Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. GBS = akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (AIDP), häufigste akute Polyneuropathie
- 2. Postinfektiös: 1–4 Wochen nach Infekt (besonders Campylobacter jejuni → häufigste Ursache!)
- 3. Klinik: aufsteigende schlaffe Paresen + areflexie + sensorische Symptome, symmetrisch
- 4. Ateminsuffizienz → lebensbedrohlich → engmaschige Überwachung, ggf. Intensivstation und Beatmung
- 5. Therapie: IVIG (0,4 g/kg/d × 5 Tage) oder Plasmapherese — Kortikosteroide UNWIRKSAM!
Fallvignette
Ein 34-jähriger Patient stellt sich in der Notaufnahme vor mit seit 3 Tagen zunehmender Schwäche in beiden Beinen, die sich auf die Arme ausgeweitet hat.
Vor ca. 2 Wochen hatte er einen selbstlimitierenden gastroenteritischen Infekt mit Durchfall. Jetzt berichtet er über Kribbeln und Taubheitsgefühl distal, Schwierigkeiten beim Treppensteigen sowie einen unsicheren Gang. Neurologische Untersuchung: symmetrische schlaffe Paraparese (KG 3/5 beidseits), abgeschwächte bis fehlende Muskeleigenreflexe an allen Extremitäten, keine Pyramidenzeichen. Liquorpunktion: Eiweiß 1,8 g/l (Norm < 0,45), Zellzahl 3/µl (zytoalbuminäre Dissoziation). Nervenleitgeschwindigkeit: verlängerte distale Latenzen, reduzierte Amplitude motorischer Potenziale.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Auf einen Blick
- GBS = akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (AIDP), häufigste akute Polyneuropathie
- Postinfektiös: 1–4 Wochen nach Infekt (besonders Campylobacter jejuni → häufigste Ursache!)
- Klinik: aufsteigende schlaffe Paresen + areflexie + sensorische Symptome, symmetrisch
- Ateminsuffizienz → lebensbedrohlich → engmaschige Überwachung, ggf. Intensivstation und Beatmung
- Therapie: IVIG (0,4 g/kg/d × 5 Tage) oder Plasmapherese — Kortikosteroide UNWIRKSAM!
Fallvignette
Ein 34-jähriger Patient stellt sich in der Notaufnahme vor mit seit 3 Tagen zunehmender Schwäche in beiden Beinen, die sich auf die Arme ausgeweitet hat.
Vor ca. 2 Wochen hatte er einen selbstlimitierenden gastroenteritischen Infekt mit Durchfall. Jetzt berichtet er über Kribbeln und Taubheitsgefühl distal, Schwierigkeiten beim Treppensteigen sowie einen unsicheren Gang. Neurologische Untersuchung: symmetrische schlaffe Paraparese (KG 3/5 beidseits), abgeschwächte bis fehlende Muskeleigenreflexe an allen Extremitäten, keine Pyramidenzeichen. Liquorpunktion: Eiweiß 1,8 g/l (Norm < 0,45), Zellzahl 3/µl (zytoalbuminäre Dissoziation). Nervenleitgeschwindigkeit: verlängerte distale Latenzen, reduzierte Amplitude motorischer Potenziale.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akute, meist postinfektiöse, immunvermittelte Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch aufsteigende Lähmungen und Areflexie charakterisiert ist.
Die klassische Form ist die Akute Inflammatorische Demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (AIDP), die häufigste Variante in Europa und Nordamerika.
- Inzidenz: 1–2/100.000/Jahr
- Alle Altersgruppen, leichte Häufung im mittleren und höheren Lebensalter
- Männer : Frauen = 1,5 : 1
Ätiologie & Risikofaktoren
Auslösende Infekte (Triggererkrankungen)
| Erreger | Häufigkeit | Besonderheit |
|---|---|---|
| Campylobacter jejuni | ~30% | Häufigste Ursache, assoziiert mit axonaler Variante (AMAN), schlechtere Prognose |
| Cytomegalievirus (CMV) | ~15% | Häufiger sensible Beteiligung, jüngere Patienten |
| Epstein-Barr-Virus | ~10% | Mononukleose |
| SARS-CoV-2 | Beschrieben | Post-COVID-GBS |
| Influenza | Selten | Auch nach Influenza-Impfung (sehr selten, Risiko <1:1.000.000) |
| HIV | Selten | Besonders zu Serokonversionszeitpunkt |
| Zika-Virus | Regional | Epidemien in Süd-/Mittelamerika |
Zeitlicher Zusammenhang
- Latenz zwischen Infekt und GBS-Beginn: 1–4 Wochen (selten bis 6 Wochen)
- Molekulares Mimikry: Antikörper gegen mikrobielle Antigene kreuzreagieren mit Gangliosiden des peripheren Nervensystems
Pathophysiologie
Molekulares Mimikry — Kernmechanismus
- Infektion → Immunreaktion gegen mikrobielle Lipooligosaccharide (z.B. LOS von C. jejuni ähnlich GM1-Gangliosid)
- Kreuzreaktion: Antikörper gegen Ganglioside (GM1, GD1b, GT1a) des peripheren Nervensystems
- Komplement-Aktivierung → Membran-Angriffskomplex auf Myelinscheide oder Axon
- Makrophageninfiltration → Demyelinisierung (AIDP) oder axonale Schädigung (AMAN/AMSAN)
GBS-Varianten
| Variante | Antikörper | Pathologie | Klinik |
|---|---|---|---|
| AIDP (klassisch, ~80-90% Europa) | Nicht spezifisch | Demyelinisierung | Klassische aufsteigende Lähmung |
| AMAN (Axonal Motor) | Anti-GM1, Anti-GD1a | Axonale Schädigung motorisch | Motorisch betont, schlechtere Prognose |
| AMSAN (Axonal Sensori-Motor) | Anti-GM1, GD1a | Axonale Schädigung motorisch + sensibel | Schwer, langsame Erholung |
| Miller-Fisher-Syndrom (MFS) | Anti-GQ1b (>90%) | Hirnnerven | Ophthalmoplegie + Ataxie + Areflexie (Trias!) |
| Bickerstaff-Enzephalitis | Anti-GQ1b | ZNS + peripher | MFS + Bewusstseinsstörung |
Symptome & Klinik
Klassischer Verlauf
Phase 1: Progression (bis 4 Wochen)
Beginn mit:
- Parästhesien/Taubheitsgefühl in den distalen Extremitäten (meist zuerst)
- Rückenschmerzen, Ischialgie (häufig als erstes Symptom!)
- Allgemeine Schwäche
Kardinalsymptom: Aufsteigende, symmetrische schlaffe Paresen
- Beine → Arme → Rumpf → Atemmuskulatur → Hirnnerven
- Areflexie (oder deutlich abgeschwächte Reflexe) — charakteristisch!
- Symmetrisch (wenn asymmetrisch: DD bedenken)
Hirnnervenbefall (~50% der Patienten)
- N. facialis (häufigster Hirnnerv): bilaterale periphere Fazialisparese
- Schluck-/Kaumuskulatur: Dysarthrie, Dysphagie (Aspirationsgefahr!)
- Augenmuskelnerven (seltener): Doppelbilder
- Pupillen: Autonome Störungen möglich
Autonome Störungen (50–70%)
- Herzrhythmusstörungen: Tachykardie, Bradykardie, AV-Block → lebensbedrohlich!
- Labile Blutdruckregulation (Hypo- und Hypertension)
- Harnverhalt, Ileus
- Hypersalivation, Schwitzen
Phase 2: Plateau (Wochen bis Monate)
- Stabilisierung auf einem Niveau
- Maximale Behinderung während dieser Phase
Phase 3: Erholung (Monate bis Jahre)
- Meist gute Erholung (85% gehen wieder ohne Hilfe)
- Erholung beginnt von kranial nach kaudal (umgekehrte Richtung der Lähmung)
Lebensbedrohliche Komplikationen
Ateminsuffizienz (ca. 20–30% benötigen Beatmung):
- Vitalkapazität (VC) < 20 ml/kg → Intubation erwägen!
- Maximaler Inspirationsdruck (MIP) < 30 cmH2O → kritisch
- Sauerstoffsättigung (SpO2) als Spätzeichen (erst spät abfallend!)
- Regel der 20/30/40: VC <20 ml/kg, MIP <30 cmH2O, MEP <40 cmH2O → Intensivstation!
Diagnostik
Klinische Diagnose (Asbury-Kriterien)
Obligate Kriterien:
- Progressive, bilateral schwäche beider Beine und Arme
- Areflexie
Supportive Befunde:
- Progression über Tage (max. 4 Wochen)
- Relative Symmetrie
- Milde sensible Symptome
- Hirnnervenbefall
- Autonome Dysfunktion
- Rückenschmerzen
- Beginn nach Infekt
Liquordiagnostik — Schlüsselbefund
Zytoalbuminäre Dissoziation (Charakteristisch für GBS):
- Eiweiß erhöht (>0,45 g/l, oft deutlich erhöht >1–2 g/l)
- Zellzahl normal (<5 Zellen/µl)
- In den ersten 1–2 Wochen kann Eiweiß noch normal sein!
Elektrophysiologie (NLG)
- Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Verlangsamt bei AIDP (Demyelinisierung)
- F-Wellen: Verlängert oder fehlend (früher Befund, Wurzelbeteiligung!)
- Sensible Nervenpotenziale: Reduziert oder fehlend
- AMAN: Normale NLG (axonal, keine Demyelinisierung), aber reduzierte Amplituden
Antikörper
- Anti-GQ1b (Miller-Fisher-Syndrom): Positiv in >90%
- Anti-GM1, Anti-GD1a: Assoziiert mit AMAN (schlechtere Prognose)
- Wert bei klassischer AIDP begrenzt
Überwachungsparameter auf Station
- Vitalkapazität alle 4–8 Stunden! (Spirometrie)
- Herzmonitor (Rhythmusstörungen)
- Blutdruckmessung
- Schluckkontrolle
Differentialdiagnosen
| Erkrankung | Abgrenzung |
|---|---|
| Myasthenia gravis | Belastungsabhängige Schwäche, fatigable Paresen, Reflexe erhalten, Tensilon-Test positiv |
| Botulismus | Deszendierende Lähmung, Pupillenerweiterung, Anamnese (Nahrungsmittel), keine sensiblen Symptome |
| Rückenmarkerkrankung | Sensibles Niveau, Blasen-/Darmstörung, Bildgebung! |
| Kritische-Illness-Polyneuropathie | Intensivpatient, nach septischer Erkrankung |
| Poliomyelitis | Asymmetrisch, kein sensibles Defizit, febriler Beginn |
| Hypokaliämie/Hypophosphatämie | Laboruntersuchung |
| Transverse Myelitis | MRT-Rückenmark, sensibles Niveau, Blasenstörung |
| CIDP | Chronischer Verlauf (>8 Wochen), ähnliche elektrophysiologische Befunde |
Therapie
Allgemeinmaßnahmen — Intensivüberwachung
Engmaschige Überwachung bei allen GBS-Patienten:
- VC-Kontrolle alle 4–8 h, Herzmonitor
- Atemunterstützung bei VC < 20 ml/kg → Frühzeitige Intubation, da Dekompensation schnell!
- Thromboseprophylaxe (Immobilität + hohes TVT-Risiko!)
- Blasen-/Darmmanagement (Einmalkatheterisierung, Laxantien)
- Schmerztherapie: Gabapentin, Opioide bei neuropathischem Schmerz
Immuntherapie — die 2 wirksamen Optionen
IVIG (Intravenöse Immunglobuline) — bevorzugt
- Dosierung: 0,4 g/kg KG/Tag über 5 Tage (= 2 g/kg Gesamtdosis)
- Wirkungsmechanismus: Neutralisierung pathogener Antikörper, Modulation der Immunantwort
- NW: Kopfschmerz, Flush, Thromboserisiko, selten: renale Schädigung, aseptische Meningitis
- Vorteile: Einfache Verabreichung (keine Katheter)
Plasmapherese (Immunapherese)
- Schema: 5–6 Zyklen über 2 Wochen
- Entfernt pathogene Antikörper und Komplementfaktoren direkt
- Vorteile: Seit länger etabliert, gleich wirksam wie IVIG
- Nachteile: Zentralvenöser Zugang erforderlich, personell aufwändiger
Wichtig: IVIG + Plasmapherese kombinieren bringt KEINEN Zusatznutzen!
Kortikosteroide — KONTRAINDIZIERT/NICHT WIRKSAM
- Kortikosteroide (Prednisolon, Methylprednisolon) sind bei GBS nicht wirksam und können den Verlauf verschlechtern → NICHT einsetzen!
Rehabilitation
- Physiotherapie beginnen sobald Stabilisierung eingetreten (passive Mobilisation, später aktives Training)
- Ergotherapie: Feinmotorik, Alltagsaktivitäten
- Logopädie bei Schluck- und Sprachstörungen
- Psychologische Unterstützung (plötzliche schwere Erkrankung → Depression häufig)
Komplikationen
- Atemversagen (20–30%): häufigste unmittelbar lebensbedrohliche Komplikation
- Kardiale Arrhythmien: Tachyarrhythmien, Bradyarrhythmien, plötzlicher Herztod
- Tiefe Venenthrombose/Lungenembolie: Immobilität
- Aspirationspneumonie: Bei bulbärer Beteiligung
- Autonome Dysreflexie: Hypertensive Krisen, Hypotensionen
- Langzeit: Erschöpfung (Fatigue), neuropathischer Schmerz, Depression
- Residualsymptome bei ~15%: Schwäche, Sensibilitätsstörungen, Ataxie
Prognose
- 85% der Patienten können nach 6–12 Monaten wieder unabhängig gehen
- 5–10%: Schwere Residualdefizite, dauerhaft auf Gehhilfe oder Rollstuhl angewiesen
- Mortalität: ~2–5% (Beatmungspatienten, autonome Dysfunktionen, Alter)
- Prognostische Faktoren: Alter (höheres Alter = schlechter), Campylobacter-Vorinfekt, axonale Variante (AMAN/AMSAN), schwere Lähmungen zu Beginn
IGOS-Score: Klinischer Prognosescore bei GBS-Diagnose
Prävention
- Keine spezifische Primärprävention möglich
- Frühzeitige Diagnose und engmaschige Überwachung zur Vermeidung von Komplikationen
- Impfungen bei GBS in Anamnese: Individuell abwägen (Influenza-Impfung: leicht erhöhtes Risiko, aber Benefit überwiegt), keine absolute Kontraindikation
Klinische Perlen
- Rückenschmerzen als Erstsymptom werden oft als Bandscheibenvorfall fehlgedeutet — bei gleichzeitiger Schwäche der Beine immer an GBS denken und Reflexe testen!
- SpO2 ist ein SCHLECHTER Frühwarnparameter bei GBS-Ateminsuffizienz — die Sättigung fällt erst sehr spät ab. VC-Messung alle 4–8h ist essenziell! Erst wenn VC < 20 ml/kg ist sofortiges Handeln notwendig
- Anti-GQ1b = Miller-Fisher-Syndrom: Trias Ophthalmoplegie + Ataxie + Areflexie — merke: OP-HA-A → das „Auge“ ist das erste Zeichen!
- Kortikosteroide wirken NICHT bei GBS (und können sogar schaden) — häufiger Prüfungsfehler, unbedingt merken!
Prüfungstipps
- Zytoalbuminäre Dissoziation im Liquor: hohes Eiweiß, normale Zellzahl — typisch für GBS (aber auch andere PNS-Erkrankungen)
- Campylobacter jejuni = häufigste identifizierte Ursache, assoziiert mit axonaler Variante und schlechterer Prognose
- Behandlung: IVIG oder Plasmapherese — beide gleich wirksam, nicht kombinieren; Kortikosteroide niemals!
- Ateminsuffizienz — gefährlichste Komplikation: VC < 20 ml/kg = Intensivstation; Regel der 20/30/40 kennen
- Miller-Fisher-Syndrom = GBS-Variante mit Anti-GQ1b und Trias: Ophthalmoplegie + Ataxie + Areflexie
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| AIDP | Akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie — klassische GBS-Form |
| AMAN | Acute Motor Axonal Neuropathy — axonale GBS-Variante, schlechtere Prognose |
| MFS | Miller-Fisher-Syndrom — Ophthalmoplegie + Ataxie + Areflexie, Anti-GQ1b |
| Zytoalbuminäre Dissoziation | Hohes Eiweiß + normale Zellzahl im Liquor — charakteristisch für GBS |
| IVIG | Intravenöse Immunglobuline — Standardtherapie GBS |
| Campylobacter jejuni | Häufigster bakterieller Trigger (nach kontaminiertem Geflügel) |
| VC | Vitalkapazität — wichtigster Überwachungsparameter bei GBS |
| Areflexie | Fehlen der Muskeleigenreflexe — Kardinalsymptom GBS |
| Autonome Dysregulation | Herzrhythmusstörungen, Blutdruck-Instabilität — lebensbedrohlich bei GBS |
| CIDP | Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie — chronische Verlaufsform (>8 Wochen) |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akute, meist postinfektiöse, immunvermittelte Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch aufsteigende Lähmungen und Areflexie charakterisiert ist.
Die klassische Form ist die Akute Inflammatorische Demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (AIDP), die häufigste Variante in Europa und Nordamerika.
- Inzidenz: 1–2/100.000/Jahr
- Alle Altersgruppen, leichte Häufung im mittleren und höheren Lebensalter
- Männer : Frauen = 1,5 : 1
Ätiologie 🔗
Auslösende Infekte (Triggererkrankungen)
| Erreger | Häufigkeit | Besonderheit |
|---|---|---|
| Campylobacter jejuni | ~30% | Häufigste Ursache, assoziiert mit axonaler Variante (AMAN), schlechtere Prognose |
| Cytomegalievirus (CMV) | ~15% | Häufiger sensible Beteiligung, jüngere Patienten |
| Epstein-Barr-Virus | ~10% | Mononukleose |
| SARS-CoV-2 | Beschrieben | Post-COVID-GBS |
| Influenza | Selten | Auch nach Influenza-Impfung (sehr selten, Risiko <1:1.000.000) |
| HIV | Selten | Besonders zu Serokonversionszeitpunkt |
| Zika-Virus | Regional | Epidemien in Süd-/Mittelamerika |
Zeitlicher Zusammenhang
- Latenz zwischen Infekt und GBS-Beginn: 1–4 Wochen (selten bis 6 Wochen)
- Molekulares Mimikry: Antikörper gegen mikrobielle Antigene kreuzreagieren mit Gangliosiden des peripheren Nervensystems
Pathophysiologie 🔗
Molekulares Mimikry — Kernmechanismus
- Infektion → Immunreaktion gegen mikrobielle Lipooligosaccharide (z.B. LOS von C. jejuni ähnlich GM1-Gangliosid)
- Kreuzreaktion: Antikörper gegen Ganglioside (GM1, GD1b, GT1a) des peripheren Nervensystems
- Komplement-Aktivierung → Membran-Angriffskomplex auf Myelinscheide oder Axon
- Makrophageninfiltration → Demyelinisierung (AIDP) oder axonale Schädigung (AMAN/AMSAN)
GBS-Varianten
| Variante | Antikörper | Pathologie | Klinik |
|---|---|---|---|
| AIDP (klassisch, ~80-90% Europa) | Nicht spezifisch | Demyelinisierung | Klassische aufsteigende Lähmung |
| AMAN (Axonal Motor) | Anti-GM1, Anti-GD1a | Axonale Schädigung motorisch | Motorisch betont, schlechtere Prognose |
| AMSAN (Axonal Sensori-Motor) | Anti-GM1, GD1a | Axonale Schädigung motorisch + sensibel | Schwer, langsame Erholung |
| Miller-Fisher-Syndrom (MFS) | Anti-GQ1b (>90%) | Hirnnerven | Ophthalmoplegie + Ataxie + Areflexie (Trias!) |
| Bickerstaff-Enzephalitis | Anti-GQ1b | ZNS + peripher | MFS + Bewusstseinsstörung |
Symptome & Klinik 🔗
Klassischer Verlauf
Phase 1: Progression (bis 4 Wochen)
Beginn mit:
- Parästhesien/Taubheitsgefühl in den distalen Extremitäten (meist zuerst)
- Rückenschmerzen, Ischialgie (häufig als erstes Symptom!)
- Allgemeine Schwäche
Kardinalsymptom: Aufsteigende, symmetrische schlaffe Paresen
- Beine → Arme → Rumpf → Atemmuskulatur → Hirnnerven
- Areflexie (oder deutlich abgeschwächte Reflexe) — charakteristisch!
- Symmetrisch (wenn asymmetrisch: DD bedenken)
Hirnnervenbefall (~50% der Patienten)
- N. facialis (häufigster Hirnnerv): bilaterale periphere Fazialisparese
- Schluck-/Kaumuskulatur: Dysarthrie, Dysphagie (Aspirationsgefahr!)
- Augenmuskelnerven (seltener): Doppelbilder
- Pupillen: Autonome Störungen möglich
Autonome Störungen (50–70%)
- Herzrhythmusstörungen: Tachykardie, Bradykardie, AV-Block → lebensbedrohlich!
- Labile Blutdruckregulation (Hypo- und Hypertension)
- Harnverhalt, Ileus
- Hypersalivation, Schwitzen
Phase 2: Plateau (Wochen bis Monate)
- Stabilisierung auf einem Niveau
- Maximale Behinderung während dieser Phase
Phase 3: Erholung (Monate bis Jahre)
- Meist gute Erholung (85% gehen wieder ohne Hilfe)
- Erholung beginnt von kranial nach kaudal (umgekehrte Richtung der Lähmung)
Lebensbedrohliche Komplikationen
Ateminsuffizienz (ca. 20–30% benötigen Beatmung):
- Vitalkapazität (VC) < 20 ml/kg → Intubation erwägen!
- Maximaler Inspirationsdruck (MIP) < 30 cmH2O → kritisch
- Sauerstoffsättigung (SpO2) als Spätzeichen (erst spät abfallend!)
- Regel der 20/30/40: VC <20 ml/kg, MIP <30 cmH2O, MEP <40 cmH2O → Intensivstation!
Diagnostik 🔗
Klinische Diagnose (Asbury-Kriterien)
Obligate Kriterien:
- Progressive, bilateral schwäche beider Beine und Arme
- Areflexie
Supportive Befunde:
- Progression über Tage (max. 4 Wochen)
- Relative Symmetrie
- Milde sensible Symptome
- Hirnnervenbefall
- Autonome Dysfunktion
- Rückenschmerzen
- Beginn nach Infekt
Liquordiagnostik — Schlüsselbefund
Zytoalbuminäre Dissoziation (Charakteristisch für GBS):
- Eiweiß erhöht (>0,45 g/l, oft deutlich erhöht >1–2 g/l)
- Zellzahl normal (<5 Zellen/µl)
- In den ersten 1–2 Wochen kann Eiweiß noch normal sein!
Elektrophysiologie (NLG)
- Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Verlangsamt bei AIDP (Demyelinisierung)
- F-Wellen: Verlängert oder fehlend (früher Befund, Wurzelbeteiligung!)
- Sensible Nervenpotenziale: Reduziert oder fehlend
- AMAN: Normale NLG (axonal, keine Demyelinisierung), aber reduzierte Amplituden
Antikörper
- Anti-GQ1b (Miller-Fisher-Syndrom): Positiv in >90%
- Anti-GM1, Anti-GD1a: Assoziiert mit AMAN (schlechtere Prognose)
- Wert bei klassischer AIDP begrenzt
Überwachungsparameter auf Station
- Vitalkapazität alle 4–8 Stunden! (Spirometrie)
- Herzmonitor (Rhythmusstörungen)
- Blutdruckmessung
- Schluckkontrolle
Differentialdiagnosen 🔗
| Erkrankung | Abgrenzung |
|---|---|
| Myasthenia gravis | Belastungsabhängige Schwäche, fatigable Paresen, Reflexe erhalten, Tensilon-Test positiv |
| Botulismus | Deszendierende Lähmung, Pupillenerweiterung, Anamnese (Nahrungsmittel), keine sensiblen Symptome |
| Rückenmarkerkrankung | Sensibles Niveau, Blasen-/Darmstörung, Bildgebung! |
| Kritische-Illness-Polyneuropathie | Intensivpatient, nach septischer Erkrankung |
| Poliomyelitis | Asymmetrisch, kein sensibles Defizit, febriler Beginn |
| Hypokaliämie/Hypophosphatämie | Laboruntersuchung |
| Transverse Myelitis | MRT-Rückenmark, sensibles Niveau, Blasenstörung |
| CIDP | Chronischer Verlauf (>8 Wochen), ähnliche elektrophysiologische Befunde |
Therapie 🔗
Allgemeinmaßnahmen — Intensivüberwachung
Engmaschige Überwachung bei allen GBS-Patienten:
- VC-Kontrolle alle 4–8 h, Herzmonitor
- Atemunterstützung bei VC < 20 ml/kg → Frühzeitige Intubation, da Dekompensation schnell!
- Thromboseprophylaxe (Immobilität + hohes TVT-Risiko!)
- Blasen-/Darmmanagement (Einmalkatheterisierung, Laxantien)
- Schmerztherapie: Gabapentin, Opioide bei neuropathischem Schmerz
Immuntherapie — die 2 wirksamen Optionen
IVIG (Intravenöse Immunglobuline) — bevorzugt
- Dosierung: 0,4 g/kg KG/Tag über 5 Tage (= 2 g/kg Gesamtdosis)
- Wirkungsmechanismus: Neutralisierung pathogener Antikörper, Modulation der Immunantwort
- NW: Kopfschmerz, Flush, Thromboserisiko, selten: renale Schädigung, aseptische Meningitis
- Vorteile: Einfache Verabreichung (keine Katheter)
Plasmapherese (Immunapherese)
- Schema: 5–6 Zyklen über 2 Wochen
- Entfernt pathogene Antikörper und Komplementfaktoren direkt
- Vorteile: Seit länger etabliert, gleich wirksam wie IVIG
- Nachteile: Zentralvenöser Zugang erforderlich, personell aufwändiger
Wichtig: IVIG + Plasmapherese kombinieren bringt KEINEN Zusatznutzen!
Kortikosteroide — KONTRAINDIZIERT/NICHT WIRKSAM
- Kortikosteroide (Prednisolon, Methylprednisolon) sind bei GBS nicht wirksam und können den Verlauf verschlechtern → NICHT einsetzen!
Rehabilitation
- Physiotherapie beginnen sobald Stabilisierung eingetreten (passive Mobilisation, später aktives Training)
- Ergotherapie: Feinmotorik, Alltagsaktivitäten
- Logopädie bei Schluck- und Sprachstörungen
- Psychologische Unterstützung (plötzliche schwere Erkrankung → Depression häufig)
Komplikationen 🔗
- Atemversagen (20–30%): häufigste unmittelbar lebensbedrohliche Komplikation
- Kardiale Arrhythmien: Tachyarrhythmien, Bradyarrhythmien, plötzlicher Herztod
- Tiefe Venenthrombose/Lungenembolie: Immobilität
- Aspirationspneumonie: Bei bulbärer Beteiligung
- Autonome Dysreflexie: Hypertensive Krisen, Hypotensionen
- Langzeit: Erschöpfung (Fatigue), neuropathischer Schmerz, Depression
- Residualsymptome bei ~15%: Schwäche, Sensibilitätsstörungen, Ataxie
Prognose 🔗
- 85% der Patienten können nach 6–12 Monaten wieder unabhängig gehen
- 5–10%: Schwere Residualdefizite, dauerhaft auf Gehhilfe oder Rollstuhl angewiesen
- Mortalität: ~2–5% (Beatmungspatienten, autonome Dysfunktionen, Alter)
- Prognostische Faktoren: Alter (höheres Alter = schlechter), Campylobacter-Vorinfekt, axonale Variante (AMAN/AMSAN), schwere Lähmungen zu Beginn
IGOS-Score: Klinischer Prognosescore bei GBS-Diagnose
Prävention 🔗
- Keine spezifische Primärprävention möglich
- Frühzeitige Diagnose und engmaschige Überwachung zur Vermeidung von Komplikationen
- Impfungen bei GBS in Anamnese: Individuell abwägen (Influenza-Impfung: leicht erhöhtes Risiko, aber Benefit überwiegt), keine absolute Kontraindikation
Prüfungstipps
- - Zytoalbuminäre Dissoziation im Liquor: hohes Eiweiß, normale Zellzahl — typisch für GBS (aber auch andere PNS-Erkrankungen)
- - Campylobacter jejuni = häufigste identifizierte Ursache, assoziiert mit axonaler Variante und schlechterer Prognose
- - Behandlung: IVIG oder Plasmapherese — beide gleich wirksam, nicht kombinieren; Kortikosteroide niemals!
- - Ateminsuffizienz — gefährlichste Komplikation: VC < 20 ml/kg = Intensivstation; Regel der 20/30/40 kennen
- - Miller-Fisher-Syndrom = GBS-Variante mit Anti-GQ1b und Trias: Ophthalmoplegie + Ataxie + Areflexie
