Proximale Femurfrakturen
Inhaltsverzeichnis
Auf einen Blick
- 1. Häufige Fraktur des alten Menschen — Frauen : Männer = 2 : 1 — häufig durch Osteoporose
- 2. Klassifikationen kennen: Garden (Schenkelhalsfraktur) + Pauwels (medialer Schenkelhals) + AO
- 3. Goldstandard Therapie: Operative Versorgung — möglichst innerhalb 24 Stunden
- 4. Junges Alter → hüftkopferhaltend (DHS, Schraube); Altes Alter → Gelenkersatz (Prothese)
- 5. Letalität: 20 % im 1. Jahr — eng verbunden mit Osteoporose
Fallvignette
Eine 81-jährige Patientin wird mit dem Rettungsdienst eingeliefert, nachdem sie in der Nacht auf dem Weg zur Toilette gestürzt ist und seitdem das rechte Bein nicht mehr belasten kann.
Die Patientin ist wach und orientiert, klagt über starke Schmerzen in der rechten Hüfte. Das rechte Bein liegt in Außenrotation und ist im Vergleich zur Gegenseite um ca. 2 cm verkürzt. Aktive Bewegung im Hüftgelenk nicht möglich. Bekannte Osteoporose, Diabetes mellitus Typ 2, arterielle Hypertonie. Röntgen Becken a.p. und Hüfte axial: Mediale Schenkelhalsfraktur rechts mit kompletter Dislokation (Garden III). Hb 10,8 g/dl, Kreatinin 1,1 mg/dl, Quick 88 %, EKG: Sinusrhythmus.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Proximale Femurfrakturen
Auf einen Blick
- Häufige Fraktur des alten Menschen — Frauen : Männer = 2 : 1 — häufig durch Osteoporose
- Klassifikationen kennen: Garden (Schenkelhalsfraktur) + Pauwels (medialer Schenkelhals) + AO
- Goldstandard Therapie: Operative Versorgung — möglichst innerhalb 24 Stunden
- Junges Alter → hüftkopferhaltend (DHS, Schraube); Altes Alter → Gelenkersatz (Prothese)
- Letalität: 20 % im 1. Jahr — eng verbunden mit Osteoporose
Fallvignette
Eine 81-jährige Patientin wird mit dem Rettungsdienst eingeliefert, nachdem sie in der Nacht auf dem Weg zur Toilette gestürzt ist und seitdem das rechte Bein nicht mehr belasten kann.
Die Patientin ist wach und orientiert, klagt über starke Schmerzen in der rechten Hüfte. Das rechte Bein liegt in Außenrotation und ist im Vergleich zur Gegenseite um ca. 2 cm verkürzt. Aktive Bewegung im Hüftgelenk nicht möglich. Bekannte Osteoporose, Diabetes mellitus Typ 2, Arterielle Hypertonie. Röntgen Becken a.p. und Hüfte axial: Mediale Schenkelhalsfraktur rechts mit kompletter Dislokation (Garden III). Hb 10,8 g/dl, Kreatinin 1,1 mg/dl, Quick 88 %, EKG: Sinusrhythmus.
Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?
Anatomische Grundlagen
- Proximales Femur: Caput, Collum und Trochanterregion
- Arterielle Versorgung des Femurkopfes: A. circumflexa femoris (aus A. profunda femoris) + A. capitis femoris (aus A. obturatoria)
Bei Frakturen mit Dislokation: Gefahr der Unterbrechung der Femurkopfgefäße → avaskuläre Femurkopfnekrose!
Einteilung der proximalen Femurfrakturen
| Typ | Lokalisation |
|---|---|
| Femurkopffraktur | Intra-artikulär |
| Oberschenkelhalsfraktur (medial, > 80 %) | Intrakapsuläre Frakturlinie |
| Oberschenkelhalsfraktur (lateral) | Extrakapsuläre Frakturlinie |
| Pertrochantäre Femurfraktur | Extrakapsuläre Trochanterregion |
| Subtrochantäre Femurfraktur | Unterhalb Trochanter |
Klassifikationen
Garden-Klassifikation der Oberschenkelhalsfraktur
Je größer die Dislokation, desto höher das Risiko einer Femurkopfnekrose.
| Typ | Frakturform | Perfusion |
|---|---|---|
| Garden I | Inkomplette Abduktionsfraktur: eingestaucht, Valgusstellung, keine Dislokation | Intakt |
| Garden II | Vollständige Fraktur ohne Dislokation | Intakt |
| Garden III | Vollständige Fraktur mit teilweiser Dislokation: Varusstellung | Gestört |
| Garden IV | Vollständige Fraktur mit kompletter Dislokation: kein Kontakt | Ungünstig |
Garden I+II: hüftkopferhaltende Osteosynthese möglich | Garden III+IV: Gelenkersatz bevorzugt
Pauwels-Klassifikation (medialer Schenkelhals)
| Typ | Winkel | Heilungstendenz |
|---|---|---|
| Pauwels I | < 30° | Günstig |
| Pauwels II | 30–50° | Abnehmend |
| Pauwels III | > 50° | Schlecht — hohe Scherkraft |
Ätiologie
- Alters- (Osteoporose-) Fraktur: Niederrasanz-Trauma — Stolpersturz aus dem Stand
- Junge Patienten: Hochrasanz-Trauma (z.B. Verkehrsunfall)
- Spontanfrakturen: Insuffizienzfraktur (Osteoporose) oder Ermüdungsfraktur
Risikofaktoren:
- Osteoporose (insbesondere Frauen postmenopausal)
- Gangunsicherheit und Koordinationsstörungen
- Hohes Lebensalter
Symptome & Klinik
Oberschenkelhalsfraktur / Pertrochantäre Fraktur
| Symptom | Adduktionsfraktur | Abduktionsfraktur |
|---|---|---|
| Fehlstellung | Außenrotation + Beinverkürzung | Kaum Fehlstellung (eingestaucht) |
| Schmerz | Druck-/Klopfschmerz Trochanter, Leiste | Ruheschmerz |
Subtrochantäre Fraktur
- Adduzierter Femurschaft + abduziertes, außenrotiertes proximales Fragment
- Schmerzen am proximalen Oberschenkel
Wichtig: Manche Patienten mit nicht-dislozierter proximaler Femurfraktur sind noch gehfähig! Gehfähigkeit schließt eine Fraktur nicht aus!
Diagnostik
Klinische Untersuchung
- Inspektion: Sichtbare Fehlstellung, Beinlängendifferenz
- Palpation: pDMS! Druckschmerz über Trochanter major, Leiste
- Funktionsprüfung: Rotationsschmerz, kein aktives Heben des Beines möglich
Bildgebung
| Methode | Indikation |
|---|---|
| Nativ-Röntgen | Beckenübersicht + Lauenstein-Aufnahme (45° Flexion + 45° Abduktion) |
| CT | Pathologische oder unklare Frakturen, nach Hüftgelenksluxation |
Therapie
Konservative Therapie (Ausnahme!)
- Indikation: Multimorbide, inoperable Patienten; Pipkin I- und II-Femurkopffraktur
- Mobilisation nach Frakturform + Thrombose-/Dekubitusprophylaxe
Operative Therapie (Methode der Wahl!)
Operationszeitpunkt: Dringlich innerhalb von 24 Stunden
Hüftkopferhaltende Osteosynthese
| Verfahren | Indikation |
|---|---|
| DHS (Dynamische Hüftschraube) | Schenkelhalsfraktur, pertrochantäre Fraktur |
| Gammanagel / PFN (Proximaler Femurmarknagel) | Pertrochantäre Fraktur, laterale Schenkelhalsfraktur |
| Schraubenosteosynthese | Schenkelhalsfraktur, subtrochantäre Fraktur |
| DCS (Dynamische Kondylenschraube) | Subtrochantäre Frakturen |
Indikation hüftkopferhaltend: Junges biologisches Alter, eingestauchte/nicht-dislozierte Fraktur
Gelenkersatz
| Verfahren | Indikation |
|---|---|
| Duokopfprothese (Hemiprothese) | Lebenserwartung < 5 Jahre, geringer Anspruch |
| Totalendoprothese zementiert/zementfrei | Lebenserwartung > 5 Jahre, Koxarthrose |
Indikation Gelenkersatz: Hohes biologisches Alter, grobe Dislokation (Garden III/IV), Trümmerfraktur
Nachsorge
- Frühzeitige Mobilisation innerhalb 24 h unter Physiotherapie
- Vollbelastung bei Gelenkersatz und intramedullärer Osteosynthese
- Osteoporosediagnostik und Therapieeinleitung
Komplikationen
Akut
- Tiefe Beinvenenthrombose
- Pneumonie
Langzeit
- Avaskuläre Femurkopfnekrose (steigt mit Patientenalter und Dislokation)
- Pseudarthrose (15 %)
- Posttraumatische Arthrose
- Sekundäre Frakturdislokation
- Implantatversagen/-lockerung
Prävention
- Tinetti-Test: Beurteilung des Sturzrisikos (Gleichgewicht + Gang)
- Timed Up and Go-Test: Zeit für Aufstehen, 3 m gehen, umdrehen, zurück
- Sturztraining, Anpassung des häuslichen Umfelds
- Osteoporosebehandlung (Bisphosphonate, Calcium, Vitamin D)
Klinische Perlen
1. Gehfähigkeit schließt Fraktur nicht aus! Eingestauchte Abduktionsfrakturen (Garden I) können bei vollem Bewusstsein schmerzhaft, aber gehfähig sein.
2. Femurkopfnekrose ist das gefürchtete Langzeitproblem bei Garden III/IV — Dislokation unterbricht Gefäßversorgung. Je früher operiert, desto besser die Durchblutungsprognose.
3. Letalität 20 % im 1. Jahr — nicht durch die Fraktur selbst, sondern durch Komplikationen (Pneumonie, TVT/LE, Infektion) bei multimorbiden alten Patienten.
Prüfungstipps
- Garden-Klassifikation: I+II = Osteosynthese, III+IV = Prothese (je nach Alter)
- Pauwels III = > 50° = schlechte Heilungstendenz wegen Scherkräften
- DHS = Schenkelhalsfraktur + pertrochantär | Gammanagel = pertrochantär + lateral
- Binnen 24 h operieren — Verzögerung erhöht Nekroserisiko und Mortalität
- Tinetti-Test für Sturzrisikoabschätzung — Prüfungsklassiker
Schlüsselbegriffe
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Garden-Klassifikation | Einteilung der Schenkelhalsfraktur nach Perfusionsrisiko (I–IV) |
| Pauwels-Klassifikation | Einteilung nach Frakturwinkel — Scherkraft bestimmt Heilungstendenz |
| DHS | Dynamische Hüftschraube — extramedulläre Osteosynthese |
| Gammanagel | Intramedulläre Nagelung bei pertrochantären Frakturen |
| Avaskuläre Femurkopfnekrose | Gefäßunterbrechung → Knochentod des Femurkopfes |
| Tinetti-Test | Klinischer Test zur Sturzrisikoeinschätzung |
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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.
Ätiologie 🔗
- Alters- (Osteoporose-) Fraktur: Niederrasanz-Trauma — Stolpersturz aus dem Stand
- Junge Patienten: Hochrasanz-Trauma (z.B. Verkehrsunfall)
- Spontanfrakturen: Insuffizienzfraktur (Osteoporose) oder Ermüdungsfraktur
Risikofaktoren:
- Osteoporose (insbesondere Frauen postmenopausal)
- Gangunsicherheit und Koordinationsstörungen
- Hohes Lebensalter
Symptome & Klinik 🔗
Garden-Klassifikation der Oberschenkelhalsfraktur
Je größer die Dislokation, desto höher das Risiko einer Femurkopfnekrose.
| Typ | Frakturform | Perfusion |
|---|---|---|
| Garden I | Inkomplette Abduktionsfraktur: eingestaucht, Valgusstellung, keine Dislokation | Intakt |
| Garden II | Vollständige Fraktur ohne Dislokation | Intakt |
| Garden III | Vollständige Fraktur mit teilweiser Dislokation: Varusstellung | Gestört |
| Garden IV | Vollständige Fraktur mit kompletter Dislokation: kein Kontakt | Ungünstig |
Garden I+II: hüftkopferhaltende Osteosynthese möglich | Garden III+IV: Gelenkersatz bevorzugt
Pauwels-Klassifikation (medialer Schenkelhals)
| Typ | Winkel | Heilungstendenz |
|---|---|---|
| Pauwels I | < 30° | Günstig |
| Pauwels II | 30–50° | Abnehmend |
| Pauwels III | > 50° | Schlecht — hohe Scherkraft |
Oberschenkelhalsfraktur / Pertrochantäre Fraktur
| Symptom | Adduktionsfraktur | Abduktionsfraktur |
|---|---|---|
| Fehlstellung | Außenrotation + Beinverkürzung | Kaum Fehlstellung (eingestaucht) |
| Schmerz | Druck-/Klopfschmerz Trochanter, Leiste | Ruheschmerz |
Subtrochantäre Fraktur
- Adduzierter Femurschaft + abduziertes, außenrotiertes proximales Fragment
- Schmerzen am proximalen Oberschenkel
Wichtig: Manche Patienten mit nicht-dislozierter proximaler Femurfraktur sind noch gehfähig! Gehfähigkeit schließt eine Fraktur nicht aus!
Diagnostik 🔗
Klinische Untersuchung
- Inspektion: Sichtbare Fehlstellung, Beinlängendifferenz
- Palpation: pDMS! Druckschmerz über Trochanter major, Leiste
- Funktionsprüfung: Rotationsschmerz, kein aktives Heben des Beines möglich
Bildgebung
| Methode | Indikation |
|---|---|
| Nativ-Röntgen | Beckenübersicht + Lauenstein-Aufnahme (45° Flexion + 45° Abduktion) |
| CT | Pathologische oder unklare Frakturen, nach Hüftgelenksluxation |
Therapie 🔗
Konservative Therapie (Ausnahme!)
- Indikation: Multimorbide, inoperable Patienten; Pipkin I- und II-Femurkopffraktur
- Mobilisation nach Frakturform + Thrombose-/Dekubitusprophylaxe
Operative Therapie (Methode der Wahl!)
Operationszeitpunkt: Dringlich innerhalb von 24 Stunden
Hüftkopferhaltende Osteosynthese
| Verfahren | Indikation |
|---|---|
| DHS (Dynamische Hüftschraube) | Schenkelhalsfraktur, pertrochantäre Fraktur |
| Gammanagel / PFN (Proximaler Femurmarknagel) | Pertrochantäre Fraktur, laterale Schenkelhalsfraktur |
| Schraubenosteosynthese | Schenkelhalsfraktur, subtrochantäre Fraktur |
| DCS (Dynamische Kondylenschraube) | Subtrochantäre Frakturen |
Indikation hüftkopferhaltend: Junges biologisches Alter, eingestauchte/nicht-dislozierte Fraktur
Gelenkersatz
| Verfahren | Indikation |
|---|---|
| Duokopfprothese (Hemiprothese) | Lebenserwartung < 5 Jahre, geringer Anspruch |
| Totalendoprothese zementiert/zementfrei | Lebenserwartung > 5 Jahre, Koxarthrose |
Indikation Gelenkersatz: Hohes biologisches Alter, grobe Dislokation (Garden III/IV), Trümmerfraktur
Komplikationen 🔗
Akut
- Tiefe Beinvenenthrombose
- Pneumonie
Langzeit
- Avaskuläre Femurkopfnekrose (steigt mit Patientenalter und Dislokation)
- Pseudarthrose (15 %)
- Posttraumatische Arthrose
- Sekundäre Frakturdislokation
- Implantatversagen/-lockerung
Prävention 🔗
- Tinetti-Test: Beurteilung des Sturzrisikos (Gleichgewicht + Gang)
- Timed Up and Go-Test: Zeit für Aufstehen, 3 m gehen, umdrehen, zurück
- Sturztraining, Anpassung des häuslichen Umfelds
- Osteoporosebehandlung (Bisphosphonate, Calcium, Vitamin D)
✨ Clinical Pearls
**1. Gehfähigkeit schließt Fraktur nicht aus!** Eingestauchte Abduktionsfrakturen (Garden I) können bei vollem Bewusstsein schmerzhaft, aber gehfähig sein.
**2. Femurkopfnekrose ist das gefürchtete Langzeitproblem** bei Garden III/IV — Dislokation unterbricht Gefäßversorgung. Je früher operiert, desto besser die Durchblutungsprognose.
**3. Letalität 20 % im 1. Jahr** — nicht durch die Fraktur selbst, sondern durch Komplikationen (Pneumonie, TVT/LE, Infektion) bei multimorbiden alten Patienten.
Prüfungstipps
- - Garden-Klassifikation: I+II = Osteosynthese, III+IV = Prothese (je nach Alter)
- - Pauwels III = > 50° = schlechte Heilungstendenz wegen Scherkräften
- - DHS = Schenkelhalsfraktur + pertrochantär | Gammanagel = pertrochantär + lateral
- - Binnen 24 h operieren — Verzögerung erhöht Nekroserisiko und Mortalität
- - Tinetti-Test für Sturzrisikoabschätzung — Prüfungsklassiker
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