★★★ Sehr wichtig Pneumologie 25 Min.

Pneumonie — Lungenentzündung

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Bakterielle Entzündung des Lungenparenchyms — häufigster Erreger der ambulant erworbenen Pneumonie (CAP): Pneumokokken
  • 2. Unterscheide typisch (Pneumokokken: plötzlich, hohes Fieber, produktiver Husten) vs. atypisch (Mykoplasmen: schleichend, trockener Husten)
  • 3. Schweregrad entscheidet die Therapie: CRB-65-Score — 0 Punkte = ambulant, ≥1 = stationär, ≥3 = Intensivstation
  • 4. Antibiotikum richten sich nach Schweregrad und Entstehungsort — Aminopenicillin ist die Basistherapie
  • 5. Wichtigstes Diagnosekriterium: neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgen-Thorax + mindestens 2 Nebenkriterien

Fallvignette

Eine 45-jährige Patientin stellt sich vor mit hohem Fieber (39,5 °C) und Husten seit 3 Tagen...

Der Husten ist produktiv mit gelblich-grünem Sputum. Atemfrequenz 24/min, SpO₂ 94 % unter Raumluft. Bei der Auskultation sind rechts basal abgeschwächte Atemgeräusche und feinblasige Rasselgeräusche zu hören, der Klopfschall ist rechts basal gedämpft. CRP 180 mg/l, Leukozyten 14.000/µl. Keine Vorerkrankungen, keine Immunsuppression.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Pneumonie — Lungenentzündung

Auf einen Blick

  1. Bakterielle Entzündung des Lungenparenchyms — häufigster Erreger der ambulant erworbenen Pneumonie (CAP): Pneumokokken
  2. Unterscheide typisch (Pneumokokken: plötzlich, hohes Fieber, produktiver Husten) vs. atypisch (Mykoplasmen: schleichend, trockener Husten)
  3. Schweregrad entscheidet die Therapie: CRB-65-Score — 0 Punkte = ambulant, ≥1 = stationär, ≥3 = Intensivstation
  4. Antibiotikum richten sich nach Schweregrad und Entstehungsort — Aminopenicillin ist die Basistherapie
  5. Wichtigstes Diagnosekriterium: neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgen-Thorax + mindestens 2 Nebenkriterien

Fallvignette

Eine 45-jährige Patientin stellt sich vor mit hohem Fieber (39,5 °C) und Husten seit 3 Tagen…

Der Husten ist produktiv mit gelblich-grünem Sputum. Atemfrequenz 24/min, SpO₂ 94 % unter Raumluft. Bei der Auskultation sind rechts basal abgeschwächte Atemgeräusche und feinblasige Rasselgeräusche zu hören, der Klopfschall ist rechts basal gedämpft. CRP 180 mg/l, Leukozyten 14.000/µl. Keine Vorerkrankungen, keine Immunsuppression.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Entzündung des Alveolarraums und/oder des interstitiellen Lungengewebes, überwiegend durch Bakterien verursacht. Die Pneumonie ist eine der häufigsten infektiösen Todesursachen weltweit und erfordert rasche Einschätzung des Schweregrads.


Ätiologie & Erreger

Ambulant erworbene Pneumonie (CAP)

Erreger Klinik Besonderheit
Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken) Typische Pneumonie Häufigster Erreger bei Erwachsenen
Haemophilus influenzae Typisch oder atypisch Häufig bei COPD-Patienten
Mycoplasma pneumoniae Atypische Pneumonie Junge Erwachsene, „walking pneumonia“
Chlamydia pneumoniae Atypische Pneumonie Schleichend, oft mild
Legionella pneumophila Schwere atypische Pneumonie Klimaanlagen, Reiseanamnese!

Nosokomial erworbene Pneumonie (HAP) — > 48 h nach Aufnahme

  • Gramnegative Erreger: Pseudomonas aeruginosa, Enterobacteriaceae
  • Staphylokokken (inkl. MRSA bei Risikopatienten)
  • Polymikrobielle Infektionen häufiger als bei CAP

Sonderformen

  • Immunsupprimierte: Pneumocystis jirovecii (PCP), CMV, Aspergillus
  • Aspiration: Polymikrobiell, Anaerobier mitbedenken
  • Neonaten: E. coli, Streptokokken Gruppe B

Risikofaktoren für eine Pneumonie

  • Hohes Alter und Immobilität
  • Immunsuppression (Kortikosteroide, Chemotherapie, HIV)
  • Chronische Erkrankungen: COPD, Asthma, Herzinsuffizienz
  • Schluckstörungen (Aspirationsgefahr): Schlaganfall, Demenz, PPI-Therapie

Pathophysiologie

Erreger gelangen in die Lunge durch:

  • Tröpfcheninfektion (aerogen) — häufigster Weg
  • Mikroaspiration von Oropharynxkeimen (bei jedem Schlucken)
  • „Echte“ Aspiration größerer Mengen (Mendelson-Syndrom)
  • Hämatogene Streuung (Miliarpneumonie bei Tuberkulose)

Reaktion im Lungenparenchym — warum die Lunge verschattet:
Erreger lösen eine Entzündungsreaktion aus → Exsudat füllt die Alveolen → Alveolen konsolidieren → keine Luft mehr drin → Röntgen zeigt Verschattung → kein Atemgeräusch, aber Bronchophonie (Schall leitet besser durch konsolidiertes Gewebe als durch luftgefüllte Alveolen)

Morphologische Muster (erklärt die Röntgenbefunde)

Muster Erreger Röntgenbefund
Lobärpneumonie Pneumokokken Lappen-begrenzte Verschattung, Aerobronchogramm positiv
Bronchopneumonie Pneumokokken, Streptokokken Unscharf begrenzte Infiltrate, mehrere Herde
Interstitielle Pneumonie Viren, Mykoplasmen Retikuläre (netzartige) Verschattung
Miliarpneumonie Tuberkulose Hämatogen, millimeterkl. Herde beidseits

Klassifikation

Nach Entstehungsort

Typ Definition Erreger
CAP (Community-acquired) Ambulant erworben Pneumokokken, Mykoplasmen
HAP (Hospital-acquired) ≥ 48 h nach Aufnahme oder Entlassung < 3 Monate Gramnegative Keime, Staphylokokken

Nach klinischem Bild

Typ Beginn Symptome Auskultation Erreger
Typische Pneumonie Plötzlich Hohes Fieber, produktiver Husten Rasselgeräusche, Bronchophonie Pneumokokken
Atypische Pneumonie Schleichend Leichtes Fieber, trockener Husten, Kopfschmerzen Unauffällig! Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen, Viren

Merke: Atypische Pneumonie = Röntgen schlimmer als die Klinik vermuten lässt

Primär vs. Sekundär

  • Primär: Ohne erkennbare Vorerkrankung
  • Sekundär: Auf dem Boden einer Komorbidität (COPD, Asthma, Herzinsuffizienz) oder Aspiration

Symptome & Klinik

Typische Pneumonie (Pneumokokken)

  • Plötzlicher Beginn mit starkem Krankheitsgefühl
  • Hohes Fieber (oft >39 °C)
  • Produktiver Husten mit eitrigem, gelblich-grünem Auswurf
  • Tachypnoe und Dyspnoe
  • Pleuraler Schmerz durch Begleitpleuritis (atemabhängig)
  • Begleitend: Herpes labialis (häufig bei Pneumokokken!), fortgeleitete Bauchschmerzen (bes. bei Kindern)

Atypische Pneumonie (Mykoplasmen, Chlamydien)

  • Schleichender Beginn über Tage
  • Leichtes Fieber oder Subfebrilität
  • Trockener, reizender Husten ohne Auswurf
  • Dyspnoe (oft mild im Verhältnis zum Röntgenbefund)
  • Kopf- und Gliederschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl

Wichtige Falle: Bei älteren Patienten kann eine Bewusstseinseintrübung oder Verwirrtheit das einzige Symptom einer Pneumonie sein! Immer Röntgen-Thorax bei unklarer Verwirrtheit im Alter.


Diagnostik

Anamnese — wichtige Fragen

  • Alter und Komorbiditäten
  • Immunstatus (Kortikosteroide, HIV, Chemotherapie)
  • Pflegeheim? (Keimspektrum wie HAP!)
  • Antibiotische Vorbehandlung
  • Reiseanamnese (Legionellen — Klimaanlage, Fernreisen)
  • Tierkontakte (Chlamydia psittaci bei Vogelhaltern, Coxiella burnetti bei Nutztieren)

Klinische Untersuchung

Vitalzeichen erfassen — bestimmen den CRB-65-Score:

  • Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Körpertemperatur, SpO2
Befund Technik Bedeutung
Verstärkter Stimmfremitus Hand auf Brust → Patient sagt „neunundneunzig“ Konsolidierung — Schall leitet besser
Bronchophonie Auskultation während Patient flüstert Pathologisch wenn verständlich → Konsolidierung
Feinblasige Rasselgeräusche Auskultation Exsudat in den Alveolen
Gedämpfter Klopfschall Perkussion Konsolidierung oder Pleuraerguss

Labordiagnostik

Entzündungszeichen:

  • Leukozytose (oder Leukopenie bei Schwerkranken!)
  • CRP erhöht, BSG erhöht
  • Procalcitonin (PCT) erhöht — spezifischer für bakterielle Infektion
  • Ggf. Blutgasanalyse bei Dyspnoe/Hypoxie

Erregerdiagnostik (bei stationärer Aufnahme obligat!):

  • Blutkulturen: Mindestens 2 aerobe + 2 anaerobe Kulturen (vor Antibiotikagabe!)
  • Sputumkultur: Materialgewinnung vor Antibiotika
  • Pleurapunktion: Bei Pleuraerguss (Gramfärbung + Kultur)
  • Legionellen-Antigen im Urin: Schnelltest bei Verdacht
  • Ggf. BAL bei beatmeten Patienten oder Immunsupprimierten

Apparative Diagnostik

Röntgen-Thorax (in 2 Ebenen — obligat!)

Pneumonietyp Röntgenbefund
Lobärpneumonie Lappenbegrenzte Verschattung + Aerobronchogramm (Bronchien sichtbar in der Konsolidierung)
Bronchopneumonie Unscharf begrenzte Infiltrate, fleckig, mehrere Herde
Interstitielle Pneumonie Retikuläre (netzartige) Verschattung

CT-Thorax: Bei unklaren Befunden, Verdacht auf Komplikation (Abszess, Empyem) oder fehlendem Ansprechen auf Therapie

Diagnosekriterien — Wann ist es eine Pneumonie?

1 Hauptkriterium + mindestens 2 Nebenkriterien:

Kriterien Details
Hauptkriterium Neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgen-Thorax (in 2 Ebenen)
Nebenkriterium 1 Fieber ≥38,5 °C oder Hypothermie ≤36,5 °C
Nebenkriterium 2 Leukozytose >10.000/µL oder Leukopenie <4.000/µL
Nebenkriterium 3 Eitriger Auswurf (gelblich-grün)
Nebenkriterium 4 Bronchophonie oder verstärkter Stimmfremitus
Nebenkriterium 5 Erregernachweis (Blutkultur, Sputum, Bronchialsekret)

Differentialdiagnosen

Diagnose Unterscheidungsmerkmale
Lungenembolie Plötzliche Dyspnoe, Pleuraschmerz, D-Dimer erhöht, CT-PA
Herzinsuffizienz Beidseitige Verschattung, Stauungszeichen, BNP erhöht
Bronchialkarzinom Chronischer Husten, Gewichtsverlust, persistierendes Infiltrat
Tuberkulose Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Oberlappen-Herd, Kavernen
Pleuritis Reibegeräusch, kein Infiltrat, kein Fieber obligat

Therapie

CRB-65-Score — Entscheidung über Behandlungsort

Kriterium Bedeutung
C — Confusion Bewusstseinseintrübung (neu aufgetreten)
R — Respiratory rate Atemfrequenz ≥30/min
B — Blood pressure Diastolisch ≤60 mmHg oder systolisch <90 mmHg
65 — Age Alter ≥65 Jahre
Score Empfehlung
0 Ambulante Behandlung möglich
≥1 Stationäre Aufnahme erwägen
≥3 Intensivstation erwägen

Jeder ambulant behandelte Patient muss nach 48–72 Stunden kontrolliert werden, um das Ansprechen auf das Antibiotikum zu prüfen!

Allgemeinmaßnahmen

  • Körperliche Schonung
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Sauerstoff bei SpO2 < 90 % (Nasensonde)
  • Antipyretika und Analgetika (Paracetamol)
  • Expektoranzien und Mukolytika (Acetylcystein) bei zähem Schleim
  • Physiotherapie: Frühmobilisierung und Atemtherapie (verhindert Komplikationen)

Antibiotische Therapie der CAP

Leichte Pneumonie (CRB-65 = 0, SpO2 ≥90 %) — Ambulant

Patienten ohne Risikofaktoren:

  • Amoxicillin p.o. 1g 1-1-1 für 5–7 Tage
  • Bei Penicillin-Allergie: Clarithromycin 500 mg p.o. 1-0-1 für 5–7 Tage

Patienten mit Risikofaktoren (COPD, Herzinsuffizienz, Schluckstörungen, Bettlägrigkeit):

  • Amoxicillin/Clavulansäure p.o. 875/125 mg 1-0-1 für 5–7 Tage
  • Ggf. + Clarithromycin bei Verdacht auf atypische Erreger
  • Bei Penicillin-Allergie: Levofloxacin 500 mg p.o. 1-0-0 für 5–7 Tage

Mittelschwere Pneumonie — Stationär

  • Ampicillin/Sulbactam i.v. 2/1 g 1-1-1 für 5–7 Tage
  • Ggf. + Clarithromycin bei V.a. atypische Erreger
  • Bei Penicillin-Allergie: Levofloxacin 500 mg i.v. 1-0-0

Schwere Pneumonie — Stationär (oft Intensivstation)

Definiert durch: Akute respiratorische Insuffizienz und/oder septischer Schock und/oder dekompensierte Komorbidität

  • Piperacillin/Tazobactam 4/0,5 g i.v. 1-1-1 immer + Clarithromycin für 8–15 Tage
  • Bei Penicillin-Allergie: Ceftriaxon 2 g i.v. 1-0-0 + Clarithromycin

Nosokomial erworbene Pneumonie (HAP)

Risikoprofil Therapie
Ohne Risiko für multiresistente Erreger Ampicillin/Sulbactam i.v.
Mit Risiko für multiresistente Erreger Piperacillin/Tazobactam i.v.

Therapiedauer: 2–3 Tage nach Entfieberung absetzen — bei ambulanter CAP reichen 7 Tage!


Komplikationen

Komplikation Mechanismus Klinischer Hinweis
Begleitpleuritis / -erguss Entzündung breitet sich auf Pleura aus Atemabhängiger Schmerz, gedämpfter Klopfschall
Pleuraempyem Eitriger Erguss — bakterielle Besiedelung Fieber persistiert trotz Antibiose → Drainage nötig
Lungenabszess Nekrotisierende Infektion (v.a. Aspiration) Fötider Auswurf, Kavernen im CT
Sepsis Bakteriämie Organdysfunktion, Schock
Respiratorische Insuffizienz Ausgedehnte Konsolidierung Hypoxie, ggf. Beatmung

Prognose

Die Prognose hängt von drei Faktoren ab:

  1. Schweregrad (CRB-65-Score)
  2. Entstehungsort (CAP besser als HAP)
  3. Komorbiditäten des Patienten

Ambulante CAP: sehr gute Prognose. Schwere CAP mit septischem Schock: Mortalität bis zu 30 %.


Prävention

Maßnahme Indikation
Pneumokokken-Impfung Alle ab 60 Jahren, Immunsupprimierte, chronisch Kranke
Influenza-Impfung Jährlich — reduziert das Pneumonierisiko indirekt
Nikotinkarenz Rauchen schädigt die mukoziliäre Clearance
Aspirationsprophylaxe Oberkörperhochlagerung bei Beatmung, Dysphagie-Management

Klinische Perlen

1. Typisch vs. atypisch: Klinisch unterscheiden. Plötzliches hohes Fieber + eitriger Auswurf + Rasselgeräusche = typisch (Pneumokokken). Schleichend + trockener Husten + Auskultation unauffällig = atypisch (Mykoplasmen). Das Röntgenbild ist bei der atypischen Pneumonie oft schwerer als der klinische Eindruck.

2. Legionellose nie vergessen. Bei schwerem klinischen Verlauf, Reiseanamnese, Klimaanlage, fehlendem Ansprechen auf Beta-Laktame — immer Legionellen-Antigen im Urin bestimmen. Legionellen sprechen nicht auf Beta-Laktame an!

3. Bewusstseinsstörung bei älteren Patienten = Pneumonie bis zum Beweis des Gegenteils. Besonders im Pflegeheim fehlen oft Fieber und Husten. Röntgen-Thorax bei jedem älteren Patienten mit akuter Verschlechterung des Allgemeinzustands!

4. Aerobronchogramm = Lobärpneumonie. Die Bronchien werden sichtbar, weil das umgebende Lungenparenchym luftlos (konsolidiert) ist — normales anatomisches Zeichen in erkrankter Umgebung.


Prüfungstipps

  • CRB-65-Score auswendig lernen — die vier Buchstaben, die Grenzwerte, und was 0/1/3 bedeuten
  • Diagnosekriterien: 1 Haupt- (Röntgen-Infiltrat) + 2 Nebenkriterien — wird in OSCE geprüft
  • Antibiotika-Stufenschema: Amoxicillin (leicht, kein Risiko) → Amoxicillin/Clavulansäure (leicht + Risiko) → Ampicillin/Sulbactam i.v. (mittel) → Pip/Taz + Makrolid (schwer)
  • Legionellen = Makrolid oder Fluorchinolon — Beta-Laktame alleine nicht ausreichend!
  • Pleuraempyem: Wenn Fieber trotz Antibiose persistiert → immer an Empyem denken → Sono/CT → Drainage
  • Atypische Pneumonie: Auskultation unauffällig, aber Röntgen zeigt Infiltrat — Typische Prüfungsfrage

Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
CAP Community-acquired Pneumonia — ambulant erworbene Pneumonie
HAP Hospital-acquired Pneumonia — ≥48 h nach Krankenhausaufnahme
CRB-65-Score Schweregradbeurteilung der Pneumonie zur Therapieentscheidung
Aerobronchogramm Sichtbare Bronchien in konsolidiertem Lungengewebe — typisch für Lobärpneumonie
Bronchophonie Verstärkte Weiterleitung von Sprache durch konsolidiertes Lungengewebe
Pleuraempyem Eitriger Erguss im Pleuraraum — Komplikation der Pneumonie, erfordert Drainage
Atypische Pneumonie Schleichende Pneumonie mit unauffälliger Auskultation — v.a. Mykoplasmen, Legionellen
PCT (Procalcitonin) Marker für bakterielle Infektion — hilft, antibiotische Therapie zu steuern
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Entzündung des Alveolarraums und/oder des interstitiellen Lungengewebes, überwiegend durch Bakterien verursacht. Die Pneumonie ist eine der häufigsten infektiösen Todesursachen weltweit und erfordert rasche Einschätzung des Schweregrads.


Ätiologie 🔗

Ambulant erworbene Pneumonie (CAP)

Erreger Klinik Besonderheit
Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken) Typische Pneumonie Häufigster Erreger bei Erwachsenen
Haemophilus influenzae Typisch oder atypisch Häufig bei COPD-Patienten
Mycoplasma pneumoniae Atypische Pneumonie Junge Erwachsene, "walking pneumonia"
Chlamydia pneumoniae Atypische Pneumonie Schleichend, oft mild
Legionella pneumophila Schwere atypische Pneumonie Klimaanlagen, Reiseanamnese!

Nosokomial erworbene Pneumonie (HAP) — > 48 h nach Aufnahme

  • Gramnegative Erreger: Pseudomonas aeruginosa, Enterobacteriaceae
  • Staphylokokken (inkl. MRSA bei Risikopatienten)
  • Polymikrobielle Infektionen häufiger als bei CAP

Sonderformen

  • Immunsupprimierte: Pneumocystis jirovecii (PCP), CMV, Aspergillus
  • Aspiration: Polymikrobiell, Anaerobier mitbedenken
  • Neonaten: E. coli, Streptokokken Gruppe B

Risikofaktoren für eine Pneumonie

  • Hohes Alter und Immobilität
  • Immunsuppression (Kortikosteroide, Chemotherapie, HIV)
  • Chronische Erkrankungen: COPD, Asthma, Herzinsuffizienz
  • Schluckstörungen (Aspirationsgefahr): Schlaganfall, Demenz, PPI-Therapie

Pathophysiologie 🔗

Erreger gelangen in die Lunge durch:

  • Tröpfcheninfektion (aerogen) — häufigster Weg
  • Mikroaspiration von Oropharynxkeimen (bei jedem Schlucken)
  • "Echte" Aspiration größerer Mengen (Mendelson-Syndrom)
  • Hämatogene Streuung (Miliarpneumonie bei Tuberkulose)

Reaktion im Lungenparenchym — warum die Lunge verschattet: Erreger lösen eine Entzündungsreaktion aus → Exsudat füllt die Alveolen → Alveolen konsolidieren → keine Luft mehr drin → Röntgen zeigt Verschattung → kein Atemgeräusch, aber Bronchophonie (Schall leitet besser durch konsolidiertes Gewebe als durch luftgefüllte Alveolen)

Morphologische Muster (erklärt die Röntgenbefunde)

Muster Erreger Röntgenbefund
Lobärpneumonie Pneumokokken Lappen-begrenzte Verschattung, Aerobronchogramm positiv
Bronchopneumonie Pneumokokken, Streptokokken Unscharf begrenzte Infiltrate, mehrere Herde
Interstitielle Pneumonie Viren, Mykoplasmen Retikuläre (netzartige) Verschattung
Miliarpneumonie Tuberkulose Hämatogen, millimeterkl. Herde beidseits

Symptome & Klinik 🔗

Nach Entstehungsort

Typ Definition Erreger
CAP (Community-acquired) Ambulant erworben Pneumokokken, Mykoplasmen
HAP (Hospital-acquired) ≥ 48 h nach Aufnahme oder Entlassung < 3 Monate Gramnegative Keime, Staphylokokken

Nach klinischem Bild

Typ Beginn Symptome Auskultation Erreger
Typische Pneumonie Plötzlich Hohes Fieber, produktiver Husten Rasselgeräusche, Bronchophonie Pneumokokken
Atypische Pneumonie Schleichend Leichtes Fieber, trockener Husten, Kopfschmerzen Unauffällig! Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen, Viren

Merke: Atypische Pneumonie = Röntgen schlimmer als die Klinik vermuten lässt

Primär vs. Sekundär

  • Primär: Ohne erkennbare Vorerkrankung
  • Sekundär: Auf dem Boden einer Komorbidität (COPD, Asthma, Herzinsuffizienz) oder Aspiration

Typische Pneumonie (Pneumokokken)

  • Plötzlicher Beginn mit starkem Krankheitsgefühl
  • Hohes Fieber (oft >39 °C)
  • Produktiver Husten mit eitrigem, gelblich-grünem Auswurf
  • Tachypnoe und Dyspnoe
  • Pleuraler Schmerz durch Begleitpleuritis (atemabhängig)
  • Begleitend: Herpes labialis (häufig bei Pneumokokken!), fortgeleitete Bauchschmerzen (bes. bei Kindern)

Atypische Pneumonie (Mykoplasmen, Chlamydien)

  • Schleichender Beginn über Tage
  • Leichtes Fieber oder Subfebrilität
  • Trockener, reizender Husten ohne Auswurf
  • Dyspnoe (oft mild im Verhältnis zum Röntgenbefund)
  • Kopf- und Gliederschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl

Wichtige Falle: Bei älteren Patienten kann eine Bewusstseinseintrübung oder Verwirrtheit das einzige Symptom einer Pneumonie sein! Immer Röntgen-Thorax bei unklarer Verwirrtheit im Alter.


Diagnostik 🔗

Anamnese — wichtige Fragen

  • Alter und Komorbiditäten
  • Immunstatus (Kortikosteroide, HIV, Chemotherapie)
  • Pflegeheim? (Keimspektrum wie HAP!)
  • Antibiotische Vorbehandlung
  • Reiseanamnese (Legionellen — Klimaanlage, Fernreisen)
  • Tierkontakte (Chlamydia psittaci bei Vogelhaltern, Coxiella burnetti bei Nutztieren)

Klinische Untersuchung

Vitalzeichen erfassen — bestimmen den CRB-65-Score:

  • Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Körpertemperatur, SpO2
Befund Technik Bedeutung
Verstärkter Stimmfremitus Hand auf Brust → Patient sagt "neunundneunzig" Konsolidierung — Schall leitet besser
Bronchophonie Auskultation während Patient flüstert Pathologisch wenn verständlich → Konsolidierung
Feinblasige Rasselgeräusche Auskultation Exsudat in den Alveolen
Gedämpfter Klopfschall Perkussion Konsolidierung oder Pleuraerguss

Labordiagnostik

Entzündungszeichen:

  • Leukozytose (oder Leukopenie bei Schwerkranken!)
  • CRP erhöht, BSG erhöht
  • Procalcitonin (PCT) erhöht — spezifischer für bakterielle Infektion
  • Ggf. Blutgasanalyse bei Dyspnoe/Hypoxie

Erregerdiagnostik (bei stationärer Aufnahme obligat!):

  • Blutkulturen: Mindestens 2 aerobe + 2 anaerobe Kulturen (vor Antibiotikagabe!)
  • Sputumkultur: Materialgewinnung vor Antibiotika
  • Pleurapunktion: Bei Pleuraerguss (Gramfärbung + Kultur)
  • Legionellen-Antigen im Urin: Schnelltest bei Verdacht
  • Ggf. BAL bei beatmeten Patienten oder Immunsupprimierten

Apparative Diagnostik

Röntgen-Thorax (in 2 Ebenen — obligat!)

Pneumonietyp Röntgenbefund
Lobärpneumonie Lappenbegrenzte Verschattung + Aerobronchogramm (Bronchien sichtbar in der Konsolidierung)
Bronchopneumonie Unscharf begrenzte Infiltrate, fleckig, mehrere Herde
Interstitielle Pneumonie Retikuläre (netzartige) Verschattung

CT-Thorax: Bei unklaren Befunden, Verdacht auf Komplikation (Abszess, Empyem) oder fehlendem Ansprechen auf Therapie

Diagnosekriterien — Wann ist es eine Pneumonie?

1 Hauptkriterium + mindestens 2 Nebenkriterien:

Kriterien Details
Hauptkriterium Neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgen-Thorax (in 2 Ebenen)
Nebenkriterium 1 Fieber ≥38,5 °C oder Hypothermie ≤36,5 °C
Nebenkriterium 2 Leukozytose >10.000/µL oder Leukopenie <4.000/µL
Nebenkriterium 3 Eitriger Auswurf (gelblich-grün)
Nebenkriterium 4 Bronchophonie oder verstärkter Stimmfremitus
Nebenkriterium 5 Erregernachweis (Blutkultur, Sputum, Bronchialsekret)

Differentialdiagnosen 🔗

Diagnose Unterscheidungsmerkmale
Lungenembolie Plötzliche Dyspnoe, Pleuraschmerz, D-Dimer erhöht, CT-PA
Herzinsuffizienz Beidseitige Verschattung, Stauungszeichen, BNP erhöht
Bronchialkarzinom Chronischer Husten, Gewichtsverlust, persistierendes Infiltrat
Tuberkulose Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Oberlappen-Herd, Kavernen
Pleuritis Reibegeräusch, kein Infiltrat, kein Fieber obligat

Therapie 🔗

CRB-65-Score — Entscheidung über Behandlungsort

Kriterium Bedeutung
C — Confusion Bewusstseinseintrübung (neu aufgetreten)
R — Respiratory rate Atemfrequenz ≥30/min
B — Blood pressure Diastolisch ≤60 mmHg oder systolisch <90 mmHg
65 — Age Alter ≥65 Jahre
Score Empfehlung
0 Ambulante Behandlung möglich
≥1 Stationäre Aufnahme erwägen
≥3 Intensivstation erwägen

Jeder ambulant behandelte Patient muss nach 48–72 Stunden kontrolliert werden, um das Ansprechen auf das Antibiotikum zu prüfen!

Allgemeinmaßnahmen

  • Körperliche Schonung
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Sauerstoff bei SpO2 < 90 % (Nasensonde)
  • Antipyretika und Analgetika (Paracetamol)
  • Expektoranzien und Mukolytika (Acetylcystein) bei zähem Schleim
  • Physiotherapie: Frühmobilisierung und Atemtherapie (verhindert Komplikationen)

Antibiotische Therapie der CAP

Leichte Pneumonie (CRB-65 = 0, SpO2 ≥90 %) — Ambulant

Patienten ohne Risikofaktoren:

  • Amoxicillin p.o. 1g 1-1-1 für 5–7 Tage
  • Bei Penicillin-Allergie: Clarithromycin 500 mg p.o. 1-0-1 für 5–7 Tage

Patienten mit Risikofaktoren (COPD, Herzinsuffizienz, Schluckstörungen, Bettlägrigkeit):

  • Amoxicillin/Clavulansäure p.o. 875/125 mg 1-0-1 für 5–7 Tage
  • Ggf. + Clarithromycin bei Verdacht auf atypische Erreger
  • Bei Penicillin-Allergie: Levofloxacin 500 mg p.o. 1-0-0 für 5–7 Tage

Mittelschwere Pneumonie — Stationär

  • Ampicillin/Sulbactam i.v. 2/1 g 1-1-1 für 5–7 Tage
  • Ggf. + Clarithromycin bei V.a. atypische Erreger
  • Bei Penicillin-Allergie: Levofloxacin 500 mg i.v. 1-0-0

Schwere Pneumonie — Stationär (oft Intensivstation)

Definiert durch: Akute respiratorische Insuffizienz und/oder septischer Schock und/oder dekompensierte Komorbidität

  • Piperacillin/Tazobactam 4/0,5 g i.v. 1-1-1 immer + Clarithromycin für 8–15 Tage
  • Bei Penicillin-Allergie: Ceftriaxon 2 g i.v. 1-0-0 + Clarithromycin

Nosokomial erworbene Pneumonie (HAP)

Risikoprofil Therapie
Ohne Risiko für multiresistente Erreger Ampicillin/Sulbactam i.v.
Mit Risiko für multiresistente Erreger Piperacillin/Tazobactam i.v.

Therapiedauer: 2–3 Tage nach Entfieberung absetzen — bei ambulanter CAP reichen 7 Tage!


Komplikationen 🔗

Komplikation Mechanismus Klinischer Hinweis
Begleitpleuritis / -erguss Entzündung breitet sich auf Pleura aus Atemabhängiger Schmerz, gedämpfter Klopfschall
Pleuraempyem Eitriger Erguss — bakterielle Besiedelung Fieber persistiert trotz Antibiose → Drainage nötig
Lungenabszess Nekrotisierende Infektion (v.a. Aspiration) Fötider Auswurf, Kavernen im CT
Sepsis Bakteriämie Organdysfunktion, Schock
Respiratorische Insuffizienz Ausgedehnte Konsolidierung Hypoxie, ggf. Beatmung

Prognose 🔗

Die Prognose hängt von drei Faktoren ab:

  1. Schweregrad (CRB-65-Score)
  2. Entstehungsort (CAP besser als HAP)
  3. Komorbiditäten des Patienten

Ambulante CAP: sehr gute Prognose. Schwere CAP mit septischem Schock: Mortalität bis zu 30 %.


Prävention 🔗

Maßnahme Indikation
Pneumokokken-Impfung Alle ab 60 Jahren, Immunsupprimierte, chronisch Kranke
Influenza-Impfung Jährlich — reduziert das Pneumonierisiko indirekt
Nikotinkarenz Rauchen schädigt die mukoziliäre Clearance
Aspirationsprophylaxe Oberkörperhochlagerung bei Beatmung, Dysphagie-Management

✨ Clinical Pearls

**1. Typisch vs. atypisch: Klinisch unterscheiden.** Plötzliches hohes Fieber + eitriger Auswurf + Rasselgeräusche = typisch (Pneumokokken). Schleichend + trockener Husten + Auskultation unauffällig = atypisch (Mykoplasmen). Das Röntgenbild ist bei der atypischen Pneumonie oft schwerer als der klinische Eindruck.

**2. Legionellose nie vergessen.** Bei schwerem klinischen Verlauf, Reiseanamnese, Klimaanlage, fehlendem Ansprechen auf Beta-Laktame — immer Legionellen-Antigen im Urin bestimmen. Legionellen sprechen nicht auf Beta-Laktame an!

**3. Bewusstseinsstörung bei älteren Patienten = Pneumonie bis zum Beweis des Gegenteils.** Besonders im Pflegeheim fehlen oft Fieber und Husten. Röntgen-Thorax bei jedem älteren Patienten mit akuter Verschlechterung des Allgemeinzustands!

**4. Aerobronchogramm = Lobärpneumonie.** Die Bronchien werden sichtbar, weil das umgebende Lungenparenchym luftlos (konsolidiert) ist — normales anatomisches Zeichen in erkrankter Umgebung.

Prüfungstipps

  • - CRB-65-Score auswendig lernen — die vier Buchstaben, die Grenzwerte, und was 0/1/3 bedeuten
  • - Diagnosekriterien: 1 Haupt- (Röntgen-Infiltrat) + 2 Nebenkriterien — wird in OSCE geprüft
  • - Antibiotika-Stufenschema: Amoxicillin (leicht, kein Risiko) → Amoxicillin/Clavulansäure (leicht + Risiko) → Ampicillin/Sulbactam i.v. (mittel) → Pip/Taz + Makrolid (schwer)
  • - Legionellen = Makrolid oder Fluorchinolon — Beta-Laktame alleine nicht ausreichend!
  • - Pleuraempyem: Wenn Fieber trotz Antibiose persistiert → immer an Empyem denken → Sono/CT → Drainage
  • - Atypische Pneumonie: Auskultation unauffällig, aber Röntgen zeigt Infiltrat — Typische Prüfungsfrage

Schlüsselbegriffe

BegriffCAPHAPCRB-65-ScoreAerobronchogrammBronchophoniePleuraempyemAtypische PneumoniePCT (Procalcitonin)

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