★★ Wichtig Neurologie 25 Min.

Multiple Sklerose (MS)

Lernmodus:

Auf einen Blick

  • 1. MS = chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des ZNS mit Demyelinisierung und axonaler Schädigung
  • 2. Häufigste Form: schubförmig-remittierend (RRMS, ~85%) — Schübe mit vollständiger oder unvollständiger Remission
  • 3. Diagnose nach McDonald-Kriterien: räumliche UND zeitliche Dissemination der Läsionen (MRT + Klinik)
  • 4. Optikusneuritis = häufigste Erstmanifestation: Sehverschlechterung + Augenbewegungsschmerz + RAPD
  • 5. Stufentherapie: Schub → Methylprednisolon 1g i.v. 3–5 Tage | Basis → Interferon-β/Glatirameracetat | Eskalation → Natalizumab/Alemtuzumab

Fallvignette

Eine 28-jährige Lehrerin stellt sich vor mit seit 1 Woche bestehender Sehverschlechterung am rechten Auge, die mit retroorbitalen Schmerzen bei Augenbewegungen verbunden ist.

Vor 8 Monaten hatte sie eine Episode mit Kribbeln und Taubheitsgefühl in beiden Beinen für ca. 6 Wochen, die sich spontan zurückbildete und nicht weiter abgeklärt wurde. Jetzt zeigen sich Visus rechts 0,3 (links 1,0), relatives afferentes Pupillendefizit (RAPD) rechts, Dyschromatopsie. Neurologisch: Babinski-Zeichen links positiv, diskret spastische Paraparese. MRT Schädel/Rückenmark: multiple periventrikuläre und juxtakortikale T2-Hyperintensitäten, eine KM-aufnehmende Läsion fronto-parietal rechts. Liquor: oligoklonale Banden (Typ 2) positiv, IgG-Index erhöht.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Multiple Sklerose (MS)

Auf einen Blick

  1. MS = chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des ZNS mit Demyelinisierung und axonaler Schädigung
  2. Häufigste Form: schubförmig-remittierend (RRMS, ~85%) — Schübe mit vollständiger oder unvollständiger Remission
  3. Diagnose nach McDonald-Kriterien: räumliche UND zeitliche Dissemination der Läsionen (MRT + Klinik)
  4. Optikusneuritis = häufigste Erstmanifestation: Sehverschlechterung + Augenbewegungsschmerz + RAPD
  5. Stufentherapie: Schub → Methylprednisolon 1g i.v. 3–5 Tage | Basis → Interferon-β/Glatirameracetat | Eskalation → Natalizumab/Alemtuzumab

Fallvignette

Eine 28-jährige Lehrerin stellt sich vor mit seit 1 Woche bestehender Sehverschlechterung am rechten Auge, die mit retroorbitalen Schmerzen bei Augenbewegungen verbunden ist.

Vor 8 Monaten hatte sie eine Episode mit Kribbeln und Taubheitsgefühl in beiden Beinen für ca. 6 Wochen, die sich spontan zurückbildete und nicht weiter abgeklärt wurde. Jetzt zeigen sich Visus rechts 0,3 (links 1,0), relatives afferentes Pupillendefizit (RAPD) rechts, Dyschromatopsie. Neurologisch: Babinski-Zeichen links positiv, diskret spastische Paraparese. MRT Schädel/Rückenmark: multiple periventrikuläre und juxtakortikale T2-Hyperintensitäten, eine KM-aufnehmende Läsion fronto-parietal rechts. Liquor: oligoklonale Banden (Typ 2) positiv, IgG-Index erhöht.

Welche Diagnose vermuten Sie? Welche Diagnostik leiten Sie ein?


Definition

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, demyelinisierende Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), die zu räumlich und zeitlich disseminierten Läsionen führt.

Charakteristisch sind:

  • Plaques: Herde mit Demyelinisierung, entzündlichem Infiltrat (T-Zellen, Makrophagen) und axonaler Schädigung
  • Remyelinisierung möglich → Shadowing plaques (schattige Remyelinisierungsplaques)
  • Progrediente axonale Degeneration → irreversible Behinderung im Verlauf

MS ist die häufigste entzündliche ZNS-Erkrankung junger Erwachsener und die häufigste nichttraumatische Ursache dauerhafter Behinderung im jungen Erwachsenenalter.


Ätiologie & Risikofaktoren

Epidemiologie

  • Prävalenz: ~200/100.000 in Deutschland (~200.000 Erkrankte)
  • Erkrankungsalter: 20–40 Jahre (Gipfel um 30 Jahre)
  • Frauen : Männer = 3 : 1
  • Häufiger in nördlichen Breiten (nord-süd-Gradient)

Risikofaktoren

Faktor Einfluss
HLA-DRB1*15:01 Stärkster genetischer Risikofaktor
Epstein-Barr-Virus Starke epidemiologische Assoziation (EBV-Infektion = notwendige Voraussetzung?)
Vitamin-D-Mangel Erhöhtes Risiko bei niedrigen 25-OH-Vitamin-D-Spiegeln
Rauchen Erhöhtes Risiko, beschleunigt Progression
Adipositas im Kindesalter Erhöhtes Risiko, besonders bei Mädchen
Geografische Lage Weiter von Äquator = höheres Risiko (Sonnenlicht/Vitamin D)
Genetik Konkordanzrate eineiige Zwillinge ~25% (nicht rein genetisch)

Pathophysiologie

Immunpathogenese

  1. Periphere Sensibilisierung: Autoreaktive T-Zellen (v.a. CD4+ Th1 und Th17) gegen Myelinantigene (MBP, MOG, PLP)
  2. Diapedese: Überwindung der Blut-Hirn-Schranke über VLA-4/α4-Integrin (Ansatzpunkt: Natalizumab)
  3. Entzündliche Plaque: Makrophagen, T-Zellen, B-Zellen → Myelinscheidenzerstörung → Demyelinisierung
  4. Leitungsstörung: Demyelinisierte Axone leiten langsamer oder gar nicht → neurologische Symptome
  5. Remyelinisierung: Oligodendrozyten-Vorläuferzellen → unvollständige Remyelinisierung → „shadow plaques“
  6. Axonale Schädigung: Irreversibel, kumulativ → sekundäre Progression

Uthoff-Phänomen

Verschlechterung der Symptome bei Erwärmung (Fieber, heißes Bad, Sport) → verminderte Nervenleitgeschwindigkeit demyelinisierter Fasern bei Hitze → Beweise für MS-Verdacht


Symptome & Klinik

Verlaufsformen

Verlaufsform Häufigkeit Charakteristika
RRMS (schubförmig-remittierend) ~85% Schübe + vollständige/unvollständige Remissionen
SPMS (sekundär-progredient) ~50% nach 10–15 J. Aus RRMS entstehend, fortschreitende Behinderung mit/ohne Schübe
PPMS (primär-progredient) ~10–15% Von Beginn an progredient, keine Schübe; häufiger Männer, Ältere
PRMS Selten Progredient mit aufgesetzten Schüben

Definition Schub: Neue oder Verschlechterung bestehender neurologischer Symptome, die >24h anhalten, bei Körpertemperatur >37,5°C (kein Uthoff) und nicht durch andere Erkrankung erklärbar

Häufige Erstsymptome und Manifestationen

Optikusneuritis (häufigste Erstmanifestation, ~25%)

  • Einseitige Sehverschlechterung (Visusminderung), oft innerhalb von Stunden bis Tagen
  • Augenbewegungsschmerz (retrobulbär)
  • Zentrales Skotom, Farbentsättigung (besonders Rot-Grün-Störung)
  • RAPD (relativer afferenter Pupillendefekt): Swinging-Flashlight-Test positiv
  • Fundusbefund: Normal (bei retrobulbärer Neuritis) oder Papillenschwellung
  • Verlauf: Meist spontane Besserung innerhalb von 4–12 Wochen
  • 50% Risiko für MS-Entwicklung in 15 Jahren

Motorische Symptome

  • Spastische Paraparese (häufig bei Myelitis)
  • Monoparese, Hemiparese
  • Pyramidale Zeichen: Babinski, gesteigerte Reflexe, Klonus
  • Lhermitte-Zeichen: Stromschlaggefühl bei Beugung des Halses → charakteristisch (HWS-Myelitis)

Sensible Symptome

  • Parästhesien, Taubheitsgefühl (häufig als Erstmanifestation)
  • Dysästhesien, neuropathischer Schmerz
  • Tiefensensibilitätsstörungen → Ataxie, Gangunsicherheit

Zerebelläre Symptome (Charcot-Trias: klassisch, selten komplett)

  • Intentionstremor, Nystagmus, skandierende Sprache
  • Gang- und Standataxie

Hirnstammmanifestationen

  • Internukleäre Ophthalmoplegie (INO): Adduktionsdefizit + kontralateraler Nystagmus bei Blick zur Gegenseite → pathognomonisch für MS bei jungen Patienten!
  • Schwindel, Doppelbilder (Augenmuskelparesen)
  • Trigeminusneuralgie (bilateral!)
  • Fazialisparese

Blasen-/Darmfunktionsstörungen

  • Drangharninkontinenz (häufig), Pollakisurie
  • Harnaverhalten, Obstipation
  • Sexualdysfunktion

Kognitive/Psychiatrische Symptome

  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen (häufig unterschätzt)
  • Fatigue: erschöpfende Müdigkeit, nicht durch Schlaf beeinflussbar → häufigste Einschränkung im Alltag!
  • Depression (~50% im Verlauf)
  • Euphorie (selten, bei schwerem Befall)

Diagnostik

McDonald-Kriterien 2017 — Kernprinzip

Räumliche Dissemination (DIS) + Zeitliche Dissemination (DIT) mit oder ohne Klinische Manifestationen

Räumliche Dissemination (DIS)

Mindestens 2 der 4 typischen MS-Regionen betroffen:

  • Periventrikulär (≥3 Läsionen)
  • Juxtakortikal/kortikal
  • Infratentoriell (Kleinhirn, Hirnstamm)
  • Spinal (≥2 Läsionen)

Zeitliche Dissemination (DIT)

  • Gadolinium-aufnehmende UND nicht-aufnehmende Läsionen im selben MRT (unterschiedliches Alter)
  • Neue T2-Läsionen in Verlaufs-MRT
  • Klinisch: 2 Schübe zu verschiedenen Zeitpunkten

MRT — Charakteristische Befunde

Sequenz Befund
T2/FLAIR Hyperintense Plaques, periventrikulär („Dawson-Finger“: senkrecht zur Kammerachse), juxtakortikal, infratentoriell
T1 + Gadolinium Kontrastmittelaufnehmende Läsionen = aktive Entzündung (Schrankenstörung)
T1 „Black holes“ Hypointense Areale = irreversible axonale Schädigung
Diffusion Akute Demyelinisierung

Liquordiagnostik

  • Oligoklonale Banden (OKB) im Liquor (nicht im Serum): In >95% der MS-Patienten positiv → wichtiger Hinweis, aber nicht spezifisch
  • IgG-Index erhöht (intrathekale IgG-Synthese)
  • Leichte lymphozytäre Pleozytose (<50 Zellen/µl) möglich
  • Laktat und Glucose normal (DD bakterielle Meningitis)

Evozierte Potenziale

  • VEP (visuell evozierte Potenziale): Verlängerte P100-Latenz → Nachweis subklinischer Optikusneuritis
  • MEP, SEP, AEP: Nachweis von Demyelinisierung in anderen Bahnen

Expanded Disability Status Scale (EDSS)

  • Behinderungsskala 0–10 (0 = normal, 10 = Tod durch MS)
  • EDSS 6.0 = einseitige Gehhilfe nötig; EDSS 7.0 = Rollstuhl
  • Wichtig für Therapieentscheidungen und Verlaufsbeurteilung

Differentialdiagnosen

Erkrankung Abgrenzungsmerkmale
Neuromyelitis optica (NMOSD) AQP4-AK oder MOG-AK positiv; schwerere Schübe, bilaterale Optikusneuritis, lange Rückenmarksherde (≥3 Segmente)
MOG-AK-Erkrankung MOG-IgG positiv; oft bilaterale Optikusneuritis, Kortikosteroide wirksam
Vaskulitis/CADASIL Klinisch und MRT-morphologisch ähnlich; spezifische serologische Befunde, NOTCH3-Mutation
Neurosarkoidose ACE erhöht, Lunge, granulomatöse Lymphadenopathie
SLE mit ZNS-Beteiligung ANA, Anti-dsDNA, systemische Manifestationen
Lyme-Neuroborreliose Borrelien-AK, Borrelien-PCR im Liquor, Erythema migrans in Anamnese
Vitamin B12-Mangel Funikuläre Myelose: Hinterstrang, Pyramidenbahn; B12↓, Homocystein↑
Neoplasien (ZNS-Lymphom) Keine typische MS-Klinik, Biopsie nötig

Therapie

Schubtherapie

Methylprednisolon 1000 mg i.v. täglich über 3–5 Tage (ggf. oral 1250 mg gleichwertig)

  • Beschleunigt Schubremission, verbessert aber nicht die Langzeitprognose
  • Cave: Hyperglykämie, Osteoporose, psychiatrische NW, Magenulzera (PPI-Schutz!)
  • Bei schwerem Schub mit drohender Behinderung: Plasmapherese

Basistherapie (milde bis moderate Aktivität)

Medikament Wirkungsmechanismus NW
Interferon-β 1a/1b Immunmodulation, anti-inflammatorisch Grippeähnliche Symptome (Beginn!), Leberwerterhöhung, Depression
Glatirameracetat MBP-Analogon → Immuntoleranz Injektionsstellen, transientes Flush-Syndrom
Dimethylfumarat Nrf2-Aktivierung, anti-inflammatorisch Flush, Magen-Darm, Lymphopenie
Teriflunomid DHODH-Inhibitor, antiproliferativ Haarausfall, hepatotoxisch, teratogen!

Eskalationstherapie (hohe Aktivität / Versagen der Basistherapie)

Medikament Wirkmechanismus Besonderheiten
Natalizumab Anti-VLA-4 (α4-Integrin) → verhindert Lymphozyten-Diapedese Risiko: PML (Progressive multifokale Leukoenzephalopathie) bei JC-Virus-positiven Patienten (Anti-JCV-AK-Titer!)
Alemtuzumab Anti-CD52 → B- und T-Zell-Depletion Autoimmunerkrankungen als NW (Schilddrüse!, ITP, Nephropathie), jährliche Überwachung
Ocrelizumab Anti-CD20 → B-Zell-Depletion Auch für PPMS zugelassen (einzige DMT!), i.v.-Infusion alle 6 Monate
Cladribin Purinanalogon → T- und B-Zell-Depletion Kurze Einnahmedauer, langanhaltende Wirkung, Lymphopenie
Siponimod/Ozanimod S1P-Rezeptor-Modulator Für SPMS, Herzrhythmus-Kontrolle vor Beginn

Symptomatische Therapie

Symptom Behandlung
Spastik Baclofen, Tizanidin, Cannabinoide (Nabiximols)
Fatigue Amantadin, Modafinil, nicht-medikamentös (Sport, Schlafhygiene)
Neuropathischer Schmerz Gabapentin, Pregabalin, Amitriptylin
Blasendysfunktion Anticholinergika (Drangharninkontinenz), Intermittierender Katheterismus
Tremor Clonazepam, Propranolol, Hilfsmittel
Depression SSRI (Sertralin, Citalopram)

Physiotherapie und Rehabilitation

  • Physiotherapie: Krafttraining, Gleichgewichtstraining, Gangschulung
  • Ergotherapie: Alltagsaktivitäten, Hilfsmittel
  • Logopädie: Dysarthrie, Dysphonie
  • Neuropsychologische Therapie: Kognitive Defizite

Komplikationen

  • Pneumonie (häufigste Todesursache bei MS): Immobilität, Dysphagie, Schluckstörungen
  • Harnwegsinfektionen: Blasendysfunktion → häufige Exazerbationen
  • Dekubitus bei immobilen Patienten
  • Stürze und Frakturen durch Ataxie, Spastik
  • PML unter Natalizumab bei JC-Virus-positiven Patienten
  • Sekundäre Autoimmunerkrankungen unter Alemtuzumab
  • Psychosoziale Folgen: Isolation, Arbeitsunfähigkeit

Prognose

  • Variable Prognose: ~20% mildes Verlauf, ~20% schwere Behinderung nach 15 Jahren
  • Günstige Prognosezeichen: Wenige Schübe, weibliches Geschlecht, sensorische Erstsymptome, gute Remission
  • Ungünstige Prognosezeichen: Männliches Geschlecht, Cerebelläre/motorische Erstsymptome, hohe MRT-Aktivität, unvollständige Remissionen, PPMS
  • Lebenserwartung nur leicht reduziert (5–10 Jahre)
  • Wichtig: Frühe Diagnose und Therapie verbessern langfristigen Verlauf erheblich

Prävention

  • Keine gesicherte Primärprävention
  • Vitamin-D-Supplementierung bei niedrigen Spiegeln (kein definitiver Beweis, aber Konsens)
  • Raucherentwöhnung
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen zur frühen Erkennung von Schubaktivität
  • Impfungen: Inaktivierte Impfstoffe möglich; Lebendimpfstoffe unter Immuntherapie kontraindiziert

Klinische Perlen

  1. Internukleäre Ophthalmoplegie (INO) bei jungen Patienten = MS bis zum Beweis des Gegenteils — Adduktionsdefizit ipsilateral + dissoziierter Nystagmus kontralateral, Ursache: MLF-Läsion
  2. Lhermitte-Zeichen (Stromschlag bei Halsbeugung) = HWS-Plaques, typisch für MS aber nicht pathognomonisch
  3. PML-Risiko unter Natalizumab: Anti-JCV-AK-Titer >0,9 + >2 Jahre Therapie + Vorimmuntherapie = Risiko ~1:100 → Therapieumstellung erwägen!
  4. Uthoff-Phänomen: Verschlechterung bei Hitze (Fieber, Sauna, Sport) → kein Schub, nur passagere Symptomverstärkung durch temperaturabhängige Leitungsstörung demyelinisierter Fasern

Prüfungstipps

  • McDonald-Kriterien auswendig: 2 typische MS-Regionen (DIS) + neue T2-Läsion oder Gd+ Läsion (DIT) — ohne MRT-Kenntnisse keine Diagnose möglich
  • Optikusneuritis + RAPD = klassische Prüfungsfrage. Swinging-Flashlight-Test zeigt fehlende direkte, erhaltene konsensuelle Reaktion am betroffenen Auge
  • Therapiepfad: Basistherapie (Interferon/Glatirameracetat/Dimethylfumarat) → Eskalation (Natalizumab/Ocrelizumab/Alemtuzumab) → NW kennen!
  • Oligoklonale Banden im Liquor (nicht im Serum) = wichtiger MS-Hinweis, >95% Sensitivität
  • Schubtherapie = Methylprednisolon 1g/d i.v. 3–5 Tage — beschleunigt Remission, verbessert nicht die Langzeitprognose

Schlüsselbegriffe

Begriff Bedeutung
RRMS Schubförmig-remittierende MS (~85%, häufigste Form)
PPMS Primär progrediente MS — von Beginn an progredient, kein Schub
DIS/DIT Räumliche/zeitliche Dissemination — Grundlage McDonald-Kriterien
Optikusneuritis Häufige Erstmanifestation: Sehverlust + Augenbewegungsschmerz + RAPD
INO Internukleäre Ophthalmoplegie — MLF-Läsion, Adduktionsdefizit
OKB Oligoklonale Banden im Liquor — intrathekale IgG-Synthese
Uthoff-Phänomen Symptomverschlechterung bei Erwärmung — kein Schub!
PML Progressive multifokale Leukoenzephalopathie — Komplikation unter Natalizumab
Fatigue MS-typische Erschöpfung — häufigste Alltagseinschränkung
EDSS Expanded Disability Status Scale (0–10) — Behinderungsgrad

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Medizinischer Hinweis: Dieser Inhalt dient ausschließlich Bildungszwecken für angehende und internationale Ärzte (FSP- und KP-Vorbereitung). Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei konkreten Beschwerden konsultieren Sie bitte einen zugelassenen Arzt.

Definition 🔗

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, demyelinisierende Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), die zu räumlich und zeitlich disseminierten Läsionen führt.

Charakteristisch sind:

  • Plaques: Herde mit Demyelinisierung, entzündlichem Infiltrat (T-Zellen, Makrophagen) und axonaler Schädigung
  • Remyelinisierung möglich → Shadowing plaques (schattige Remyelinisierungsplaques)
  • Progrediente axonale Degeneration → irreversible Behinderung im Verlauf

MS ist die häufigste entzündliche ZNS-Erkrankung junger Erwachsener und die häufigste nichttraumatische Ursache dauerhafter Behinderung im jungen Erwachsenenalter.


Ätiologie 🔗

Epidemiologie

  • Prävalenz: ~200/100.000 in Deutschland (~200.000 Erkrankte)
  • Erkrankungsalter: 20–40 Jahre (Gipfel um 30 Jahre)
  • Frauen : Männer = 3 : 1
  • Häufiger in nördlichen Breiten (nord-süd-Gradient)

Risikofaktoren

Faktor Einfluss
HLA-DRB1*15:01 Stärkster genetischer Risikofaktor
Epstein-Barr-Virus Starke epidemiologische Assoziation (EBV-Infektion = notwendige Voraussetzung?)
Vitamin-D-Mangel Erhöhtes Risiko bei niedrigen 25-OH-Vitamin-D-Spiegeln
Rauchen Erhöhtes Risiko, beschleunigt Progression
Adipositas im Kindesalter Erhöhtes Risiko, besonders bei Mädchen
Geografische Lage Weiter von Äquator = höheres Risiko (Sonnenlicht/Vitamin D)
Genetik Konkordanzrate eineiige Zwillinge ~25% (nicht rein genetisch)

Pathophysiologie 🔗

Immunpathogenese

  1. Periphere Sensibilisierung: Autoreaktive T-Zellen (v.a. CD4+ Th1 und Th17) gegen Myelinantigene (MBP, MOG, PLP)
  2. Diapedese: Überwindung der Blut-Hirn-Schranke über VLA-4/α4-Integrin (Ansatzpunkt: Natalizumab)
  3. Entzündliche Plaque: Makrophagen, T-Zellen, B-Zellen → Myelinscheidenzerstörung → Demyelinisierung
  4. Leitungsstörung: Demyelinisierte Axone leiten langsamer oder gar nicht → neurologische Symptome
  5. Remyelinisierung: Oligodendrozyten-Vorläuferzellen → unvollständige Remyelinisierung → "shadow plaques"
  6. Axonale Schädigung: Irreversibel, kumulativ → sekundäre Progression

Uthoff-Phänomen

Verschlechterung der Symptome bei Erwärmung (Fieber, heißes Bad, Sport) → verminderte Nervenleitgeschwindigkeit demyelinisierter Fasern bei Hitze → Beweise für MS-Verdacht


Symptome & Klinik 🔗

Verlaufsformen

Verlaufsform Häufigkeit Charakteristika
RRMS (schubförmig-remittierend) ~85% Schübe + vollständige/unvollständige Remissionen
SPMS (sekundär-progredient) ~50% nach 10–15 J. Aus RRMS entstehend, fortschreitende Behinderung mit/ohne Schübe
PPMS (primär-progredient) ~10–15% Von Beginn an progredient, keine Schübe; häufiger Männer, Ältere
PRMS Selten Progredient mit aufgesetzten Schüben

Definition Schub: Neue oder Verschlechterung bestehender neurologischer Symptome, die >24h anhalten, bei Körpertemperatur >37,5°C (kein Uthoff) und nicht durch andere Erkrankung erklärbar

Häufige Erstsymptome und Manifestationen

Optikusneuritis (häufigste Erstmanifestation, ~25%)

  • Einseitige Sehverschlechterung (Visusminderung), oft innerhalb von Stunden bis Tagen
  • Augenbewegungsschmerz (retrobulbär)
  • Zentrales Skotom, Farbentsättigung (besonders Rot-Grün-Störung)
  • RAPD (relativer afferenter Pupillendefekt): Swinging-Flashlight-Test positiv
  • Fundusbefund: Normal (bei retrobulbärer Neuritis) oder Papillenschwellung
  • Verlauf: Meist spontane Besserung innerhalb von 4–12 Wochen
  • 50% Risiko für MS-Entwicklung in 15 Jahren

Motorische Symptome

  • Spastische Paraparese (häufig bei Myelitis)
  • Monoparese, Hemiparese
  • Pyramidale Zeichen: Babinski, gesteigerte Reflexe, Klonus
  • Lhermitte-Zeichen: Stromschlaggefühl bei Beugung des Halses → charakteristisch (HWS-Myelitis)

Sensible Symptome

  • Parästhesien, Taubheitsgefühl (häufig als Erstmanifestation)
  • Dysästhesien, neuropathischer Schmerz
  • Tiefensensibilitätsstörungen → Ataxie, Gangunsicherheit

Zerebelläre Symptome (Charcot-Trias: klassisch, selten komplett)

  • Intentionstremor, Nystagmus, skandierende Sprache
  • Gang- und Standataxie

Hirnstammmanifestationen

  • Internukleäre Ophthalmoplegie (INO): Adduktionsdefizit + kontralateraler Nystagmus bei Blick zur Gegenseite → pathognomonisch für MS bei jungen Patienten!
  • Schwindel, Doppelbilder (Augenmuskelparesen)
  • Trigeminusneuralgie (bilateral!)
  • Fazialisparese

Blasen-/Darmfunktionsstörungen

  • Drangharninkontinenz (häufig), Pollakisurie
  • Harnaverhalten, Obstipation
  • Sexualdysfunktion

Kognitive/Psychiatrische Symptome

  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen (häufig unterschätzt)
  • Fatigue: erschöpfende Müdigkeit, nicht durch Schlaf beeinflussbar → häufigste Einschränkung im Alltag!
  • Depression (~50% im Verlauf)
  • Euphorie (selten, bei schwerem Befall)

Diagnostik 🔗

McDonald-Kriterien 2017 — Kernprinzip

Räumliche Dissemination (DIS) + Zeitliche Dissemination (DIT) mit oder ohne Klinische Manifestationen

Räumliche Dissemination (DIS)

Mindestens 2 der 4 typischen MS-Regionen betroffen:

  • Periventrikulär (≥3 Läsionen)
  • Juxtakortikal/kortikal
  • Infratentoriell (Kleinhirn, Hirnstamm)
  • Spinal (≥2 Läsionen)

Zeitliche Dissemination (DIT)

  • Gadolinium-aufnehmende UND nicht-aufnehmende Läsionen im selben MRT (unterschiedliches Alter)
  • Neue T2-Läsionen in Verlaufs-MRT
  • Klinisch: 2 Schübe zu verschiedenen Zeitpunkten

MRT — Charakteristische Befunde

Sequenz Befund
T2/FLAIR Hyperintense Plaques, periventrikulär ("Dawson-Finger": senkrecht zur Kammerachse), juxtakortikal, infratentoriell
T1 + Gadolinium Kontrastmittelaufnehmende Läsionen = aktive Entzündung (Schrankenstörung)
T1 "Black holes" Hypointense Areale = irreversible axonale Schädigung
Diffusion Akute Demyelinisierung

Liquordiagnostik

  • Oligoklonale Banden (OKB) im Liquor (nicht im Serum): In >95% der MS-Patienten positiv → wichtiger Hinweis, aber nicht spezifisch
  • IgG-Index erhöht (intrathekale IgG-Synthese)
  • Leichte lymphozytäre Pleozytose (<50 Zellen/µl) möglich
  • Laktat und Glucose normal (DD bakterielle Meningitis)

Evozierte Potenziale

  • VEP (visuell evozierte Potenziale): Verlängerte P100-Latenz → Nachweis subklinischer Optikusneuritis
  • MEP, SEP, AEP: Nachweis von Demyelinisierung in anderen Bahnen

Expanded Disability Status Scale (EDSS)

  • Behinderungsskala 0–10 (0 = normal, 10 = Tod durch MS)
  • EDSS 6.0 = einseitige Gehhilfe nötig; EDSS 7.0 = Rollstuhl
  • Wichtig für Therapieentscheidungen und Verlaufsbeurteilung

Differentialdiagnosen 🔗

Erkrankung Abgrenzungsmerkmale
Neuromyelitis optica (NMOSD) AQP4-AK oder MOG-AK positiv; schwerere Schübe, bilaterale Optikusneuritis, lange Rückenmarksherde (≥3 Segmente)
MOG-AK-Erkrankung MOG-IgG positiv; oft bilaterale Optikusneuritis, Kortikosteroide wirksam
Vaskulitis/CADASIL Klinisch und MRT-morphologisch ähnlich; spezifische serologische Befunde, NOTCH3-Mutation
Neurosarkoidose ACE erhöht, Lunge, granulomatöse Lymphadenopathie
SLE mit ZNS-Beteiligung ANA, Anti-dsDNA, systemische Manifestationen
Lyme-Neuroborreliose Borrelien-AK, Borrelien-PCR im Liquor, Erythema migrans in Anamnese
Vitamin B12-Mangel Funikuläre Myelose: Hinterstrang, Pyramidenbahn; B12↓, Homocystein↑
Neoplasien (ZNS-Lymphom) Keine typische MS-Klinik, Biopsie nötig

Therapie 🔗

Schubtherapie

Methylprednisolon 1000 mg i.v. täglich über 3–5 Tage (ggf. oral 1250 mg gleichwertig)

  • Beschleunigt Schubremission, verbessert aber nicht die Langzeitprognose
  • Cave: Hyperglykämie, Osteoporose, psychiatrische NW, Magenulzera (PPI-Schutz!)
  • Bei schwerem Schub mit drohender Behinderung: Plasmapherese

Basistherapie (milde bis moderate Aktivität)

Medikament Wirkungsmechanismus NW
Interferon-β 1a/1b Immunmodulation, anti-inflammatorisch Grippeähnliche Symptome (Beginn!), Leberwerterhöhung, Depression
Glatirameracetat MBP-Analogon → Immuntoleranz Injektionsstellen, transientes Flush-Syndrom
Dimethylfumarat Nrf2-Aktivierung, anti-inflammatorisch Flush, Magen-Darm, Lymphopenie
Teriflunomid DHODH-Inhibitor, antiproliferativ Haarausfall, hepatotoxisch, teratogen!

Eskalationstherapie (hohe Aktivität / Versagen der Basistherapie)

Medikament Wirkmechanismus Besonderheiten
Natalizumab Anti-VLA-4 (α4-Integrin) → verhindert Lymphozyten-Diapedese Risiko: PML (Progressive multifokale Leukoenzephalopathie) bei JC-Virus-positiven Patienten (Anti-JCV-AK-Titer!)
Alemtuzumab Anti-CD52 → B- und T-Zell-Depletion Autoimmunerkrankungen als NW (Schilddrüse!, ITP, Nephropathie), jährliche Überwachung
Ocrelizumab Anti-CD20 → B-Zell-Depletion Auch für PPMS zugelassen (einzige DMT!), i.v.-Infusion alle 6 Monate
Cladribin Purinanalogon → T- und B-Zell-Depletion Kurze Einnahmedauer, langanhaltende Wirkung, Lymphopenie
Siponimod/Ozanimod S1P-Rezeptor-Modulator Für SPMS, Herzrhythmus-Kontrolle vor Beginn

Symptomatische Therapie

Symptom Behandlung
Spastik Baclofen, Tizanidin, Cannabinoide (Nabiximols)
Fatigue Amantadin, Modafinil, nicht-medikamentös (Sport, Schlafhygiene)
Neuropathischer Schmerz Gabapentin, Pregabalin, Amitriptylin
Blasendysfunktion Anticholinergika (Drangharninkontinenz), Intermittierender Katheterismus
Tremor Clonazepam, Propranolol, Hilfsmittel
Depression SSRI (Sertralin, Citalopram)

Physiotherapie und Rehabilitation

  • Physiotherapie: Krafttraining, Gleichgewichtstraining, Gangschulung
  • Ergotherapie: Alltagsaktivitäten, Hilfsmittel
  • Logopädie: Dysarthrie, Dysphonie
  • Neuropsychologische Therapie: Kognitive Defizite

Komplikationen 🔗

  • Pneumonie (häufigste Todesursache bei MS): Immobilität, Dysphagie, Schluckstörungen
  • Harnwegsinfektionen: Blasendysfunktion → häufige Exazerbationen
  • Dekubitus bei immobilen Patienten
  • Stürze und Frakturen durch Ataxie, Spastik
  • PML unter Natalizumab bei JC-Virus-positiven Patienten
  • Sekundäre Autoimmunerkrankungen unter Alemtuzumab
  • Psychosoziale Folgen: Isolation, Arbeitsunfähigkeit

Prognose 🔗

  • Variable Prognose: ~20% mildes Verlauf, ~20% schwere Behinderung nach 15 Jahren
  • Günstige Prognosezeichen: Wenige Schübe, weibliches Geschlecht, sensorische Erstsymptome, gute Remission
  • Ungünstige Prognosezeichen: Männliches Geschlecht, Cerebelläre/motorische Erstsymptome, hohe MRT-Aktivität, unvollständige Remissionen, PPMS
  • Lebenserwartung nur leicht reduziert (5–10 Jahre)
  • Wichtig: Frühe Diagnose und Therapie verbessern langfristigen Verlauf erheblich

Prävention 🔗

  • Keine gesicherte Primärprävention
  • Vitamin-D-Supplementierung bei niedrigen Spiegeln (kein definitiver Beweis, aber Konsens)
  • Raucherentwöhnung
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen zur frühen Erkennung von Schubaktivität
  • Impfungen: Inaktivierte Impfstoffe möglich; Lebendimpfstoffe unter Immuntherapie kontraindiziert

✨ Clinical Pearls

1. **Internukleäre Ophthalmoplegie (INO) bei jungen Patienten = MS bis zum Beweis des Gegenteils** — Adduktionsdefizit ipsilateral + dissoziierter Nystagmus kontralateral, Ursache: MLF-Läsion

2. **Lhermitte-Zeichen** (Stromschlag bei Halsbeugung) = HWS-Plaques, typisch für MS aber nicht pathognomonisch

3. **PML-Risiko unter Natalizumab**: Anti-JCV-AK-Titer >0,9 + >2 Jahre Therapie + Vorimmuntherapie = Risiko ~1:100 → Therapieumstellung erwägen!

4. **Uthoff-Phänomen**: Verschlechterung bei Hitze (Fieber, Sauna, Sport) → kein Schub, nur passagere Symptomverstärkung durch temperaturabhängige Leitungsstörung demyelinisierter Fasern

Prüfungstipps

  • - McDonald-Kriterien auswendig: 2 typische MS-Regionen (DIS) + neue T2-Läsion oder Gd+ Läsion (DIT) — ohne MRT-Kenntnisse keine Diagnose möglich
  • - Optikusneuritis + RAPD = klassische Prüfungsfrage. Swinging-Flashlight-Test zeigt fehlende direkte, erhaltene konsensuelle Reaktion am betroffenen Auge
  • - Therapiepfad: Basistherapie (Interferon/Glatirameracetat/Dimethylfumarat) → Eskalation (Natalizumab/Ocrelizumab/Alemtuzumab) → NW kennen!
  • - Oligoklonale Banden im Liquor (nicht im Serum) = wichtiger MS-Hinweis, >95% Sensitivität
  • - Schubtherapie = Methylprednisolon 1g/d i.v. 3–5 Tage — beschleunigt Remission, verbessert nicht die Langzeitprognose

Schlüsselbegriffe

BegriffRRMSPPMSDIS/DITOptikusneuritisINOOKBUthoff-PhänomenPMLFatigueEDSS

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