★★ Wichtig Neurologie 20 Min.

Kopfschmerzen — Übersicht & Differentialdiagnose

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Kopfschmerzen sind häufigster Grund für neurologische Konsultationen — 90 % primär, 10 % symptomatisch
  • 2. Die wichtigste Entscheidung: Primär oder sekundär? — Red Flags entscheiden über Notfalldiagnostik
  • 3. Die drei häufigsten primären Formen: Spannungskopfschmerz > Migräne > Clusterkopfschmerz
  • 4. Red Flag: Vernichtungskopfschmerz = Subarachnoidalblutung ausschließen (sofort cCT!)
  • 5. Diagnostische Säulen: Anamnese → Neurountersuchung → Bildgebung nur bei Red Flags

Fallvignette

Eine 52-jährige Patientin stellt sich notfallmäßig vor mit dem schlimmsten Kopfschmerz ihres Lebens, der vor ca. 2 Stunden plötzlich wie ein „Donnerschlag" eingesetzt hat.

Der Schmerz trat aus voller Gesundheit heraus auf, maximal innerhalb von Sekunden, und ist anhaltend. Begleitend bestehen Übelkeit und einmaliges Erbrechen. Kein Fieber. Keine Vorgeschichte ähnlicher Kopfschmerzen. Blutdruck 148/92 mmHg, Herzfrequenz 88/min, Temperatur 37,1 °C. Neurologischer Befund: keine fokalen Ausfälle, jedoch positives Meningismuszeichen fraglich. GCS 15.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Kopfschmerzen — Übersicht & Differentialdiagnose

Auf einen Blick

  1. Kopfschmerzen sind häufigster Grund für neurologische Konsultationen — 90 % primär, 10 % symptomatisch
  2. Die wichtigste Entscheidung: Primär oder sekundär? — Red Flags entscheiden über Notfalldiagnostik
  3. Die drei häufigsten primären Formen: Spannungskopfschmerz > Migräne > Clusterkopfschmerz
  4. Red Flag: Vernichtungskopfschmerz = Subarachnoidalblutung ausschließen (sofort cCT!)
  5. Diagnostische Säulen: Anamnese → Neurountersuchung → Bildgebung nur bei Red Flags

Fallvignette

Eine 52-jährige Patientin stellt sich notfallmäßig vor mit dem schlimmsten Kopfschmerz ihres Lebens, der vor ca. 2 Stunden plötzlich wie ein „Donnerschlag“ eingesetzt hat.

Der Schmerz trat aus voller Gesundheit heraus auf, maximal innerhalb von Sekunden, und ist anhaltend. Begleitend bestehen Übelkeit und einmaliges Erbrechen. Kein Fieber. Keine Vorgeschichte ähnlicher Kopfschmerzen. Blutdruck 148/92 mmHg, Herzfrequenz 88/min, Temperatur 37,1 °C. Neurologischer Befund: keine fokalen Ausfälle, jedoch positives Meningismuszeichen fraglich. GCS 15.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition & Klassifikation

Primäre Kopfschmerzen

  • Kein strukturelles Korrelat — der Kopfschmerz ist die Erkrankung selbst
  • Häufigste Formen: Spannungskopfschmerz, Migräne, Clusterkopfschmerz

Sekundäre (symptomatische) Kopfschmerzen

  • Symptom einer Grunderkrankung — Therapie der Grunderkrankung beseitigt den Kopfschmerz
  • Anteil gering (10 %), aber potenziell lebensbedrohlich

Red Flags — sofort handeln!

Diese Warnsymptome (Red Flags) erfordern umgehende Notfalldiagnostik. Bei einem dieser Zeichen muss eine sekundäre Ursache ausgeschlossen werden:

Red Flag Wahrscheinliche Ursache
Vernichtungskopfschmerz (schlimmster Schmerz des Lebens, perakut) Subarachnoidalblutung
Meningismus (Nackensteifigkeit) Meningitis, SAB
Fieber + Kopfschmerz Meningitis, Enzephalitis
Herdsymptomatik (Lähmungen, Aphasie) Schlaganfall, Hirntumor
Hirndruckzeichen (Bewusstseinsstörung, Erbrechen im Schwall) Tumor, Blutung, Ödem
Kopfschmerz beim Aufwachen + Morgenerbrechen Erhöhter Hirndruck
Erster Kopfschmerz dieser Art nach dem 50. LJ Raumforderung, Arteriitis temporalis
Kopfschmerz nach Trauma Epidural-/Subduralhämatom

Diagnostik

Anamnese (OPQRST — strukturiert vorgehen!)

Dimension Fragen
Zeit Beginn? Dauer? Häufigkeit/Monat? Verlauf (chronisch, episodisch)?
Lokalisation Einseitig, beidseitig, holozephal, retroorbital?
Charakter Pulsierend, drückend, stechend, brennend?
Intensität NRS 0–10
Begleitsymptome Übelkeit, Aura, Licht-/Lärmempfindlichkeit?
Auslöser Stress, Schlaf, Menstruation, Alkohol?
Medikamente Wie oft Schmerzmittel/Monat? (Medikamenten-induzierter KS?)

Körperliche Untersuchung

  • Blutdruck messen (Hypertensive Krise)
  • Vollständiger neurologischer Status (Hirnnervenstatus, Motorik, Sensibilität)
  • Beweglichkeit der HWS (Meningismus?)
  • Klopf- und Druckschmerz der Kalotte
  • Palpation der A. temporalis superficialis (Arteriitis temporalis — druckschmerzhaft?)
  • Kiefergelenk (CMD als Kopfschmerzursache)

Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf sekundäre Ursache

Untersuchung Indikation
cCT nativ Vernichtungskopfschmerz → Ausschluss SAB (sofort!)
cMRT Raumforderung, Enzephalitis, MS, Venenthrombose
Liquorpunktion V.a. Meningitis, SAB bei negativem CT
DSA Aneurysma-Nachweis (nach SAB)
Labor (BSG, CRP) V.a. Arteriitis temporalis (BSG stark erhöht >50)
Sonographie A. temporalis Arteriitis temporalis

Differentialdiagnose primärer Kopfschmerzen

Spannungskopfschmerz Migräne Clusterkopfschmerz
Dauer 30 min – 7 Tage 4–72 h 15 min – 3 h
Häufigkeit Gelegentlich bis täglich Gelegentlich–mehrmals/Monat Bis 8×/Tag in Clusterperioden
Lokalisation Holozephal / bifrontal Einseitig (2/3) Streng einseitig periorbital
Charakter Drückend, nicht pulsierend Pulsierend, bohrend Stechend, brennend
Intensität Leicht bis mittel Mittel bis stark Stark (10/10)
Übelkeit/Erbrechen Nein Ja Selten
Phono-/Photophobie Nein Ja Nein
Autonome Symptome Nein Nein Ja (ipsilateral: Tränen, Rhinorrhö, Horner-Syndrom)
Bewegung Keine Änderung Verstärkt Patient ist unruhig, geht auf und ab
Akuttherapie NSAR, Paracetamol NSAR / Triptane Sumatriptan s.c., 100 % O₂
Prophylaxe Amitriptylin Betablocker, Topiramat Verapamil

Differentialdiagnose sekundärer Kopfschmerzen

Genese Diagnose Charakteristika
Vaskulär Subarachnoidalblutung Vernichtungskopfschmerz + Meningismus + Vigilanzminderung
Vaskulär Intrazerebrale Blutung Progredient + Herdsymptomatik + Erbrechen
Vaskulär Epiduralhämatom Trauma → symptomfreies Intervall → erneute Eintrübung
Vaskulär Subduralhämatom (chronisch) Älterer Patient, Bagatelltrauma, Kopfdruck, psychomotorische Verlangsamung
Vaskulär Arteriitis temporalis >50 J., pulssynchroner Schläfenschmerz, BSG↑, druckschmerzhafte Temporalarterie
Vaskulär Hypertensive Krise Diffus, pulsierend, RR >180 mmHg
Vaskulär Schlaganfall Akut, Herdsymptomatik
Infektiös Meningitis Fieber + Meningismus + Übelkeit → Liquorpunktion
Infektiös Enzephalitis Fieber + Bewusstseinsstörung + Herdsymptomatik → MRT
Tumor Hirntumor Progredient, Hirndruckzeichen, früh morgens
Trauma SHT Akut nach Trauma
Sonstig Sinusitis Gesichtsschmerz, Fieber, Nasensekretion
Sonstig Glaukomanfall Einseitig, Sehstörung, steinharter Bulbus

Therapieprinzipien nach Kopfschmerzform

Spannungskopfschmerz

  • Akut: NSAR (Ibuprofen, ASS, Paracetamol)
  • Prophylaxe: Amitriptylin (trizyklisches Antidepressivum), Stressmanagement, Physiotherapie
  • Cave: Keine Opioide — Chronifizierungsgefahr!

Migräne

→ Siehe Kapitel Migräne

Clusterkopfschmerz

  • Akut: Sumatriptan s.c. 6 mg + Inhalation von 100 % Sauerstoff (7–12 L/min über Gesichtsmaske)
  • Alternativ: Lidocain intranasal
  • Prophylaxe: Verapamil (1. Wahl), alternativ Lithium
  • Wichtig: NSAR und Opioide sind wirkungslos beim Clusterkopfschmerz!
  • Alkohol ist stärkster Trigger → absolute Abstinenz während Clusterperiode

Klinische Perlen

1. Vernichtungskopfschmerz = SAB bis zum Beweis des Gegenteils. „Noch nie so schlimmer Kopfschmerz“ + perakuter Beginn (Sekunden bis Minuten) → sofort cCT nativ. Wenn negativ und klinischer Verdacht → Liquorpunktion (Xanthochromie nach 2–4h nachweisbar).

2. Arteriitis temporalis: BSG > 50 ist Alarmsignal. Bei Patienten > 50 Jahre mit neuem Kopfschmerz + druckschmerzhafter Temporalarterie → sofort Glucocorticoide (Erblindungsgefahr durch A. ophthalmica!), dann Biopsie.

3. Clusterkopfschmerz: Patient ist unruhig. Im Gegensatz zur Migräne (liegt still) geht der Cluster-Patient auf und ab, ist agitiert. Klassisch: nächtlich, periodisch (Clusterperioden), streng einseitig mit Tränen und Rhinorrhö ipsilateral.

4. Medikamenten-induzierter Kopfschmerz als Falle. Patient nimmt täglich Schmerzmittel „wegen“ der Kopfschmerzen — aber die Schmerzmittel verursachen sie! >10 Einnahmetage/Monat über 3 Monate → Entzugskopfschmerz. Lösung: Abruptes Absetzen + Prophylaxe starten.


Prüfungstipps

  • Red Flags auswendig lernen — diese entscheiden über sofortige Bildgebung vs. abwartendes Vorgehen
  • Vernichtungskopfschmerz = SAB → cCT ist ERSTE Maßnahme, dann LP bei negativem CT
  • Spannungskopfschmerz hat keine vegetativen Begleitsymptome, keine Übelkeit
  • Clusterkopfschmerz: stärkster bekannter Kopfschmerz, streng einseitig, nachts, autonome Symptome ipsilateral — NSAR wirkungslos!
  • Therapie Cluster akut: Sumatriptan s.c. + 100 % O₂ (nicht nasale O₂-Gabe genügt nicht — Maske mit 7–12 L/min!)

Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
Primäre Kopfschmerzen Kopfschmerz ohne strukturelles Korrelat (Migräne, Spannungs-KS, Cluster-KS)
Vernichtungskopfschmerz Perakuter, maximal starker Kopfschmerz = Red Flag → SAB ausschließen
Meningismus Nackensteifigkeit als Zeichen meningealer Reizung
Clusterkopfschmerz Streng einseitige periokuläre Schmerzattacken + ipsilaterale autonome Sympt.
Medikamenten-induzierter KS Chronifizierung primärer KS durch >10 Analgetika-Einnahmetage/Monat
Arteriitis temporalis Vaskulitis der A. temporalis → Erblindungsgefahr → sofort Glucocorticoide

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Diagnostik 🔗

Anamnese (OPQRST — strukturiert vorgehen!)

Dimension Fragen
Zeit Beginn? Dauer? Häufigkeit/Monat? Verlauf (chronisch, episodisch)?
Lokalisation Einseitig, beidseitig, holozephal, retroorbital?
Charakter Pulsierend, drückend, stechend, brennend?
Intensität NRS 0–10
Begleitsymptome Übelkeit, Aura, Licht-/Lärmempfindlichkeit?
Auslöser Stress, Schlaf, Menstruation, Alkohol?
Medikamente Wie oft Schmerzmittel/Monat? (Medikamenten-induzierter KS?)

Körperliche Untersuchung

  • Blutdruck messen (hypertensive Krise)
  • Vollständiger neurologischer Status (Hirnnervenstatus, Motorik, Sensibilität)
  • Beweglichkeit der HWS (Meningismus?)
  • Klopf- und Druckschmerz der Kalotte
  • Palpation der A. temporalis superficialis (Arteriitis temporalis — druckschmerzhaft?)
  • Kiefergelenk (CMD als Kopfschmerzursache)

Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf sekundäre Ursache

Untersuchung Indikation
cCT nativ Vernichtungskopfschmerz → Ausschluss SAB (sofort!)
cMRT Raumforderung, Enzephalitis, MS, Venenthrombose
Liquorpunktion V.a. Meningitis, SAB bei negativem CT
DSA Aneurysma-Nachweis (nach SAB)
Labor (BSG, CRP) V.a. Arteriitis temporalis (BSG stark erhöht >50)
Sonographie A. temporalis Arteriitis temporalis

Therapie 🔗

Spannungskopfschmerz

  • Akut: NSAR (Ibuprofen, ASS, Paracetamol)
  • Prophylaxe: Amitriptylin (trizyklisches Antidepressivum), Stressmanagement, Physiotherapie
  • Cave: Keine Opioide — Chronifizierungsgefahr!

Migräne

→ Siehe Kapitel Migräne

Clusterkopfschmerz

  • Akut: Sumatriptan s.c. 6 mg + Inhalation von 100 % Sauerstoff (7–12 L/min über Gesichtsmaske)
  • Alternativ: Lidocain intranasal
  • Prophylaxe: Verapamil (1. Wahl), alternativ Lithium
  • Wichtig: NSAR und Opioide sind wirkungslos beim Clusterkopfschmerz!
  • Alkohol ist stärkster Trigger → absolute Abstinenz während Clusterperiode

Prüfungstipps

  • - Red Flags auswendig lernen — diese entscheiden über sofortige Bildgebung vs. abwartendes Vorgehen
  • - Vernichtungskopfschmerz = SAB → cCT ist ERSTE Maßnahme, dann LP bei negativem CT
  • - Spannungskopfschmerz hat keine vegetativen Begleitsymptome, keine Übelkeit
  • - Clusterkopfschmerz: stärkster bekannter Kopfschmerz, streng einseitig, nachts, autonome Symptome ipsilateral — NSAR wirkungslos!
  • - Therapie Cluster akut: Sumatriptan s.c. + 100 % O₂ (nicht nasale O₂-Gabe genügt nicht — Maske mit 7–12 L/min!)

Schlüsselbegriffe

BegriffPrimäre KopfschmerzenVernichtungskopfschmerzMeningismusClusterkopfschmerzMedikamenten-induzierter KSArteriitis temporalis