Benigne Prostatahyperplasie (BPH)
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Die BPH ist die häufigste urologische Erkrankung des Mannes >50 Jahre — bei 80-Jährigen histologisch in ~80 % nachweisbar.
- 2. Leitsymptome: LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms) — obstruktiv (Schwacher Strahl, Nykturie, Restharn) und irritativ (Drangsymptome).
- 3. Standardisierte Erfassung mit dem IPSS (International Prostate Symptom Score, 0–35 Punkte).
- 4. Diagnostik: DRU (tastbare, symmetrische Vergrößerung ohne Verhärtung) + PSA (wichtig zur Abgrenzung vom Prostatakarzinom!).
- 5. Therapie: Leichte Symptome → Watchful Waiting; moderat → Alpha-1-Blocker (Tamsulosin) ± 5-Alpha-Reduktase-Inhibitoren; schwer → TUR-P.
Fallvignette
Ein 68-jähriger Patient stellt sich beim Urologen vor wegen zunehmender Miktionsprobleme seit etwa 2 Jahren.
Er berichtet über schwachen Harnstrahl, Nachträufeln, häufigen nächtlichen Harndrang (3–4x pro Nacht) sowie das Gefühl der inkompletten Blasenentleerung. Kein Fieber, keine Hämaturie, kein Gewichtsverlust. Rektale Untersuchung: Prostata vergrößert, glatt begrenzt, elastisch, nicht verhärtet, kein Knoten tastbar. PSA 3,8 ng/ml. Restharnmessung sonographisch: 180 ml. IPSS-Score: 22 (schwere Symptomatik). Kreatinin 1,2 mg/dl, Urinstatus unauffällig.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Benigne Prostatahyperplasie (BPH)
Auf einen Blick
- Die BPH ist die häufigste urologische Erkrankung des Mannes >50 Jahre — bei 80-Jährigen histologisch in ~80 % nachweisbar.
- Leitsymptome: LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms) — obstruktiv (Schwacher Strahl, Nykturie, Restharn) und irritativ (Drangsymptome).
- Standardisierte Erfassung mit dem IPSS (International Prostate Symptom Score, 0–35 Punkte).
- Diagnostik: DRU (tastbare, symmetrische Vergrößerung ohne Verhärtung) + PSA (wichtig zur Abgrenzung vom Prostatakarzinom!).
- Therapie: Leichte Symptome → Watchful Waiting; moderat → Alpha-1-Blocker (Tamsulosin) ± 5-Alpha-Reduktase-Inhibitoren; schwer → TUR-P.
Fallvignette
Ein 68-jähriger Patient stellt sich beim Urologen vor wegen zunehmender Miktionsprobleme seit etwa 2 Jahren.
Er berichtet über schwachen Harnstrahl, Nachträufeln, häufigen nächtlichen Harndrang (3–4x pro Nacht) sowie das Gefühl der inkompletten Blasenentleerung. Kein Fieber, keine Hämaturie, kein Gewichtsverlust. Rektale Untersuchung: Prostata vergrößert, glatt begrenzt, elastisch, nicht verhärtet, kein Knoten tastbar. PSA 3,8 ng/ml. Restharnmessung sonographisch: 180 ml. IPSS-Score: 22 (schwere Symptomatik). Kreatinin 1,2 mg/dl, Urinstatus unauffällig.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Die benigne Prostatahyperplasie (BPH) ist eine nicht-maligne Vergrößerung der Prostata durch Proliferation von glandulären und stromalen Anteilen, vorwiegend in der Transitionalzone. Die Vergrößerung kann den Harnröhrenabfluss mechanisch und dynamisch obstruieren und führt zu den typischen LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms). BPH und Prostatakarzinom können nebeneinander bestehen.
Ätiologie & Risikofaktoren
Pathogenetische Grundlage
- Androgenabhängig: Dihydrotestosteron (DHT) — das durch 5-Alpha-Reduktase aus Testosteron gebildete Androgen — ist der wichtigste Wachstumsstimulator der Prostata
- Altersabhängig: Zunahme des Verhältnisses Östrogen/Testosteron im Alter → relatives Östrogen-Übergewicht fördert Stromaproliferation
Risikofaktoren
| Faktor | Bemerkung |
|---|---|
| Alter | Stärkster Risikofaktor; >50 J.: ~50 %, >80 J.: ~80 % histologisch |
| Vorhandensein von Hoden | Kastration vor Pubertät schützt vor BPH |
| Adipositas | Metabolisches Syndrom assoziiert |
| Afroamerikanische Abstammung | Höhere Prävalenz und früherer Beginn |
| Genetik | Familiäre Häufung bekannt |
Pathophysiologie
Mechanische und dynamische Obstruktion
BPH → Prostatagröße↑ → Kompression der Urethra prostatica
↓
Mechanische Obstruktion + Erhöhter glatter Muskeltonus (α1-Adrenozeptoren)
↓
Infravesikale Obstruktion → Erhöhter Miktionswiderstand
↓
Detrusorhypertrophie → Trabekulierung → Divertikel → Restharn
↓
Hydroureter → Hydronephrose → Niereninsuffizienz (bei chronischer Obstruktion)
Prostatagröße und Symptome
- Kein direkter Zusammenhang zwischen Prostatagröße und Symptomstärke!
- Auch kleine Prostaten können schwere Symptome verursachen (dynamische Obstruktion durch erhöhten Muskeltonus)
Detrusorveränderungen
- Früh: Detrusorhypertrophie (kompensatorisch)
- Spät: Detrusordekompensation → Restharn, Überlaufinkontinenz, Harnretention
Symptome & Klinik
LUTS — Lower Urinary Tract Symptoms
Obstruktive Symptome (Speicherung/Voiding)
| Symptom | Beschreibung |
|---|---|
| Abschwächung des Harnstrahls | Verminderte Strahlstärke und -weite |
| Startverzögerung | Langer Wartezeit bis Miktionsbeginn |
| Harnstottern | Intermittierender Strahl |
| Nachträufeln | Urin tropft nach Miktionsende |
| Restharnbildung | Gefühl der unvollständigen Entleerung |
Irritative Symptome (Speicherung/Storage)
| Symptom | Beschreibung |
|---|---|
| Pollakisurie | Häufige Miktion tagsüber |
| Nykturie | Häufiges nächtliches Wasserlassen (≥2×/Nacht belastend) |
| Imperativer Harndrang | Plötzlicher, schwer kontrollierbarer Drang |
| Dranginkontinenz | Unwillkürlicher Harnverlust bei Drang |
IPSS — International Prostate Symptom Score
| Score | Schweregrad |
|---|---|
| 0–7 | Leicht |
| 8–19 | Moderat |
| 20–35 | Schwer |
Zusatzfrage: Quality of Life (QoL) — Wie sehr stören die Symptome den Patienten?
Akuter Harnverhalt
- Absolute Indikation zur sofortigen Katheterisierung
- Triggerfaktoren: Alkohol, Kälte, Anticholinergika, Sympathomimetika, Bettlägerigkeit
- Häufigste urologische Notaufnahmevorstellung
Diagnostik
Basisdiagnostik
Anamnese & Fragebögen
- IPSS: Objektivierung der Symptome, Verlaufskontrolle
- Medikamentenanamnese (Anticholinergika, Alpha-Agonisten, Diuretika)
- Miktionsprotokoll (Trinkmenge, Miktionsfrequenz, Volumina)
Körperliche Untersuchung
Digitale rektale Untersuchung (DRU): Beurteilung von Prostatavolumen, Konsistenz, Oberfläche, Schmerzhaftigkeit.
BPH: elastisch-derbe, glatte, symmetrische Vergrößerung, Sulcus erhalten.
Verdächtig für Karzinom: Verhärtung, Knotenbildung, aufgehobener Sulcus, Asymmetrie.
Labor
| Parameter | Bedeutung |
|---|---|
| PSA (Prostataspezifisches Antigen) | DD Prostatakarzinom! Normal <4 ng/ml (altersabhängig); auch bei BPH und Prostatitis erhöht |
| Kreatinin, eGFR | Nierenfunktion, obstruktive Nephropathie? |
| Urinstatus, Urinkultur | Ausschluss Infektion |
PSA-Interpretation
PSA ist organspezifisch, aber NICHT karzinomspezifisch! Erhöhtes PSA kann durch BPH, Prostatitis, Karzinom, Katheter oder DRU verursacht sein.
| PSA (ng/ml) | Wahrscheinlichkeit Karzinom |
|---|---|
| <4 | ~15 % |
| 4–10 („Grauzone“) | ~25–30 % |
| >10 | ~50–70 % |
PSA-Dichte (PSA/Prostatavolumen) und PSA-Velocity (Anstieg/Zeit) verbessern die Differenzierung.
Bildgebung
- Sonographie (transabdominal): Prostatavolumen, Restharnmessung (normal <50 ml)
- Transrektale Sonographie (TRUS): Genaue Volumenmessung, Führung für Biopsie
Urodynamik (bei Unklarheit)
- Uroflowmetrie: Messung von Harnfluss (Qmax normal >15 ml/s; <10 ml/s = obstruktiv)
- Druckflussmessung: Unterscheidung Obstruktion vs. Detruschorschwäche
Differentialdiagnosen
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmal |
|---|---|
| Prostatakarzinom | PSA↑↑, harte Verhärtung in DRU, Biopsie |
| Prostatitis | Akut: Fieber, schmerzhaft; DRU: druckschmerzhaft |
| Harnröhrenstriktur | Vorherige Katheter, Gonorrhoe, Trauma |
| Blasenhalsobstruktion (Blasenhalssklerose) | Junger Mann, normale Prostata |
| Neurogene Blasenentleerungsstörung | Neurologische Anamnese (Z. n. Schlaganfall, MS, Parkinson) |
| Überaktive Blase (OAB) | Vor allem irritative Symptome, keine Obstruktion |
| Blasentumor | Hämaturie, Zystoskopie |
Therapie
Watchful Waiting
- Bei leichten Symptomen (IPSS ≤7) und fehlendem Leidensdruck
- Jährliche Kontrolle, Lebensstilmodifikation (Koffein/Alkohol reduzieren, abendliche Trinkmenge)
Medikamentöse Therapie
Alpha-1-Adrenozeptor-Blocker (Alpha-Blocker)
| Substanz | Besonderheit |
|---|---|
| Tamsulosin | Uroselectiv (α1A), 1× täglich, Standardtherapie |
| Alfuzosin | Nicht-selektiv, kardiovaskuläre NW weniger |
| Silodosin | Hochselektiv α1A, Ejakulations-NW häufig |
| Doxazosin, Terazosin | Auch antihypertensiv, mehr Blutdruckabfall |
Wirkung: Relaxation der glatten Muskulatur in Prostata und Blasenhals → Verbesserung des Harnflusses innerhalb von Tagen.
NW: Orthostatische Hypotension, Schwindel, retrograde Ejakulation („Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom“ bei Kataraktoperation — Cave!).
5-Alpha-Reduktase-Inhibitoren (5-ARI)
| Substanz | Besonderheit |
|---|---|
| Finasterid | Hemmt Typ 2; PSA ↓ ~50 % nach 6 Monaten |
| Dutasterid | Hemmt Typ 1 und 2; stärkere DHT-Suppression |
Wirkung: Blockade der DHT-Synthese → Prostataschrumpfung (~20–30 % nach 6–12 Monaten). Nur wirksam bei großer Prostata (>40 ml).
NW: Libidoverlust, erektile Dysfunktion, Gynäkomastie, Ejakulationsstörungen.
Wichtig: PSA wird durch 5-ARI um ~50 % gesenkt → verdopple PSA-Wert für Karzinom-Screening!
Kombinationstherapie
- Alpha-Blocker + 5-ARI (z. B. Tamsulosin + Dutasterid = Kombipräparat Duodart)
- Bei großer Prostata (>40 ml) und moderaten bis schweren Symptomen
- Überlegen gegenüber Monotherapie hinsichtlich Symptomreduktion und Verhinderung von Progression
PDE-5-Inhibitoren
- Tadalafil 5 mg täglich — zugelassen für BPH/LUTS (auch bei gleichzeitiger erektiler Dysfunktion)
- Relaxation der glatten Muskulatur über cGMP-Weg
Phytotherapie
- Sägepalmenextrakt, Kürbissamenöl — wissenschaftliche Evidenz begrenzt; Patientenpräferenz
Operative Therapie
TUR-P — Goldstandard der operativen Therapie
Transurethrale Resektion der Prostata (TUR-P) ist der chirurgische Goldstandard beim symptomatischen BPH-Versagen der medikamentösen Therapie.
- Elektroreseletion des hyperplastischen Gewebes
- Indikationen: therapierefraktäre Symptome, rezidivierende Harnverhalt, Restharn >300 ml, Blasensteine, rezidivierende Harnwegsinfekte, obstruktive Nephropathie
Komplikationen TUR-P:
- TUR-Syndrom: Hypotone Hyperhydration durch Absorptionm des Spülmediums (bei bipolarer TUR-P sehr selten)
- Retrograde Ejakulation: ~80 % (Samenfluss rückwärts in die Blase)
- Inkontinenz: <1–3 %
- Blutung, Harnröhrenstriktur
Alternative Operationsverfahren
| Methode | Beschreibung |
|---|---|
| Laser-Enukleation (HoLEP) | Holmium-Laser; gewebeschonendes Standardverfahren; geeignet für große Prostaten |
| Laserkoagulation (TUIP) | Transurethrale Inzision; bei kleiner Prostata (<30 ml) |
| Offene Prostatektomie | Bei sehr großen Prostaten (>80 ml); Enukleation der Adenome |
| Prostata-Arterienembolisation | Interventionell; bei hohem OP-Risiko |
| UroLift | Mechanische Spreizung; kein Gewebeverlust; erhält Ejakulation |
Komplikationen
| Komplikation | Bemerkung |
|---|---|
| Akuter Harnverhalt | Häufigste Komplikation; Notfallkatheter |
| Rezidivierende Harnwegsinfekte | Durch Restharn begünstigt |
| Blasensteine | Durch Restharn und Stase |
| Detrusordekompensation | Chronische Überdehnung → Überlaufinkontinenz |
| Obstruktive Nephropathie | Hydronephrose → Chronische Niereninsuffizienz |
| Hämaturie | Durch variköse Blutgefäße im Adenom |
Prognose
- BPH ist eine benigne Erkrankung mit gutem Therapieansprechen
- Unter Alpha-Blockern: symptomatische Besserung in ~60–70 %
- 5-ARI reduziert das Risiko eines akuten Harnverhalts und die Notwendigkeit chirurgischer Eingriffe
- TUR-P: sehr gute Langzeitergebnisse; ~20 % benötigen in 10 Jahren Reoperation
Prävention
- Keine gesicherte Primärprävention
- Körperliche Aktivität und gesundes Gewicht können BPH-Progression verlangsamen
- Regelmäßige urologische Vorsorge ab dem 50. Lebensjahr (PSA, DRU)
- Frühe Therapie bei moderaten Symptomen verhindert Komplikationen (Harnverhalt, Nierenschädigung)
Klinische Perlen
PSA ist NICHT karzinomspezifisch — auch BPH, Prostatitis und Katheter erhöhen den PSA. Unter 5-ARI-Therapie fällt PSA um ~50 % — bei Karzinom-Screening PSA-Wert verdoppeln!
„Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom“ — Patienten unter Tamsulosin haben bei Kataraktoperationen ein erhöhtes Risiko. Der Ophthalmologe muss informiert werden — Tamsulosin nicht absetzen, aber warnen!
Ein akuter Harnverhalt bei BPH ist kein Beweis für ein Karzinom, aber er erfordert sofortigen suprapubischen oder transurethralen Katheter. Nach Entlastung: PSA-Kontrolle nach 4 Wochen (Katheter erhöht PSA falsch).
Nykturie kann auch kardialer (nächtliche Umverteilung bei Herzinsuffizienz), renaler oder endokriner Ursache sein — nicht reflexartig der Prostata zuschreiben.
Prüfungstipps
- BPH: häufigste urologische Erkrankung des Mannes >50 — diese Zahl merken!
- IPSS für Symptomquantifizierung; DRU für klinischen Befund; PSA für DD Karzinom
- Alpha-Blocker wirken schnell (Tage); 5-ARI wirken langsam (Monate) — Kombination bei großer Prostata (>40 ml) am effektivsten
- PSA unter 5-ARI um 50 % gesenkt → PSA-Wert für Screening-Zwecke verdoppeln!
- TUR-P = chirurgischer Goldstandard; häufigste Komplikation: retrograde Ejakulation (~80 %)
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| BPH | Benigne Prostatahyperplasie; nicht-maligne Prostatavergröerung |
| LUTS | Lower Urinary Tract Symptoms; obstruktiv und irritativ |
| IPSS | International Prostate Symptom Score (0–35); Schweregrad-Erfassung |
| DRU | Digitale rektale Untersuchung; Standarduntersuchung der Prostata |
| PSA | Prostataspezifisches Antigen; organspezifisch, nicht karzinomspezifisch |
| Tamsulosin | Uroselektiver Alpha-1-Blocker; Erstlinientherapie BPH |
| Finasterid / Dutasterid | 5-Alpha-Reduktase-Inhibitoren; DHT-Blockade → Prostataschrumpfung |
| TUR-P | Transurethrale Resektion der Prostata; chirurgischer Goldstandard |
| Retrograde Ejakulation | Häufigste Komplikation der TUR-P (~80 %) |
| Restharn | Urinvolumen nach Miktion (normal <50 ml) |
| HoLEP | Holmium-Laser-Enukleation der Prostata; bei großen Prostaten |
| DHT | Dihydrotestosteron; wichtigster Wachstumsstimulator der Prostata |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Die benigne Prostatahyperplasie (BPH) ist eine nicht-maligne Vergrößerung der Prostata durch Proliferation von glandulären und stromalen Anteilen, vorwiegend in der Transitionalzone. Die Vergrößerung kann den Harnröhrenabfluss mechanisch und dynamisch obstruieren und führt zu den typischen LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms). BPH und Prostatakarzinom können nebeneinander bestehen.
Ätiologie 🔗
Pathogenetische Grundlage
- Androgenabhängig: Dihydrotestosteron (DHT) — das durch 5-Alpha-Reduktase aus Testosteron gebildete Androgen — ist der wichtigste Wachstumsstimulator der Prostata
- Altersabhängig: Zunahme des Verhältnisses Östrogen/Testosteron im Alter → relatives Östrogen-Übergewicht fördert Stromaproliferation
Risikofaktoren
| Faktor | Bemerkung |
|---|---|
| Alter | Stärkster Risikofaktor; >50 J.: ~50 %, >80 J.: ~80 % histologisch |
| Vorhandensein von Hoden | Kastration vor Pubertät schützt vor BPH |
| Adipositas | Metabolisches Syndrom assoziiert |
| Afroamerikanische Abstammung | Höhere Prävalenz und früherer Beginn |
| Genetik | Familiäre Häufung bekannt |
Pathophysiologie 🔗
Mechanische und dynamische Obstruktion
BPH → Prostatagröße↑ → Kompression der Urethra prostatica
↓
Mechanische Obstruktion + Erhöhter glatter Muskeltonus (α1-Adrenozeptoren)
↓
Infravesikale Obstruktion → Erhöhter Miktionswiderstand
↓
Detrusorhypertrophie → Trabekulierung → Divertikel → Restharn
↓
Hydroureter → Hydronephrose → Niereninsuffizienz (bei chronischer Obstruktion)
Prostatagröße und Symptome
- Kein direkter Zusammenhang zwischen Prostatagröße und Symptomstärke!
- Auch kleine Prostaten können schwere Symptome verursachen (dynamische Obstruktion durch erhöhten Muskeltonus)
Detrusorveränderungen
- Früh: Detrusorhypertrophie (kompensatorisch)
- Spät: Detrusordekompensation → Restharn, Überlaufinkontinenz, Harnretention
Symptome & Klinik 🔗
LUTS — Lower Urinary Tract Symptoms
Obstruktive Symptome (Speicherung/Voiding)
| Symptom | Beschreibung |
|---|---|
| Abschwächung des Harnstrahls | Verminderte Strahlstärke und -weite |
| Startverzögerung | Langer Wartezeit bis Miktionsbeginn |
| Harnstottern | Intermittierender Strahl |
| Nachträufeln | Urin tropft nach Miktionsende |
| Restharnbildung | Gefühl der unvollständigen Entleerung |
Irritative Symptome (Speicherung/Storage)
| Symptom | Beschreibung |
|---|---|
| Pollakisurie | Häufige Miktion tagsüber |
| Nykturie | Häufiges nächtliches Wasserlassen (≥2×/Nacht belastend) |
| Imperativer Harndrang | Plötzlicher, schwer kontrollierbarer Drang |
| Dranginkontinenz | Unwillkürlicher Harnverlust bei Drang |
IPSS — International Prostate Symptom Score
| Score | Schweregrad |
|---|---|
| 0–7 | Leicht |
| 8–19 | Moderat |
| 20–35 | Schwer |
Zusatzfrage: Quality of Life (QoL) — Wie sehr stören die Symptome den Patienten?
Akuter Harnverhalt
- Absolute Indikation zur sofortigen Katheterisierung
- Triggerfaktoren: Alkohol, Kälte, Anticholinergika, Sympathomimetika, Bettlägerigkeit
- Häufigste urologische Notaufnahmevorstellung
Diagnostik 🔗
Basisdiagnostik
Anamnese & Fragebögen
- IPSS: Objektivierung der Symptome, Verlaufskontrolle
- Medikamentenanamnese (Anticholinergika, Alpha-Agonisten, Diuretika)
- Miktionsprotokoll (Trinkmenge, Miktionsfrequenz, Volumina)
Körperliche Untersuchung
Digitale rektale Untersuchung (DRU): Beurteilung von Prostatavolumen, Konsistenz, Oberfläche, Schmerzhaftigkeit. BPH: elastisch-derbe, glatte, symmetrische Vergrößerung, Sulcus erhalten. Verdächtig für Karzinom: Verhärtung, Knotenbildung, aufgehobener Sulcus, Asymmetrie.
Labor
| Parameter | Bedeutung |
|---|---|
| PSA (Prostataspezifisches Antigen) | DD Prostatakarzinom! Normal <4 ng/ml (altersabhängig); auch bei BPH und Prostatitis erhöht |
| Kreatinin, eGFR | Nierenfunktion, obstruktive Nephropathie? |
| Urinstatus, Urinkultur | Ausschluss Infektion |
PSA-Interpretation
PSA ist organspezifisch, aber NICHT karzinomspezifisch! Erhöhtes PSA kann durch BPH, Prostatitis, Karzinom, Katheter oder DRU verursacht sein.
| PSA (ng/ml) | Wahrscheinlichkeit Karzinom |
|---|---|
| <4 | ~15 % |
| 4–10 ("Grauzone") | ~25–30 % |
| >10 | ~50–70 % |
PSA-Dichte (PSA/Prostatavolumen) und PSA-Velocity (Anstieg/Zeit) verbessern die Differenzierung.
Bildgebung
- Sonographie (transabdominal): Prostatavolumen, Restharnmessung (normal <50 ml)
- Transrektale Sonographie (TRUS): Genaue Volumenmessung, Führung für Biopsie
Urodynamik (bei Unklarheit)
- Uroflowmetrie: Messung von Harnfluss (Qmax normal >15 ml/s; <10 ml/s = obstruktiv)
- Druckflussmessung: Unterscheidung Obstruktion vs. Detruschorschwäche
Differentialdiagnosen 🔗
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmal |
|---|---|
| Prostatakarzinom | PSA↑↑, harte Verhärtung in DRU, Biopsie |
| Prostatitis | Akut: Fieber, schmerzhaft; DRU: druckschmerzhaft |
| Harnröhrenstriktur | Vorherige Katheter, Gonorrhoe, Trauma |
| Blasenhalsobstruktion (Blasenhalssklerose) | Junger Mann, normale Prostata |
| Neurogene Blasenentleerungsstörung | Neurologische Anamnese (Z. n. Schlaganfall, MS, Parkinson) |
| Überaktive Blase (OAB) | Vor allem irritative Symptome, keine Obstruktion |
| Blasentumor | Hämaturie, Zystoskopie |
Therapie 🔗
Watchful Waiting
- Bei leichten Symptomen (IPSS ≤7) und fehlendem Leidensdruck
- Jährliche Kontrolle, Lebensstilmodifikation (Koffein/Alkohol reduzieren, abendliche Trinkmenge)
Medikamentöse Therapie
Alpha-1-Adrenozeptor-Blocker (Alpha-Blocker)
| Substanz | Besonderheit |
|---|---|
| Tamsulosin | Uroselectiv (α1A), 1× täglich, Standardtherapie |
| Alfuzosin | Nicht-selektiv, kardiovaskuläre NW weniger |
| Silodosin | Hochselektiv α1A, Ejakulations-NW häufig |
| Doxazosin, Terazosin | Auch antihypertensiv, mehr Blutdruckabfall |
Wirkung: Relaxation der glatten Muskulatur in Prostata und Blasenhals → Verbesserung des Harnflusses innerhalb von Tagen. NW: Orthostatische Hypotension, Schwindel, retrograde Ejakulation ("Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom" bei Kataraktoperation — Cave!).
5-Alpha-Reduktase-Inhibitoren (5-ARI)
| Substanz | Besonderheit |
|---|---|
| Finasterid | Hemmt Typ 2; PSA ↓ ~50 % nach 6 Monaten |
| Dutasterid | Hemmt Typ 1 und 2; stärkere DHT-Suppression |
Wirkung: Blockade der DHT-Synthese → Prostataschrumpfung (~20–30 % nach 6–12 Monaten). Nur wirksam bei großer Prostata (>40 ml). NW: Libidoverlust, erektile Dysfunktion, Gynäkomastie, Ejakulationsstörungen. Wichtig: PSA wird durch 5-ARI um ~50 % gesenkt → verdopple PSA-Wert für Karzinom-Screening!
Kombinationstherapie
- Alpha-Blocker + 5-ARI (z. B. Tamsulosin + Dutasterid = Kombipräparat Duodart)
- Bei großer Prostata (>40 ml) und moderaten bis schweren Symptomen
- Überlegen gegenüber Monotherapie hinsichtlich Symptomreduktion und Verhinderung von Progression
PDE-5-Inhibitoren
- Tadalafil 5 mg täglich — zugelassen für BPH/LUTS (auch bei gleichzeitiger erektiler Dysfunktion)
- Relaxation der glatten Muskulatur über cGMP-Weg
Phytotherapie
- Sägepalmenextrakt, Kürbissamenöl — wissenschaftliche Evidenz begrenzt; Patientenpräferenz
Operative Therapie
TUR-P — Goldstandard der operativen Therapie
Transurethrale Resektion der Prostata (TUR-P) ist der chirurgische Goldstandard beim symptomatischen BPH-Versagen der medikamentösen Therapie.
- Elektroreseletion des hyperplastischen Gewebes
- Indikationen: therapierefraktäre Symptome, rezidivierende Harnverhalt, Restharn >300 ml, Blasensteine, rezidivierende Harnwegsinfekte, obstruktive Nephropathie
Komplikationen TUR-P:
- TUR-Syndrom: Hypotone Hyperhydration durch Absorptionm des Spülmediums (bei bipolarer TUR-P sehr selten)
- Retrograde Ejakulation: ~80 % (Samenfluss rückwärts in die Blase)
- Inkontinenz: <1–3 %
- Blutung, Harnröhrenstriktur
Alternative Operationsverfahren
| Methode | Beschreibung |
|---|---|
| Laser-Enukleation (HoLEP) | Holmium-Laser; gewebeschonendes Standardverfahren; geeignet für große Prostaten |
| Laserkoagulation (TUIP) | Transurethrale Inzision; bei kleiner Prostata (<30 ml) |
| Offene Prostatektomie | Bei sehr großen Prostaten (>80 ml); Enukleation der Adenome |
| Prostata-Arterienembolisation | Interventionell; bei hohem OP-Risiko |
| UroLift | Mechanische Spreizung; kein Gewebeverlust; erhält Ejakulation |
Komplikationen 🔗
| Komplikation | Bemerkung |
|---|---|
| Akuter Harnverhalt | Häufigste Komplikation; Notfallkatheter |
| Rezidivierende Harnwegsinfekte | Durch Restharn begünstigt |
| Blasensteine | Durch Restharn und Stase |
| Detrusordekompensation | Chronische Überdehnung → Überlaufinkontinenz |
| Obstruktive Nephropathie | Hydronephrose → chronische Niereninsuffizienz |
| Hämaturie | Durch variköse Blutgefäße im Adenom |
Prognose 🔗
- BPH ist eine benigne Erkrankung mit gutem Therapieansprechen
- Unter Alpha-Blockern: symptomatische Besserung in ~60–70 %
- 5-ARI reduziert das Risiko eines akuten Harnverhalts und die Notwendigkeit chirurgischer Eingriffe
- TUR-P: sehr gute Langzeitergebnisse; ~20 % benötigen in 10 Jahren Reoperation
Prävention 🔗
- Keine gesicherte Primärprävention
- Körperliche Aktivität und gesundes Gewicht können BPH-Progression verlangsamen
- Regelmäßige urologische Vorsorge ab dem 50. Lebensjahr (PSA, DRU)
- Frühe Therapie bei moderaten Symptomen verhindert Komplikationen (Harnverhalt, Nierenschädigung)
Prüfungstipps
- - BPH: häufigste urologische Erkrankung des Mannes >50 — diese Zahl merken!
- - IPSS für Symptomquantifizierung; DRU für klinischen Befund; PSA für DD Karzinom
- - Alpha-Blocker wirken schnell (Tage); 5-ARI wirken langsam (Monate) — Kombination bei großer Prostata (>40 ml) am effektivsten
- - PSA unter 5-ARI um 50 % gesenkt → PSA-Wert für Screening-Zwecke verdoppeln!
- - TUR-P = chirurgischer Goldstandard; häufigste Komplikation: retrograde Ejakulation (~80 %)
