Distale Radiusfraktur
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Häufigste Fraktur des Menschen — Sturz auf die ausgestreckte Hand
- 2. Extensionsfraktur (Colles) >> Flexionsfraktur (Smith) — 95 % der Fälle
- 3. Diagnose: Röntgen in 2 Ebenen — Böhler-Winkel, palmare/radioulnare Inklination
- 4. Therapie: konservativ (nicht-disloziert) oder operativ (disloziert/offen/Begleitverletzungen)
- 5. Spezielle Komplikation: CRPS (komplexes regionales Schmerzsyndrom)
Fallvignette
Eine 67-jährige Patientin stellt sich in der Notaufnahme vor, nachdem sie auf dem Gehweg gestürzt ist und sich dabei reflexartig mit der rechten Hand abgestützt hat.
Die Patientin klagt über starke Schmerzen im rechten Handgelenk. Klinisch zeigt sich eine typische Bajonett-Deformität mit dorsaler Prominenz des distalen Radius. Das Handgelenk ist geschwollen und druckschmerzhaft. Faustschluss eingeschränkt, Daumen- und Zeigefingersensibilität intakt. Röntgen Handgelenk in 2 Ebenen: Distale Radiusfraktur mit dorsaler Angulation von 20° und radialer Verkürzung um 4 mm (Böhler-Winkel aufgehoben), kein Gelenkflächeneinbruch. Bekannte Osteoporose, keine weiteren Vorerkrankungen.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Distale Radiusfraktur
Auf einen Blick
- Häufigste Fraktur des Menschen — Sturz auf die ausgestreckte Hand
- Extensionsfraktur (Colles) >> Flexionsfraktur (Smith) — 95 % der Fälle
- Diagnose: Röntgen in 2 Ebenen — Böhler-Winkel, palmare/radioulnare Inklination
- Therapie: konservativ (nicht-disloziert) oder operativ (disloziert/offen/Begleitverletzungen)
- Spezielle Komplikation: CRPS (komplexes regionales Schmerzsyndrom)
Fallvignette
Eine 67-jährige Patientin stellt sich in der Notaufnahme vor, nachdem sie auf dem Gehweg gestürzt ist und sich dabei reflexartig mit der rechten Hand abgestützt hat.
Die Patientin klagt über starke Schmerzen im rechten Handgelenk. Klinisch zeigt sich eine typische Bajonett-Deformität mit dorsaler Prominenz des distalen Radius. Das Handgelenk ist geschwollen und druckschmerzhaft. Faustschluss eingeschränkt, Daumen- und Zeigefingersensibilität intakt. Röntgen Handgelenk in 2 Ebenen: Distale Radiusfraktur mit dorsaler Angulation von 20° und radialer Verkürzung um 4 mm (Böhler-Winkel aufgehoben), kein Gelenkflächeneinbruch. Bekannte Osteoporose, keine weiteren Vorerkrankungen.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Epidemiologie
- Häufigste Fraktur des Menschen
- Betrifft v.a. ältere Frauen (mit Osteoporose) + Sportler + Kinder
- Häufigkeitsgipfel: bei älteren Frauen nach Sturz, bei Kindern beim Sport
Ätiologie & Klassifikation
Extensionsfraktur (häufig, ~95 %)
| Form | Typ | Beschreibung |
|---|---|---|
| Colles-Fraktur | Extraartikulär | Sturz auf dorsalextendierte Hand → dist. Fragment nach dorsal + radial |
| Barton-Fraktur | Partiell-artikulär | Extensionsfraktur mit Gelenkbeteiligung |
Flexionsfraktur (selten, ~5 %)
| Form | Typ | Beschreibung |
|---|---|---|
| Smith-Fraktur | Extraartikulär | Sturz auf palmarflektierte Hand → dist. Fragment nach palmar + radial |
| Reversed-Barton-Fraktur | Partiell-artikulär | Flexionsfraktur mit Gelenkbeteiligung |
Merkhilfe: Colles = C wie Cowboy-Handzeichen (Daumen hoch, Hand nach hinten) — dorsale Dislokation
Anatomie & Pathophysiologie
- Zwei betroffene Gelenke:
- Radiokarpalgelenk (Hand)
-
Distales Radioulnargelenk (DRUG)
-
Begleitverletzungen:
- Skaphoidfraktur (Kahnbein) — DD bei Schmerzen Tabatière!
- Abrissfraktur des Processus styloideus ulnae
- Weichteilverletzungen (Nerven, Gefäße, Sehnen)
- Kompartmentsyndrom
Klinik
- Frakturzeichen (Dolor, Tumor, Calor, Functio laesa)
- Colles: typische Abknickung nach dorso-radial („Silbergabel-Deformität“)
- Smith: Abknickung nach palmar (Schaufel-Deformität)
- Schwellung, Hämatom, Bewegungsschmerz
Diagnostik
Klinische Untersuchung
- pDMS prüfen: Durchblutung, Motorik, Sensibilität (peripherer Nerv- und Gefäßstatus!)
Röntgen des Handgelenks in 2 Ebenen (a.p. + seitlich)
Beurteilung:
- Frakturlinie, Dislokation
- Böhler-Winkel des distalen Radius (Gelenkflächenneigung)
- Radioulnare Inklination: Normwert ~20–25°
- Palmare Inklination: Normwert ~10–15°
Dislozierung liegt vor, wenn diese Winkel von der Norm abweichen — Entscheidung über OP vs. Konservativ
Ggf. CT/MRT
- Bei komplexen Frakturen, Gelenkbeteiligung oder V.a. Skaphoidfraktur
Differentialdiagnosen
- Prellung oder Distorsion (keine Fehlstellung, keine Frakturlinie)
- Schaftfrakturen des Unterarms (proximalere Lokalisation)
- Skaphoidfraktur — anatomische Tabatière druckschmerzhaft, Röntgen oft unauffällig → MRT!
Therapie
Konservative Therapie
Indikation:
- Einfache, nicht-dislozierte geschlossene Frakturen: Ruhigstellung ohne Reposition
- Dislozierte Frakturen mit OP-Kontraindikation: Ruhigstellung nach geschlossener Reposition
Mehrfache Repositionsversuche unbedingt vermeiden — erhöhtes CRPS-Risiko!
Durchführung:
- Unterarmgips für 4–6 Wochen
Operative Therapie
Indikation:
- Dislozierte Frakturen
- Offene Frakturen
- Schwere Weichteilverletzung
- Begleitverletzungen (Gefäße, Nerven)
- Kompartmentsyndrom
- Versagen der konservativen Therapie
Verfahren:
| Methode | Indikation |
|---|---|
| Spickdrahtosteosynthese | Kinder, einfache Frakturen |
| Schraubenosteosynthese | Schaftfrakturen |
| Plattenosteosynthese | Häufigste Methode beim Erwachsenen |
| Fixateur externe | Offene Fraktur, Weichteilschaden |
Allgemeine Maßnahmen
- Schmerzadaptierte Analgesie (Ibuprofen)
- Klinische und radiologische Kontrollen (nach 1, 3, 6 Wochen)
- Physiotherapie (nach Gipsabnahme)
Komplikationen
Allgemein
- Blutung, Weichteilverletzungen
- Fehlstellung, Pseudarthrose
- Arthrose (bei artikulären Frakturen)
- Kompartmentsyndrom, Wundinfektion, Osteomyelitis (bei offenen Frakturen)
Spezifische Komplikationen
- Posttraumatisches Karpaltunnelsyndrom (N. medianus komprimiert)
- CRPS (Morbus Sudeck): Komplexes regionales Schmerzsyndrom — anhaltende Schmerzen, trophische Störungen, Bewegungseinschränkung; Risiko steigt bei wiederholten Repositionsversuchen!
- Sekundäre Dislokation (im Gips)
- Sehnenruptur: v.a. M. extensor pollicis longus (EPL-Sehne)
Kindliche distale Radiusfrakturen
- Hohes Korrekturpotenzial: < 10 Jahre: sehr hoch; > 10 Jahre: wenig
- Frakturformen: Wulstfraktur (Stauchungsfraktur), Grünholzfraktur, Epiphysenbeteiligung
- Therapie:
- Konservativ (undisloziert, extraartikulär): Unterarmgips 3–4 Wochen
- Operativ (instabil): K-Draht-Osteosynthese
- Spezifische Komplikation: Wachstumsstörungen bei Epiphysenverletzung
Klinische Perlen
1. pDMS prüfen — immer! Vor und nach Reposition: Durchblutung, Motorik, Sensibilität der Hand überprüfen. N. medianus ist besonders gefährdet.
2. CRPS droht bei falscher Behandlung. Wenige Repositionsversuche, frühzeitige Physiotherapie, ausreichende Analgesie — präventive Maßnahmen gegen Sudeck.
3. Silbergabel-Deformität = Colles-Fraktur. Dieses klassische Bild (dorsale Abknickung, wie der Griff einer Gabel) ist prüfungsrelevant.
Prüfungstipps
- Colles = Extension (dorsal), Smith = Flexion (palmar) — merken!
- Häufigste Fraktur des Menschen — Prüfungsstarter
- CRPS nach distaler Radiusfraktur: Risikofaktoren kennen (wiederholte Repositionen)
- Skaphoidfraktur als wichtigste Differentialdiagnose: Tabatière-Druckschmerz + unauffälliges Röntgen → MRT
- pDMS-Prüfung ist Pflichtteil der klinischen Untersuchung bei jeder Extremitätenfraktur
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Colles-Fraktur | Extensionsfraktur des distalen Radius mit dorsaler Dislokation — häufigste Form |
| Smith-Fraktur | Flexionsfraktur des distalen Radius mit palmarer Dislokation |
| CRPS (Morbus Sudeck) | Komplexes regionales Schmerzsyndrom — neuropathischer Schmerz + trophische Störungen |
| Böhler-Winkel | Röntgenmorphologisches Maß der Gelenkflächenneigung des distalen Radius |
| pDMS | Peripherer Gefäß-/Nervenstatus: Durchblutung, Motorik, Sensibilität |
| Skaphoidfraktur | Kahnbeinfraktur — häufig übersehen, Druckschmerz in der anatomischen Tabatière |
🎓 Jetzt für KP & FSP vorbereiten
Dieses KP-Buch-Kapitel ist Teil unserer Kursvorbereitung. Im All-in-One Masterkurs findest du alle Fachgebiete, Prüfungsprotokolle und Arztbrief-Training.
Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Ätiologie 🔗
Extensionsfraktur (häufig, ~95 %)
| Form | Typ | Beschreibung |
|---|---|---|
| Colles-Fraktur | Extraartikulär | Sturz auf dorsalextendierte Hand → dist. Fragment nach dorsal + radial |
| Barton-Fraktur | Partiell-artikulär | Extensionsfraktur mit Gelenkbeteiligung |
Flexionsfraktur (selten, ~5 %)
| Form | Typ | Beschreibung |
|---|---|---|
| Smith-Fraktur | Extraartikulär | Sturz auf palmarflektierte Hand → dist. Fragment nach palmar + radial |
| Reversed-Barton-Fraktur | Partiell-artikulär | Flexionsfraktur mit Gelenkbeteiligung |
Merkhilfe: Colles = C wie Cowboy-Handzeichen (Daumen hoch, Hand nach hinten) — dorsale Dislokation
Diagnostik 🔗
Klinische Untersuchung
- pDMS prüfen: Durchblutung, Motorik, Sensibilität (peripherer Nerv- und Gefäßstatus!)
Röntgen des Handgelenks in 2 Ebenen (a.p. + seitlich)
Beurteilung:
- Frakturlinie, Dislokation
- Böhler-Winkel des distalen Radius (Gelenkflächenneigung)
- Radioulnare Inklination: Normwert ~20–25°
- Palmare Inklination: Normwert ~10–15°
Dislozierung liegt vor, wenn diese Winkel von der Norm abweichen — Entscheidung über OP vs. Konservativ
Ggf. CT/MRT
- Bei komplexen Frakturen, Gelenkbeteiligung oder V.a. Skaphoidfraktur
Differentialdiagnosen 🔗
- Prellung oder Distorsion (keine Fehlstellung, keine Frakturlinie)
- Schaftfrakturen des Unterarms (proximalere Lokalisation)
- Skaphoidfraktur — anatomische Tabatière druckschmerzhaft, Röntgen oft unauffällig → MRT!
Therapie 🔗
Konservative Therapie
Indikation:
- Einfache, nicht-dislozierte geschlossene Frakturen: Ruhigstellung ohne Reposition
- Dislozierte Frakturen mit OP-Kontraindikation: Ruhigstellung nach geschlossener Reposition
Mehrfache Repositionsversuche unbedingt vermeiden — erhöhtes CRPS-Risiko!
Durchführung:
- Unterarmgips für 4–6 Wochen
Operative Therapie
Indikation:
- Dislozierte Frakturen
- Offene Frakturen
- Schwere Weichteilverletzung
- Begleitverletzungen (Gefäße, Nerven)
- Kompartmentsyndrom
- Versagen der konservativen Therapie
Verfahren:
| Methode | Indikation |
|---|---|
| Spickdrahtosteosynthese | Kinder, einfache Frakturen |
| Schraubenosteosynthese | Schaftfrakturen |
| Plattenosteosynthese | Häufigste Methode beim Erwachsenen |
| Fixateur externe | Offene Fraktur, Weichteilschaden |
Allgemeine Maßnahmen
- Schmerzadaptierte Analgesie (Ibuprofen)
- Klinische und radiologische Kontrollen (nach 1, 3, 6 Wochen)
- Physiotherapie (nach Gipsabnahme)
Komplikationen 🔗
Allgemein
- Blutung, Weichteilverletzungen
- Fehlstellung, Pseudarthrose
- Arthrose (bei artikulären Frakturen)
- Kompartmentsyndrom, Wundinfektion, Osteomyelitis (bei offenen Frakturen)
Spezifische Komplikationen
- Posttraumatisches Karpaltunnelsyndrom (N. medianus komprimiert)
- CRPS (Morbus Sudeck): Komplexes regionales Schmerzsyndrom — anhaltende Schmerzen, trophische Störungen, Bewegungseinschränkung; Risiko steigt bei wiederholten Repositionsversuchen!
- Sekundäre Dislokation (im Gips)
- Sehnenruptur: v.a. M. extensor pollicis longus (EPL-Sehne)
✨ Clinical Pearls
**1. pDMS prüfen — immer!** Vor und nach Reposition: Durchblutung, Motorik, Sensibilität der Hand überprüfen. N. medianus ist besonders gefährdet.
**2. CRPS droht bei falscher Behandlung.** Wenige Repositionsversuche, frühzeitige Physiotherapie, ausreichende Analgesie — präventive Maßnahmen gegen Sudeck.
**3. Silbergabel-Deformität = Colles-Fraktur.** Dieses klassische Bild (dorsale Abknickung, wie der Griff einer Gabel) ist prüfungsrelevant.
Prüfungstipps
- - Colles = Extension (dorsal), Smith = Flexion (palmar) — merken!
- - Häufigste Fraktur des Menschen — Prüfungsstarter
- - CRPS nach distaler Radiusfraktur: Risikofaktoren kennen (wiederholte Repositionen)
- - Skaphoidfraktur als wichtigste Differentialdiagnose: Tabatière-Druckschmerz + unauffälliges Röntgen → MRT
- - pDMS-Prüfung ist Pflichtteil der klinischen Untersuchung bei jeder Extremitätenfraktur
Schlüsselbegriffe
Wissen testen
Klicke auf eine Karte, um die Antwort zu sehen.
