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Erysipel

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. Das Erysipel ist eine akute, bakterielle Infektion der oberen Dermis und Subkutis, verursacht fast ausschließlich durch Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A (Streptococcus pyogenes).
  • 2. Klassisches Bild: scharf begrenzte, flammend-rote, warm-geschwollene, schmerzhafte Hautrötung — typisch am Unterschenkel oder im Gesicht.
  • 3. Eintrittspforte: meist Tinea pedis (Fußpilz) am Unterschenkel oder kleine Rhagaden, Wunden, Insektenstiche.
  • 4. Therapie der Wahl: Penicillin G i.v. (stationär) oder Penicillin V oral (mild) — Streptokokken sind immer penicillinsensibel.
  • 5. Wichtigste Komplikation: Rezidiv (bis zu 30 %) → bei häufigen Rezidiven: Langzeitprophylaxe mit Penicillin oder Benzathin-Penicillin.

Fallvignette

Eine 67-jährige Patientin stellt sich vor mit seit gestern rasch progredienter, schmerzhafter Rötung des linken Unterschenkels sowie Fieber bis 38,8 °C und Schüttelfrost.

Anamnese: bekannte Tinea pedis links, Diabetes mellitus Typ 2. Körperliche Untersuchung: scharf begrenzte, flammend-rote, überwärmte und geschwollene Hautläsion am linken Unterschenkel, keine Fluktuation, regionale inguinale Lymphadenopathie. RR 138/86 mmHg, HF 98/min, Temperatur 38,8 °C. Labor: Leukozyten 14.200/µl, CRP 142 mg/L, BSG 68 mm/h, Kreatinin und Blutzucker erhöht (HbA1c 8,2 %).

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Erysipel

Auf einen Blick

  1. Das Erysipel ist eine akute, bakterielle Infektion der oberen Dermis und Subkutis, verursacht fast ausschließlich durch Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A (Streptococcus pyogenes).
  2. Klassisches Bild: scharf begrenzte, flammend-rote, warm-geschwollene, schmerzhafte Hautrötung — typisch am Unterschenkel oder im Gesicht.
  3. Eintrittspforte: meist Tinea pedis (Fußpilz) am Unterschenkel oder kleine Rhagaden, Wunden, Insektenstiche.
  4. Therapie der Wahl: Penicillin G i.v. (stationär) oder Penicillin V oral (mild) — Streptokokken sind immer penicillinsensibel.
  5. Wichtigste Komplikation: Rezidiv (bis zu 30 %) → bei häufigen Rezidiven: Langzeitprophylaxe mit Penicillin oder Benzathin-Penicillin.

Fallvignette

Eine 67-jährige Patientin stellt sich vor mit seit gestern rasch progredienter, schmerzhafter Rötung des linken Unterschenkels sowie Fieber bis 38,8 °C und Schüttelfrost.

Anamnese: bekannte Tinea pedis links, Diabetes mellitus Typ 2. Körperliche Untersuchung: scharf begrenzte, flammend-rote, überwärmte und geschwollene Hautläsion am linken Unterschenkel, keine Fluktuation, regionale inguinale Lymphadenopathie. RR 138/86 mmHg, HF 98/min, Temperatur 38,8 °C. Labor: Leukozyten 14.200/µl, CRP 142 mg/L, BSG 68 mm/h, Kreatinin und Blutzucker erhöht (HbA1c 8,2 %).

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Das Erysipel (Wundrose, Rotlauf) ist eine akute, infektiöse Entzündung der Dermis und oberen Subkutis mit ausgeprägter Lymphangitis. Es ist von der Phlegmone (tiefere Infektion, unscharf begrenzt) abzugrenzen. Charakteristisch ist der rasche Progress und die flammen- oder landkartenartige Ausbreitung entlang der Lymphspalten.


Ätiologie & Risikofaktoren

Erreger

Erreger Häufigkeit
Streptococcus pyogenes (Gruppe A, beta-hämolysierend) >90 %
Streptokokken Gruppe G oder C Selten
Staphylococcus aureus (inkl. MRSA) Sehr selten; eher bei Phlegmone

Eintrittspforten

Eintrittspforte Lokalisation
Tinea pedis (Fußpilz, interdigitale Mykose) Häufigste Ursache am Unterschenkel
Rhagaden Fersen, Zehen
Insektenstiche, Kratzwunden Beliebig
Pediküre-Verletzungen Füße
Ulcera cruris Chronische Wunden am Unterschenkel
Nasenrhagaden, Ekzem Gesichtserysipel
Operationswunden, Kanaüle Postoperatives Erysipel

Risikofaktoren

Risikofaktor Mechanismus
Chronisches Lymphödem Gestörte lokale Abwehr; häufigster Risikofaktor für Rezidive
Adipositas Schlechte Lymphdrainage
Chronische venöse Insuffizienz Ödeme, Hautatrophie
Tinea pedis (unbehandelt) Chronische Eintrittspforte
Diabetes mellitus Immunsuppression, schlechte Durchblutung
Immunsuppression HIV, Kortikosteroide, Chemotherapie
Frühere Erysipel-Episode Lymphgefäßschaden erhöht Rezidivrisiko

Pathophysiologie

Eintrittspforte (Tinea pedis, Rhagade)
       ↓
Streptokokken infiltrieren Dermis
       ↓
Produktion von Virulenzfaktoren (M-Protein, Streptolysin, Hyaluronidase, Streptokinase)
       ↓
Rasche Ausbreitung entlang der Lymphspalten → Lymphangitis
       ↓
Lokale Entzündungsreaktion: Vasodilatation, Ödem, Gewebeinfiltration
       ↓
Scharf begrenzte Rötung (Lymphgefäße begrenzen die Ausbreitung)
       ↓
Systemische Reaktion: Fieber, Schüttelfrost, Leukozytose

Warum scharf begrenzt?

Die Ausbreitung erfolgt oberflächlich entlang der Lymphspalten der Dermis. Die tiefer gelegene Faszie begrenzt die Infektion nach unten — dadurch entsteht die charakteristische scharfe Begrenzung im Gegensatz zur Phlegmone.


Symptome & Klinik

Lokale Symptome

Symptom Beschreibung
Scharf begrenzte Rötung Flammend rot, Landkartenmuster
Überwärmung Lokal deutlich erhöhte Hauttemperatur
Schwellung / Ödem Bretthartes oder teigiges Ödem
Schmerzhaftigkeit Spontan- und Druckschmerz
Glänzende Haut Durch Ödem gespannte Haut
Ausläufer „Flammenförmige“ Ausläufer am Rand

Systemische Symptome (typisch bei Beginn)

  • Hohes Fieber (>39°C), Schüttelfrost
  • Allgemeines Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit
  • Lymphknotenschwellung (regionale Lymphadenopathie)
  • Lymphangitis: roter Streifen entlang des Lymphgefäßverlaufs

Prädilektionsstellen

  1. Unterschenkel (häufigste Lokalisation; Eintrittspforte meist Tinea pedis)
  2. Gesicht (von einer Seite ausgehend, Schmetterlingsmuster möglich; Eintrittspforte Nasenrhagade)
  3. Selten: Arme, Rumpf

Besondere Formen

Form Beschreibung
Bullöses Erysipel Blasenbildung durch starkes Ödem; keine schlechtere Prognose
Hämorrhagisches Erysipel Petechien und Einblutungen; keine Nekrose
Nekrotisierendes Erysipel Selten; Übergang zu nekrotisierender Fasziitis (Notfall!)

Diagnostik

Klinische Diagnose — primär

Das Erysipel ist eine klinische Diagnose. Labor und Bildgebung sind ergänzend, nicht primär diagnostisch.

Klinischer Befund

Scharf begrenzte, flammend-rote, überwärmte, schmerzhafte Hautrötung mit systemischen Entzündungszeichen = Erysipel.

Markierungstechnik

  • Randmarkierung mit Stift (Zeitangabe): Kontrolle der Ausbreitung oder Regression — einfaches, effektives Monitoring

Labordiagnostik

Parameter Befund
Leukozytose Neutrophile Granulozyten erhöht
CRP Deutlich erhöht (oft >100 mg/l)
BSG Erhöht
Procalcitonin Bei schwerer Infektion erhöht
Blutkulturen Bei Sepsisverdacht, Immunsuppression, schwerer Erkrankung
ASLO (Anti-Streptolysin-O) Retrospektiver Nachweis, klinisch wenig genutzt

Bildgebung

  • Sonographie: Ausschluss Thrombose, Abszess (Echo-arme Flüssigkeitsmenge = Abszess → Drainage!)
  • Duplex-Sonographie: Ausschluss TVT bei Unterschenkelerysipel — wichtige Differentialdiagnose!

Differentialdiagnosen

Erkrankung Unterscheidungsmerkmal
Phlegmone Unscharf begrenzt, tiefere Infektion, oft Staphylokokken
Tiefe Venenthrombose (TVT) Schwellung, aber keine Rötung/Überwärmung dieser Art; Duplex-Sono
Kontaktdermatitis Kein Fieber, starker Juckreiz, kein Schüttelfrost
Thrombophlebitis Tastsbare Venenhärte, weniger Systemzeichen
Nekrotisierende Fasziitis Rapid progredient, Hautnekrose, Sepsis — chirurgischer Notfall!
Gicht (Podagra) Kristallarthropathie, Gelenkschwellung, Harnsäure↑
Erythema migrans (Lyme-Borreliose) Langsam expandierend, mit zentraler Aufhellung (Bull’s eye)
Stauungsdermatitis Chronisch, juckend, kein Fieber, bei chronischer venöser Insuffizienz

Therapie

Allgemeinmaßnahmen

  • Ruhigstellung und Hochlagerung der betroffenen Extremität (Ödemreduktion)
  • Kühlung mit feuchten Umschlägen (Linderung, kein antiseptisches Mittel notwendig)
  • Behandlung der Eintrittspforte (Tinea pedis → Antimykotikum!)
  • Kompressionstherapie erst nach Abklingen der akuten Entzündung

Antibiotische Therapie

Leichtes Erysipel (ambulant möglich)

Mittel Dosis Dauer
Penicillin V oral 3 × 1–1,5 Mio. IE/Tag 10–14 Tage
Amoxicillin oral 3 × 750 mg–1 g 10–14 Tage

Mittelschweres bis schweres Erysipel (stationär)

Mittel Dosis Dauer
Penicillin G i.v. 3–4 × 5–10 Mio. IE/Tag 10–14 Tage (dann oral)
Ampicillin i.v. 3 × 2 g Alternative

Penicillinallergie:

  • Cefalexin (1. Generation Cephalosporin) oral
  • Clindamycin oral/i.v.
  • Makrolide (cave: steigende Resistenzraten)

Streptokokken sind universell penicillinsensibel — Penicillin bleibt die Therapie der Wahl!

Bei Verdacht auf Staphylokokken (atypisches Bild, Abszess, postoperativ)

  • Flucloxacillin i.v. (Betalaktamase-festes Penicillin)
  • Bei MRSA-Verdacht: Vancomycin oder Daptomycin

Rezidivprophylaxe

Bei ≥3 Erysipel-Episoden pro Jahr oder schwerem lymphatischem Schaden → Langzeitprophylaxe.

Mittel Schema
Benzathin-Penicillin G 1,2 Mio. IE i.m. alle 3–4 Wochen
Penicillin V 2 × 250–500 mg oral täglich
Erythromycin (bei Allergie) 2 × 250 mg täglich

Zusätzlich obligat: Behandlung der Eintrittspforte (Tinea pedis mit Antimykotikum — z. B. Clotrimazol — dauerhaft/prophylaktisch)


Komplikationen

Komplikation Bemerkung
Rezidiv Häufigste Komplikation; bis 30 % in 1 Jahr
Chronisches Lymphödem Durch rezidivierende Lymphgefäßschäden
Abszessbildung Besonders wenn Staphylokokken beteiligt; Drainage notwendig
Sepsis Streptokokkensepsis; bei Immunsupprimierten gefährlich
Nekrotisierende Fasziitis Seltene, lebensbedrohliche Progression; chirurgischer Notfall
Glomerulonephritis Post-Streptokokken-GN (selten, durch Immunreaktion)
Rheumatisches Fieber Eher nach Pharyngitis als nach Hautinfekt

Prognose

  • Unter adäquater antibiotischer Therapie sehr gute Prognose
  • Regredienz der Rötung in 3–5 Tagen; Ausheilung in ~2 Wochen
  • Ohne Behandlung der Eintrittspforte: hohes Rezidivrisiko (30 %)
  • Chronisches Lymphödem durch wiederholte Erysipele kann dauerhaft bleiben

Prävention

  • Behandlung der Tinea pedis — wichtigste Präventionsmaßnahme beim Unterschenkelerysipel
  • Fußhygiene, Hautpflege, Vermeidung von Verletzungen
  • Kompressionstherapie bei chronischer venöser Insuffizienz / Lymphödem
  • Gewichtsreduktion bei Adipositas
  • Frühzeitige Wundversorgung bei Verletzungen
  • Langzeit-Penicillinprophylaxe bei häufigen Rezidiven

Klinische Perlen

Das Erysipel ist eine klinische Diagnose — Blutkultur, Abstrich und Biopsie sind in der Regel nicht notwendig und meist negativ. Die Diagnose wird am Krankenbett gestellt.

Randmarkierung mit Stift bei Aufnahme und alle 6–12 Stunden: der einfachste und effektivste Weg, die Therapie zu monitoren. Regression = gutes Zeichen; Progress trotz Antibiotika = Umdenken (Abszess? Phlegmone? Fasziitis?).

Tinea pedis als Eintrittspforte: Wenn diese nicht mitbehandelt wird, kommt das Erysipel zurück. Antimykotikum verordnen — immer!

Bei Gesichtserysipel: stets an Haemophilus influenzae (Kleinkinder) und Streptococcus pneumoniae denken (selten); Gesichtserysipel ist in der Regel eine stationäre Behandlungsindikation wegen des Risikos der Sinusthrombose.


Prüfungstipps

  • Erreger: Streptococcus pyogenes (Gruppe A) — immer zuerst nennen; Staphylokokken nur bei Phlegmone/Abszess
  • Klinik: scharf begrenzte Rötung + Fieber + Schüttelfrost + systemische Entzündungszeichen
  • Eintrittspforte: Tinea pedis am Unterschenkel — muss behandelt werden!
  • Therapie: Penicillin V (oral/leicht) oder Penicillin G i.v. (schwer/stationär) — Streptokokken sind immer sensibel
  • Rezidivprophylaxe bei ≥3 Episoden/Jahr: Benzathin-Penicillin G i.m. alle 3–4 Wochen

Schlüsselbegriffe

Begriff Bedeutung
Erysipel Akute Streptokokken-Infektion der Dermis/oberen Subkutis; Wundrose
Streptococcus pyogenes Haupterreger; Gruppe A, beta-hämolysierend
Tinea pedis Fußpilz; häufigste Eintrittspforte beim Unterschenkelerysipel
Flammenförmige Rötung Charakteristisches Ausbreitungsmuster entlang Lymphspalten
Phlegmone Tiefe, unscharf begrenzte bakterielle Weichteilinfektion (DD Erysipel!)
Penicillin G/V Mittel der Wahl; Streptokokken immer sensibel
Benzathin-Penicillin Depot-Penicillin für Rezidivprophylaxe (i.m. alle 3–4 Wochen)
Nekrotisierende Fasziitis Gefährliche Komplikation; chirurgischer Notfall
Lymphangitis Rote Linie entlang der Lymphgefäße; typisches Begleitzeichen
TVT Tiefe Venenthrombose; wichtigste DD beim Unterschenkelerysipel
Randmarkierung Monitoring-Methode: Markierung der Ausbreitung mit Stift + Uhrzeit
Rezidivprophylaxe Ab ≥3 Episoden/Jahr Langzeit-Penicillin indiziert

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Das Erysipel (Wundrose, Rotlauf) ist eine akute, infektiöse Entzündung der Dermis und oberen Subkutis mit ausgeprägter Lymphangitis. Es ist von der Phlegmone (tiefere Infektion, unscharf begrenzt) abzugrenzen. Charakteristisch ist der rasche Progress und die flammen- oder landkartenartige Ausbreitung entlang der Lymphspalten.


Ätiologie 🔗

Erreger

Erreger Häufigkeit
Streptococcus pyogenes (Gruppe A, beta-hämolysierend) >90 %
Streptokokken Gruppe G oder C Selten
Staphylococcus aureus (inkl. MRSA) Sehr selten; eher bei Phlegmone

Eintrittspforten

Eintrittspforte Lokalisation
Tinea pedis (Fußpilz, interdigitale Mykose) Häufigste Ursache am Unterschenkel
Rhagaden Fersen, Zehen
Insektenstiche, Kratzwunden Beliebig
Pediküre-Verletzungen Füße
Ulcera cruris Chronische Wunden am Unterschenkel
Nasenrhagaden, Ekzem Gesichtserysipel
Operationswunden, Kanaüle Postoperatives Erysipel

Risikofaktoren

Risikofaktor Mechanismus
Chronisches Lymphödem Gestörte lokale Abwehr; häufigster Risikofaktor für Rezidive
Adipositas Schlechte Lymphdrainage
Chronische venöse Insuffizienz Ödeme, Hautatrophie
Tinea pedis (unbehandelt) Chronische Eintrittspforte
Diabetes mellitus Immunsuppression, schlechte Durchblutung
Immunsuppression HIV, Kortikosteroide, Chemotherapie
Frühere Erysipel-Episode Lymphgefäßschaden erhöht Rezidivrisiko

Pathophysiologie 🔗

Eintrittspforte (Tinea pedis, Rhagade)
       ↓
Streptokokken infiltrieren Dermis
       ↓
Produktion von Virulenzfaktoren (M-Protein, Streptolysin, Hyaluronidase, Streptokinase)
       ↓
Rasche Ausbreitung entlang der Lymphspalten → Lymphangitis
       ↓
Lokale Entzündungsreaktion: Vasodilatation, Ödem, Gewebeinfiltration
       ↓
Scharf begrenzte Rötung (Lymphgefäße begrenzen die Ausbreitung)
       ↓
Systemische Reaktion: Fieber, Schüttelfrost, Leukozytose

Warum scharf begrenzt?

Die Ausbreitung erfolgt oberflächlich entlang der Lymphspalten der Dermis. Die tiefer gelegene Faszie begrenzt die Infektion nach unten — dadurch entsteht die charakteristische scharfe Begrenzung im Gegensatz zur Phlegmone.


Symptome & Klinik 🔗

Lokale Symptome

Symptom Beschreibung
Scharf begrenzte Rötung Flammend rot, Landkartenmuster
Überwärmung Lokal deutlich erhöhte Hauttemperatur
Schwellung / Ödem Bretthartes oder teigiges Ödem
Schmerzhaftigkeit Spontan- und Druckschmerz
Glänzende Haut Durch Ödem gespannte Haut
Ausläufer "Flammenförmige" Ausläufer am Rand

Systemische Symptome (typisch bei Beginn)

  • Hohes Fieber (>39°C), Schüttelfrost
  • Allgemeines Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit
  • Lymphknotenschwellung (regionale Lymphadenopathie)
  • Lymphangitis: roter Streifen entlang des Lymphgefäßverlaufs

Prädilektionsstellen

  1. Unterschenkel (häufigste Lokalisation; Eintrittspforte meist Tinea pedis)
  2. Gesicht (von einer Seite ausgehend, Schmetterlingsmuster möglich; Eintrittspforte Nasenrhagade)
  3. Selten: Arme, Rumpf

Besondere Formen

Form Beschreibung
Bullöses Erysipel Blasenbildung durch starkes Ödem; keine schlechtere Prognose
Hämorrhagisches Erysipel Petechien und Einblutungen; keine Nekrose
Nekrotisierendes Erysipel Selten; Übergang zu nekrotisierender Fasziitis (Notfall!)

Diagnostik 🔗

Klinische Diagnose — primär

Das Erysipel ist eine klinische Diagnose. Labor und Bildgebung sind ergänzend, nicht primär diagnostisch.

Klinischer Befund

Scharf begrenzte, flammend-rote, überwärmte, schmerzhafte Hautrötung mit systemischen Entzündungszeichen = Erysipel.

Markierungstechnik

  • Randmarkierung mit Stift (Zeitangabe): Kontrolle der Ausbreitung oder Regression — einfaches, effektives Monitoring

Labordiagnostik

Parameter Befund
Leukozytose Neutrophile Granulozyten erhöht
CRP Deutlich erhöht (oft >100 mg/l)
BSG Erhöht
Procalcitonin Bei schwerer Infektion erhöht
Blutkulturen Bei Sepsisverdacht, Immunsuppression, schwerer Erkrankung
ASLO (Anti-Streptolysin-O) Retrospektiver Nachweis, klinisch wenig genutzt

Bildgebung

  • Sonographie: Ausschluss Thrombose, Abszess (Echo-arme Flüssigkeitsmenge = Abszess → Drainage!)
  • Duplex-Sonographie: Ausschluss TVT bei Unterschenkelerysipel — wichtige Differentialdiagnose!

Differentialdiagnosen 🔗

Erkrankung Unterscheidungsmerkmal
Phlegmone Unscharf begrenzt, tiefere Infektion, oft Staphylokokken
Tiefe Venenthrombose (TVT) Schwellung, aber keine Rötung/Überwärmung dieser Art; Duplex-Sono
Kontaktdermatitis Kein Fieber, starker Juckreiz, kein Schüttelfrost
Thrombophlebitis Tastsbare Venenhärte, weniger Systemzeichen
Nekrotisierende Fasziitis Rapid progredient, Hautnekrose, Sepsis — chirurgischer Notfall!
Gicht (Podagra) Kristallarthropathie, Gelenkschwellung, Harnsäure↑
Erythema migrans (Lyme-Borreliose) Langsam expandierend, mit zentraler Aufhellung (Bull's eye)
Stauungsdermatitis Chronisch, juckend, kein Fieber, bei chronischer venöser Insuffizienz

Therapie 🔗

Allgemeinmaßnahmen

  • Ruhigstellung und Hochlagerung der betroffenen Extremität (Ödemreduktion)
  • Kühlung mit feuchten Umschlägen (Linderung, kein antiseptisches Mittel notwendig)
  • Behandlung der Eintrittspforte (Tinea pedis → Antimykotikum!)
  • Kompressionstherapie erst nach Abklingen der akuten Entzündung

Antibiotische Therapie

Leichtes Erysipel (ambulant möglich)

Mittel Dosis Dauer
Penicillin V oral 3 × 1–1,5 Mio. IE/Tag 10–14 Tage
Amoxicillin oral 3 × 750 mg–1 g 10–14 Tage

Mittelschweres bis schweres Erysipel (stationär)

Mittel Dosis Dauer
Penicillin G i.v. 3–4 × 5–10 Mio. IE/Tag 10–14 Tage (dann oral)
Ampicillin i.v. 3 × 2 g Alternative

Penicillinallergie:

  • Cefalexin (1. Generation Cephalosporin) oral
  • Clindamycin oral/i.v.
  • Makrolide (cave: steigende Resistenzraten)

Streptokokken sind universell penicillinsensibel — Penicillin bleibt die Therapie der Wahl!

Bei Verdacht auf Staphylokokken (atypisches Bild, Abszess, postoperativ)

  • Flucloxacillin i.v. (Betalaktamase-festes Penicillin)
  • Bei MRSA-Verdacht: Vancomycin oder Daptomycin

Rezidivprophylaxe

Bei ≥3 Erysipel-Episoden pro Jahr oder schwerem lymphatischem Schaden → Langzeitprophylaxe.

Mittel Schema
Benzathin-Penicillin G 1,2 Mio. IE i.m. alle 3–4 Wochen
Penicillin V 2 × 250–500 mg oral täglich
Erythromycin (bei Allergie) 2 × 250 mg täglich

Zusätzlich obligat: Behandlung der Eintrittspforte (Tinea pedis mit Antimykotikum — z. B. Clotrimazol — dauerhaft/prophylaktisch)


Komplikationen 🔗

Komplikation Bemerkung
Rezidiv Häufigste Komplikation; bis 30 % in 1 Jahr
Chronisches Lymphödem Durch rezidivierende Lymphgefäßschäden
Abszessbildung Besonders wenn Staphylokokken beteiligt; Drainage notwendig
Sepsis Streptokokkensepsis; bei Immunsupprimierten gefährlich
Nekrotisierende Fasziitis Seltene, lebensbedrohliche Progression; chirurgischer Notfall
Glomerulonephritis Post-Streptokokken-GN (selten, durch Immunreaktion)
Rheumatisches Fieber Eher nach Pharyngitis als nach Hautinfekt

Prognose 🔗

  • Unter adäquater antibiotischer Therapie sehr gute Prognose
  • Regredienz der Rötung in 3–5 Tagen; Ausheilung in ~2 Wochen
  • Ohne Behandlung der Eintrittspforte: hohes Rezidivrisiko (30 %)
  • Chronisches Lymphödem durch wiederholte Erysipele kann dauerhaft bleiben

Prävention 🔗

  • Behandlung der Tinea pedis — wichtigste Präventionsmaßnahme beim Unterschenkelerysipel
  • Fußhygiene, Hautpflege, Vermeidung von Verletzungen
  • Kompressionstherapie bei chronischer venöser Insuffizienz / Lymphödem
  • Gewichtsreduktion bei Adipositas
  • Frühzeitige Wundversorgung bei Verletzungen
  • Langzeit-Penicillinprophylaxe bei häufigen Rezidiven

✨ Clinical Pearls

Das Erysipel ist eine **klinische Diagnose** — Blutkultur, Abstrich und Biopsie sind in der Regel nicht notwendig und meist negativ. Die Diagnose wird am Krankenbett gestellt.

**Randmarkierung mit Stift** bei Aufnahme und alle 6–12 Stunden: der einfachste und effektivste Weg, die Therapie zu monitoren. Regression = gutes Zeichen; Progress trotz Antibiotika = Umdenken (Abszess? Phlegmone? Fasziitis?).

Tinea pedis als Eintrittspforte: Wenn diese nicht mitbehandelt wird, kommt das Erysipel zurück. **Antimykotikum verordnen** — immer!

Bei Gesichtserysipel: stets an **Haemophilus influenzae** (Kleinkinder) und **Streptococcus pneumoniae** denken (selten); Gesichtserysipel ist in der Regel eine stationäre Behandlungsindikation wegen des Risikos der Sinusthrombose.

Prüfungstipps

  • - Erreger: Streptococcus pyogenes (Gruppe A) — immer zuerst nennen; Staphylokokken nur bei Phlegmone/Abszess
  • - Klinik: scharf begrenzte Rötung + Fieber + Schüttelfrost + systemische Entzündungszeichen
  • - Eintrittspforte: Tinea pedis am Unterschenkel — muss behandelt werden!
  • - Therapie: Penicillin V (oral/leicht) oder Penicillin G i.v. (schwer/stationär) — Streptokokken sind immer sensibel
  • - Rezidivprophylaxe bei ≥3 Episoden/Jahr: Benzathin-Penicillin G i.m. alle 3–4 Wochen

Schlüsselbegriffe

BegriffErysipelStreptococcus pyogenesTinea pedisFlammenförmige RötungPhlegmonePenicillin G/VBenzathin-PenicillinNekrotisierende FasziitisLymphangitisTVTRandmarkierungRezidivprophylaxe

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