★★ Wichtig Unfallchirurgie 20 Min.

Beckenfraktur

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Beckenfrakturen entstehen meist durch Hochrasanztrauma (Verkehrsunfall, Sturz aus großer Höhe) und sind mit einem hohen Blutungsrisiko verbunden — bis zu 20 Liter Blutverlust durch retroperitoneale Hämatome.
  • 2. Klassifikation nach Tile (A = stabil, B = rotationsinstabil, C = vertikal und rotationsinstabil) bestimmt das Therapieregime.
  • 3. Die lebensbedrohliche Blutung ist die wichtigste Akutkomplikation — erste Maßnahme im Schockraum: Beckenzwinge (C-Clamp) oder Beckengurt zur Tamponade.
  • 4. CT (Ganzkörper-CT / Traumascan) ist der Goldstandard der Bildgebung — Becken-Röntgen im Schockraum als Sofortmaßnahme.
  • 5. Therapie: stabile Frakturen → konservativ; instabile Frakturen → Notfallstabilisierung, dann definitiv operativ (ORIF, Fixateur externe).

Fallvignette

Ein 35-jähriger Motorradfahrer wird nach einem Hochrasanzunfall mit dem Rettungshubschrauber in die Notaufnahme eingeliefert.

Der Patient ist somnolent, Blutdruck 70/40 mmHg, Herzfrequenz 130/min, SpO₂ 91 % unter Sauerstoffmaske. Die primäre Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Instabilität des Beckens bei bimanueller Kompression sowie ein Hämatom inguinal beidseits. Im FAST-Ultraschall: freie Flüssigkeit im Abdomen. Becken-CT: Disruption der Symphyse > 2,5 cm mit beidseitigem Sakroiliakalgelenk-Einriss (APC III / Tile C). Hb 6,2 g/dl, Laktat 8,4 mmol/l, Quick 38 %, Fibrinogen 0,9 g/l.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Beckenfraktur

Auf einen Blick

  1. Beckenfrakturen entstehen meist durch Hochrasanztrauma (Verkehrsunfall, Sturz aus großer Höhe) und sind mit einem hohen Blutungsrisiko verbunden — bis zu 20 Liter Blutverlust durch retroperitoneale Hämatome.
  2. Klassifikation nach Tile (A = stabil, B = rotationsinstabil, C = vertikal und rotationsinstabil) bestimmt das Therapieregime.
  3. Die lebensbedrohliche Blutung ist die wichtigste Akutkomplikation — erste Maßnahme im Schockraum: Beckenzwinge (C-Clamp) oder Beckengurt zur Tamponade.
  4. CT (Ganzkörper-CT / Traumascan) ist der Goldstandard der Bildgebung — Becken-Röntgen im Schockraum als Sofortmaßnahme.
  5. Therapie: stabile Frakturen → konservativ; instabile Frakturen → Notfallstabilisierung, dann definitiv operativ (ORIF, Fixateur externe).

Fallvignette

Ein 35-jähriger Motorradfahrer wird nach einem Hochrasanzunfall mit dem Rettungshubschrauber in die Notaufnahme eingeliefert.

Der Patient ist somnolent, Blutdruck 70/40 mmHg, Herzfrequenz 130/min, SpO₂ 91 % unter Sauerstoffmaske. Die primäre Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Instabilität des Beckens bei bimanueller Kompression sowie ein Hämatom inguinal beidseits. Im FAST-Ultraschall: freie Flüssigkeit im Abdomen. Becken-CT: Disruption der Symphyse > 2,5 cm mit beidseitigem Sakroiliakalgelenk-Einriss (APC III / Tile C). Hb 6,2 g/dl, Laktat 8,4 mmol/l, Quick 38 %, Fibrinogen 0,9 g/l.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Die Beckenfraktur ist eine Fraktur eines oder mehrerer Anteile des knöchernen Beckens (Os ilium, Os pubis, Os ischii, Os sacrum, Os coccygis). Das Becken besteht aus dem knöchernen Beckenring, der durch Symphyse und Iliosakralgelenke (ISG) zusammengehalten wird. Bei instabilen Frakturen ist die Kontinuität des Beckenrings an mehreren Stellen unterbrochen.


Ätiologie & Risikofaktoren

Unfallmechanismen

Mechanismus Verletzungsmuster
Hochrasanztrauma (PKW-Unfall, Motorrad) Instabile Frakturen, Typ B und C
Sturz aus großer Höhe Vertikal instabile Frakturen (Typ C)
Lateral compression (seitlicher Aufprall) Typ B2 (interner Rotations-Typ)
Antero-posterior Kompression (Frontalkollision) Typ B1 (Buch-Fraktur, „Open Book“)
Vertikale Scherkräfte Typ C (hemisphärische Verschiebung)
Niedrigenergietrauma (ältere Patienten) Isolierte Scham- oder Sitzbeinastfraktur (Typ A); Insuffizienzfraktur

Epidemiologie

  • Schwere Beckenfrakturen: ~1 % aller Frakturen, aber hohe Mortalität (stabil ~0 %, instabil 5–20 %)
  • Häufig Teil eines Polytraumas (ISS >16)
  • Begleitverletzungen in >50 % der Fälle

Pathophysiologie

Anatomie des Beckenrings

Symphysis pubis (vorne) + Iliosakralgelenke (hinten) = Beckenring
        ↓
Beckenring ist stabil, wenn höchstens ein Bruchpunkt vorhanden ist
        ↓
Zwei oder mehr Bruchpunkte → INSTABILER Beckenring → Aufklappung → Blutung

Blutungsmechanismus — das kritische Problem

Beckenringfraktur → Aufweitung des Beckenvolumens
        ↓
Retroperitonealer Raum kann sich enorm ausdehnen (bis 2–3 Liter)
        ↓
Venöse (präsakrale Venen) und arterielle (A. glutea sup., A. obturatoria) Blutung
        ↓
Retroperitoneales Hämatom → Tamponade-Effekt (hält Blutung auf)
        ↓
Wenn Becken NICHT geschlossen/stabilisiert → Hämatom expandiert weiter → hämorrhagischer Schock

Begleitverletzungen

Struktur Verletzungsfolge
Urethra (besonders Pars membranacea beim Mann) Harnröhrenruptur → Harnstrahlunterbrechung, Perinealblutung
Harnblase Intraperitoneale oder extraperitoneale Ruptur
Rektum Rektumverletzung → Peritonitis (Lebensgefahr!)
Lumbale Nervenwurzeln / Plexus lumbosacralis Neurologie: Sensibilitätsausfälle, Motorikstörungen
Gefäße A./V. iliaca → massiver Blutverlust
Ureter Seltener

Klassifikation nach Tile (AO/OTA)

Tile-Klassifikation

Typ Stabilität Beschreibung Merksatz
Typ A Stabil Beckenring intakt; isolierte Fraktur ohne Ringunterbrechung „A wie Artig — bleibt stabil“
Typ B Rotationsinstabil, vertikal stabil Partieller Ringbruch; ISG oder Symphyse betroffen; kein vertikaler Versatz „B wie Bücher — klappt auf“
Typ C Rotations- und vertikal instabil Kompletter Ringbruch beidseits; komplette Ligamentunterbrechung; vertikale Dislokation „C wie Critical“

Typ A — Stabil

Untertyp Beschreibung
A1 Avulsionsfraktur (Spina iliaca, Tuber ischiadicum)
A2 Isolierte Beckenschaufelfraktur oder isolierte Schambeinfraktur (Typ A2-A3)
A3 Sakrum- oder Steißbeinfraktur ohne Ringbeteiligung

Typ B — Rotationsinstabil

Untertyp Beschreibung
B1 „Open Book“ — anteriore Kompression → Symphysensprengung + anteriore ISG-Verletzung → Aufklappen wie ein Buch
B2 Laterale Kompression → interne Rotation einer Beckenseite
B3 Bilateral instabil

Typ C — Komplett instabil

Untertyp Beschreibung
C1 Einseitig komplett instabil (Hemisphäre)
C2 Einseitig Typ C + kontralateral Typ B
C3 Beidseitig komplett instabil (bilateraler Typ C)

Symptome & Klinik

Primärsurvey (ABCDE) — Schockraummanagement

Lebensbedrohliche Zeichen

Zeichen Bedeutung
Hämorrhagischer Schock (RR↓, HF↑, Bewusstsein↓) Lebensbedrohliche Blutung
Beinlängendifferenz, Fehlstellung Vertikale Verschiebung (Typ C)
Instabiler Beckenring (vorsichtiger Kompressionstest) Instabile Fraktur
Perinealblutung, Skrotalblutung Urethrarupturrerdacht
Hämaturie Blasen- oder Urethraverletzung
Neurological deficit (Bein- oder Perinealsensibilität) Plexus-/Nervenwurzelverletzung

Cave: Beckenkompressionstests im Schockraum nur einmal und vorsichtig durchführen — Manipulation kann Hämatom mobilisieren und Blutung verstärken!

Spezifische Befunde

  • Butterfly-Hämatom (perineale Einblutung bei Urethraverletzung)
  • Hochstehendes Prostata-Gefühl bei rektaler Untersuchung → Urethraruptur
  • Blut am Meatus urethrae → Kontraindikation für transurethralen Katheter → suprapubischer Katheter!

Diagnostik

Schockraum-Algorithmus

Sofortdiagnostik (<5 Minuten)

  1. Becken-Röntgen a.p. (Schockraum-Übersicht) — sofort, am liegenden Patienten
  2. Sonographie (FAST: Focused Assessment with Sonography in Trauma) — freie Flüssigkeit intraperitoneal?
  3. Labor: Blutbild, Gerinnung (Quick, PTT, Fibrinogen), Kreuzblut, Blutgas (Hb, Laktat!)

Erweiterte Diagnostik (nach Stabilisierung)

Ganzkörper-CT (Traumascan) mit i.v. Kontrastmittel ist der Goldstandard für Staging und Therapieplanung.

  • CT-Becken: Genaue Frakturcharakterisierung, Hämatomausdehnung
  • CT-Angiographie: Bei Verdacht auf arterielle Blutung (Kontrastmittelaustritt = „blush“ = aktive Blutung → Embolisation!)
  • Urethrographie: Bei Verdacht auf Urethraruptur (vor Katheterisierung!)
  • Zystographie: Bei Verdacht auf Blasenruptur

Tile-Stadium und empfohlene Bildgebung

Befund Bildgebung
Stabiles Becken, kein Schock Becken-Röntgen, ggf. CT
Instabiles Becken, Schock Sofort Röntgen, FAST, dann CT nach Notfallintervention

Differentialdiagnosen

Erkrankung Unterscheidungsmerkmal
Hüftfraktur Ältere Patienten, Sturz aus Stand, Bein außenrotiert+verkürzt; Röntgen differenziert
Acetabulumfraktur Teil des Beckentraumas; hüftgelenknah; CT obligat
Pubic symphysis diastasis ohne Ringbruch Isoliert, z. B. postpartal
Retroperitoneales Hämatom anderer Ursache Nierentrauma, Aortenverletzung; CT klärt
Spinales Trauma (LWS) Ähnliche Unfallmechanismen; immer kombiniert ausschließen

Therapie

Notfallmanagement — hämorrhagischer Schock

Damage Control — sofortige Maßnahmen

Primäres Ziel: Becken schließen → Volumen reduzieren → Tamponade der Blutungsquelle

Schritt 1: Mechanische Stabilisierung (innerhalb von Minuten)

Methode Anwendung
Beckengurt (Pelvic Binder, z. B. T-POD) Prähospital, Notaufnahme; Anlage auf Trochanterhöhe; einfach und schnell
Beckenzwinge (C-Clamp) Innerklinisch, OP; direkte Kompression des ISG; bei Typ B1 und C effektiv
Fixateur externe Anterior; temporäre Stabilisierung, Notfall-OP

Schritt 2: Volumenersatz und Gerinnungsmanagement

  • Massive Transfusion: Erythrozyten : FFP : Thrombozyten = 1:1:1
  • Tranexamsäure (Antifibrinolytikum) innerhalb der ersten 3 Stunden: 1 g i.v. Bolus
  • Permissive Hypotonie: Ziel-MAP 50–65 mmHg bis chirurgische Blutstillung (bei Schädel-Hirn-Trauma kontraindiziert!)

Schritt 3: Blutungsquelle kontrollieren

Methode Indikation
Interventionelle Angiographie (Embolisation) Arterielle Blutung („blush“ im CT); selektive Embolisation der A. glutea superior
Präperitoneale Beckentamponade (PPT) Venöse/ossäre Blutung; chirurgische Tamponade retroperitoneal
Notfall-Laparotomie Bei intraperitonealer Blutung (FAST positiv)

Definitiv-Therapie (nach Stabilisierung)

Konservativ — Typ A

  • Bettruhe, Schmerztherapie
  • Thromboseprophylaxe (niedermolekulares Heparin)
  • Mobilisierung nach 1–2 Wochen; Vollbelastung nach 4–6 Wochen
  • Verlaufsröntgen zur Kontrolle

Operativ — Typen B und C

Verfahren Anwendung
Fixateur externe (anterior) Notfallstabilisierung, temporär
ORIF (Open Reduction Internal Fixation) Definitive Versorgung: Plattenosteosynthese Symphyse, ISG-Schrauben
Perkutane Sakrumsschrauben Iliosakrale Stabilisierung (Typ C)
Iliosakrale Zuggurtung Bei ISG-Sprengung
Lumbopelvine Stabilisierung Bei Typ C mit schwerer Verschiebung

Komplikationen

Komplikation Häufigkeit/Bemerkung
Hämorrhagischer Schock Häufigste Todesursache; retroperitoneale Blutung bis 20 l
Urethraruptur Beim Mann: Pars membranacea; suprapubischer Katheter notwendig
Blasenruptur Intra- oder extraperitoneal; operative Versorgung
Nervenschäden (Plexus lumbosacralis) Blasen-/Darmstörungen, Sensibilitätsausfälle, Impotenz
Infektion / Osteomyelitis Besonders bei offenen Frakturen
Malunion / Beinlängendifferenz Bei fehlerhafter Reposition
Tiefe Venenthrombose / Lungenembolie Immobilisation, Beckenvenenläsion
Posttraumatische Arthrose Besonders bei Acetabulumfrakturen
Rektumverletzung Seltene Begleitverletzung; Peritonitis, Sepsis

Prognose

Frakturtyp Prognose
Typ A (stabil) Sehr gut; vollständige Ausheilung
Typ B Gut bei adäquater Stabilisierung; neurologische Ausfälle möglich
Typ C Erhöhte Mortalität (5–20 %); langfristige Funktionseinschränkungen häufig
Mit Polytrauma Mortalität abhängig von Gesamtverletzungsschwere (ISS)

Neurologische Defizite (Plexus lumbosacralis): ~10–15 % bei instabilen Frakturen; oft teilreversibel.


Prävention

  • Sicherheitsgurte und Airbags im Straßenverkehr — reduzieren Beckentraumata erheblich
  • Motorradschutzkleidung mit Protektoren
  • Sturzprävention bei älteren Patienten (Vitamin D, Physiotherapie, Wohnraumanpassung)
  • Osteoporosetherapie reduziert insuffizienz-bedingte Beckenfrakturen
  • Polytrauma-Versorgungsprotokoll (S3-Leitlinie) für optimale Schockraumversorgung

Klinische Perlen

Beckenzwinge vs. Beckengurt: Der Beckengurt (Pelvic Binder) ist prähospital und im Notaufnahmeraum das Mittel der Wahl — einfach, schnell, nicht-invasiv. Die Beckenzwinge (C-Clamp) ist chirurgisch, invasiver, aber direkter am ISG wirksam. Beide reduzieren das Beckenvolumen und fördern die Hämatom-Tamponade.

Blut am Meatus urethrae: Absolutes Zeichen der Urethraverletzung → kein transurethraler Katheter einlegen! Zuerst retrograde Urethrographie, dann suprapubischer Katheter.

Die retroperitoneale Tamponade durch das Hämatom ist ein natürlicher Schutzmechanismus — deshalb ist die Laparotomie ohne Not bei retroperitonealem Hämatom kontraindiziert (Tamponade würde aufgehoben, massive Nachblutung!).

Typ-C-Fraktur + Schock + fehlendem Ansprechen auf Volumen: An arterielle Blutung denken → CT-Angiographie → Embolisation durch Interventionalradiologie ist schneller und weniger traumatisch als offene Operation.


Prüfungstipps

  • Tile-Klassifikation: A = stabil, B = rotationsinstabil, C = rotations- und vertikal instabil — auswendig lernen!
  • Erste Notfallmaßnahme bei instabilem Becken mit Schock: Beckengurt/Beckenzwinge (nicht primär Laparotomie!)
  • Blut am Meatus urethrae = keine Katheterisierung → retrograde Urethrographie zuerst
  • CT ist Goldstandard; im Schockraum zuerst Röntgen Becken + FAST-Sonographie
  • Retroperitoneales Hämatom: nicht explorieren — Tamponade-Effekt ist therapeutisch!

Schlüsselbegriffe

Begriff Bedeutung
Tile-Klassifikation A (stabil) / B (rotationsinstabil) / C (komplett instabil)
Open Book Tile B1; Symphysensprengung + anteriore ISG-Verletzung; Becken „öffnet“ sich
Beckengurt (Pelvic Binder) Notfallstabilisierung; Volumenreduktion; Hämatom-Tamponade
Beckenzwinge (C-Clamp) Chirurgische Notfallstabilisierung; ISG-Kompression
FAST Focused Assessment with Sonography in Trauma; freie Flüssigkeit intraperitoneal
Retroperitoneales Hämatom Lebensbedrohliche Blutung; Tamponade-Effekt; nicht explorieren!
Damage Control Konzept: Lebensrettende Sofortmaßnahmen vor definitiver Versorgung
Tranexamsäure Antifibrinolytikum; innerhalb 3h bei Polytrauma i.v.
CT-Angiographie Nachweis aktiver arterieller Blutung („blush“); dann Embolisation
Urethraruptur Häufige Begleitverletzung; Blut am Meatus → kein Katheter!
Plexus lumbosacralis Gefährdete Nervenstruktur bei Typ-C-Frakturen
ISG Iliosakralgelenk; posteriore Verbindung des Beckenrings

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Die Beckenfraktur ist eine Fraktur eines oder mehrerer Anteile des knöchernen Beckens (Os ilium, Os pubis, Os ischii, Os sacrum, Os coccygis). Das Becken besteht aus dem knöchernen Beckenring, der durch Symphyse und Iliosakralgelenke (ISG) zusammengehalten wird. Bei instabilen Frakturen ist die Kontinuität des Beckenrings an mehreren Stellen unterbrochen.


Ätiologie 🔗

Unfallmechanismen

Mechanismus Verletzungsmuster
Hochrasanztrauma (PKW-Unfall, Motorrad) Instabile Frakturen, Typ B und C
Sturz aus großer Höhe Vertikal instabile Frakturen (Typ C)
Lateral compression (seitlicher Aufprall) Typ B2 (interner Rotations-Typ)
Antero-posterior Kompression (Frontalkollision) Typ B1 (Buch-Fraktur, "Open Book")
Vertikale Scherkräfte Typ C (hemisphärische Verschiebung)
Niedrigenergietrauma (ältere Patienten) Isolierte Scham- oder Sitzbeinastfraktur (Typ A); Insuffizienzfraktur

Epidemiologie

  • Schwere Beckenfrakturen: ~1 % aller Frakturen, aber hohe Mortalität (stabil ~0 %, instabil 5–20 %)
  • Häufig Teil eines Polytraumas (ISS >16)
  • Begleitverletzungen in >50 % der Fälle

Pathophysiologie 🔗

Anatomie des Beckenrings

Symphysis pubis (vorne) + Iliosakralgelenke (hinten) = Beckenring
        ↓
Beckenring ist stabil, wenn höchstens ein Bruchpunkt vorhanden ist
        ↓
Zwei oder mehr Bruchpunkte → INSTABILER Beckenring → Aufklappung → Blutung

Blutungsmechanismus — das kritische Problem

Beckenringfraktur → Aufweitung des Beckenvolumens
        ↓
Retroperitonealer Raum kann sich enorm ausdehnen (bis 2–3 Liter)
        ↓
Venöse (präsakrale Venen) und arterielle (A. glutea sup., A. obturatoria) Blutung
        ↓
Retroperitoneales Hämatom → Tamponade-Effekt (hält Blutung auf)
        ↓
Wenn Becken NICHT geschlossen/stabilisiert → Hämatom expandiert weiter → hämorrhagischer Schock

Begleitverletzungen

Struktur Verletzungsfolge
Urethra (besonders Pars membranacea beim Mann) Harnröhrenruptur → Harnstrahlunterbrechung, Perinealblutung
Harnblase Intraperitoneale oder extraperitoneale Ruptur
Rektum Rektumverletzung → Peritonitis (Lebensgefahr!)
Lumbale Nervenwurzeln / Plexus lumbosacralis Neurologie: Sensibilitätsausfälle, Motorikstörungen
Gefäße A./V. iliaca → massiver Blutverlust
Ureter Seltener

Symptome & Klinik 🔗

Tile-Klassifikation

Typ Stabilität Beschreibung Merksatz
Typ A Stabil Beckenring intakt; isolierte Fraktur ohne Ringunterbrechung "A wie Artig — bleibt stabil"
Typ B Rotationsinstabil, vertikal stabil Partieller Ringbruch; ISG oder Symphyse betroffen; kein vertikaler Versatz "B wie Bücher — klappt auf"
Typ C Rotations- und vertikal instabil Kompletter Ringbruch beidseits; komplette Ligamentunterbrechung; vertikale Dislokation "C wie Critical"

Typ A — Stabil

Untertyp Beschreibung
A1 Avulsionsfraktur (Spina iliaca, Tuber ischiadicum)
A2 Isolierte Beckenschaufelfraktur oder isolierte Schambeinfraktur (Typ A2-A3)
A3 Sakrum- oder Steißbeinfraktur ohne Ringbeteiligung

Typ B — Rotationsinstabil

Untertyp Beschreibung
B1 "Open Book" — anteriore Kompression → Symphysensprengung + anteriore ISG-Verletzung → Aufklappen wie ein Buch
B2 Laterale Kompression → interne Rotation einer Beckenseite
B3 Bilateral instabil

Typ C — Komplett instabil

Untertyp Beschreibung
C1 Einseitig komplett instabil (Hemisphäre)
C2 Einseitig Typ C + kontralateral Typ B
C3 Beidseitig komplett instabil (bilateraler Typ C)

Primärsurvey (ABCDE) — Schockraummanagement

Lebensbedrohliche Zeichen

Zeichen Bedeutung
Hämorrhagischer Schock (RR↓, HF↑, Bewusstsein↓) Lebensbedrohliche Blutung
Beinlängendifferenz, Fehlstellung Vertikale Verschiebung (Typ C)
Instabiler Beckenring (vorsichtiger Kompressionstest) Instabile Fraktur
Perinealblutung, Skrotalblutung Urethrarupturrerdacht
Hämaturie Blasen- oder Urethraverletzung
Neurological deficit (Bein- oder Perinealsensibilität) Plexus-/Nervenwurzelverletzung

Cave: Beckenkompressionstests im Schockraum nur einmal und vorsichtig durchführen — Manipulation kann Hämatom mobilisieren und Blutung verstärken!

Spezifische Befunde

  • Butterfly-Hämatom (perineale Einblutung bei Urethraverletzung)
  • Hochstehendes Prostata-Gefühl bei rektaler Untersuchung → Urethraruptur
  • Blut am Meatus urethrae → Kontraindikation für transurethralen Katheter → suprapubischer Katheter!

Diagnostik 🔗

Schockraum-Algorithmus

Sofortdiagnostik (<5 Minuten)

  1. Becken-Röntgen a.p. (Schockraum-Übersicht) — sofort, am liegenden Patienten
  2. Sonographie (FAST: Focused Assessment with Sonography in Trauma) — freie Flüssigkeit intraperitoneal?
  3. Labor: Blutbild, Gerinnung (Quick, PTT, Fibrinogen), Kreuzblut, Blutgas (Hb, Laktat!)

Erweiterte Diagnostik (nach Stabilisierung)

Ganzkörper-CT (Traumascan) mit i.v. Kontrastmittel ist der Goldstandard für Staging und Therapieplanung.

  • CT-Becken: Genaue Frakturcharakterisierung, Hämatomausdehnung
  • CT-Angiographie: Bei Verdacht auf arterielle Blutung (Kontrastmittelaustritt = "blush" = aktive Blutung → Embolisation!)
  • Urethrographie: Bei Verdacht auf Urethraruptur (vor Katheterisierung!)
  • Zystographie: Bei Verdacht auf Blasenruptur

Tile-Stadium und empfohlene Bildgebung

Befund Bildgebung
Stabiles Becken, kein Schock Becken-Röntgen, ggf. CT
Instabiles Becken, Schock Sofort Röntgen, FAST, dann CT nach Notfallintervention

Differentialdiagnosen 🔗

Erkrankung Unterscheidungsmerkmal
Hüftfraktur Ältere Patienten, Sturz aus Stand, Bein außenrotiert+verkürzt; Röntgen differenziert
Acetabulumfraktur Teil des Beckentraumas; hüftgelenknah; CT obligat
Pubic symphysis diastasis ohne Ringbruch Isoliert, z. B. postpartal
Retroperitoneales Hämatom anderer Ursache Nierentrauma, Aortenverletzung; CT klärt
Spinales Trauma (LWS) Ähnliche Unfallmechanismen; immer kombiniert ausschließen

Therapie 🔗

Notfallmanagement — hämorrhagischer Schock

Damage Control — sofortige Maßnahmen

Primäres Ziel: Becken schließen → Volumen reduzieren → Tamponade der Blutungsquelle

Schritt 1: Mechanische Stabilisierung (innerhalb von Minuten)

Methode Anwendung
Beckengurt (Pelvic Binder, z. B. T-POD) Prähospital, Notaufnahme; Anlage auf Trochanterhöhe; einfach und schnell
Beckenzwinge (C-Clamp) Innerklinisch, OP; direkte Kompression des ISG; bei Typ B1 und C effektiv
Fixateur externe Anterior; temporäre Stabilisierung, Notfall-OP

Schritt 2: Volumenersatz und Gerinnungsmanagement

  • Massive Transfusion: Erythrozyten : FFP : Thrombozyten = 1:1:1
  • Tranexamsäure (Antifibrinolytikum) innerhalb der ersten 3 Stunden: 1 g i.v. Bolus
  • Permissive Hypotonie: Ziel-MAP 50–65 mmHg bis chirurgische Blutstillung (bei Schädel-Hirn-Trauma kontraindiziert!)

Schritt 3: Blutungsquelle kontrollieren

Methode Indikation
Interventionelle Angiographie (Embolisation) Arterielle Blutung ("blush" im CT); selektive Embolisation der A. glutea superior
Präperitoneale Beckentamponade (PPT) Venöse/ossäre Blutung; chirurgische Tamponade retroperitoneal
Notfall-Laparotomie Bei intraperitonealer Blutung (FAST positiv)

Definitiv-Therapie (nach Stabilisierung)

Konservativ — Typ A

  • Bettruhe, Schmerztherapie
  • Thromboseprophylaxe (niedermolekulares Heparin)
  • Mobilisierung nach 1–2 Wochen; Vollbelastung nach 4–6 Wochen
  • Verlaufsröntgen zur Kontrolle

Operativ — Typen B und C

Verfahren Anwendung
Fixateur externe (anterior) Notfallstabilisierung, temporär
ORIF (Open Reduction Internal Fixation) Definitive Versorgung: Plattenosteosynthese Symphyse, ISG-Schrauben
Perkutane Sakrumsschrauben Iliosakrale Stabilisierung (Typ C)
Iliosakrale Zuggurtung Bei ISG-Sprengung
Lumbopelvine Stabilisierung Bei Typ C mit schwerer Verschiebung

Komplikationen 🔗

Komplikation Häufigkeit/Bemerkung
Hämorrhagischer Schock Häufigste Todesursache; retroperitoneale Blutung bis 20 l
Urethraruptur Beim Mann: Pars membranacea; suprapubischer Katheter notwendig
Blasenruptur Intra- oder extraperitoneal; operative Versorgung
Nervenschäden (Plexus lumbosacralis) Blasen-/Darmstörungen, Sensibilitätsausfälle, Impotenz
Infektion / Osteomyelitis Besonders bei offenen Frakturen
Malunion / Beinlängendifferenz Bei fehlerhafter Reposition
Tiefe Venenthrombose / Lungenembolie Immobilisation, Beckenvenenläsion
Posttraumatische Arthrose Besonders bei Acetabulumfrakturen
Rektumverletzung Seltene Begleitverletzung; Peritonitis, Sepsis

Prognose 🔗

Frakturtyp Prognose
Typ A (stabil) Sehr gut; vollständige Ausheilung
Typ B Gut bei adäquater Stabilisierung; neurologische Ausfälle möglich
Typ C Erhöhte Mortalität (5–20 %); langfristige Funktionseinschränkungen häufig
Mit Polytrauma Mortalität abhängig von Gesamtverletzungsschwere (ISS)

Neurologische Defizite (Plexus lumbosacralis): ~10–15 % bei instabilen Frakturen; oft teilreversibel.


Prävention 🔗

  • Sicherheitsgurte und Airbags im Straßenverkehr — reduzieren Beckentraumata erheblich
  • Motorradschutzkleidung mit Protektoren
  • Sturzprävention bei älteren Patienten (Vitamin D, Physiotherapie, Wohnraumanpassung)
  • Osteoporosetherapie reduziert insuffizienz-bedingte Beckenfrakturen
  • Polytrauma-Versorgungsprotokoll (S3-Leitlinie) für optimale Schockraumversorgung

✨ Clinical Pearls

**Beckenzwinge vs. Beckengurt:** Der Beckengurt (Pelvic Binder) ist prähospital und im Notaufnahmeraum das Mittel der Wahl — einfach, schnell, nicht-invasiv. Die Beckenzwinge (C-Clamp) ist chirurgisch, invasiver, aber direkter am ISG wirksam. Beide reduzieren das Beckenvolumen und fördern die Hämatom-Tamponade.

**Blut am Meatus urethrae:** Absolutes Zeichen der Urethraverletzung → **kein** transurethraler Katheter einlegen! Zuerst retrograde Urethrographie, dann suprapubischer Katheter.

Die **retroperitoneale Tamponade** durch das Hämatom ist ein natürlicher Schutzmechanismus — deshalb ist die **Laparotomie ohne Not bei retroperitonealem Hämatom kontraindiziert** (Tamponade würde aufgehoben, massive Nachblutung!).

**Typ-C-Fraktur + Schock + fehlendem Ansprechen auf Volumen:** An arterielle Blutung denken → CT-Angiographie → Embolisation durch Interventionalradiologie ist schneller und weniger traumatisch als offene Operation.

Prüfungstipps

  • - Tile-Klassifikation: A = stabil, B = rotationsinstabil, C = rotations- und vertikal instabil — auswendig lernen!
  • - Erste Notfallmaßnahme bei instabilem Becken mit Schock: Beckengurt/Beckenzwinge (nicht primär Laparotomie!)
  • - Blut am Meatus urethrae = keine Katheterisierung → retrograde Urethrographie zuerst
  • - CT ist Goldstandard; im Schockraum zuerst Röntgen Becken + FAST-Sonographie
  • - Retroperitoneales Hämatom: nicht explorieren — Tamponade-Effekt ist therapeutisch!

Schlüsselbegriffe

BegriffTile-KlassifikationOpen BookBeckengurt (Pelvic Binder)Beckenzwinge (C-Clamp)FASTRetroperitoneales HämatomDamage ControlTranexamsäureCT-AngiographieUrethrarupturPlexus lumbosacralisISG

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