise → chaotische Vorhofaktivität → unregelmäßige AV-Überleitung
  • 3. Gefährlichste Komplikation: Thrombenbildung im linken Vorhofohr → Schlaganfall
  • 4. Drei Therapieziele: Thromboembolieprophylaxe (CHA₂DS₂-VASc-Score) + Frequenzkontrolle + Rhythmuskontrolle
  • 5. Ein Drittel der Patienten ist asymptomatisch — VHF wird oft als Zufallsbefund entdeckt!

Fallvignette

Ein 74-jähriger Patient stellt sich vor mit Palpitationen und einem unregelmäßigen Puls seit 2 Tagen.

Er klagt über leichte Dyspnoe bei Belastung. Vitalzeichen: RR 145/85 mmHg, Puls 142/min absolut arrhythmisch. Im EKG fehlen P-Wellen, die RR-Abstände sind völlig irregulär.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Vorhofflimmern (VHF)

Auf einen Blick

  1. VHF ist die häufigste klinisch relevante Herzrhythmusstörung — Prävalenz steigt mit dem Alter exponentiell
  2. Pathomechanismus: multiple atriale Mikro-Reentry-Kreise → chaotische Vorhofaktivität → unregelmäßige AV-Überleitung
  3. Gefährlichste Komplikation: Thrombenbildung im linken Vorhofohr → Schlaganfall
  4. Drei Therapieziele: Thromboembolieprophylaxe (CHA₂DS₂-VASc-Score) + Frequenzkontrolle + Rhythmuskontrolle
  5. Ein Drittel der Patienten ist asymptomatisch — VHF wird oft als Zufallsbefund entdeckt!

Fallvignette

Ein 74-jähriger Patient stellt sich vor mit Palpitationen und einem unregelmäßigen Puls seit 2 Tagen.

Er klagt über leichte Dyspnoe bei Belastung. Vitalzeichen: RR 145/85 mmHg, Puls 142/min absolut arrhythmisch. Im EKG fehlen P-Wellen, die RR-Abstände sind völlig irregulär.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Vorhofflimmern ist eine supraventrikuläre Tachyarrhythmie, die durch chaotische, unkoordinierte elektrische Aktivität der Vorhöfe entsteht. Im EKG fehlen die P-Wellen, stattdessen finden sich unregelmäßige Flimmerwellen, und die RR-Abstände sind völlig irregulär.


Ätiologie & Risikofaktoren

Epidemiologische Risikofaktoren

  • Arterielle Hypertonie (häufigste Ursache)
  • Alter
  • Adipositas
  • Diabetes mellitus
  • Chronische Niereninsuffizienz

Ursachen

Typ Ursachen
Primär / Idiopathisch Ohne erkennbare Grundkrankheit (~15 %)
Kardial sekundär Herzinsuffizienz, KHK, Mitralklappenvitien, Kardiomyopathien
Extrakardial sekundär Hyperthyreose, Elektrolytstörung (Hypokaliämie!), Lungenembolie, COPD, Alkohol

Merkhilfe „Holiday-Heart-Syndrom“: Akutes VHF nach starkem Alkoholkonsum bei ansonsten gesunden Personen — reversibler Auslöser!


Pathophysiologie

Elektrisch: Multiple simultane Mikro-Reentry-Kreise in den Vorhöfen (oft ausgehend von den Pulmonalvenenmündungen) erzeugen eine chaotische Vorhofaktivität mit Frequenzen >350/min. Der AV-Knoten filtert diese Erregungen unregelmäßig durch → irreguläre Kammerreaktion.

Hämodynamisch: Durch den Wegfall der koordinierten Vorhofkontraktion verliert der linke Ventrikel 10–20 % seiner Füllung („atrialer Kick“) → besonders problematisch bei eingeschränkter LV-Funktion.

Thromboembolisch: Im flimmernden Vorhof — besonders im linken Vorhofohr — verlangsamt sich der Blutfluss. Blut stagniert → Thrombusbildung → Embolisation in Systemkreislauf → Schlaganfall (häufigste schwere Komplikation).


Klassifikation

Nach zeitlichem Verlauf

Typ Definition
Erstmals diagnostiziert Erste Dokumentation im EKG, unabhängig von Dauer
Paroxysmal Selbstlimitierend, endet spontan oder durch Kardioversion innerhalb ≤7 Tagen
Persistierend Hält >7 Tage an
Langanhaltend persistierend >1 Jahr anhaltend, Rhythmuskontrolle wird angestrebt
Permanent Dauerhaftes VHF, Rhythmuskontrolle wird nicht mehr angestrebt

Valvulär vs. nicht-valvulär

  • Valvuläres VHF: Bei Mitralstenose oder mechanischem Klappenersatz → deutlich erhöhtes Thromboembolierisiko → nur Vitamin-K-Antagonisten (keine DOAKs!)
  • Nicht-valvuläres VHF: Alle anderen Formen → DOAKs bevorzugt

Symptome & Klinik

Symptome (⅓ asymptomatisch!)

  • Palpitationen und Herzrasen
  • Unregelmäßiger Puls — auffälligster Befund bei der körperlichen Untersuchung
  • Schwindel, ggf. Synkope
  • Angst, innere Unruhe
  • Symptome der Herzinsuffizienz bei kardialer Dekompensation
  • Zeichen abgelaufener Embolien (TIA, Schlaganfall, Extremitätenischämie)

EHRA-Klassifikation (Symptomstärke)

EHRA Symptomatik
I Keine Symptome
II Leichte Symptome, Alltagsaktivitäten uneingeschränkt
III Schwere Symptome, Alltagsaktivitäten eingeschränkt
IV Invalidisierende Symptome

Diagnostik

Basisdiagnostik

Anamnese:

  • Beginn des VHF — sicher oder unsicher datierbar?
  • Vorerkrankungen und Risikofaktoren (Hypertonie, Schilddrüse, Alkohol)
  • Mögliche Auslöser (Infekte, Elektrolytstörung)
  • Hinweise auf stattgehabte Embolien (TIA, Schlaganfall)

Körperliche Untersuchung:

  • Unregelmäßige Herzaktion bei der Auskultation
  • Pulsdefizit: Differenz zwischen apikaler Herzfrequenz (Auskultation) und peripher tastbarem Puls (bei schneller Kammerfrequenz)
  • Wechselnde Lautstärke des 1. Herztons

Erweiterte Diagnostik

EKG (Diagnose!):

  • Fehlende P-Wellen — stattdessen unruhige Basislinie (Flimmerwellen)
  • Irregulär-irreguläre RR-Abstände (absolut arrhythmisch)
  • Tachyarrhythmie wenn Kammerfrequenz >100/min; Bradyarrhythmie wenn <60/min

Labor: BB, Glukose, Kreatinin, Elektrolyte (K⁺!), Gerinnung (INR, PTT), TSH (Hyperthyreose ausschließen!)

Transthorakale Echokardiographie:

  • Strukturelle Herzerkrankung? Größe des linken Vorhofs?
  • Erhöhter linker Vorhof → schlechtere Kardioversionsaussichten

Langzeit-EKG / Event-Recorder:

  • Bei Verdacht auf paroxysmales VHF mit normalem Routine-EKG

Wichtige Befunde

TEE (Transösophageale Echokardiographie):

  • Vor geplanter Kardioversion bei VHF >48 Stunden Dauer (wenn keine ausreichende Antikoagulation für ≥3 Wochen vorlag)
  • Thrombenausschluss im linken Vorhofohr!

Differentialdiagnosen

Rhythmusstörung EKG-Merkmal Unterschied zu VHF
Vorhofflattern Sägezahnartige P-Wellen (250–350/min), meist reguläre Überleitung Regelmäßige (nicht absolute) Arrhythmie
Atriale Tachykardie Erkennbare P-Wellen, schnell aber regulär Regelmäßige Herzaktion
Präexzitationssyndrom (WPW) Delta-Wellen, kurze PQ-Zeit Zusätzliche Erregungsbahn
Ventrikuläre Tachykardie Breite QRS-Komplexe Lebensbedrohlich, Schenkelblock-Bild

Therapie

Therapiegrundsätze

Drei gleichrangige Ziele:

  1. Thromboembolieprophylaxe (wichtigstes Ziel — verhindert Schlaganfall)
  2. Frequenzkontrolle
  3. Rhythmuskontrolle

Thromboembolieprophylaxe

Entscheidungsgrundlage: CHA₂DS₂-VASc-Score

Buchstabe Risikofaktor Punkte
C Herzinsuffizienz / LV-EF <45 % 1
H Arterielle Hypertonie 1
A₂ Alter ≥75 Jahre 2
D Diabetes mellitus 1
S₂ Schlaganfall / TIA / Thromboembolie 2
V Vaskuläre Erkrankung (pAVK, Herzinfarkt, Aortensklerose) 1
A Alter 65–74 Jahre 1
Sc Weibliches Geschlecht 1

Therapieentscheidung:

  • Score ≥2 (♂) / ≥3 (♀): Antikoagulation indiziert
  • Score 1 (♂) / 2 (♀): Antikoagulation erwägen
  • Score 0 (♂) / 1 (♀): Keine Antikoagulation

Blutungsrisiko: HAS-BLED-Score ≥3 → Risikofaktoren optimieren, engere Kontrollen — aber kein Grund, Antikoagulation zu verweigern!

Antikoagulanzien:

Substanz Wirkung Besonderheiten
Apixaban 2×5 mg/d Faktor-Xa-Hemmer 1. Wahl (DOAK)
Rivaroxaban 1×20 mg/d Faktor-Xa-Hemmer DOAK
Edoxaban 1×60 mg/d Faktor-Xa-Hemmer DOAK
Dabigatran 2×150 mg/d Thrombinhemmer DOAK; KI bei GFR <30
Phenprocoumon Vitamin-K-Antagonist Ziel-INR 2,0–3,0; bei valvulärem VHF

Valvuläres VHF = nur Vitamin-K-Antagonisten! DOAKs sind hier nicht zugelassen.

ASS ist zur Thromboembolieprophylaxe bei VHF nicht mehr empfohlen — unzureichende Wirkung bei deutlich höherem Blutungsrisiko.

Frequenzkontrolle

Ziel: Kammerfrequenz <110/min (in Ruhe)

  • 1. Wahl: Beta-Blocker (Metoprolol) — bevorzugt bei Herzinsuffizienz, KHK
  • Bei unzureichender Wirkung: Kombination mit Digitalisglykosid (Digoxin)
  • Calciumantagonisten (Verapamil, Diltiazem) — kontraindiziert bei systolischer HI!

Bradyarrhythmia absoluta: Atropin, Orciprenalin, ggf. temporärer Herzschrittmacher

Rhythmuskontrolle (Kardioversion)

Indikationen:

  • Symptompersistenz trotz Frequenzkontrolle
  • Junge Patienten mit paroxysmalem VHF
  • Notfall: Tachyarrhythmie mit kardialer Dekompensation und Schock → elektrische Kardioversion sofort!

Thrombenausschluss vor Kardioversion:

  • VHF <48 Stunden: Kardioversion ohne TEE möglich
  • VHF >48 Stunden: TEE obligat! (oder vorherige Antikoagulation ≥3 Wochen)
  • Nach Kardioversion: Antikoagulation für ≥4 Wochen fortführen

Methoden:

  1. Elektrische Kardioversion: Kurznarkose + Synchronisierter Gleichstromschock (150 J biphasisch)
  2. Medikamentöse Kardioversion: Flecainid (Klasse Ic) oder Amiodaron (Klasse III)

Katheterablation:

  • Pulmonalvenenisolation (Ziel: Triggerelimination)
  • Bei symptomatischen VHF-Rezidiven trotz Antiarrhythmika
  • Beste Ergebnisse bei paroxysmalem VHF und nicht zu großem linken Vorhof

Komplikationen

  • Schlaganfall / systemische Embolie — gefährlichste Komplikation (5-fach erhöhtes Risiko)
  • Kardiale Dekompensation — besonders bei Patienten mit eingeschränkter LV-Funktion
  • Tachykardiomyopathie — durch anhaltend schnelle Kammerfrequenz → reversibel nach Frequenzkontrolle!
  • Niereninfarkt, Milzinfarkt, akute Extremitätenischämie (durch Embolien)

Prognose

  • VHF ist eine chronische Erkrankung mit Tendenz zur Progression (paroxysmal → persistent → permanent)
  • Hauptrisiko: Schlaganfall (ohne Antikoagulation ~5 %/Jahr bei mittlerem Risiko)
  • Unter optimaler Antikoagulation: Schlaganfallrisiko um >60 % reduzierbar

Prävention

  • Konsequente Behandlung der arteriellen Hypertonie
  • Gewichtsreduktion (Adipositas ist starker, reversibler Risikofaktor)
  • Alkohol- und Drogenkarenz
  • Behandlung der Hyperthyreose

Klinische Perlen

1. Der absolut arrhythmische Puls ist das klinische Leitsymptom. Kein P im EKG + irreguläre RR-Intervalle = VHF, bis das Gegenteil bewiesen ist.

2. Kardioversion bei VHF >48 Stunden ohne TEE = Embolirisiko! Das Vorhofohr kann bereits thrombosiert sein. Immer TEE vorher oder 3 Wochen Antikoagulation.

3. Tachykardiomyopathie ist reversibel. Wenn eine Herzinsuffizienz durch unkontrolliertes VHF verursacht wurde, kann sich die LV-Funktion nach Frequenzkontrolle vollständig erholen.

4. CHA₂DS₂-VASc auswendig lernen. Die zwei hochwertigen Faktoren (Alter ≥75 und Schlaganfall) geben je 2 Punkte.


Prüfungstipps

  • EKG: Fehlende P-Wellen + absolute Arrhythmie = VHF — kann man nicht verwechseln
  • CHA₂DS₂-VASc: Alter ≥75 und Schlaganfall zählen doppelt (2 Punkte)! Weibliches Geschlecht zählt 1 Punkt, ist aber kein unabhängiger Risikofaktor
  • Valvuläres VHF: Nur Vitamin-K-Antagonisten! DOAKs sind hier kontraindiziert
  • Kardioversion >48h: Immer TEE vorher — Schlaganfall-Risiko durch Vorhofthrombus
  • Tachykardiomyopathie: Reversibel! Dieser Fallstrick kommt oft in der Prüfung
  • ASS bei VHF: Nicht mehr empfohlen! Unzureichend wirksam und blutungsriskant

Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
Absolute Arrhythmie Vollständig irreguläre Herzaktion — Leitsymptom des VHF
Pulsdefizit Differenz zwischen auskultierter Herzfrequenz und peripherem Puls
CHA₂DS₂-VASc Score zur Schlaganfallrisikostratifikation bei VHF
HAS-BLED Score zur Abschätzung des Blutungsrisikos unter Antikoagulation
Valvuläres VHF VHF bei Mitralstenose / mech. Klappenersatz — nur VKA erlaubt
TEE Transösophageale Echokardiographie — Thrombenausschluss vor Kardioversion
Tachykardiomyopathie Herzinsuffizienz durch lang anhaltende Tachykardie (reversibel!)
Pulmonalvenenisolation Katheterablationsverfahren zur Behandlung von VHF
Holiday-Heart-Syndrom Akutes VHF nach Alkohol bei ansonsten herzgesunden Personen

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Vorhofflimmern ist eine supraventrikuläre Tachyarrhythmie, die durch chaotische, unkoordinierte elektrische Aktivität der Vorhöfe entsteht. Im EKG fehlen die P-Wellen, stattdessen finden sich unregelmäßige Flimmerwellen, und die RR-Abstände sind völlig irregulär.


Ätiologie 🔗

Epidemiologische Risikofaktoren

  • Arterielle Hypertonie (häufigste Ursache)
  • Alter
  • Adipositas
  • Diabetes mellitus
  • Chronische Niereninsuffizienz

Ursachen

Typ Ursachen
Primär / Idiopathisch Ohne erkennbare Grundkrankheit (~15 %)
Kardial sekundär Herzinsuffizienz, KHK, Mitralklappenvitien, Kardiomyopathien
Extrakardial sekundär Hyperthyreose, Elektrolytstörung (Hypokaliämie!), Lungenembolie, COPD, Alkohol

Merkhilfe "Holiday-Heart-Syndrom": Akutes VHF nach starkem Alkoholkonsum bei ansonsten gesunden Personen — reversibler Auslöser!


Pathophysiologie 🔗

Elektrisch: Multiple simultane Mikro-Reentry-Kreise in den Vorhöfen (oft ausgehend von den Pulmonalvenenmündungen) erzeugen eine chaotische Vorhofaktivität mit Frequenzen >350/min. Der AV-Knoten filtert diese Erregungen unregelmäßig durch → irreguläre Kammerreaktion.

Hämodynamisch: Durch den Wegfall der koordinierten Vorhofkontraktion verliert der linke Ventrikel 10–20 % seiner Füllung ("atrialer Kick") → besonders problematisch bei eingeschränkter LV-Funktion.

Thromboembolisch: Im flimmernden Vorhof — besonders im linken Vorhofohr — verlangsamt sich der Blutfluss. Blut stagniert → Thrombusbildung → Embolisation in Systemkreislauf → Schlaganfall (häufigste schwere Komplikation).


Symptome & Klinik 🔗

Nach zeitlichem Verlauf

Typ Definition
Erstmals diagnostiziert Erste Dokumentation im EKG, unabhängig von Dauer
Paroxysmal Selbstlimitierend, endet spontan oder durch Kardioversion innerhalb ≤7 Tagen
Persistierend Hält >7 Tage an
Langanhaltend persistierend >1 Jahr anhaltend, Rhythmuskontrolle wird angestrebt
Permanent Dauerhaftes VHF, Rhythmuskontrolle wird nicht mehr angestrebt

Valvulär vs. nicht-valvulär

  • Valvuläres VHF: Bei Mitralstenose oder mechanischem Klappenersatz → deutlich erhöhtes Thromboembolierisiko → nur Vitamin-K-Antagonisten (keine DOAKs!)
  • Nicht-valvuläres VHF: Alle anderen Formen → DOAKs bevorzugt

Symptome (⅓ asymptomatisch!)

  • Palpitationen und Herzrasen
  • Unregelmäßiger Puls — auffälligster Befund bei der körperlichen Untersuchung
  • Schwindel, ggf. Synkope
  • Angst, innere Unruhe
  • Symptome der Herzinsuffizienz bei kardialer Dekompensation
  • Zeichen abgelaufener Embolien (TIA, Schlaganfall, Extremitätenischämie)

EHRA-Klassifikation (Symptomstärke)

EHRA Symptomatik
I Keine Symptome
II Leichte Symptome, Alltagsaktivitäten uneingeschränkt
III Schwere Symptome, Alltagsaktivitäten eingeschränkt
IV Invalidisierende Symptome

Diagnostik 🔗

Basisdiagnostik

Anamnese:

  • Beginn des VHF — sicher oder unsicher datierbar?
  • Vorerkrankungen und Risikofaktoren (Hypertonie, Schilddrüse, Alkohol)
  • Mögliche Auslöser (Infekte, Elektrolytstörung)
  • Hinweise auf stattgehabte Embolien (TIA, Schlaganfall)

Körperliche Untersuchung:

  • Unregelmäßige Herzaktion bei der Auskultation
  • Pulsdefizit: Differenz zwischen apikaler Herzfrequenz (Auskultation) und peripher tastbarem Puls (bei schneller Kammerfrequenz)
  • Wechselnde Lautstärke des 1. Herztons

Erweiterte Diagnostik

EKG (Diagnose!):

  • Fehlende P-Wellen — stattdessen unruhige Basislinie (Flimmerwellen)
  • Irregulär-irreguläre RR-Abstände (absolut arrhythmisch)
  • Tachyarrhythmie wenn Kammerfrequenz >100/min; Bradyarrhythmie wenn <60/min

Labor: BB, Glukose, Kreatinin, Elektrolyte (K⁺!), Gerinnung (INR, PTT), TSH (Hyperthyreose ausschließen!)

Transthorakale Echokardiographie:

  • Strukturelle Herzerkrankung? Größe des linken Vorhofs?
  • Erhöhter linker Vorhof → schlechtere Kardioversionsaussichten

Langzeit-EKG / Event-Recorder:

  • Bei Verdacht auf paroxysmales VHF mit normalem Routine-EKG

Wichtige Befunde

TEE (Transösophageale Echokardiographie):

  • Vor geplanter Kardioversion bei VHF >48 Stunden Dauer (wenn keine ausreichende Antikoagulation für ≥3 Wochen vorlag)
  • Thrombenausschluss im linken Vorhofohr!

Differentialdiagnosen 🔗

Rhythmusstörung EKG-Merkmal Unterschied zu VHF
Vorhofflattern Sägezahnartige P-Wellen (250–350/min), meist reguläre Überleitung Regelmäßige (nicht absolute) Arrhythmie
Atriale Tachykardie Erkennbare P-Wellen, schnell aber regulär Regelmäßige Herzaktion
Präexzitationssyndrom (WPW) Delta-Wellen, kurze PQ-Zeit Zusätzliche Erregungsbahn
Ventrikuläre Tachykardie Breite QRS-Komplexe Lebensbedrohlich, Schenkelblock-Bild

Therapie 🔗

Therapiegrundsätze

Drei gleichrangige Ziele:

  1. Thromboembolieprophylaxe (wichtigstes Ziel — verhindert Schlaganfall)
  2. Frequenzkontrolle
  3. Rhythmuskontrolle

Thromboembolieprophylaxe

Entscheidungsgrundlage: CHA₂DS₂-VASc-Score

Buchstabe Risikofaktor Punkte
C Herzinsuffizienz / LV-EF <45 % 1
H Arterielle Hypertonie 1
A₂ Alter ≥75 Jahre 2
D Diabetes mellitus 1
S₂ Schlaganfall / TIA / Thromboembolie 2
V Vaskuläre Erkrankung (pAVK, Herzinfarkt, Aortensklerose) 1
A Alter 65–74 Jahre 1
Sc Weibliches Geschlecht 1

Therapieentscheidung:

  • Score ≥2 (♂) / ≥3 (♀): Antikoagulation indiziert
  • Score 1 (♂) / 2 (♀): Antikoagulation erwägen
  • Score 0 (♂) / 1 (♀): Keine Antikoagulation

Blutungsrisiko: HAS-BLED-Score ≥3 → Risikofaktoren optimieren, engere Kontrollen — aber kein Grund, Antikoagulation zu verweigern!

Antikoagulanzien:

Substanz Wirkung Besonderheiten
Apixaban 2×5 mg/d Faktor-Xa-Hemmer 1. Wahl (DOAK)
Rivaroxaban 1×20 mg/d Faktor-Xa-Hemmer DOAK
Edoxaban 1×60 mg/d Faktor-Xa-Hemmer DOAK
Dabigatran 2×150 mg/d Thrombinhemmer DOAK; KI bei GFR <30
Phenprocoumon Vitamin-K-Antagonist Ziel-INR 2,0–3,0; bei valvulärem VHF

Valvuläres VHF = nur Vitamin-K-Antagonisten! DOAKs sind hier nicht zugelassen.

ASS ist zur Thromboembolieprophylaxe bei VHF nicht mehr empfohlen — unzureichende Wirkung bei deutlich höherem Blutungsrisiko.

Frequenzkontrolle

Ziel: Kammerfrequenz <110/min (in Ruhe)

  • 1. Wahl: Beta-Blocker (Metoprolol) — bevorzugt bei Herzinsuffizienz, KHK
  • Bei unzureichender Wirkung: Kombination mit Digitalisglykosid (Digoxin)
  • Calciumantagonisten (Verapamil, Diltiazem) — kontraindiziert bei systolischer HI!

Bradyarrhythmia absoluta: Atropin, Orciprenalin, ggf. temporärer Herzschrittmacher

Rhythmuskontrolle (Kardioversion)

Indikationen:

  • Symptompersistenz trotz Frequenzkontrolle
  • Junge Patienten mit paroxysmalem VHF
  • Notfall: Tachyarrhythmie mit kardialer Dekompensation und Schock → elektrische Kardioversion sofort!

Thrombenausschluss vor Kardioversion:

  • VHF <48 Stunden: Kardioversion ohne TEE möglich
  • VHF >48 Stunden: TEE obligat! (oder vorherige Antikoagulation ≥3 Wochen)
  • Nach Kardioversion: Antikoagulation für ≥4 Wochen fortführen

Methoden:

  1. Elektrische Kardioversion: Kurznarkose + Synchronisierter Gleichstromschock (150 J biphasisch)
  2. Medikamentöse Kardioversion: Flecainid (Klasse Ic) oder Amiodaron (Klasse III)

Katheterablation:

  • Pulmonalvenenisolation (Ziel: Triggerelimination)
  • Bei symptomatischen VHF-Rezidiven trotz Antiarrhythmika
  • Beste Ergebnisse bei paroxysmalem VHF und nicht zu großem linken Vorhof

Komplikationen 🔗

  • Schlaganfall / systemische Embolie — gefährlichste Komplikation (5-fach erhöhtes Risiko)
  • Kardiale Dekompensation — besonders bei Patienten mit eingeschränkter LV-Funktion
  • Tachykardiomyopathie — durch anhaltend schnelle Kammerfrequenz → reversibel nach Frequenzkontrolle!
  • Niereninfarkt, Milzinfarkt, akute Extremitätenischämie (durch Embolien)

Prognose 🔗

  • VHF ist eine chronische Erkrankung mit Tendenz zur Progression (paroxysmal → persistent → permanent)
  • Hauptrisiko: Schlaganfall (ohne Antikoagulation ~5 %/Jahr bei mittlerem Risiko)
  • Unter optimaler Antikoagulation: Schlaganfallrisiko um >60 % reduzierbar

Prävention 🔗

  • Konsequente Behandlung der arteriellen Hypertonie
  • Gewichtsreduktion (Adipositas ist starker, reversibler Risikofaktor)
  • Alkohol- und Drogenkarenz
  • Behandlung der Hyperthyreose

✨ Clinical Pearls

**1. Der absolut arrhythmische Puls ist das klinische Leitsymptom.** Kein P im EKG + irreguläre RR-Intervalle = VHF, bis das Gegenteil bewiesen ist.

**2. Kardioversion bei VHF >48 Stunden ohne TEE = Embolirisiko!** Das Vorhofohr kann bereits thrombosiert sein. Immer TEE vorher oder 3 Wochen Antikoagulation.

**3. Tachykardiomyopathie ist reversibel.** Wenn eine Herzinsuffizienz durch unkontrolliertes VHF verursacht wurde, kann sich die LV-Funktion nach Frequenzkontrolle vollständig erholen.

**4. CHA₂DS₂-VASc auswendig lernen.** Die zwei hochwertigen Faktoren (Alter ≥75 und Schlaganfall) geben je 2 Punkte.

Prüfungstipps

  • - EKG: Fehlende P-Wellen + absolute Arrhythmie = VHF — kann man nicht verwechseln
  • - CHA₂DS₂-VASc: Alter ≥75 und Schlaganfall zählen doppelt (2 Punkte)! Weibliches Geschlecht zählt 1 Punkt, ist aber kein unabhängiger Risikofaktor
  • - Valvuläres VHF: Nur Vitamin-K-Antagonisten! DOAKs sind hier kontraindiziert
  • - Kardioversion >48h: Immer TEE vorher — Schlaganfall-Risiko durch Vorhofthrombus
  • - Tachykardiomyopathie: Reversibel! Dieser Fallstrick kommt oft in der Prüfung
  • - ASS bei VHF: Nicht mehr empfohlen! Unzureichend wirksam und blutungsriskant

Schlüsselbegriffe

BegriffAbsolute ArrhythmiePulsdefizitCHA₂DS₂-VAScHAS-BLEDValvuläres VHFTEETachykardiomyopathiePulmonalvenenisolationHoliday-Heart-Syndrom

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