★★ Wichtig Unfallchirurgie 25 Min.

Allgemeine Frakturlehre

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
  • 2. Diagnostisches Grundprinzip: DMS prüfen (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) + Röntgen in 2 Ebenen
  • 3. Sichere vs. unsichere Frakturzeichen auswendig kennen
  • 4. Therapieprinzipien: Reposition → Fixation → Ruhigstellung
  • 5. Bei offenen Frakturen: Antibiotikum + Tetanusprophylaxe + Wunddébridement — Zeitfenster entscheidend

Fallvignette

Ein 8-jähriger Junge wird von seinen Eltern in die Notaufnahme gebracht, nachdem er beim Klettern vom Klettergerüst gefallen ist und seitdem den linken Unterarm nicht mehr bewegen kann.

Der Junge ist wach und kooperativ, weint vor Schmerzen. Der linke Unterarm ist im distalen Drittel sichtbar deformiert, mäßig geschwollen und druckschmerzhaft. Distal keine neurologischen Ausfälle, Radialispuls kräftig, Rekapillarisierungszeit < 2 Sekunden. Röntgen Unterarm in 2 Ebenen: Vollständige Fraktur des Radius und der Ulna im distalen Drittel mit Angulation von 25° nach dorsal, Kortikalis beidseitig komplett unterbrochen. Keine epiphysäre Beteiligung.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Allgemeine Frakturlehre

Auf einen Blick

  1. Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens
  2. Diagnostisches Grundprinzip: DMS prüfen (Durchblutung, Motorik, Sensibilität) + Röntgen in 2 Ebenen
  3. Sichere vs. unsichere Frakturzeichen auswendig kennen
  4. Therapieprinzipien: Reposition → Fixation → Ruhigstellung
  5. Bei offenen Frakturen: Antibiotikum + Tetanusprophylaxe + Wunddébridement — Zeitfenster entscheidend

Fallvignette

Ein 8-jähriger Junge wird von seinen Eltern in die Notaufnahme gebracht, nachdem er beim Klettern vom Klettergerüst gefallen ist und seitdem den linken Unterarm nicht mehr bewegen kann.

Der Junge ist wach und kooperativ, weint vor Schmerzen. Der linke Unterarm ist im distalen Drittel sichtbar deformiert, mäßig geschwollen und druckschmerzhaft. Distal keine neurologischen Ausfälle, Radialispuls kräftig, Rekapillarisierungszeit < 2 Sekunden. Röntgen Unterarm in 2 Ebenen: Vollständige Fraktur des Radius und der Ulna im distalen Drittel mit Angulation von 25° nach dorsal, Kortikalis beidseitig komplett unterbrochen. Keine epiphysäre Beteiligung.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens

Ätiologische Typen

Typ Beschreibung
Traumatische Fraktur Adäquates Trauma als Ursache
Ermüdungsfraktur Überbelastung ohne einzelnes Trauma (z.B. Stressfraktur beim Marathon)
Pathologische Fraktur Spontan ohne adäquates Trauma bei Tumor, Metastasen oder Osteoporose

Klassifikation

Frakturarten nach Verlauf

Art Beschreibung
Spiralfraktur Drehbewegung
Schrägfraktur Schiefe Ebene
Querfraktur Direkte Gewalt
Einfragmentfraktur 2 Fragmente
Mehrfragmentfraktur 3–6 Fragmente
Trümmerfraktur > 6 Fragmente
Inkomplette Fraktur / Fissur Haarriss — Kortikalis nicht komplett unterbrochen

Dislokationsformen

Typ Bedeutung
Dislocatio ad peripheriam Verdrehung um die Längsachse
Dislocatio ad axim Achsabknickung
Dislocatio ad latus Seitverschiebung
Dislocatio ad longitudinem cum contractione Längsverschiebung mit Verkürzung
Dislocatio ad longitudinem cum distractione Längsverschiebung mit Verlängerung

Klassifikation offener Frakturen nach Gustilo/Anderson

Typ Gewalt Hautwunde Weichteile Kontamination
Typ I Gering < 1 cm Minimal Keine
Typ II Mittelgradig > 1 cm Mittelgradig Moderat
Typ III Hochgradig > 10 cm Hochgradig Hoch

AO-Klassifikation

Berücksichtigt Körperregion, Frakturposition und Frakturtyp (Komplexität) — international standardisiert.


Frakturzeichen

Klinisch

Sicher Unsicher
Achsabweichung Schmerzen
Offene Fraktur Schwellung
Stufenbildung Hämatom
Krepitation Bewegungseinschränkung

Unsichere Frakturzeichen schließen eine Fraktur nicht aus — Röntgen ist immer erforderlich!

Radiologisch

  • Unterbrechung der Kortikalis
  • Aufhellungslinien
  • Stufenbildung
  • Zerstörung der Trabekelstruktur

Diagnostik

  1. Anamnese: SAMPLE-Schema — Unfallmechanismus, Zeitpunkt, Vorerkrankungen, Medikamente (Antikoagulantien!)
  2. Körperliche Untersuchung:
  3. DMS: Durchblutung, Motorik, Sensibilität — bei JEDER Fraktur prüfen!
  4. Frakturzeichen
  5. Begleitverletzungen
  6. Bildgebung:
  7. Röntgen in 2 Ebenen — Standard
  8. CT/MRT bei unklarem Befund oder komplexen Verletzungen

Therapie

Allgemeine Therapieprinzipien

  1. Anatomische Reposition — Fragmente in korrekte Stellung bringen
  2. Fixation — Halten der reponierten Position
  3. Ruhigstellung — Schutz der Frakturheilung

Konservative Versorgung

  • Indikation: Einfache, nicht-dislozierte, geschlossene Frakturen
  • Mittel: Gipsverband (zirkulär oder geschient), Orthesen
  • Begleitend: Analgesie, Thromboseprophylaxe, Physiotherapie

Operative Versorgung

  • Indikation: Dislozierte Frakturen, offene Frakturen, schwere Weichteilverletzung
Verfahren Indikation
Plattenosteosynthese Schaft- und Gelenkfrakturen
Schraubenosteosynthese Fragmentfixierung
Marknagelung Diaphysäre Frakturen (Tibia, Femur, Humerus)
DHS (Dynamische Hüftschraube) Pertrochantäre Femurfraktur
Zuggurtungsosteosynthese Patella-Querfraktur
Kirschner-Draht Mittelhandknochen
Fixateur externe Offene Frakturen
Fixateur interne Wirbelsäulenfrakturen

Therapie offener Frakturen

  • Antibiotikum:
  • Gustilo Typ I+II: Cefuroxim
  • Gustilo Typ III: Ampicillin/Sulbactam
  • Tetanusprophylaxe prüfen
  • Wunddébridement + Ggf. Fixateur externe

Frakturheilung

Primäre Frakturheilung

  • Voraussetzung: Chirurgisch optimal adaptierte Frakturenden (Abstand < 1 mm)
  • Direkte Bildung von Lamellenknochen im Frakturspalt (Spaltheilung)

Sekundäre Frakturheilung

  • Bei größerem Frakturspalt
  • Phasen:
  • Frakturhämatom
  • Fibrokartilaginärer Kallus (Bindegewebe/Knorpel)
  • Knöcherner Kallus (Geflechtknochen durch enchondrale Ossifikation)
  • Umbau zu Lamellenknochen (Monate)

Pseudarthrose = wenn die sekundäre Frakturheilung durch unzureichende Immobilisation gestört wird → Scheingelenk mit Instabilität


Besondere Frakturformen

Sonderformen im Kindesalter

Form Beschreibung
Grünholzfraktur Einseitiger Kortikalisbruch mit erhaltenem Periostmantel — häufig lange Röhrenknochen
Bowing-Fraktur Plastische Verformung mit fixierter Biegung, intakte Kortikalis

Therapiebesonderheit bei Grünholzfraktur: Bei starker Achsenabweichung zunächst „Komplettierung“ des Bruches (Gegenseite brechen), dann Versorgung.

Stressfraktur (Marschfraktur)

  • Ursache: Intensiv-wiederholte Belastung (Marathon, Märsche, Tanz)
  • Klinik: Belastungsabhängiger Schmerz
  • Lokalisation: Meist Os metatarsale II

Komplikationen

  • Blutung
  • Weichteilverletzungen (Nerven, Gefäße, Sehnen)
  • Fehlstellung / Pseudarthrose
  • Posttraumatische Arthrose (bei artikulären Frakturen)
  • Kompartmentsyndrom — ernst nehmen!
  • Thrombose, Embolie
  • Wundinfektion, Osteomyelitis (insb. bei offenen Frakturen)
  • Wachstumsstörungen bei Epiphysenverletzungen im Kindesalter

Klinische Perlen

1. DMS ist Pflicht! Vor und nach jeder Reposition oder Verbandanlage Durchblutung, Motorik und Sensibilität dokumentieren. Übersehene Gefäß- oder Nervenverletzung ist ein medizinischer Fehler.

2. Röntgen immer in 2 Ebenen — eine Aufnahme reicht nicht. Frakturen können in einer Ebene unsichtbar sein.

3. Gips zirkulär bei frischer Schwellung kontraindiziert! Bei frischen Frakturen immer gespaltener Gips oder Schiene — sonst Kompartmentsyndrom-Risiko.

4. Pseudarthrose-Prävention: Stabile Fixierung und ausreichende Ruhigstellung. Rauchen verzögert Frakturheilung deutlich.


Prüfungstipps

  • Sichere Frakturzeichen auswendig: Achsabweichung, offene Fraktur, Stufenbildung, Krepitation
  • Gustilo-Klassifikation: Typ III = Hautwunde > 10 cm, hochgradig kontaminiert → Ampicillin/Sulbactam
  • Marknagelung bei Schaft, DHS bei pertrochantär, Fixateur externe bei offenen Frakturen
  • Primär vs. sekundär Frakturheilung: primär = kein Kallus, sekundär = Kallus sichtbar

Schlüsselbegriffe

Begriff Definition
DMS Durchblutung, Motorik, Sensibilität — Pflichtprüfung bei jeder Fraktur
Pseudarthrose Scheingelenk bei gestörter Frakturheilung durch unzureichende Immobilisation
Fixateur externe Außenskelett mit Pins durch die Haut zur Frakturstabilisierung
Trümmerfraktur Fraktur mit > 6 Fragmenten
Gustilo III Schwerste offene Fraktur — Hautwunde > 10 cm, hochgradig kontaminiert
Grünholzfraktur Kindliche Fraktur: einseitiger Kortikalisbruch mit erhaltenem Periost

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Fraktur = komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung eines Knochens

Ätiologische Typen

Typ Beschreibung
Traumatische Fraktur Adäquates Trauma als Ursache
Ermüdungsfraktur Überbelastung ohne einzelnes Trauma (z.B. Stressfraktur beim Marathon)
Pathologische Fraktur Spontan ohne adäquates Trauma bei Tumor, Metastasen oder Osteoporose

Symptome & Klinik 🔗

Frakturarten nach Verlauf

Art Beschreibung
Spiralfraktur Drehbewegung
Schrägfraktur Schiefe Ebene
Querfraktur Direkte Gewalt
Einfragmentfraktur 2 Fragmente
Mehrfragmentfraktur 3–6 Fragmente
Trümmerfraktur > 6 Fragmente
Inkomplette Fraktur / Fissur Haarriss — Kortikalis nicht komplett unterbrochen

Dislokationsformen

Typ Bedeutung
Dislocatio ad peripheriam Verdrehung um die Längsachse
Dislocatio ad axim Achsabknickung
Dislocatio ad latus Seitverschiebung
Dislocatio ad longitudinem cum contractione Längsverschiebung mit Verkürzung
Dislocatio ad longitudinem cum distractione Längsverschiebung mit Verlängerung

Klassifikation offener Frakturen nach Gustilo/Anderson

Typ Gewalt Hautwunde Weichteile Kontamination
Typ I Gering < 1 cm Minimal Keine
Typ II Mittelgradig > 1 cm Mittelgradig Moderat
Typ III Hochgradig > 10 cm Hochgradig Hoch

AO-Klassifikation

Berücksichtigt Körperregion, Frakturposition und Frakturtyp (Komplexität) — international standardisiert.


Diagnostik 🔗

  1. Anamnese: SAMPLE-Schema — Unfallmechanismus, Zeitpunkt, Vorerkrankungen, Medikamente (Antikoagulantien!)
  2. Körperliche Untersuchung:
  3. DMS: Durchblutung, Motorik, Sensibilität — bei JEDER Fraktur prüfen!
  4. Frakturzeichen
  5. Begleitverletzungen
  6. Bildgebung:
  7. Röntgen in 2 Ebenen — Standard
  8. CT/MRT bei unklarem Befund oder komplexen Verletzungen

Therapie 🔗

Allgemeine Therapieprinzipien

  1. Anatomische Reposition — Fragmente in korrekte Stellung bringen
  2. Fixation — Halten der reponierten Position
  3. Ruhigstellung — Schutz der Frakturheilung

Konservative Versorgung

  • Indikation: Einfache, nicht-dislozierte, geschlossene Frakturen
  • Mittel: Gipsverband (zirkulär oder geschient), Orthesen
  • Begleitend: Analgesie, Thromboseprophylaxe, Physiotherapie

Operative Versorgung

  • Indikation: Dislozierte Frakturen, offene Frakturen, schwere Weichteilverletzung
Verfahren Indikation
Plattenosteosynthese Schaft- und Gelenkfrakturen
Schraubenosteosynthese Fragmentfixierung
Marknagelung Diaphysäre Frakturen (Tibia, Femur, Humerus)
DHS (Dynamische Hüftschraube) Pertrochantäre Femurfraktur
Zuggurtungsosteosynthese Patella-Querfraktur
Kirschner-Draht Mittelhandknochen
Fixateur externe Offene Frakturen
Fixateur interne Wirbelsäulenfrakturen

Therapie offener Frakturen

  • Antibiotikum:
  • Gustilo Typ I+II: Cefuroxim
  • Gustilo Typ III: Ampicillin/Sulbactam
  • Tetanusprophylaxe prüfen
  • Wunddébridement + Ggf. Fixateur externe

Komplikationen 🔗

  • Blutung
  • Weichteilverletzungen (Nerven, Gefäße, Sehnen)
  • Fehlstellung / Pseudarthrose
  • Posttraumatische Arthrose (bei artikulären Frakturen)
  • Kompartmentsyndrom — ernst nehmen!
  • Thrombose, Embolie
  • Wundinfektion, Osteomyelitis (insb. bei offenen Frakturen)
  • Wachstumsstörungen bei Epiphysenverletzungen im Kindesalter

✨ Clinical Pearls

**1. DMS ist Pflicht!** Vor und nach jeder Reposition oder Verbandanlage Durchblutung, Motorik und Sensibilität dokumentieren. Übersehene Gefäß- oder Nervenverletzung ist ein medizinischer Fehler.

**2. Röntgen immer in 2 Ebenen** — eine Aufnahme reicht nicht. Frakturen können in einer Ebene unsichtbar sein.

**3. Gips zirkulär bei frischer Schwellung** kontraindiziert! Bei frischen Frakturen immer gespaltener Gips oder Schiene — sonst Kompartmentsyndrom-Risiko.

**4. Pseudarthrose-Prävention:** Stabile Fixierung und ausreichende Ruhigstellung. Rauchen verzögert Frakturheilung deutlich.

Prüfungstipps

  • - Sichere Frakturzeichen auswendig: Achsabweichung, offene Fraktur, Stufenbildung, Krepitation
  • - Gustilo-Klassifikation: Typ III = Hautwunde > 10 cm, hochgradig kontaminiert → Ampicillin/Sulbactam
  • - Marknagelung bei Schaft, DHS bei pertrochantär, Fixateur externe bei offenen Frakturen
  • - Primär vs. sekundär Frakturheilung: primär = kein Kallus, sekundär = Kallus sichtbar

Schlüsselbegriffe

BegriffDMSPseudarthroseFixateur externeTrümmerfrakturGustilo IIIGrünholzfraktur

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