Allgemeine Frakturlehre
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
- 2. Diagnostisches Grundprinzip: DMS prüfen (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) + Röntgen in 2 Ebenen
- 3. Sichere vs. unsichere Frakturzeichen auswendig kennen
- 4. Therapieprinzipien: Reposition → Fixation → Ruhigstellung
- 5. Bei offenen Frakturen: Antibiotikum + Tetanusprophylaxe + Wunddébridement — Zeitfenster entscheidend
Fallvignette
Ein 8-jähriger Junge wird von seinen Eltern in die Notaufnahme gebracht, nachdem er beim Klettern vom Klettergerüst gefallen ist und seitdem den linken Unterarm nicht mehr bewegen kann.
Der Junge ist wach und kooperativ, weint vor Schmerzen. Der linke Unterarm ist im distalen Drittel sichtbar deformiert, mäßig geschwollen und druckschmerzhaft. Distal keine neurologischen Ausfälle, Radialispuls kräftig, Rekapillarisierungszeit < 2 Sekunden. Röntgen Unterarm in 2 Ebenen: Vollständige Fraktur des Radius und der Ulna im distalen Drittel mit Angulation von 25° nach dorsal, Kortikalis beidseitig komplett unterbrochen. Keine epiphysäre Beteiligung.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Allgemeine Frakturlehre
Auf einen Blick
- Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
- Diagnostisches Grundprinzip: DMS prüfen (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) + Röntgen in 2 Ebenen
- Sichere vs. unsichere Frakturzeichen auswendig kennen
- Therapieprinzipien: Reposition → Fixation → Ruhigstellung
- Bei offenen Frakturen: Antibiotikum + Tetanusprophylaxe + Wunddébridement — Zeitfenster entscheidend
Fallvignette
Ein 8-jähriger Junge wird von seinen Eltern in die Notaufnahme gebracht, nachdem er beim Klettern vom Klettergerüst gefallen ist und seitdem den linken Unterarm nicht mehr bewegen kann.
Der Junge ist wach und kooperativ, weint vor Schmerzen. Der linke Unterarm ist im distalen Drittel sichtbar deformiert, mäßig geschwollen und druckschmerzhaft. Distal keine neurologischen Ausfälle, Radialispuls kräftig, Rekapillarisierungszeit < 2 Sekunden. Röntgen Unterarm in 2 Ebenen: Vollständige Fraktur des Radius und der Ulna im distalen Drittel mit Angulation von 25° nach dorsal, Kortikalis beidseitig komplett unterbrochen. Keine epiphysäre Beteiligung.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Definition
Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
Ätiologische Typen
| Typ | Beschreibung |
|---|---|
| Traumatische Fraktur | Adäquates Trauma als Ursache |
| Ermüdungsfraktur | Überbelastung ohne einzelnes Trauma (z.B. Stressfraktur beim Marathon) |
| Pathologische Fraktur | Spontan ohne adäquates Trauma bei Tumor, Metastasen oder Osteoporose |
Klassifikation
Frakturarten nach Verlauf
| Art | Beschreibung |
|---|---|
| Spiralfraktur | Drehbewegung |
| Schrägfraktur | Schiefe Ebene |
| Querfraktur | Direkte Gewalt |
| Einfragmentfraktur | 2 Fragmente |
| Mehrfragmentfraktur | 3–6 Fragmente |
| Trümmerfraktur | > 6 Fragmente |
| Inkomplette Fraktur / Fissur | Haarriss — Kortikalis nicht komplett unterbrochen |
Dislokationsformen
| Typ | Bedeutung |
|---|---|
| Dislocatio ad peripheriam | Verdrehung um die Längsachse |
| Dislocatio ad axim | Achsabknickung |
| Dislocatio ad latus | Seitverschiebung |
| Dislocatio ad longitudinem cum contractione | Längsverschiebung mit Verkürzung |
| Dislocatio ad longitudinem cum distractione | Längsverschiebung mit Verlängerung |
Klassifikation offener Frakturen nach Gustilo/Anderson
| Typ | Gewalt | Hautwunde | Weichteile | Kontamination |
|---|---|---|---|---|
| Typ I | Gering | < 1 cm | Minimal | Keine |
| Typ II | Mittelgradig | > 1 cm | Mittelgradig | Moderat |
| Typ III | Hochgradig | > 10 cm | Hochgradig | Hoch |
AO-Klassifikation
Berücksichtigt Körperregion, Frakturposition und Frakturtyp (Komplexität) — international standardisiert.
Frakturzeichen
Klinisch
| Sicher | Unsicher |
|---|---|
| Achsabweichung | Schmerzen |
| Offene Fraktur | Schwellung |
| Stufenbildung | Hämatom |
| Krepitation | Bewegungseinschränkung |
Unsichere Frakturzeichen schließen eine Fraktur nicht aus — Röntgen ist immer erforderlich!
Radiologisch
- Unterbrechung der Kortikalis
- Aufhellungslinien
- Stufenbildung
- Zerstörung der Trabekelstruktur
Diagnostik
- Anamnese: SAMPLE-Schema — Unfallmechanismus, Zeitpunkt, Vorerkrankungen, Medikamente (Antikoagulantien!)
- Körperliche Untersuchung:
- DMS: Durchblutung, Motorik, Sensibilität — bei JEDER Fraktur prüfen!
- Frakturzeichen
- Begleitverletzungen
- Bildgebung:
- Röntgen in 2 Ebenen — Standard
- CT/MRT bei unklarem Befund oder komplexen Verletzungen
Therapie
Allgemeine Therapieprinzipien
- Anatomische Reposition — Fragmente in korrekte Stellung bringen
- Fixation — Halten der reponierten Position
- Ruhigstellung — Schutz der Frakturheilung
Konservative Versorgung
- Indikation: Einfache, nicht-dislozierte, geschlossene Frakturen
- Mittel: Gipsverband (zirkulär oder geschient), Orthesen
- Begleitend: Analgesie, Thromboseprophylaxe, Physiotherapie
Operative Versorgung
- Indikation: Dislozierte Frakturen, offene Frakturen, schwere Weichteilverletzung
| Verfahren | Indikation |
|---|---|
| Plattenosteosynthese | Schaft- und Gelenkfrakturen |
| Schraubenosteosynthese | Fragmentfixierung |
| Marknagelung | Diaphysäre Frakturen (Tibia, Femur, Humerus) |
| DHS (Dynamische Hüftschraube) | Pertrochantäre Femurfraktur |
| Zuggurtungsosteosynthese | Patella-Querfraktur |
| Kirschner-Draht | Mittelhandknochen |
| Fixateur externe | Offene Frakturen |
| Fixateur interne | Wirbelsäulenfrakturen |
Therapie offener Frakturen
- Antibiotikum:
- Gustilo Typ I+II: Cefuroxim
- Gustilo Typ III: Ampicillin/Sulbactam
- Tetanusprophylaxe prüfen
- Wunddébridement + Ggf. Fixateur externe
Frakturheilung
Primäre Frakturheilung
- Voraussetzung: Chirurgisch optimal adaptierte Frakturenden (Abstand < 1 mm)
- Direkte Bildung von Lamellenknochen im Frakturspalt (Spaltheilung)
Sekundäre Frakturheilung
- Bei größerem Frakturspalt
- Phasen:
- Frakturhämatom
- Fibrokartilaginärer Kallus (Bindegewebe/Knorpel)
- Knöcherner Kallus (Geflechtknochen durch enchondrale Ossifikation)
- Umbau zu Lamellenknochen (Monate)
Pseudarthrose = wenn die sekundäre Frakturheilung durch unzureichende Immobilisation gestört wird → Scheingelenk mit Instabilität
Besondere Frakturformen
Sonderformen im Kindesalter
| Form | Beschreibung |
|---|---|
| Grünholzfraktur | Einseitiger Kortikalisbruch mit erhaltenem Periostmantel — häufig lange Röhrenknochen |
| Bowing-Fraktur | Plastische Verformung mit fixierter Biegung, intakte Kortikalis |
Therapiebesonderheit bei Grünholzfraktur: Bei starker Achsenabweichung zunächst „Komplettierung“ des Bruches (Gegenseite brechen), dann Versorgung.
Stressfraktur (Marschfraktur)
- Ursache: Intensiv-wiederholte Belastung (Marathon, Märsche, Tanz)
- Klinik: Belastungsabhängiger Schmerz
- Lokalisation: Meist Os metatarsale II
Komplikationen
- Blutung
- Weichteilverletzungen (Nerven, Gefäße, Sehnen)
- Fehlstellung / Pseudarthrose
- Posttraumatische Arthrose (bei artikulären Frakturen)
- Kompartmentsyndrom — ernst nehmen!
- Thrombose, Embolie
- Wundinfektion, Osteomyelitis (insb. bei offenen Frakturen)
- Wachstumsstörungen bei Epiphysenverletzungen im Kindesalter
Klinische Perlen
1. DMS ist Pflicht! Vor und nach jeder Reposition oder Verbandanlage Durchblutung, Motorik und Sensibilität dokumentieren. Übersehene Gefäß- oder Nervenverletzung ist ein medizinischer Fehler.
2. Röntgen immer in 2 Ebenen — eine Aufnahme reicht nicht. Frakturen können in einer Ebene unsichtbar sein.
3. Gips zirkulär bei frischer Schwellung kontraindiziert! Bei frischen Frakturen immer gespaltener Gips oder Schiene — sonst Kompartmentsyndrom-Risiko.
4. Pseudarthrose-Prävention: Stabile Fixierung und ausreichende Ruhigstellung. Rauchen verzögert Frakturheilung deutlich.
Prüfungstipps
- Sichere Frakturzeichen auswendig: Achsabweichung, offene Fraktur, Stufenbildung, Krepitation
- Gustilo-Klassifikation: Typ III = Hautwunde > 10 cm, hochgradig kontaminiert → Ampicillin/Sulbactam
- Marknagelung bei Schaft, DHS bei pertrochantär, Fixateur externe bei offenen Frakturen
- Primär vs. sekundär Frakturheilung: primär = kein Kallus, sekundär = Kallus sichtbar
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| DMS | Durchblutung, Motorik, Sensibilität — Pflichtprüfung bei jeder Fraktur |
| Pseudarthrose | Scheingelenk bei gestörter Frakturheilung durch unzureichende Immobilisation |
| Fixateur externe | Außenskelett mit Pins durch die Haut zur Frakturstabilisierung |
| Trümmerfraktur | Fraktur mit > 6 Fragmenten |
| Gustilo III | Schwerste offene Fraktur — Hautwunde > 10 cm, hochgradig kontaminiert |
| Grünholzfraktur | Kindliche Fraktur: einseitiger Kortikalisbruch mit erhaltenem Periost |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Definition 🔗
Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
Ätiologische Typen
| Typ | Beschreibung |
|---|---|
| Traumatische Fraktur | Adäquates Trauma als Ursache |
| Ermüdungsfraktur | Überbelastung ohne einzelnes Trauma (z.B. Stressfraktur beim Marathon) |
| Pathologische Fraktur | Spontan ohne adäquates Trauma bei Tumor, Metastasen oder Osteoporose |
Symptome & Klinik 🔗
Frakturarten nach Verlauf
| Art | Beschreibung |
|---|---|
| Spiralfraktur | Drehbewegung |
| Schrägfraktur | Schiefe Ebene |
| Querfraktur | Direkte Gewalt |
| Einfragmentfraktur | 2 Fragmente |
| Mehrfragmentfraktur | 3–6 Fragmente |
| Trümmerfraktur | > 6 Fragmente |
| Inkomplette Fraktur / Fissur | Haarriss — Kortikalis nicht komplett unterbrochen |
Dislokationsformen
| Typ | Bedeutung |
|---|---|
| Dislocatio ad peripheriam | Verdrehung um die Längsachse |
| Dislocatio ad axim | Achsabknickung |
| Dislocatio ad latus | Seitverschiebung |
| Dislocatio ad longitudinem cum contractione | Längsverschiebung mit Verkürzung |
| Dislocatio ad longitudinem cum distractione | Längsverschiebung mit Verlängerung |
Klassifikation offener Frakturen nach Gustilo/Anderson
| Typ | Gewalt | Hautwunde | Weichteile | Kontamination |
|---|---|---|---|---|
| Typ I | Gering | < 1 cm | Minimal | Keine |
| Typ II | Mittelgradig | > 1 cm | Mittelgradig | Moderat |
| Typ III | Hochgradig | > 10 cm | Hochgradig | Hoch |
AO-Klassifikation
Berücksichtigt Körperregion, Frakturposition und Frakturtyp (Komplexität) — international standardisiert.
Diagnostik 🔗
- Anamnese: SAMPLE-Schema — Unfallmechanismus, Zeitpunkt, Vorerkrankungen, Medikamente (Antikoagulantien!)
- Körperliche Untersuchung:
- DMS: Durchblutung, Motorik, Sensibilität — bei JEDER Fraktur prüfen!
- Frakturzeichen
- Begleitverletzungen
- Bildgebung:
- Röntgen in 2 Ebenen — Standard
- CT/MRT bei unklarem Befund oder komplexen Verletzungen
Therapie 🔗
Allgemeine Therapieprinzipien
- Anatomische Reposition — Fragmente in korrekte Stellung bringen
- Fixation — Halten der reponierten Position
- Ruhigstellung — Schutz der Frakturheilung
Konservative Versorgung
- Indikation: Einfache, nicht-dislozierte, geschlossene Frakturen
- Mittel: Gipsverband (zirkulär oder geschient), Orthesen
- Begleitend: Analgesie, Thromboseprophylaxe, Physiotherapie
Operative Versorgung
- Indikation: Dislozierte Frakturen, offene Frakturen, schwere Weichteilverletzung
| Verfahren | Indikation |
|---|---|
| Plattenosteosynthese | Schaft- und Gelenkfrakturen |
| Schraubenosteosynthese | Fragmentfixierung |
| Marknagelung | Diaphysäre Frakturen (Tibia, Femur, Humerus) |
| DHS (Dynamische Hüftschraube) | Pertrochantäre Femurfraktur |
| Zuggurtungsosteosynthese | Patella-Querfraktur |
| Kirschner-Draht | Mittelhandknochen |
| Fixateur externe | Offene Frakturen |
| Fixateur interne | Wirbelsäulenfrakturen |
Therapie offener Frakturen
- Antibiotikum:
- Gustilo Typ I+II: Cefuroxim
- Gustilo Typ III: Ampicillin/Sulbactam
- Tetanusprophylaxe prüfen
- Wunddébridement + Ggf. Fixateur externe
Komplikationen 🔗
- Blutung
- Weichteilverletzungen (Nerven, Gefäße, Sehnen)
- Fehlstellung / Pseudarthrose
- Posttraumatische Arthrose (bei artikulären Frakturen)
- Kompartmentsyndrom — ernst nehmen!
- Thrombose, Embolie
- Wundinfektion, Osteomyelitis (insb. bei offenen Frakturen)
- Wachstumsstörungen bei Epiphysenverletzungen im Kindesalter
✨ Clinical Pearls
**1. DMS ist Pflicht!** Vor und nach jeder Reposition oder Verbandanlage Durchblutung, Motorik und Sensibilität dokumentieren. Übersehene Gefäß- oder Nervenverletzung ist ein medizinischer Fehler.
**2. Röntgen immer in 2 Ebenen** — eine Aufnahme reicht nicht. Frakturen können in einer Ebene unsichtbar sein.
**3. Gips zirkulär bei frischer Schwellung** kontraindiziert! Bei frischen Frakturen immer gespaltener Gips oder Schiene — sonst Kompartmentsyndrom-Risiko.
**4. Pseudarthrose-Prävention:** Stabile Fixierung und ausreichende Ruhigstellung. Rauchen verzögert Frakturheilung deutlich.
Prüfungstipps
- - Sichere Frakturzeichen auswendig: Achsabweichung, offene Fraktur, Stufenbildung, Krepitation
- - Gustilo-Klassifikation: Typ III = Hautwunde > 10 cm, hochgradig kontaminiert → Ampicillin/Sulbactam
- - Marknagelung bei Schaft, DHS bei pertrochantär, Fixateur externe bei offenen Frakturen
- - Primär vs. sekundär Frakturheilung: primär = kein Kallus, sekundär = Kallus sichtbar
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