Beckenfraktur
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Beckenfrakturen entstehen meist durch Hochrasanztrauma (Verkehrsunfall, Sturz aus großer Höhe) und sind mit einem hohen Blutungsrisiko verbunden — bis zu 20 Liter Blutverlust durch retroperitoneale Hämatome.
- 2. Klassifikation nach Tile (A = stabil, B = rotationsinstabil, C = vertikal und rotationsinstabil) bestimmt das Therapieregime.
- 3. Die lebensbedrohliche Blutung ist die wichtigste Akutkomplikation — erste Maßnahme im Schockraum: Beckenzwinge (C-Clamp) oder Beckengurt zur Tamponade.
- 4. CT (Ganzkörper-CT / Traumascan) ist der Goldstandard der Bildgebung — Becken-Röntgen im Schockraum als Sofortmaßnahme.
- 5. Therapie: stabile Frakturen → konservativ; instabile Frakturen → Notfallstabilisierung, dann definitiv operativ (ORIF, Fixateur externe).
Fallvignette
Ein 35-jähriger Motorradfahrer wird nach einem Hochrasanzunfall mit dem Rettungshubschrauber in die Notaufnahme eingeliefert.
Der Patient ist somnolent, Blutdruck 70/40 mmHg, Herzfrequenz 130/min, SpO₂ 91 % unter Sauerstoffmaske. Die primäre Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Instabilität des Beckens bei bimanueller Kompression sowie ein Hämatom inguinal beidseits. Im FAST-Ultraschall: freie Flüssigkeit im Abdomen. Becken-CT: Disruption der Symphyse > 2,5 cm mit beidseitigem Sakroiliakalgelenk-Einriss (APC III / Tile C). Hb 6,2 g/dl, Laktat 8,4 mmol/l, Quick 38 %, Fibrinogen 0,9 g/l.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Beckenfraktur
Auf einen Blick
- Beckenfrakturen entstehen meist durch Hochrasanztrauma (Verkehrsunfall, Sturz aus großer Höhe) und sind mit einem hohen Blutungsrisiko verbunden — bis zu 20 Liter Blutverlust durch retroperitoneale Hämatome.
- Klassifikation nach Tile (A = stabil, B = rotationsinstabil, C = vertikal und rotationsinstabil) bestimmt das Therapieregime.
- Die lebensbedrohliche Blutung ist die wichtigste Akutkomplikation — erste Maßnahme im Schockraum: Beckenzwinge (C-Clamp) oder Beckengurt zur Tamponade.
- CT (Ganzkörper-CT / Traumascan) ist der Goldstandard der Bildgebung — Becken-Röntgen im Schockraum als Sofortmaßnahme.
- Therapie: stabile Frakturen → konservativ; instabile Frakturen → Notfallstabilisierung, dann definitiv operativ (ORIF, Fixateur externe).
Fallvignette
Ein 35-jähriger Motorradfahrer wird nach einem Hochrasanzunfall mit dem Rettungshubschrauber in die Notaufnahme eingeliefert.
Der Patient ist somnolent, Blutdruck 70/40 mmHg, Herzfrequenz 130/min, SpO₂ 91 % unter Sauerstoffmaske. Die primäre Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Instabilität des Beckens bei bimanueller Kompression sowie ein Hämatom inguinal beidseits. Im FAST-Ultraschall: freie Flüssigkeit im Abdomen. Becken-CT: Disruption der Symphyse > 2,5 cm mit beidseitigem Sakroiliakalgelenk-Einriss (APC III / Tile C). Hb 6,2 g/dl, Laktat 8,4 mmol/l, Quick 38 %, Fibrinogen 0,9 g/l.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Die Beckenfraktur ist eine Fraktur eines oder mehrerer Anteile des knöchernen Beckens (Os ilium, Os pubis, Os ischii, Os sacrum, Os coccygis). Das Becken besteht aus dem knöchernen Beckenring, der durch Symphyse und Iliosakralgelenke (ISG) zusammengehalten wird. Bei instabilen Frakturen ist die Kontinuität des Beckenrings an mehreren Stellen unterbrochen.
Ätiologie & Risikofaktoren
Unfallmechanismen
| Mechanismus | Verletzungsmuster |
|---|---|
| Hochrasanztrauma (PKW-Unfall, Motorrad) | Instabile Frakturen, Typ B und C |
| Sturz aus großer Höhe | Vertikal instabile Frakturen (Typ C) |
| Lateral compression (seitlicher Aufprall) | Typ B2 (interner Rotations-Typ) |
| Antero-posterior Kompression (Frontalkollision) | Typ B1 (Buch-Fraktur, „Open Book“) |
| Vertikale Scherkräfte | Typ C (hemisphärische Verschiebung) |
| Niedrigenergietrauma (ältere Patienten) | Isolierte Scham- oder Sitzbeinastfraktur (Typ A); Insuffizienzfraktur |
Epidemiologie
- Schwere Beckenfrakturen: ~1 % aller Frakturen, aber hohe Mortalität (stabil ~0 %, instabil 5–20 %)
- Häufig Teil eines Polytraumas (ISS >16)
- Begleitverletzungen in >50 % der Fälle
Pathophysiologie
Anatomie des Beckenrings
Symphysis pubis (vorne) + Iliosakralgelenke (hinten) = Beckenring
↓
Beckenring ist stabil, wenn höchstens ein Bruchpunkt vorhanden ist
↓
Zwei oder mehr Bruchpunkte → INSTABILER Beckenring → Aufklappung → Blutung
Blutungsmechanismus — das kritische Problem
Beckenringfraktur → Aufweitung des Beckenvolumens
↓
Retroperitonealer Raum kann sich enorm ausdehnen (bis 2–3 Liter)
↓
Venöse (präsakrale Venen) und arterielle (A. glutea sup., A. obturatoria) Blutung
↓
Retroperitoneales Hämatom → Tamponade-Effekt (hält Blutung auf)
↓
Wenn Becken NICHT geschlossen/stabilisiert → Hämatom expandiert weiter → hämorrhagischer Schock
Begleitverletzungen
| Struktur | Verletzungsfolge |
|---|---|
| Urethra (besonders Pars membranacea beim Mann) | Harnröhrenruptur → Harnstrahlunterbrechung, Perinealblutung |
| Harnblase | Intraperitoneale oder extraperitoneale Ruptur |
| Rektum | Rektumverletzung → Peritonitis (Lebensgefahr!) |
| Lumbale Nervenwurzeln / Plexus lumbosacralis | Neurologie: Sensibilitätsausfälle, Motorikstörungen |
| Gefäße | A./V. iliaca → massiver Blutverlust |
| Ureter | Seltener |
Klassifikation nach Tile (AO/OTA)
Tile-Klassifikation
| Typ | Stabilität | Beschreibung | Merksatz |
|---|---|---|---|
| Typ A | Stabil | Beckenring intakt; isolierte Fraktur ohne Ringunterbrechung | „A wie Artig — bleibt stabil“ |
| Typ B | Rotationsinstabil, vertikal stabil | Partieller Ringbruch; ISG oder Symphyse betroffen; kein vertikaler Versatz | „B wie Bücher — klappt auf“ |
| Typ C | Rotations- und vertikal instabil | Kompletter Ringbruch beidseits; komplette Ligamentunterbrechung; vertikale Dislokation | „C wie Critical“ |
Typ A — Stabil
| Untertyp | Beschreibung |
|---|---|
| A1 | Avulsionsfraktur (Spina iliaca, Tuber ischiadicum) |
| A2 | Isolierte Beckenschaufelfraktur oder isolierte Schambeinfraktur (Typ A2-A3) |
| A3 | Sakrum- oder Steißbeinfraktur ohne Ringbeteiligung |
Typ B — Rotationsinstabil
| Untertyp | Beschreibung |
|---|---|
| B1 | „Open Book“ — anteriore Kompression → Symphysensprengung + anteriore ISG-Verletzung → Aufklappen wie ein Buch |
| B2 | Laterale Kompression → interne Rotation einer Beckenseite |
| B3 | Bilateral instabil |
Typ C — Komplett instabil
| Untertyp | Beschreibung |
|---|---|
| C1 | Einseitig komplett instabil (Hemisphäre) |
| C2 | Einseitig Typ C + kontralateral Typ B |
| C3 | Beidseitig komplett instabil (bilateraler Typ C) |
Symptome & Klinik
Primärsurvey (ABCDE) — Schockraummanagement
Lebensbedrohliche Zeichen
| Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| Hämorrhagischer Schock (RR↓, HF↑, Bewusstsein↓) | Lebensbedrohliche Blutung |
| Beinlängendifferenz, Fehlstellung | Vertikale Verschiebung (Typ C) |
| Instabiler Beckenring (vorsichtiger Kompressionstest) | Instabile Fraktur |
| Perinealblutung, Skrotalblutung | Urethrarupturrerdacht |
| Hämaturie | Blasen- oder Urethraverletzung |
| Neurological deficit (Bein- oder Perinealsensibilität) | Plexus-/Nervenwurzelverletzung |
Cave: Beckenkompressionstests im Schockraum nur einmal und vorsichtig durchführen — Manipulation kann Hämatom mobilisieren und Blutung verstärken!
Spezifische Befunde
- Butterfly-Hämatom (perineale Einblutung bei Urethraverletzung)
- Hochstehendes Prostata-Gefühl bei rektaler Untersuchung → Urethraruptur
- Blut am Meatus urethrae → Kontraindikation für transurethralen Katheter → suprapubischer Katheter!
Diagnostik
Schockraum-Algorithmus
Sofortdiagnostik (<5 Minuten)
- Becken-Röntgen a.p. (Schockraum-Übersicht) — sofort, am liegenden Patienten
- Sonographie (FAST: Focused Assessment with Sonography in Trauma) — freie Flüssigkeit intraperitoneal?
- Labor: Blutbild, Gerinnung (Quick, PTT, Fibrinogen), Kreuzblut, Blutgas (Hb, Laktat!)
Erweiterte Diagnostik (nach Stabilisierung)
Ganzkörper-CT (Traumascan) mit i.v. Kontrastmittel ist der Goldstandard für Staging und Therapieplanung.
- CT-Becken: Genaue Frakturcharakterisierung, Hämatomausdehnung
- CT-Angiographie: Bei Verdacht auf arterielle Blutung (Kontrastmittelaustritt = „blush“ = aktive Blutung → Embolisation!)
- Urethrographie: Bei Verdacht auf Urethraruptur (vor Katheterisierung!)
- Zystographie: Bei Verdacht auf Blasenruptur
Tile-Stadium und empfohlene Bildgebung
| Befund | Bildgebung |
|---|---|
| Stabiles Becken, kein Schock | Becken-Röntgen, ggf. CT |
| Instabiles Becken, Schock | Sofort Röntgen, FAST, dann CT nach Notfallintervention |
Differentialdiagnosen
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmal |
|---|---|
| Hüftfraktur | Ältere Patienten, Sturz aus Stand, Bein außenrotiert+verkürzt; Röntgen differenziert |
| Acetabulumfraktur | Teil des Beckentraumas; hüftgelenknah; CT obligat |
| Pubic symphysis diastasis ohne Ringbruch | Isoliert, z. B. postpartal |
| Retroperitoneales Hämatom anderer Ursache | Nierentrauma, Aortenverletzung; CT klärt |
| Spinales Trauma (LWS) | Ähnliche Unfallmechanismen; immer kombiniert ausschließen |
Therapie
Notfallmanagement — hämorrhagischer Schock
Damage Control — sofortige Maßnahmen
Primäres Ziel: Becken schließen → Volumen reduzieren → Tamponade der Blutungsquelle
Schritt 1: Mechanische Stabilisierung (innerhalb von Minuten)
| Methode | Anwendung |
|---|---|
| Beckengurt (Pelvic Binder, z. B. T-POD) | Prähospital, Notaufnahme; Anlage auf Trochanterhöhe; einfach und schnell |
| Beckenzwinge (C-Clamp) | Innerklinisch, OP; direkte Kompression des ISG; bei Typ B1 und C effektiv |
| Fixateur externe | Anterior; temporäre Stabilisierung, Notfall-OP |
Schritt 2: Volumenersatz und Gerinnungsmanagement
- Massive Transfusion: Erythrozyten : FFP : Thrombozyten = 1:1:1
- Tranexamsäure (Antifibrinolytikum) innerhalb der ersten 3 Stunden: 1 g i.v. Bolus
- Permissive Hypotonie: Ziel-MAP 50–65 mmHg bis chirurgische Blutstillung (bei Schädel-Hirn-Trauma kontraindiziert!)
Schritt 3: Blutungsquelle kontrollieren
| Methode | Indikation |
|---|---|
| Interventionelle Angiographie (Embolisation) | Arterielle Blutung („blush“ im CT); selektive Embolisation der A. glutea superior |
| Präperitoneale Beckentamponade (PPT) | Venöse/ossäre Blutung; chirurgische Tamponade retroperitoneal |
| Notfall-Laparotomie | Bei intraperitonealer Blutung (FAST positiv) |
Definitiv-Therapie (nach Stabilisierung)
Konservativ — Typ A
- Bettruhe, Schmerztherapie
- Thromboseprophylaxe (niedermolekulares Heparin)
- Mobilisierung nach 1–2 Wochen; Vollbelastung nach 4–6 Wochen
- Verlaufsröntgen zur Kontrolle
Operativ — Typen B und C
| Verfahren | Anwendung |
|---|---|
| Fixateur externe (anterior) | Notfallstabilisierung, temporär |
| ORIF (Open Reduction Internal Fixation) | Definitive Versorgung: Plattenosteosynthese Symphyse, ISG-Schrauben |
| Perkutane Sakrumsschrauben | Iliosakrale Stabilisierung (Typ C) |
| Iliosakrale Zuggurtung | Bei ISG-Sprengung |
| Lumbopelvine Stabilisierung | Bei Typ C mit schwerer Verschiebung |
Komplikationen
| Komplikation | Häufigkeit/Bemerkung |
|---|---|
| Hämorrhagischer Schock | Häufigste Todesursache; retroperitoneale Blutung bis 20 l |
| Urethraruptur | Beim Mann: Pars membranacea; suprapubischer Katheter notwendig |
| Blasenruptur | Intra- oder extraperitoneal; operative Versorgung |
| Nervenschäden (Plexus lumbosacralis) | Blasen-/Darmstörungen, Sensibilitätsausfälle, Impotenz |
| Infektion / Osteomyelitis | Besonders bei offenen Frakturen |
| Malunion / Beinlängendifferenz | Bei fehlerhafter Reposition |
| Tiefe Venenthrombose / Lungenembolie | Immobilisation, Beckenvenenläsion |
| Posttraumatische Arthrose | Besonders bei Acetabulumfrakturen |
| Rektumverletzung | Seltene Begleitverletzung; Peritonitis, Sepsis |
Prognose
| Frakturtyp | Prognose |
|---|---|
| Typ A (stabil) | Sehr gut; vollständige Ausheilung |
| Typ B | Gut bei adäquater Stabilisierung; neurologische Ausfälle möglich |
| Typ C | Erhöhte Mortalität (5–20 %); langfristige Funktionseinschränkungen häufig |
| Mit Polytrauma | Mortalität abhängig von Gesamtverletzungsschwere (ISS) |
Neurologische Defizite (Plexus lumbosacralis): ~10–15 % bei instabilen Frakturen; oft teilreversibel.
Prävention
- Sicherheitsgurte und Airbags im Straßenverkehr — reduzieren Beckentraumata erheblich
- Motorradschutzkleidung mit Protektoren
- Sturzprävention bei älteren Patienten (Vitamin D, Physiotherapie, Wohnraumanpassung)
- Osteoporosetherapie reduziert insuffizienz-bedingte Beckenfrakturen
- Polytrauma-Versorgungsprotokoll (S3-Leitlinie) für optimale Schockraumversorgung
Klinische Perlen
Beckenzwinge vs. Beckengurt: Der Beckengurt (Pelvic Binder) ist prähospital und im Notaufnahmeraum das Mittel der Wahl — einfach, schnell, nicht-invasiv. Die Beckenzwinge (C-Clamp) ist chirurgisch, invasiver, aber direkter am ISG wirksam. Beide reduzieren das Beckenvolumen und fördern die Hämatom-Tamponade.
Blut am Meatus urethrae: Absolutes Zeichen der Urethraverletzung → kein transurethraler Katheter einlegen! Zuerst retrograde Urethrographie, dann suprapubischer Katheter.
Die retroperitoneale Tamponade durch das Hämatom ist ein natürlicher Schutzmechanismus — deshalb ist die Laparotomie ohne Not bei retroperitonealem Hämatom kontraindiziert (Tamponade würde aufgehoben, massive Nachblutung!).
Typ-C-Fraktur + Schock + fehlendem Ansprechen auf Volumen: An arterielle Blutung denken → CT-Angiographie → Embolisation durch Interventionalradiologie ist schneller und weniger traumatisch als offene Operation.
Prüfungstipps
- Tile-Klassifikation: A = stabil, B = rotationsinstabil, C = rotations- und vertikal instabil — auswendig lernen!
- Erste Notfallmaßnahme bei instabilem Becken mit Schock: Beckengurt/Beckenzwinge (nicht primär Laparotomie!)
- Blut am Meatus urethrae = keine Katheterisierung → retrograde Urethrographie zuerst
- CT ist Goldstandard; im Schockraum zuerst Röntgen Becken + FAST-Sonographie
- Retroperitoneales Hämatom: nicht explorieren — Tamponade-Effekt ist therapeutisch!
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Tile-Klassifikation | A (stabil) / B (rotationsinstabil) / C (komplett instabil) |
| Open Book | Tile B1; Symphysensprengung + anteriore ISG-Verletzung; Becken „öffnet“ sich |
| Beckengurt (Pelvic Binder) | Notfallstabilisierung; Volumenreduktion; Hämatom-Tamponade |
| Beckenzwinge (C-Clamp) | Chirurgische Notfallstabilisierung; ISG-Kompression |
| FAST | Focused Assessment with Sonography in Trauma; freie Flüssigkeit intraperitoneal |
| Retroperitoneales Hämatom | Lebensbedrohliche Blutung; Tamponade-Effekt; nicht explorieren! |
| Damage Control | Konzept: Lebensrettende Sofortmaßnahmen vor definitiver Versorgung |
| Tranexamsäure | Antifibrinolytikum; innerhalb 3h bei Polytrauma i.v. |
| CT-Angiographie | Nachweis aktiver arterieller Blutung („blush“); dann Embolisation |
| Urethraruptur | Häufige Begleitverletzung; Blut am Meatus → kein Katheter! |
| Plexus lumbosacralis | Gefährdete Nervenstruktur bei Typ-C-Frakturen |
| ISG | Iliosakralgelenk; posteriore Verbindung des Beckenrings |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Die Beckenfraktur ist eine Fraktur eines oder mehrerer Anteile des knöchernen Beckens (Os ilium, Os pubis, Os ischii, Os sacrum, Os coccygis). Das Becken besteht aus dem knöchernen Beckenring, der durch Symphyse und Iliosakralgelenke (ISG) zusammengehalten wird. Bei instabilen Frakturen ist die Kontinuität des Beckenrings an mehreren Stellen unterbrochen.
Ätiologie 🔗
Unfallmechanismen
| Mechanismus | Verletzungsmuster |
|---|---|
| Hochrasanztrauma (PKW-Unfall, Motorrad) | Instabile Frakturen, Typ B und C |
| Sturz aus großer Höhe | Vertikal instabile Frakturen (Typ C) |
| Lateral compression (seitlicher Aufprall) | Typ B2 (interner Rotations-Typ) |
| Antero-posterior Kompression (Frontalkollision) | Typ B1 (Buch-Fraktur, "Open Book") |
| Vertikale Scherkräfte | Typ C (hemisphärische Verschiebung) |
| Niedrigenergietrauma (ältere Patienten) | Isolierte Scham- oder Sitzbeinastfraktur (Typ A); Insuffizienzfraktur |
Epidemiologie
- Schwere Beckenfrakturen: ~1 % aller Frakturen, aber hohe Mortalität (stabil ~0 %, instabil 5–20 %)
- Häufig Teil eines Polytraumas (ISS >16)
- Begleitverletzungen in >50 % der Fälle
Pathophysiologie 🔗
Anatomie des Beckenrings
Symphysis pubis (vorne) + Iliosakralgelenke (hinten) = Beckenring
↓
Beckenring ist stabil, wenn höchstens ein Bruchpunkt vorhanden ist
↓
Zwei oder mehr Bruchpunkte → INSTABILER Beckenring → Aufklappung → Blutung
Blutungsmechanismus — das kritische Problem
Beckenringfraktur → Aufweitung des Beckenvolumens
↓
Retroperitonealer Raum kann sich enorm ausdehnen (bis 2–3 Liter)
↓
Venöse (präsakrale Venen) und arterielle (A. glutea sup., A. obturatoria) Blutung
↓
Retroperitoneales Hämatom → Tamponade-Effekt (hält Blutung auf)
↓
Wenn Becken NICHT geschlossen/stabilisiert → Hämatom expandiert weiter → hämorrhagischer Schock
Begleitverletzungen
| Struktur | Verletzungsfolge |
|---|---|
| Urethra (besonders Pars membranacea beim Mann) | Harnröhrenruptur → Harnstrahlunterbrechung, Perinealblutung |
| Harnblase | Intraperitoneale oder extraperitoneale Ruptur |
| Rektum | Rektumverletzung → Peritonitis (Lebensgefahr!) |
| Lumbale Nervenwurzeln / Plexus lumbosacralis | Neurologie: Sensibilitätsausfälle, Motorikstörungen |
| Gefäße | A./V. iliaca → massiver Blutverlust |
| Ureter | Seltener |
Symptome & Klinik 🔗
Tile-Klassifikation
| Typ | Stabilität | Beschreibung | Merksatz |
|---|---|---|---|
| Typ A | Stabil | Beckenring intakt; isolierte Fraktur ohne Ringunterbrechung | "A wie Artig — bleibt stabil" |
| Typ B | Rotationsinstabil, vertikal stabil | Partieller Ringbruch; ISG oder Symphyse betroffen; kein vertikaler Versatz | "B wie Bücher — klappt auf" |
| Typ C | Rotations- und vertikal instabil | Kompletter Ringbruch beidseits; komplette Ligamentunterbrechung; vertikale Dislokation | "C wie Critical" |
Typ A — Stabil
| Untertyp | Beschreibung |
|---|---|
| A1 | Avulsionsfraktur (Spina iliaca, Tuber ischiadicum) |
| A2 | Isolierte Beckenschaufelfraktur oder isolierte Schambeinfraktur (Typ A2-A3) |
| A3 | Sakrum- oder Steißbeinfraktur ohne Ringbeteiligung |
Typ B — Rotationsinstabil
| Untertyp | Beschreibung |
|---|---|
| B1 | "Open Book" — anteriore Kompression → Symphysensprengung + anteriore ISG-Verletzung → Aufklappen wie ein Buch |
| B2 | Laterale Kompression → interne Rotation einer Beckenseite |
| B3 | Bilateral instabil |
Typ C — Komplett instabil
| Untertyp | Beschreibung |
|---|---|
| C1 | Einseitig komplett instabil (Hemisphäre) |
| C2 | Einseitig Typ C + kontralateral Typ B |
| C3 | Beidseitig komplett instabil (bilateraler Typ C) |
Primärsurvey (ABCDE) — Schockraummanagement
Lebensbedrohliche Zeichen
| Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| Hämorrhagischer Schock (RR↓, HF↑, Bewusstsein↓) | Lebensbedrohliche Blutung |
| Beinlängendifferenz, Fehlstellung | Vertikale Verschiebung (Typ C) |
| Instabiler Beckenring (vorsichtiger Kompressionstest) | Instabile Fraktur |
| Perinealblutung, Skrotalblutung | Urethrarupturrerdacht |
| Hämaturie | Blasen- oder Urethraverletzung |
| Neurological deficit (Bein- oder Perinealsensibilität) | Plexus-/Nervenwurzelverletzung |
Cave: Beckenkompressionstests im Schockraum nur einmal und vorsichtig durchführen — Manipulation kann Hämatom mobilisieren und Blutung verstärken!
Spezifische Befunde
- Butterfly-Hämatom (perineale Einblutung bei Urethraverletzung)
- Hochstehendes Prostata-Gefühl bei rektaler Untersuchung → Urethraruptur
- Blut am Meatus urethrae → Kontraindikation für transurethralen Katheter → suprapubischer Katheter!
Diagnostik 🔗
Schockraum-Algorithmus
Sofortdiagnostik (<5 Minuten)
- Becken-Röntgen a.p. (Schockraum-Übersicht) — sofort, am liegenden Patienten
- Sonographie (FAST: Focused Assessment with Sonography in Trauma) — freie Flüssigkeit intraperitoneal?
- Labor: Blutbild, Gerinnung (Quick, PTT, Fibrinogen), Kreuzblut, Blutgas (Hb, Laktat!)
Erweiterte Diagnostik (nach Stabilisierung)
Ganzkörper-CT (Traumascan) mit i.v. Kontrastmittel ist der Goldstandard für Staging und Therapieplanung.
- CT-Becken: Genaue Frakturcharakterisierung, Hämatomausdehnung
- CT-Angiographie: Bei Verdacht auf arterielle Blutung (Kontrastmittelaustritt = "blush" = aktive Blutung → Embolisation!)
- Urethrographie: Bei Verdacht auf Urethraruptur (vor Katheterisierung!)
- Zystographie: Bei Verdacht auf Blasenruptur
Tile-Stadium und empfohlene Bildgebung
| Befund | Bildgebung |
|---|---|
| Stabiles Becken, kein Schock | Becken-Röntgen, ggf. CT |
| Instabiles Becken, Schock | Sofort Röntgen, FAST, dann CT nach Notfallintervention |
Differentialdiagnosen 🔗
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmal |
|---|---|
| Hüftfraktur | Ältere Patienten, Sturz aus Stand, Bein außenrotiert+verkürzt; Röntgen differenziert |
| Acetabulumfraktur | Teil des Beckentraumas; hüftgelenknah; CT obligat |
| Pubic symphysis diastasis ohne Ringbruch | Isoliert, z. B. postpartal |
| Retroperitoneales Hämatom anderer Ursache | Nierentrauma, Aortenverletzung; CT klärt |
| Spinales Trauma (LWS) | Ähnliche Unfallmechanismen; immer kombiniert ausschließen |
Therapie 🔗
Notfallmanagement — hämorrhagischer Schock
Damage Control — sofortige Maßnahmen
Primäres Ziel: Becken schließen → Volumen reduzieren → Tamponade der Blutungsquelle
Schritt 1: Mechanische Stabilisierung (innerhalb von Minuten)
| Methode | Anwendung |
|---|---|
| Beckengurt (Pelvic Binder, z. B. T-POD) | Prähospital, Notaufnahme; Anlage auf Trochanterhöhe; einfach und schnell |
| Beckenzwinge (C-Clamp) | Innerklinisch, OP; direkte Kompression des ISG; bei Typ B1 und C effektiv |
| Fixateur externe | Anterior; temporäre Stabilisierung, Notfall-OP |
Schritt 2: Volumenersatz und Gerinnungsmanagement
- Massive Transfusion: Erythrozyten : FFP : Thrombozyten = 1:1:1
- Tranexamsäure (Antifibrinolytikum) innerhalb der ersten 3 Stunden: 1 g i.v. Bolus
- Permissive Hypotonie: Ziel-MAP 50–65 mmHg bis chirurgische Blutstillung (bei Schädel-Hirn-Trauma kontraindiziert!)
Schritt 3: Blutungsquelle kontrollieren
| Methode | Indikation |
|---|---|
| Interventionelle Angiographie (Embolisation) | Arterielle Blutung ("blush" im CT); selektive Embolisation der A. glutea superior |
| Präperitoneale Beckentamponade (PPT) | Venöse/ossäre Blutung; chirurgische Tamponade retroperitoneal |
| Notfall-Laparotomie | Bei intraperitonealer Blutung (FAST positiv) |
Definitiv-Therapie (nach Stabilisierung)
Konservativ — Typ A
- Bettruhe, Schmerztherapie
- Thromboseprophylaxe (niedermolekulares Heparin)
- Mobilisierung nach 1–2 Wochen; Vollbelastung nach 4–6 Wochen
- Verlaufsröntgen zur Kontrolle
Operativ — Typen B und C
| Verfahren | Anwendung |
|---|---|
| Fixateur externe (anterior) | Notfallstabilisierung, temporär |
| ORIF (Open Reduction Internal Fixation) | Definitive Versorgung: Plattenosteosynthese Symphyse, ISG-Schrauben |
| Perkutane Sakrumsschrauben | Iliosakrale Stabilisierung (Typ C) |
| Iliosakrale Zuggurtung | Bei ISG-Sprengung |
| Lumbopelvine Stabilisierung | Bei Typ C mit schwerer Verschiebung |
Komplikationen 🔗
| Komplikation | Häufigkeit/Bemerkung |
|---|---|
| Hämorrhagischer Schock | Häufigste Todesursache; retroperitoneale Blutung bis 20 l |
| Urethraruptur | Beim Mann: Pars membranacea; suprapubischer Katheter notwendig |
| Blasenruptur | Intra- oder extraperitoneal; operative Versorgung |
| Nervenschäden (Plexus lumbosacralis) | Blasen-/Darmstörungen, Sensibilitätsausfälle, Impotenz |
| Infektion / Osteomyelitis | Besonders bei offenen Frakturen |
| Malunion / Beinlängendifferenz | Bei fehlerhafter Reposition |
| Tiefe Venenthrombose / Lungenembolie | Immobilisation, Beckenvenenläsion |
| Posttraumatische Arthrose | Besonders bei Acetabulumfrakturen |
| Rektumverletzung | Seltene Begleitverletzung; Peritonitis, Sepsis |
Prognose 🔗
| Frakturtyp | Prognose |
|---|---|
| Typ A (stabil) | Sehr gut; vollständige Ausheilung |
| Typ B | Gut bei adäquater Stabilisierung; neurologische Ausfälle möglich |
| Typ C | Erhöhte Mortalität (5–20 %); langfristige Funktionseinschränkungen häufig |
| Mit Polytrauma | Mortalität abhängig von Gesamtverletzungsschwere (ISS) |
Neurologische Defizite (Plexus lumbosacralis): ~10–15 % bei instabilen Frakturen; oft teilreversibel.
Prävention 🔗
- Sicherheitsgurte und Airbags im Straßenverkehr — reduzieren Beckentraumata erheblich
- Motorradschutzkleidung mit Protektoren
- Sturzprävention bei älteren Patienten (Vitamin D, Physiotherapie, Wohnraumanpassung)
- Osteoporosetherapie reduziert insuffizienz-bedingte Beckenfrakturen
- Polytrauma-Versorgungsprotokoll (S3-Leitlinie) für optimale Schockraumversorgung
✨ Clinical Pearls
**Beckenzwinge vs. Beckengurt:** Der Beckengurt (Pelvic Binder) ist prähospital und im Notaufnahmeraum das Mittel der Wahl — einfach, schnell, nicht-invasiv. Die Beckenzwinge (C-Clamp) ist chirurgisch, invasiver, aber direkter am ISG wirksam. Beide reduzieren das Beckenvolumen und fördern die Hämatom-Tamponade.
**Blut am Meatus urethrae:** Absolutes Zeichen der Urethraverletzung → **kein** transurethraler Katheter einlegen! Zuerst retrograde Urethrographie, dann suprapubischer Katheter.
Die **retroperitoneale Tamponade** durch das Hämatom ist ein natürlicher Schutzmechanismus — deshalb ist die **Laparotomie ohne Not bei retroperitonealem Hämatom kontraindiziert** (Tamponade würde aufgehoben, massive Nachblutung!).
**Typ-C-Fraktur + Schock + fehlendem Ansprechen auf Volumen:** An arterielle Blutung denken → CT-Angiographie → Embolisation durch Interventionalradiologie ist schneller und weniger traumatisch als offene Operation.
Prüfungstipps
- - Tile-Klassifikation: A = stabil, B = rotationsinstabil, C = rotations- und vertikal instabil — auswendig lernen!
- - Erste Notfallmaßnahme bei instabilem Becken mit Schock: Beckengurt/Beckenzwinge (nicht primär Laparotomie!)
- - Blut am Meatus urethrae = keine Katheterisierung → retrograde Urethrographie zuerst
- - CT ist Goldstandard; im Schockraum zuerst Röntgen Becken + FAST-Sonographie
- - Retroperitoneales Hämatom: nicht explorieren — Tamponade-Effekt ist therapeutisch!
Schlüsselbegriffe
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